{"id":842,"date":"2019-05-04T18:59:14","date_gmt":"2019-05-04T18:59:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=842"},"modified":"2019-10-21T13:53:58","modified_gmt":"2019-10-21T13:53:58","slug":"joerg-breitschwerdt-theologisch-konservativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=842","title":{"rendered":"J\u00f6rg Breitschwerdt: Theologisch konservativ"},"content":{"rendered":"\n<p>J\u00f6rg Breitschwerdt: <em>Theologisch konservativ. Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland<\/em>, AGP 62, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2018, geb., 723&nbsp;S., \u20ac&nbsp;110,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/27639\/theologisch-konservativ\">978-3-525-57076-0 <\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Eber_Breitschwerdt.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg Breitschwerdt, Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus, hat mit seiner \u00fcberarbeiteten und erweiterten Dissertation eine umfangreiche, quellenges\u00e4ttigte Untersuchung zu den theologischen Hintergr\u00fcnden von Evangelikalen in Deutschland vorgelegt. Das Buch kann wegen seines Umfangs nur in einem stark zusammenfassenden \u00dcberblick besprochen werden. <\/p>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Teil stellt\nBreitschwerdt die Grundlegung und Krise des protestantischen Schriftprinzips\nvor dem 19. Jahrhundert dar (37\u201380). Der zweite Teil widmet sich dann den\nAuseinandersetzungen zwischen konservativer und moderner Theologie im 19.\nJahrhundert (81\u2013353). Diese Darstellungen belegen etwa die H\u00e4lfte des Buches.\nDer dritte Teil ist auf das 20. Jahrhundert fokussiert (355\u2013633). Im vierten\nTeil stellt Breitschwerdt in einer zusammenfassenden Auswertung strukturelle,\ninhaltliche und historiographische Aspekte des Themas zusammen (635\u2013656). <\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung um\ndie Autorit\u00e4t der Heiligen Schrift beginnt schon in der Reformationszeit mit\ndem exemplarischen Streit zwischen Luther und Erasmus (38f). Anhand von Semler\nund Lessing wird die Krise des protestantischen Schriftprinzips in der Neuzeit\ndeutlich (60ff). Die Basler Christentumsgesellschaft wollte vom Ende des 18.\nJahrhunderts an nicht nur christliche Erbauung f\u00f6rdern, sondern auch\ntheologisch gegen die Neologie Stellung nehmen (81ff). Diese urspr\u00fcnglich\ngeplante Aufgabe scheiterte jedoch an fehlenden personellen Ressourcen. <\/p>\n\n\n\n<p>In zunehmender Konzentration\nauf Westfalen und W\u00fcrttemberg schildert Breitschwerdt die Auseinandersetzungen\num das rationalistische Christentum, das im Lauf des 19. Jahrhunderts immer\nmehr die evangelischen theologischen Fakult\u00e4ten und die Kirchenleitungen\npr\u00e4gte. Wichtig ist in diesem Zusammenhang f\u00fcr den w\u00fcrttembergischen Pietismus\nder Streit um das \u201eLeben Jesu\u201c von David Friedrich Strau\u00df (116ff, interessant:\nSixt Kapff 118, Wichern 129), gegen Ende des Jahrhunderts der\nApostolikumsstreit (153ff, instruktiv: Vortrag von H. Bezzel gegen A. v.\nHarnack: 165). <\/p>\n\n\n\n<p>Konservative Christen\nbegegneten dem zunehmenden innerkirchlichen Liberalismus mit den gleichen\nMitteln, die Jahrzehnte sp\u00e4ter auch im 20. Jahrhundert diskutiert und angewandt\nwurden: Sie gr\u00fcndeten Vereine und trafen sich in regelm\u00e4\u00dfigen Versammlungen\n(232 Evangelisch-kirchliche Vereinigung, 233 Donnerstagskranz verbunden mit dem\nH\u00e4ringschen Haus in Stuttgart), eine Predigerschule in Basel entstand (239) und\nman versuchte, durch Stiftungsprofessuren Einfluss zu nehmen (239). Der\npreu\u00dfische Kultusminister Robert Bosse berief \u201epositive\u201c Professoren, um auch\nkonservativen Positionen eine Stimme an den Fakult\u00e4ten zu geben (250, abf\u00e4llig\n\u201eStrafprofessuren\u201c genannt, vgl. 342f). In W\u00fcrttemberg wurde eine 6. Professur\nin T\u00fcbingen eingerichtet, auf die Adolf Schlatter, sp\u00e4ter Karl Heim berufen\nwurde (253ff, 269). <\/p>\n\n\n\n<p>Die neu gegr\u00fcndete\nrheinisch-westf\u00e4lische Vereinigung der Freunde des kirchlichen Bekenntnisses\n(290ff) f\u00e4llt durch eine lange Liste bekannter pietistischer Mitglieder auf\n(302f, u.