{"id":895,"date":"2019-10-21T14:38:56","date_gmt":"2019-10-21T14:38:56","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=895"},"modified":"2019-10-22T21:07:12","modified_gmt":"2019-10-22T21:07:12","slug":"eckart-otto-deuteronomium-2316-3412","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=895","title":{"rendered":"Eckart Otto: Deuteronomium 23,16\u201334,12"},"content":{"rendered":"\n<p>Eckart Otto: <em>Deuteronomium 23,16\u201334,12<\/em>, HThKAT, Freiburg i.&nbsp;Br.: Herder, 2017, geb., 584&nbsp;S., \u20ac&nbsp;100,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral-shop\/deuteronomium-23%2c16-34%2c12-gebundene-ausgabe\/c-37\/p-8058\/\">978-3-451-25078-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Der vierte Teilband des Deuteronomium-Kommentars von\nEckart Otto kn\u00fcpft nahtlos an den dritten Teilband an, den ich f\u00fcr die\nAfeT-Rezensionen bereits rezensiert habe, und f\u00fchrt zun\u00e4chst die Auslegung des\nDeuteronomischen Gesetzes (Dtn 12\u201326) zu einem Abschluss. Die Qualit\u00e4ten des\nKommentars bleiben dieselben, wobei beeindruckend ist, dass sich bis zum\nSchluss des Kommentars keine Erm\u00fcdungserscheinungen des Verfassers wahrnehmen\nlassen, sondern das Deuteronomium in voller Frische und Gr\u00fcndlichkeit bis zum\nTod des Mose kommentiert wird. Da die Anlage des Kommentars schon in der\nRezension des vorausgehenden Teilbandes besprochen wurde, sollen hier\nexemplarisch einige Fragestellungen herausgegriffen werden. Besonders hilfreich\nsind immer wieder die forschungsgeschichtlichen \u00dcberblicke zur Auslegung\neinzelner Perikopen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod des Mose (Dtn 34) dient nach Otto in\nsynchroner Lekt\u00fcre des Pentateuchs als hermeneutischer Schl\u00fcssel zur Tora. Er\nbringt es auf der letzten Seite des Kommentars auf die Kurzformel \u201eMose muss\nsterben, damit die Tora leben kann\u201c (2286). In der diachronen Analyse folgt\nOtto der These von L. Perlitt, in Dtn 34 keine Priesterschrift zu sehen.\nStattdessen h\u00e4lt er das ganze Kapitel f\u00fcr nachpriesterschriftlich, wobei er Dtn\n34,1\u20136.8 einer Hexateuchredaktion zuschreibt, an die das Josuabuch nahtlos\nankn\u00fcpfen kann, w\u00e4hrend 7.10\u201312 dann von einer Pentateuchredaktion stamme, die\nmit dem Tod des Mose den Pentateuch aus der Taufe hebt. Das Amt der Vermittlung\ndes Gotteswillens wird also nicht von Josua weitergef\u00fchrt, der gerade kein\nProphet wie Mose ist, sondern von der verschrifteten Tora. Josua dagegen f\u00fchrt\ndie Toraauslegung weiter, was das Amt der Schriftgelehrten in der\nnachexilischen Zeit begr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Den forschungsgeschichtlichen \u00dcberblick zum\nMoselied (Dtn 32) leitet Otto mit der Bemerkung ein, dass in keinem anderen\nKapitel des Deuteronomiums die Wege der Forschung so weit auseinandergehen, von\nmosaischer bis zu hellenistischer Datierung. Ein ironischer Unterton in der\ndarauf folgenden Darstellung der Forschungsgeschichte ist wohl nicht von der\nHand zu weisen. Otto selbst m\u00f6chte die Datierung des Moseliedes in Dtn 32,8\u20139\nverankern: Die Verteilung der V\u00f6lker auf Mitglieder des himmlischen Hofstaates\nentspreche der Organisationsform des ach\u00e4menidischen Gro\u00dfreiches; da das\nMoselied ohne diese Verse nicht funktioniere, sei eine Abfassung vor dem 4. Jh.