{"id":871,"date":"2019-10-21T14:02:17","date_gmt":"2019-10-21T14:02:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=871"},"modified":"2019-10-22T21:09:34","modified_gmt":"2019-10-22T21:09:34","slug":"yosef-ofer-the-masora-on-scripture-and-its-methods","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=871","title":{"rendered":"Yosef Ofer: The Masora on Scripture and Its Methods"},"content":{"rendered":"\n<p>Yosef Ofer: <em>The Masora on Scripture and Its Methods<\/em>, FoSub 7, Berlin\/Boston: de Gruyter, 2019, geb., 286&nbsp;S., \u20ac&nbsp;129,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/product\/502604\">978-3-11-059574-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n<hr>\n\n\n\n<p>Die\nReihe <em>Fontes et Subsidia ad Bibliam pertinentes<\/em> (FoSub) bietet entsprechend der Angabe des Verlags ein Forum f\u00fcr\nbibelwissenschaftliche Referenzwerke, in dem Forschungshilfen wie Editionen,\nTextsammlungen, W\u00f6rterb\u00fccher und Synopsen erscheinen. Auch das vorliegende Werk\ndes israelischen Masora-Experten Yosef Ofer\n(Bar-Ilan) hat einen Platz in dieser Reihe gefunden. Hier ist es in der Tat\nbesser aufgehoben als in einer Lehrbuchreihe, obwohl es auf Vorlesungen des\nAutors basiert. Doch f\u00fcr ein Lehrbuch ist das Niveau zu hoch und die\nDarstellung nicht koh\u00e4rent genug \u2013 daf\u00fcr ist z. B. Kelley et al., <em>Die Masora\nder Biblia Hebraica Stuttgartensia<\/em>, Stuttgart 2003, besser geeignet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 15 Kapitel des Buches sind in drei Teilen\norganisiert. Der erste Teil, fast wie der Buchtitel \u00fcberschrieben mit \u201eThe\nBiblical Masora and its Methods\u201c, ist noch eher \u201eaus einem Guss\u201c als die\nanderen beiden Teile. Sein Inhalt l\u00e4sst sich in fortgeschrittenen\nHebr\u00e4isch-Kursen und Seminaren sicher gut verwenden. Im ersten Kapitel wird die\nArbeit der Masoreten zun\u00e4chst grunds\u00e4tzlich beschrieben. Der Autor liefert\nhilfreiche Beispiele f\u00fcr die Masora parva am Spaltenrand und die Masora magna\nam Seitenrand eines Codex und bietet zahlreiche Fotos von mittelalterlichen\nManuskripten. Dieser Zugang bietet einen Vorteil gegen\u00fcber dem mittels einer\nDruckausgabe (wie etwa bei Kelley et al.), da man die Elemente einer Masora \u201eim\nOriginal\u201c sieht. F\u00fcr den deutschen Kontext ungew\u00f6hnlich \u2013 allerdings nicht f\u00fcr\nden israelischen \u2013 ist die Verwendung des Aleppo Codex (A) anstelle des Codex\nLeningradensis (L) als Referenzhandschrift. Dieser Codex von ca. 925 n. Chr.,\nvon Aaron Ben Asher vokalisiert und mit einer Masora versehen, ist fast 100\nJahre \u00e4lter als L, aber seit dem Progrom von Aleppo im Jahre 1947 nicht mehr\nvollst\u00e4ndig \u2013 es fehlen der gr\u00f6\u00dfte Teil der Tora und einige Teile der Ketuvim\n(vgl. Kap. 8). Deutlich wird anhand der Beispiele, dass die Masora in\nverschiedenen Handschriften unterschiedlich ist, da jeder Masoret selbst\nentschied, welche Informationen er pr\u00e4sentieren wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Kapitel betont der Autor, dass die\nMasora die inhaltlichen und grammatischen Unterschiede zwischen den Lesarten an\nverschiedenen Textstellen nicht kommentiert. Stattdessen werden orthographische\nDifferenzen dokumentiert. Das Interesse der Masoreten lag in der korrekten Schreibung\nbei der Reproduktion der Texte. Deshalb wird in der Masora parva auch nicht die\nH\u00e4ufigkeit der im Text vorkommenden Lexeme genannt, sondern die H\u00e4ufigkeit von\nW\u00f6rtern inklusive Proklitika (wie Pr\u00e4positionen oder \u05d5) mit einer bestimmten Orthographie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte Kapitel stellt fest, dass sich A und L\nsowie weitere wichtige mittelalterliche Handschriften im Text fast nur in Bezug\nauf die Orthographie voneinander unterscheiden (Plene- und Defektivschreibung).\nAuf der anderen Seite l\u00e4sst sich feststellen, dass sich die Masora von L\nmanchmal auf den Text von A bezieht! Sie ist also nicht am eigenen Text\ngepr\u00fcft, sondern entstammt einem anderen Manuskript. Das zeigt zum einen, dass\nder Masoret von A professioneller gearbeitet hat, und zum anderen, dass A der bessere\nund anerkanntere Text war, da die meisten Masoren sich auf diesen Text\nbeziehen. (Die Information, dass die Masoreten nicht identisch waren mit den\nSchreibern, die den Konsonantentext kopierten, bevor die Masoreten\nVokalzeichen, Akzente und die Masora hinzuf\u00fcgten, wird beim Leser als bekannt\nvorausgesetzt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 4 beschreibt die als \u201eakkumulative Masora\u201c\nbezeichneten Wortlisten. Hier erscheinen z. B. alle W\u00f6rter, die mit demselben\nKonsonantenpaar beginnen. Teile davon wurden in der Masora magna am Seitenrand\nverwenden, aber nur zu Dekorationszwecken.