&nbsp;a. Modersohn, T.&nbsp;Haarbeck, Weigle, Michaelis, Schrenk,\nBodelschwingh d.&nbsp;\u00c4., Mohn, Busch), wobei hier besonders Reaktion auf den\nLiberalismus und seine Abwehr im Vordergrund standen (303). Theologische\nFerienkurse wurden eingef\u00fchrt (311f), die Gr\u00fcndung freier Hochschulen \u00fcberlegt\nund die F\u00f6rderung h\u00f6herer theologischer Abschl\u00fcsse wie des Licentiaten\nvorgeschlagen (331f, 336). Bodelschwingh verfolgte trotz mancher Widerst\u00e4nde\nund Bedenken hartn\u00e4ckig seine Idee einer kirchlichen Hochschule (333ff, 347).\nKonservative forderten die fl\u00e4chendeckende Einrichtung von Studienh\u00e4usern f\u00fcr\nTheologiestudenten (337), die in Bonn 1896 (347) und in Greifswald 1897\nrealisiert wurden. Durch den Hype um Karl Barths Wort-Gottes-Theologie trat\nseit den 1920er Jahren die Diskussion \u00fcber die moderne Theologie in den\nHintergrund (353). Sie sollte nach dem 2.&nbsp;Weltkrieg in Bultmanns\nEntmythologisierungsforderung in neuem Gewand fortgesetzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eevangelikale Protest\u201c\nin Westfalen und W\u00fcrttemberg im 20.&nbsp;Jahrhundert bildet den thematischen\nHauptteil des Buches. Bultmann suchte im Gegensatz zur \u00e4lteren liberalen\nTheologie nicht den wahren Kern in der unhistorischen Schale biblischer Botschaften,\nsondern bem\u00fchte sich um die <em>Interpretation\n<\/em>des mythologischen Wortes Gottes (356f). Urspr\u00fcnglich versuchte er damit,\ndem \u201eMenschen von heute\u201c, also dem im Nationalsozialismus lebenden Menschen (!)\nwieder den Weg zur Kirche zu weisen (371). Innerhalb der Bekennenden Kirche war\nmit Bultmanns Alpirsbacher Vortrag von 1941 eine Bruchlinie deutlich geworden\n(375). Der Konflikt um Bultmann und seine Sch\u00fcler f\u00fchrte auch in W\u00fcrttemberg zu\nIrritationen in den Gemeinden und Gemeinschaften. Seit 1965 gab es die Ludwig-Hofacker-Vereinigung\nunter Fritz Gr\u00fcnzweig als Sammelbecken des w\u00fcrttembergischen Pietismus (498ff).\n<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Westfalen wurde der\nBethelkreis wichtig, der kritisch auf die theologische Kurs\u00e4nderung an der\nTheologischen Hochschule reagierte (532, 567). Der Alttestamentler Hellmuth\nFrey wurde dadurch immer mehr zum theologischen Au\u00dfenseiter. Die Gr\u00fcndung der\nAhldener Bruderschaft und der Ravensberger Bruderschaft in den 1950er Jahren\nwar wichtig f\u00fcr konservative Pastoren. Paul Deitenbeck dr\u00fcckte in einem offenen\nBrief zur Bedeutung der Bibel deutlich aus, dass in der modernen Theologie das\nSchriftprinzip durch ein neues Traditionsprinzip ersetzt wird (541f). In einer\nPostwurfsendung an alle Pfarr\u00e4mter der BRD im M\u00e4rz 1961 protestierten\nDeitenbeck und Gerhard Bergmann gegen die liberale Theologie von Heinz Zahrnt\n(543f). Da die Kirchenleitungen auf den konservativen Protest nicht reagierten,\nblieb den bekennenden Christen nur der Weg an den \u00d6ffentlichkeit (567). Die\nweitere Arbeit f\u00fchrte zur Gr\u00fcndung der \u201eBekenntnisbewegung ,Kein anderes\nEvangelium\u2018\u201c (585). Einer Einladung der Bekenntnisbewegung zu einer\nGro\u00dfkundgebung in die Dortmunder Westfalenhalle folgten \u00fcber 20.000 