{"id":905,"date":"2019-10-21T14:50:15","date_gmt":"2019-10-21T14:50:15","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=905"},"modified":"2019-10-22T21:06:00","modified_gmt":"2019-10-22T21:06:00","slug":"andrea-struebind-klaas-dieter-voss-hg-maertyrerbuecher-und-ihre-bedeutung-fuer-konfessionelle-identitaet-und-spiritualitaet-in-der-fruehen-neuzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=905","title":{"rendered":"Andrea Str\u00fcbind \/ Klaas-Dieter Vo\u00df (Hg.): M\u00e4rtyrerb\u00fccher und ihre Bedeutung f\u00fcr konfessionelle Identit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t in der Fr\u00fchen Neuzeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Andrea Str\u00fcbind \/ Klaas-Dieter Vo\u00df (Hg.): <em>M\u00e4rtyrerb\u00fccher und ihre Bedeutung f\u00fcr konfessionelle Identit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t in der Fr\u00fchen Neuzeit. Interkonfessionelle und interdisziplin\u00e4re Beitr\u00e4ge zur Erforschung einer Buchgattung<\/em>, Sp\u00e4tmittelalter, Humanismus, Reformation 109, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2019, Ln., VI+258&nbsp;S., \u20ac&nbsp;89,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/maertyrerbuecher-und-ihre-bedeutung-fuer-konfessionelle-identitaet-und-spiritualitaet-in-der-fruehen-neuzeit-9783161565380\">978-3-16-156538-0<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Verfolgung und Martyrium von Christen sind leider auch heute noch\naktuell und Organisationen wie \u201eOpen Doors\u201c tragen dazu bei, dass Berichte von\nverfolgten Christen heute bekannt werden. Die historischen M\u00e4rtyrerberichte z.&nbsp;B.\ndes 16. und 17. Jahrhunderts sind dagegen wenig bekannt, und auch in der\nhistorischen Forschung widmeten sich erst in den letzten Jahren einzelne\nMonographien den M\u00e4rtyrerb\u00fcchern dieser Zeit. Daher ist es erfreulich, dass\nAndrea Str\u00fcbind, Universit\u00e4tsprofessorin f\u00fcr Historische Theologie in Oldenburg,\nund Klaas-Dieter Vo\u00df, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Johannes a Lasco\nBibliothek in Emden, bereits 2014 zum Symposium \u201eDie Wahrheit ist unt\u00f6dlich.\nM\u00e4rtyrerb\u00fccher und ihre Bedeutung f\u00fcr konfessionelle Identit\u00e4t und\nSpiritualit\u00e4t in der Fr\u00fchen Neuzeit\u201c einluden. Mit dem vorliegenden Aufsatzband\nwerden die Ergebnisse der internationalen und inter-disziplin\u00e4ren Tagung\nver\u00f6ffentlicht, die sich durch die thematische Zuspitzung einerseits auf die Gattung\nder M\u00e4rtyrerb\u00fccher, andererseits auf deren Bedeutung f\u00fcr die konfessionelle\nIdentit\u00e4t auszeichnet. In dieser thematischen Konzentration bieten die zw\u00f6lf\ndeutschen und englischen Beitr\u00e4ge von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher\nwissenschaftlicher Disziplinen einen aspektreichen Einblick in Gattung und\nInhalte der M\u00e4rtyrerb\u00fccher des 16. und 17. Jahrhunderts. <\/p>\n\n\n\n<p>Ab Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden in den reformatorischen\nDenominationen Martyrologien, zu deren fr\u00fchesten die M\u00e4rtyrerb\u00fccher des Lutheraners\nLudwig Rabus, des Reformierten Jean Crespin, des Niederl\u00e4nders Adriaen van\nHaemstede und des Engl\u00e4nders John Foxe z\u00e4hlten. Folgerichtig sind diese Werke\nauch Gegen-stand im vorliegenden Band, dessen erste beide Beitr\u00e4ge sich der\nKultur und dem Begriff von Martyrium widmen. Vier weitere