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 5 diskutiert der Autor die als <em>Petuchot<\/em>\nund <em>Setumot<\/em> bezeichneten \u201eoffenen\u201c und \u201egeschlossenen\u201c Textabschnitte,\nderen Grenzen in den Manuskripten als Zeilenumbruch bzw. als Leerraum innerhalb\nder Zeile markiert wurden. Das geh\u00f6rte zur Aufgabe der Schreiber, nicht zur\nT\u00e4tigkeit der Masoreten. Einheitlichkeit zwischen den verschiedenen\nManuskripten gibt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im sechsten Kapitel werden die <em>Ketiv<\/em>&#8211; und <em>Qere<\/em>-Lesarten\nausf\u00fchrlich thematisiert. Die verschiedenen Theorien zu ihrer Entstehung\nstammen aus dem Mittelalter: W\u00e4hrend David Kimchi (12.\/13.&nbsp;Jh.) davon\nausging, dass sie Textvarianten dokumentieren sollten, bietet f\u00fcr Abravanel\n(15. Jh.) das <em>Qere<\/em> eine Korrektur des <em>Ketiv<\/em>. Yosef Ofer bevorzugt\neine alternative Erkl\u00e4rung: Er geht davon aus, dass der Text des Tanach\nparallel in schriftlicher (unvokalisierter) und m\u00fcndlicher Form \u00fcberliefert\nwurde. Das entspricht Dtn 31,9\u201313, wo ausgesagt wird, dass die Tora erst\ngeschrieben und dann gelesen wurde (vgl. die j\u00fcdische Tradition der\nschriftlichen und m\u00fcndlichen Tora). Als die m\u00fcndlich \u00fcbermittelte Lesetradition\nin der Gefahr war verlorenzugehen, wurden Vokale und Akzentzeichen f\u00fcr die\nKantillation notiert. In diesem Rahmen wurden auch <em>Ketiv<\/em> und <em>Qere<\/em>\ndokumentiert. Die <em>Qere<\/em>-Anweisungen geh\u00f6ren also zum Vokalisierungssystem\ndazu. Das im Text Geschriebene wurde nicht korrigiert, die fehlende\n\u00dcbereinstimmung konnte diskutiert, musste aber nicht aufgel\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Kapitel des ersten Teils wird die Masora\nin Anlehnung an die Informationstheorie als \u201eError Correcting Code\u201c bezeichnet.\nDie Z\u00e4hlungen in der Masora parva dienen zum Entdecken von Fehlern, die Angaben\nin der Masora magna zum Korrigieren. Au\u00dferdem bewirkte die st\u00e4ndige\nWiederholung der Worth\u00e4ufigkeiten in der Masora parva eine Stabilit\u00e4t, die zur\nVermeidung von Fehlern f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapitel des zweiten Buchteils (\u201eThe Masoretic\nText in Time and Space\u201c) sind nur lose miteinander verbunden. Kapitel 8 ist dem\nAleppo Codex und seiner bewegten Geschichte gewidmet. Weitere Themen sind die\nbabylonische Masora, die im Gegensatz zur tiberischen nicht am Seitenrand,\nsondern in einem eigenen Codex notiert wurde (Kap. 9), die Entwicklung des\nproto-masoretischen Textes des 1. Jh. zum masoretischen Text des Mittelalters\n(Kap. 10), die unterschiedliche Darstellung des sekund\u00e4ren Wortakzents durch <em>Meteg<\/em>\nin Handschriften und Editionen (Kap. 11) sowie die verschiedenen Druckausgaben\ndes masoretischen Textes (Kap. 12).<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Teil (\u201eThe Masora in Interaction with\nOther Disciplines\u201c) verdeutlichen zwei Kapitel (Kap. 13 und 14), dass die\nMasoreten wenig Interesse an Grammatik und Exegese hatten. Implizite\nAnmerkungen zu inhaltlichen Aspekten liegen in den als <em>Sebirin<\/em> (<em>sebir<\/em>:\n\u201ees wird angenommen, man meint\u201c) bezeichneten Anmerkungen vor, die falsche\nLesarten zum Schutz der richtigen dokumentieren. \u00dcberraschend ist, dass andere\nmasoretische Anmerkungen 18 Lesarten als euphemistische Korrekturen fr\u00fcherer\nSchreiber (<em>Tiqqune soferim<\/em>) markieren (nicht aber in A und L). Das 15.\nKapitel thematisiert die Frage nach der Verbindlichkeit der Masora im Rahmen\nder Halacha.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem der erste Teil des Buches ist sehr anregend. Aufgrund seines hohen Niveaus ist es Studierenden nur eingeschr\u00e4nkt zu empfehlen, was eine Verwendung durch Lehrende jedoch keinesfalls ausschlie\u00dft!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Carsten Ziegert, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n\n\n<p><!--EndFragment--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yosef Ofer: The Masora on Scripture and Its Methods, FoSub 7, Berlin\/Boston: de Gruyter, 2019, geb., 286&nbsp;S., \u20ac&nbsp;129,95, ISBN 978-3-11-059574-1<\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":872,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-871","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/871","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=871"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/871\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":982,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/871\/revisions\/982"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/872"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=871"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=871"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=871"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}