{"id":917,"date":"2019-10-21T15:02:33","date_gmt":"2019-10-21T15:02:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=917"},"modified":"2019-10-22T21:04:48","modified_gmt":"2019-10-22T21:04:48","slug":"martin-niemoeller-gedanken-ueber-den-weg-der-christlichen-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=917","title":{"rendered":"Martin Niem\u00f6ller: Gedanken \u00fcber den Weg der christlichen Kirche"},"content":{"rendered":"\n<p>Martin Niem\u00f6ller: <em>Gedanken \u00fcber den Weg der christlichen Kirche<\/em>, hrsg. von Alf Christophersen, Benjamin Ziemann, G\u00fctersloh: G\u00fctersloher Verlagshaus, 2019, geb., 272&nbsp;S., \u20ac&nbsp;25,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Gedanken-ueber-den-Weg-der-christlichen-Kirche\/Martin-Niemoeller\/Guetersloher-Verlagshaus\/e530097.rhd\">978-3-579-08544-9<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Der\nWuppertaler Systematiker Alf Christophersen und der in Sheffield lehrende\nHistoriker Benjamin Ziemann haben im Mai 2019 mit dem bisher unver\u00f6ffentlichten\nNiem\u00f6ller-Manuskript \u201eGedanken \u00fcber den Weg der christlichen Kirche\u201c auf ein\nwichtiges Dokument aus der Zeit des Kirchenkampfes aufmerksam gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>In der\nEinleitung (7\u201360) schildern die beiden Herausgeber Niem\u00f6llers Konversionspl\u00e4ne,\ndie Entstehungssituation, Relevanz und theologische Bez\u00fcge des Manuskripts\nsowie die Prinzipien der Edition. Den Hauptteil des Buchs bildet das edierte\nhandschriftlich verfasste Dokument (61\u2013209). Danksagungen (211f ), gut\ninformierte Anmerkungen zur Einleitung und zum Dokument (213\u2013251) und Register\nder von Niem\u00f6ller erw\u00e4hnten Personen und Bibelstellen sowie der im Buch\nverwendeten Abk\u00fcrzungen (253\u2013268) beschlie\u00dfen das Buch. <\/p>\n\n\n\n<p>Martin Niem\u00f6ller\n(1892\u20131984) hat das Manuskript innerhalb von knapp drei Monaten in der zweiten\nJahresh\u00e4lfte 1939 niedergeschrieben, als er sich im KZ Sachsenhausen in\nEinzelhaft befand (7). Von 1938 an hatte der seit 1937 Inhaftierte zwei Jahre\nlang ernsthaft erwogen, in die r\u00f6misch-katholische Kirche \u00fcberzutreten (8f,\n25). In seine \u00dcberlegungen waren auf dem Korrespondenzweg Hans Asmussen und\nseine Frau Else einbezogen, die ihn letztlich von dem Entschluss abbrachte\n(10\u201313, 20\u201325). Niem\u00f6llers Status als der \u201epers\u00f6nliche Gefangene des F\u00fchrers\u201c\ngab ihm die M\u00f6glichkeit, seine umfangreichen theologischen \u00dcberlegungen zu\nPapier zu bringen (38). <\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundspannung\nzwischen wahrer, geistlicher, innerlicher Kirche und der \u00e4u\u00dferlich-leiblichen\nist schon bei Luther angelegt (40). Sie \u201esteht permanent im Raum, wenn Martin\nNiem\u00f6ller \u00fcber die christliche Kirche und ihren Weg reflektiert\u201c (40). Dies\nf\u00fchrt bei Niem\u00f6ller zu harscher Kritik an den Landeskirchen seiner Zeit, die\nnur auf die eigene Bestandserhaltung bedacht seien (42f, vgl schon 11 zur ApU).\nZum Teil fu\u00dft die Kritik allerdings darauf, dass der Gefangene besonders im\nVerst\u00e4ndnis von Amt und Tradition von katholischen Konzeptionen her denkt (47).\n<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder\nmacht Niem\u00f6ller der Landeskirche den Vorwurf, sie sei \u201eein St\u00fcck weltlicher\nObrigkeit im geistlichen Gewande\u201c (Vorwort, 61 u. \u00f6.). Er kritisier die\ntheologische Wissenschaft an den Universit\u00e4ten: Sie sei keine Hilfe f\u00fcr den,\nder in seiner Zeit predigen und lehren soll (62f). Die Unterschiede <em>innerhalb <\/em>der evangelischen Konfessionen\nseien st\u00e4rker als <em>zwischen <\/em>ihnen \u2013\nund doch profiliere man sich damit, Kirchengemeinschaft mit den anderen\nabzulehnen (63f). Betr\u00fcbt stellt Niem\u00f6ller fest, dass im Volk angekommen ist,\nwas auch an den Universit\u00e4ten und in den Kirchenleitungen nicht mehr geglaubt\nwird. Die vertretenen Ansichten haben sich \u00fcber den Protestantismus hinaus\nerweitert (64). Schon damals ahnt der prominente Inhaftierte, \u201edass