Beitr\u00e4ge setzen sich\ngrundlegend mit den erw\u00e4hnten M\u00e4rtyrerb\u00fcchern auseinander, w\u00e4hrend die letzten\nsechs Beitr\u00e4ge spezifische Aspekte der Darstellung in den Blick nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Einleitung der Herausgeber (1\u201311) folgend, fragt Peter Burschel\n(13\u201326) kulturanthropologisch danach, wie kollektive Leiderfahrungen gedeutet\nwerden und darin identit\u00e4tsstiftend wirken. Er sieht in der Fr\u00fchen Neuzeit drei\nchristliche Haltungen, die bewusste Annahme von Leiden (\u201eLeidsamkeit\u201c), die\nVerachtung der verg\u00e4nglichen Welt in der Zuversicht auf das ewige Leben und die\nDeutung von Leiden, v. a. im Jesuitendrama, als Zeugnis und Einladung zum\nchristlichen Glauben. Martin Ohst (27\u201345) untersucht die Begriffsgeschichte von\nMartyrium von der Alten Kirche bis zur Reformation und konstatiert bei Martin\nLuther den Versuch, die Verbindung von Martyrium und Verdienstgedanken zu l\u00f6sen\nund den Martyriums-begriff ethisch zu transformieren. Aus der historischen\nEntwicklung heraus regt er an: \u201eW\u00e4re es nicht ein sinnvolles Unterfangen, den\nM\u00e4rtyrerbegriff mit all seinen nun einmal gegebenen Konnotationen [&#8230;]\nanheimzustellen und sich auf die Suche nach einem spezifisch evangelischen\nBegriff [&#8230;] zu begeben [&#8230;]?\u201c (45). <\/p>\n\n\n\n<p>Auch Martin Treu (47\u201359) fragt nach dem M\u00e4rtyrerverst\u00e4ndnis im\nlutherischen Protestantismus und stellt in seiner Analyse der achtb\u00e4ndigen\nMartyrologie von Ludwig Rabus (1523\u20131592) fest, dass es einen \u201eexplizit\ndargestellten Begriff des M\u00e4rtyrers\u201c (58) bei Rabus noch nicht gab. Dessen monumentales\nWerk wirkte v. a. indirekt in den Martyrologien von John Foxe und Jean Crespin\n(1520\u20131572) nach. Von letzterem erschien 1554 in Genf die Schrift \u201eLe Livre des\nMartyrs\u201c, die Jeremiah Martin (61\u201374) untersucht. Martin zeigt, dass sich in\nCrespins Martyrologie nicht nur calvinistische Theologie spiegelt, sondern dass\nsein \u201eLivre\u201c auch durch die Identifizierung der M\u00e4rtyrer mit der wahren Kirche\nChristi f\u00fcr die Hugenotten identit\u00e4tsstiftend wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Das erste M\u00e4rtyrerbuch in niederl\u00e4ndischer Sprache, die \u201eHistorie der\nMartelaren\u201c von Adriaen van Haemstede (ca. 1521\u20131562), erschien 1559 in Emden,\nwo vermutlich auch das erste t\u00e4uferische M\u00e4rtyrerbuch (\u201eHet Offer des Heeren\u201c,\n1562\/63) publiziert wurde, wie Klaas-Dieter Vo\u00df (75\u201398) in seiner akribischen Studie\ndes Entstehungskontexts erarbeitet. Die Anglistin Gabriele M\u00fcller-Oberh\u00e4user\n(99\u2013125) fragt nach der Bedeutung des \u201eBook of Martyrs\u201c von John Foxe\n(1515\u20131587) f\u00fcr das religi\u00f6se und nationale Selbstverst\u00e4ndnis Englands.\nAusgehend von der Text- und Druckgeschichte hebt sie besonders \u201edas\nZusammenwirken von Text und Illustrationen\u201c (111) hervor, mit dem Foxe\u2019s Werk\ndurch die Jahrhunderte hindurch eine breite Leserschicht ansprach. <\/p>\n\n\n\n<p>Susanne Lachenicht (127\u2013134) untersucht die Bedeutung des Martyriums\nf\u00fcr die Hugenotten in Frankreich zwischen 1685 bis 1750 und arbeitet heraus,\ndass M\u00e4rtyrerzeugnisse die Hugenotten nicht nur in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis\nbest\u00e4rkten, wahre Kirche Christi