Menschen\n(597ff, Umschlagbild des Buches). Man sah darin eine Parallele zu den\n\u201eGemeindetagen unter dem Wort\u201c im Dritten Reich (612, vgl. 632). Der\nStuttgarter Kirchentag 1969 machte die tiefe Spaltung zwischen bibelgl\u00e4ubiger\nGemeinde und moderner Theologie offenbar (622). <\/p>\n\n\n\n<p>Breitschwerdt fasst im\nletzten Teil seiner Untersuchung den Ertrag seiner Arbeit zusammen. Der bisher\nisolierten Wahrnehmung konservativer Theologen in ihrer jeweiligen Zeit stellt\ner die theologische Verbindung gegen\u00fcber, die \u00fcber einzelne\nkirchengeschichtliche Epochen hinweg reicht (635). Der aus der\nGeschichtswissenschaft entlehnte Terminus des theologisch \u201eKonservativen\u201c ist\nzur Beschreibung gemeinsamer \u00dcberzeugungen theologisch unterschiedlicher\nGruppierungen im Gegen\u00fcber zur \u201emodernen Theologie\u201c besser geeignet als der\nBegriff \u201ePietismus\u201c oder \u201eNeupietismus (645f, 651). Dem Verfasser ist\nzuzustimmen, dass dringend weitere Studien f\u00fcr andere Regionen und die Bez\u00fcge\nzum kirchlichen und theologischen Konservativismus n\u00f6tig sind (654f). Ein\numfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis zeugt von dem enormen Flei\u00df,\nmit dem Breitschwerdt in jahrelanger Arbeit an Briefen, Akten, B\u00fcchern und\nweiteren Aufzeichnungen gearbeitet hat (661\u2013712). <\/p>\n\n\n\n<p>Wer noch im\n20.&nbsp;Jahrhundert \u00e4ltere pietistisch gepr\u00e4gte Pfarrer kennengelernt und sie\nnach pr\u00e4genden Theologen gefragt hat, bekam meistens dieselben Namen zu h\u00f6ren:\nKarl Barth, Adolf Schlatter, Karl Heim. Dennoch w\u00e4re zu fragen, welchen\nEinfluss auch die Lutherrenaissance auf konservativ-pietistische Theologen am\nAnfang des 20.&nbsp;Jahrhunderts hatte. Die Professoren auf den bis zu drei (!)\nStiftungslehrst\u00fchlen Basler Gro\u00dfb\u00fcrger an der evangelischen Fakult\u00e4t ihrer\nHeimatuniversit\u00e4t hatten nicht nur gute Verbindungen nach Greifswald, sondern\ngewiss auch einen direkten Einfluss besonders auf Konservative in\nS\u00fcddeutschland. Auch die im 19.&nbsp;Jahrhundert neu entstehenden\nMissionsschulen in Basel, Wuppertal, St.&nbsp;Chrischona und Bad Liebenzell\nhatten einige bedeutende konservative Dozenten und Direktoren aufzuweisen;\nviele von ihnen kamen aus dem landeskirchlichen Pietismus. Diese Seminare\nwirkten durch \u00dcbernahme ehemaliger Missionare in den Kirchendienst ebenfalls\nhinein. <\/p>\n\n\n\n<p>Breitschwerdts Studie konzentriert sich durch ihre Quellenauswahl auf Genese und Anliegen <em>eines Teils <\/em>der evangelikalen Bewegung in Deutschland. Gegenstand der Untersuchung ist der landeskirchliche Gemeinde-Konservativismus, der durch pietistische-konservative Pfarrer im klassischen Sinn des Fr\u00f6mmigkeitsanliegens von Arndt, Spener, Francke und anderen gepr\u00e4gt ist. Die theologischen Wurzeln landeskirchlichen Gemeinschaftschristentums kommen nur am Rande vor. <em>Die<\/em> evangelikale Bewegung \u00fcber die Gemeinschaften hinaus in Freikirchen, charismatischen und bibeltreu-konservativen Einzelgemeinden wird nicht behandelt. Deren theologische Hintergr\u00fcnde sind eher nicht prim\u00e4r in den hier behandelten theologischen Str\u00f6mungen, sondern in den internationalen reformierten und br\u00fcderischen Freikirchen zu finden. Diese Desiderate k\u00f6nnen jedoch nicht den hohen Wert von Breitschwerdts Ver\u00f6ffentlichung schm\u00e4lern, den sie besonders durch extensives Quellenstudium und durch ausf\u00fchrliche Zitate aus nicht-ver\u00f6ffentlichten Quellen f\u00fcr nachfolgende Untersuchungen besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Breitschwerdt: Theologisch konservativ. 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