die\nAufl\u00f6sung in vollem Gange ist\u201c (65). Immerhin sei der biblische Kanon\n(Einleitung, 66\u201371) als \u201eEinheitszeichen der ganzen Christenheit geblieben\u201c\n(71). <\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden\nHauptteile des Manuskripts \u00fcber die Kirche in der Bibel und in den lutherischen\nLandeskirchen in Niem\u00f6llers Zeit sind parallel zueinander aufgebaut. Im ersten\nTeil vergewissert sich Niem\u00f6ller des biblischen Zeugnisses \u00fcber die Kirche,\nindem er die ekklesiologischen Aussagen des Neuen Testaments und besonders auch\nderen Zusammenhang mit der Christologie zusammenfasst. Er fragt zuerst nach\n\u201eGrundlage und Gr\u00fcndung der Kirche\u201c (72\u201384), dann nach Auftrag und Wirksamkeit\nder Kirche (84\u2013112) und schlie\u00dflich nach Leiblichkeit und Einheit der Kirche\n(112\u2013144). Der erste Hauptteil ist die Voraussetzung f\u00fcr die im zweiten\nHauptteil folgende Kritik an den \u201etraditionellen protestantischen Vorstellungen\nvon der Kirche\u201c und an den \u201epraktischen Folgerungen, die daraus zumal heute\ngezogen werden\u201c (144). Allerdings f\u00e4llt schon im ersten Teil zur Grundlage der\nKirche auf, dass Niem\u00f6ller die Sonderstellung des Petrus hervorhebt, die seines\nErachtens im bisherigen Protestantismus nicht richtig verstanden wird (81\u201384).\nAnsonsten werden in diesem Teil die biblischen Aussagen nur selten kritisch mit\nder vorfindlichen Gestalt von Kirche verglichen. Doch gibt es auch eine\nvorausweisende Bemerkung wie: \u201eDie Vorstellung von einem ,<em>Christentum ohne Kirche<\/em>\u2018 ist ein Erzeugnis modernen\nindividualistischen Denkens und entbehrt jeder biblischen Grundlage\u201c (134).\nErst durch den Dienst der Kirche werden Menschen Christen, entstehen Gemeinden;\ndeshalb ist die Einheit der Kirche ihrer Vielheit vorgeordnet (136). <\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten\nHauptteil \u201eBemerkungen zur lutherischen (und katholischen) Auffassung von der\nKirche\u201c \u00fcbt Niem\u00f6ller erfahrungsges\u00e4ttigte und weitsichtige Kritik an den\nGrundlagen der Kirche (145\u2013159), an der mangelnden Erf\u00fcllung ihres Auftrags und\nan ihrer fehlenden Wirksamkeit (159\u2013183) sowie am herrschenden Verst\u00e4ndnis von\nLeiblichkeit und Einheit der Kirche (184\u2013209). Die Reformation habe zwar das\nbiblische Zeugnis von der Kirche entdeckt, aber das Apostelamt zu begrenzt\nverstanden (146). Evangelische Inkonsequenzen sieht er bei der kritisch\nbeurteilten Tradition und andererseits anerkannter Abgrenzung des Kanons durch\ndie Kirche. Besonders im Blick auf das Zustandekommen der Barmer Theologischen\nErkl\u00e4rung bedauert Niem\u00f6ller den Mangel an heute noch lebendiger kirchlicher\nTradition und Bekenntnisbildung in der lutherischen Kirche (152). Trotzdem gab\nes eine Lehrentwicklung in der lutherischen Kirche. Der Wille \u201ezu den Quellen\u201c\nwar nur bei wenigen vorrangig; \u201edie gro\u00dfe Menge der Amtstr\u00e4ger in der\nlutherischen Kirche ist von jeher mit der Zeit gegangen\u201c, wobei die\nBekenntnisgrundlage verlassen bzw. fragw\u00fcrdig wurde (154f). Niem\u00f6ller meint,\nnicht nur das Petrusbekenntnis, sondern auch das Petrusamt und die\nPetrustradition wie auch die lebendige Tradition h\u00e4tten Fehlentwicklungen\nverhindern k\u00f6nnen (157, 159, vgl. 204f). <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirksamkeit\nder lutherischen Kirche wird nach Niem\u00f6ller durch ihr fehlgeleitetes\nkonfessionelles Bewusstsein verhindert, das sich aus der Negation, der \u201eAbwehr\ngegen\u00fcber Rom\u201c ergibt (160). Fehlendes Verst\u00e4ndnis von Universalit\u00e4t und\nGeschichte der Kirche f\u00fchrten zum Verlust der Zukunft. Schon 1939 sieht der\nVerfasser Anzeichen f\u00fcr eine \u201esterbende Kirche\u201c (163). Ja sogar: \u201edie\nlutherischen Landeskirchen sind schon lange nicht mehr Kirche!\u201c (165, Orig.\nkursiv). Die Landeskirche sei schlie\u00dflich \u201edie Summe der getauften\nKirchensteuerzahler und ihrer nicht steuerpflichtigen Angeh\u00f6rigen\u201c (166).