zu sein, sondern im 17. Jahrhundert auch zum\nin der Diaspora identit\u00e4tsstiftenden Selbstverst\u00e4ndnis f\u00fchrte, wahre\nfranz\u00f6sische Patrioten zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Entstehen eines kollektiven Selbstverst\u00e4ndnisses, M\u00e4rtyrer zu sein,\nuntersucht Albert de Lange (135\u2013156) \u00fcberlieferungsgeschichtlich an den\nWaldensern in Kalabrien: So wurde 1561 in einem N\u00fcrnberger Flugblatt erstmals\ndie T\u00f6tung von 88 protestantischen Christen in Montalto (Kalabrien)\nbeschrieben. In der deutsch-sprachigen Rezeption wurden die Get\u00f6teten zu\nlutherischen M\u00e4rtyrern und erst in der weiteren Rezeption, u. a. bei John Foxe,\nwurde richtiggestellt, dass es sich um Waldenser handelte. Das Massaker von\nMontalto begr\u00fcndete dann \u201eden Mythos der Waldenser, der sie zum \u201aM\u00e4rtyrervolk\u2018\nmachte\u201c (156). Wie das Bildprogramm im \u201eM\u00e4rtyrerspiegel\u201c (2. Aufl. 1685) von\nThieleman Jansz van Braght die im 17. Jahrhundert bereits gesellschaftlich\netablierten Mennoniten an ihre Herkunft und damit Identit\u00e4t als M\u00e4rtyrer\nerinnern sollte, zeigt die Kunsthistorikerin Stephanie S. Dickey (157\u2013184). Aus\nder Perspektive der Geschlechterforschung analysiert Nicole Grochowina\n(185\u2013201) die Darstellung von t\u00e4uferischen M\u00e4rtyrerinnen u. a. im t\u00e4uferischen\nM\u00e4rtyrerbuch \u201eHet Offer des Heeren\u201c (1562\/63), und stellt fest, dass die\nBeschreibungen weiblichen Martyriums weniger umfangreich als die m\u00e4nnlichen\nMartyriums ausf\u00e4llt, was sie als Fortschreibung fr\u00fchneuzeitlicher\nGeschlechterverh\u00e4ltnisse deutet. Exemplarisch untersucht Raingard Esser\n(203\u2013221) katholische M\u00e4rtyrerb\u00fccher in den Niederlanden, die erst ab 1587\nerschienen, deutlich sp\u00e4ter als protestantische M\u00e4rtyrerb\u00fccher, was sie auch\ndarin bedingt sieht, dass die spanisch-habsburgischen Machthaber erst sp\u00e4t\nM\u00e4rtyrerb\u00fccher als konfessionelle Propaganda f\u00f6rderten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend vom 1679 erschienenen qu\u00e4kerischen M\u00e4rtyrerbuch \u201eSpiegel voor der Stad van Embden\u201c f\u00fchrt Walter Schulz (223\u2013258) in die Verfolgung der Qu\u00e4ker in Emden ab den 1670er Jahren ein und beschlie\u00dft damit den Band mit einem Beitrag, der auch dem Tagungsort Rechnung tr\u00e4gt. Ein Register und ein Autorenverzeichnis finden sich leider nicht; doch das ist nur ein kleiner Kritikpunkt in einem ansonsten gelungenen Band mit wissenschaftlichen Beitr\u00e4gen, die gute Einblicke zum Thema aus Geschichte und Theologie, Kulturwissenschaften und Philologien bieten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologi-schen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Str\u00fcbind \/ Klaas-Dieter Vo\u00df (Hg.): M\u00e4rtyrerb\u00fccher und ihre Bedeutung f\u00fcr konfessionelle Identit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t in der Fr\u00fchen Neuzeit. Interkonfessionelle<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":906,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-905","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=905"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":973,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions\/973"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/906"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}