\nunwahrscheinlich. Im Rahmen dieser sp\u00e4ten Datierung des Moseliedes sieht Otto\ndas Moselied in seinen vielf\u00e4ltigen literarischen Verbindungen zu anderen\nalttestamentlichen Texten durchgehend als den nehmenden Text: \u201eDas Moselied in\nDtn 32,1\u201343 ist als ein komplexes Netz von Rezeptionen und Anspielungen des\nCorpus propheticum, des Psalters und der Weisheitsschriften verfasst worden\u201c\n(2170). W\u00e4hrend der Text des Moseliedes nur Unheil ank\u00fcndigt, werde diesem ein\nSubtext aus Zitaten und Anspielungen (vor allem Asaphpsalmen, Deuterojesaja und\nJeremia) unterlegt, \u201eder schon dort, wo Mose und JHWH noch Unheil f\u00fcr Israel\nverk\u00fcnden, bereits auf das Heil f\u00fcr Israel hinweist\u201c (2201). In der Zeit des\nsich konstituierenden Kanons aus Tora, Prophetie und Schriften (Psalmen und\nWeisheit), weist das Moselied diesen Schriften, indem es sie zitiert, ihre\nFunktionen in Beziehung zur Tora zu: Mose wird zum Modell der nachmosaischen\nPropheten, deren Prophetenamt als Amt der Toraauslegung gedeutet wird; die\nPsalmen haben weissagende Funktion und dienen der \u00dcberwindung von Israels\nLeidenszeit durch Heilsank\u00fcndigung. Nat\u00fcrlich gibt es zu dieser Deutung auch\nkritische Anfragen: Im Rahmen eines Kommentars kann die postulierte\nAbh\u00e4ngigkeitsrichtung verst\u00e4ndlicherweise nicht in allen F\u00e4llen detailliert\nbegr\u00fcndet werden. Doch fragt sich, wenn das Moselied wirklich ein Bewusstsein\neines entstehenden Kanons verr\u00e4t, ob dann die zitierten Texte nicht gezielter\nausgew\u00e4hlt w\u00fcrden mit kanonisch signifikanten Schl\u00fcsseltexten. Ein Konzept der\nTextauswahl l\u00e4sst sich aus meiner Sicht jedenfalls kaum erkennen. Aufgrund der\nStreuung der Bez\u00fcge des Moseliedes zu anderen alttestamentlichen Texten scheint\nmir auf den ersten Blick nach wie vor die Auffassung n\u00e4her zu liegen, dass es\nsich beim Moselied um einen Text mit hohem Ansehen handelt, dessen Echo an\nverschiedenen Stellen des Alten Testaments hallt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dritter Text sei noch Dtn 27 herausgegriffen.\nLange Zeit war es ein recht weitgehender Konsens, dass der Pentateuch in seiner\nEndgestalt das Produkt der nachexilischen Priesterschaft Jerusalems sei und\ngerade das Deuteronomium mit der Kultzentralisation der Legitimation des\nJerusalemer Tempels diene. Diese Sicht der Dinge l\u00e4sst sich so nicht mehr\nhalten, seit 2008 ein Erg\u00e4nzungsband zu den Grabungen von Yitzhak Magen auf dem\nGarizim erschienen ist, der deutlich macht, dass nicht wie bisher angenommen um\n200 v. Chr., sondern schon im 5. Jh. v. Chr. ein JHWH-Tempel auf dem Garizim\nexistiert hat, sodass das Zentralheiligtum im Deuteronomium nicht einfach auf\nJerusalem bezogen werden kann. Gary Knoppers hat darauf mit der These reagiert\n(2013), es handle sich beim Pentateuch um ein Kompromissdokument zwischen\nSamaritanern und Juden, wobei die Identifizierung des Zentralheiligtums bewusst\noffen gelassen werde, um beiden Gruppen zu erlauben, die Anspr\u00fcche des\nPentateuch auf sich zu beziehen. Nach Otto krankt die These Knoppers bisher\ndaran, dass auf eine differenzierte Literaturgeschichte von Dtn 27 in\nnachexilischer Zeit verzichtet wird. Otto selber unterscheidet eine\ngro\u00dfisraelitische Perspektive der