\nPositiv w\u00fcrdigt Niem\u00f6ller den Pietismus, in dessen Kreisen \u201edurch das Wort\nGottes gezeugte\u201c Kinder geboren werden, wodurch es sichtbare, wirkliche Kirche\ngibt (166\u2013170). Zuweilen sei bei Katholiken mehr theologische Substanz und\ngeistliches Wachstum zu finden als bei Evangelischen (170\u2013175). <\/p>\n\n\n\n<p>In der\nlutherischen Landeskirche vermisst Niem\u00f6ller die \u201eTempelreinigung\u201c, die\nVerwirklichung des Bildes von Weinstock und Reben (188). Die Kasualpraxis ist\nh\u00f6chst fragw\u00fcrdig (192f). Weil die Kirche \u201eLandeskirche\u201c ist, meint sie, die\n\u201esinnlos gewordenen\u201c Amtshandlungen f\u00fcr tote Glieder am Leib Christi\nbereithalten zu m\u00fcssen (193). \u2013 Niem\u00f6ller zweifelt nicht daran, dass es wahre\nChristen und Gemeinden auch in der Landeskirche gibt, aber es fehlt das\nVerst\u00e4ndnis f\u00fcr die Einheit der Kirche (205) und die notwendige Arbeit f\u00fcr ihre\nVereinigung (208f). <\/p>\n\n\n\n<p>Man sp\u00fcrt es Martin Niem\u00f6llers Text ab, dass in seiner Zeit erst die ersten \u00f6kumenischen Konferenzen tagten. Im Alltag standen sich die Kirchen so distanziert gegen\u00fcber, wie das heute nicht mehr der Fall ist. Andererseits registriert der inhaftierte Bekenner die Probleme, die sich \u2013 mit Ausnahme der damaligen v\u00f6lkischen Religiosit\u00e4t (vgl. 157) \u2013 im Niedergang der Volkskirchlichkeit heute voll auswirken. Die katholisierenden Bez\u00fcge seiner Generalabrechnung mit der Kirche seiner Zeit wird man nach dem Stand der \u00f6kumenischen Gespr\u00e4che heute nicht weiterf\u00fchren m\u00fcssen. Das Manuskript ist aber nicht nur f\u00fcr Niem\u00f6llers Konversionsabsicht (55), sondern auch f\u00fcr die Geschichte der Bekennenden Kirche und des Landeskirchentums relevant. Auch in der Nachkriegszeit war Niem\u00f6ller skeptisch gegen die gro\u00dfen Landeskirchen: Er sah in ihnen konfessionelle Enge und b\u00fcrokratische Erstarrung dominieren (56). Besondere Bedeutung gewinnt die Edition von Niem\u00f6llers Manuskript als eindringliche Momentaufnahme der Situation evangelischer Theologie im Kirchenkampf \u2013 manch anderer wird im Stillen wie er gedacht haben \u2013, wie durch den Kirchenkampf die tr\u00fcgerischen Fundamente selbstverst\u00e4ndlich gewordener landeskirchlicher Strukturen aufgedeckt wurden. Nach 1945 (und nach 1989 in den neuen Bundesl\u00e4ndern?) wurden die Probleme offensichtlich wieder tatkr\u00e4ftig zugedeckt und man machte weiter wie vorher, ohne das sich an der Lage etwas ge\u00e4ndert, geschweige denn gebessert hatte. Die ekklesiologische Schw\u00e4che wird seitdem offenbar, weil es \u201edie\u201c \u201eLandes-\u201cKirchen mit fast 100prozentiger Abdeckung der Bev\u00f6lkerung nicht mehr gibt, daf\u00fcr aber noch immer genug \u201eChristen\u201c, die keine Ahnung von Glaubensinhalten, kein Interesse am Glauben haben und ohne an den Gottesdiensten teilzunehmen gelegentlich Amtshandlungen abrufen. \u2013 Den beiden Herausgebern ist ausdr\u00fccklich zu danken, dass sie mit enormem Zeitaufwand diese ausf\u00fchrlich eingeleitete und kommentierte Textedition m\u00f6glich gemacht haben. Wer die Fragen gegenw\u00e4rtigen kirchlichen Lebens anpacken will, kann sich auf Martin Niem\u00f6ller berufen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Niem\u00f6ller: Gedanken \u00fcber den Weg der christlichen Kirche, hrsg. von Alf Christophersen, Benjamin Ziemann, G\u00fctersloh: G\u00fctersloher Verlagshaus, 2019, geb.,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":918,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-917","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/917","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=917"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/917\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":969,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/917\/revisions\/969"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/918"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=917"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=917"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=917"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}