Hexateuchredaktion von einer kleinjud\u00e4ischen\nPerspektive der Pentateuchredaktion. W\u00e4hrend eine deuteronomistische\nBundesdeklaration im 6. Jh. (Dtn 26,16f; 27,9b\u201310) noch gar keine Frage nach\nder Legitimierung eines Ortes im Blick hatte, vertritt eine nachexilische\nFortschreibung im Zuge der Hexateuchredaktion eine gro\u00dfisraelitische\nPerspektive (Dtn 27,1\u20133.9a), worauf in einer sp\u00e4tnachexilischen Perspektive (4. \u20133. Jh.) erst eine\nprosamaritanische Position eingef\u00fcgt wird (Dtn 27,4\u20138.11\u201313b), wobei dann eine\nweitere sp\u00e4tnachexilische Fortschreibung im 3.\u20132. Jh. (Dtn 27,14\u201326; auch Jos\n8,30\u201335) die prosamaritanische Position in eine antisamaritanische Position\numgebogen habe. Wenn also eine antisamaritanische Pentateuchredaktion das\nletzte Wort hatte, bleiben damit freilich zwei Fragen unbeantwortet: Erstens,\nwarum diese Redaktion dann nicht eindeutig kl\u00e4rt, dass das Zentralheiligtum auf\nden Jerusalemer Tempel abzielt und zweitens, warum in einer synchronen Lekt\u00fcre\ndes ganzen Pentateuch nach wie vor Sichem und Efraim einen deutlichen Vorzug\nvor Jerusalem und Juda haben (siehe dazu j\u00fcngst J. Bergsma in BZAR 22, 2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fazit zum Kommentar f\u00e4llt aus wie beim vorhergehenden Teilband: In der diachronen Thesenbildung bleiben viele Fragezeichen. Insbesondere driften die Datierungen literar- und redaktionskritischer Pentateuchmodelle und die Datierungen der diachronen Linguistik, die immer mehr Gr\u00fcnde daf\u00fcr vorbringt, dass der Pentateuch im Gro\u00dfen und Ganzen in einem vorexilischen Hebr\u00e4isch abgefasst ist (zuletzt J. Joosten und R. Hendel 2018), immer weiter auseinander. Eine wahre Fundgrube ist der Kommentar in Forschungsgeschichte, in Materialien aus der Umwelt Israels, in ausf\u00fchrlicher textkritischer Kommentierung und nicht zuletzt in den sehr gehaltvollen Einsichten der synchronen Auslegungen, die in gro\u00dfen Teilen nicht von den diachronen Thesen abh\u00e4ngig sind. Man wird noch lange Zeit sagen k\u00f6nnen, dass hinfort kein Deuteronomiumskommentator wie Eckart Otto aufstand, der in dieser Tiefe und F\u00fclle und mit dieser Liebe zur Tora das Deuteronomium auslegte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Ass.-Prof. Dr. Benjamin Kilch\u00f6r, Staatsunabh\u00e4ngige Theologische Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eckart Otto: Deuteronomium 23,16\u201334,12, HThKAT, Freiburg i.&nbsp;Br.: Herder, 2017, geb., 584&nbsp;S., \u20ac&nbsp;100,\u2013, ISBN 978-3-451-25078-1 Der vierte Teilband des Deuteronomium-Kommentars von<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":896,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-895","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/895","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=895"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/895\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":976,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/895\/revisions\/976"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/896"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=895"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=895"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=895"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}