{"id":920,"date":"2019-10-21T15:04:40","date_gmt":"2019-10-21T15:04:40","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=920"},"modified":"2020-04-18T13:00:53","modified_gmt":"2020-04-18T13:00:53","slug":"eberhard-hahn-schrift-und-geist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=920","title":{"rendered":"Eberhard Hahn: Schrift und Geist"},"content":{"rendered":"\n<p>Eberhard Hahn: <em>Schrift und Geist. Beitr\u00e4ge zur Wirkung des Wortes Gottes im Leben der Gemeinde<\/em>, hrsg. von Wolfgang Becker, Holzgerlingen: SCM Brockhaus, 2019, Pb., 317&nbsp;S., \u20ac&nbsp;16,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.scm-brockhaus.de\/schrift-und-geist.html\">978-3-417-26868-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Aus Anlass des 65. Geburtstages Eberhard Hahns wurden elf seiner\nwichtigsten, bisher anderswo erschienenen Aufs\u00e4tze in diesem Sammelband\nzusammengestellt. Wolfgang Becker, Hahns Nachfolger im Amt als theologischer\nMitarbeiter und Rektor des Diakonissenmutterhauses Hensoltsh\u00f6he in\nGunzenhausen, ordnet die Aufs\u00e4tze dabei thematisch. Der Buchtitel orientiert\nsich am Gewicht, das der Grundlagenteil (11\u2013117) von seinem Umfang und Inhalt\nher aufweist. Die Wirkmacht der Bibel als Wort Gottes bzw. das reale Handeln\nGottes ist aber auch Ausgangspunkt, Erkenntnisgrundlage und Kriterium f\u00fcr die\nweiteren Oberthemen: Pneumatologie (119\u2013155), Anthropologie (157\u2013209), Ethik\n(211\u2013283), Ekklesiologie (285\u2013304). Ein Anhang mit biographischen und\nbibliographischen Informationen zum Jubilar schlie\u00dft sich an (305\u2013317).<\/p>\n\n\n\n<p>Eberhard Hahns Verdienst liegt darin, theologische Weichenstellungen\npr\u00e4zise zu benennen und in ihrer Relevanz wie in ihren Konsequenzen\naufzuzeigen. Dabei f\u00fchrt er den Leser immer wieder in die Schule Luthers und\nunterst\u00fctzt dadurch Liebe wie Respekt gegen\u00fcber der Bibel als Wort Gottes. So\nwird an der Auseinandersetzung zwischen Luther und Erasmus deutlich, dass es in\nden theologischen Kontroversen nicht wie oft behauptet um die Spannung zwischen\nGlauben und Moderne, auch nicht nur um einen Richtungsstreit geht. Vielmehr\nsteht im Umgang mit der Bibel alles, was Christsein und Kirche ausmacht, auf\ndem Spiel. W\u00e4hrend Erasmus die Bibel in Teilen f\u00fcr dunkel und gef\u00e4hrlich hielt\nund ethische Grunds\u00e4tze als den mit der Vernunft kompatiblen Strang der Bibel\nherauszustellen versuchte, betonte Luther die Klarheit der Heiligen Schrift\n(15, 17). Hahn fasst in Anlehnung an seinen akademischen Lehrer Reinhard\nSlenczka Luthers Erkenntnis so zusammen, dass die Bibel ein \u201eprimum principium\u201c\n(18f) ist, hinter das nicht weiter zur\u00fcckgefragt werden kann. Nicht die Bibel\nist das Problem, sondern die Finsternis des menschlichen Herzens, die mangelnde\nErleuchtung bzw. die Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit des Menschen (17). Interpretations-\nund Verstehensbem\u00fchungen der Menschen anstelle der Wirkkraft des Wortes Gottes\ntreten in den Vordergrund, wenn historische Skepsis und Bibelkritik zum Ausgangspunkt\ngemacht werden. Menschen versuchen dann, durch eine Neuinterpretation, die je\nnach Kontext sehr unterschiedlich verlaufen kann, der historisch f\u00fcr\nunzuverl\u00e4ssig gehaltenen Bibel nachtr\u00e4glich eine Relevanz f\u00fcr die Gegenwart zu\nverleihen (24). Das subjektive Vorverst\u00e4ndnis des Auslegers wird zum Schl\u00fcssel,\nwas Hahn zufolge dazu f\u00fchrt, dass die Bibelkritik in einer Echo-Wirkung nurmehr\ndie jeweils eigene Stimme des Auslegers statt der Stimme Gottes h\u00f6rbar macht\n(17, 22f, 26). <\/p>\n\n\n\n<p>Hahn zeigt mit Luther auf, dass Geist und Buchstabe der Schrift\nzusammengeh\u00f6ren und dadurch mit der Bibel \u2013 nicht innerhalb der Bibel \u2013\nzwischen Gottes- und Menschenwort unterschieden wird (21). Ausgerechnet aus dem\nf\u00fcr eine \u201estroherne Epistel\u201c gehaltenen Jakobusbrief (Jak 1,18) gewann Luther\nden zentralen Beleg f\u00fcr das Wesen der Kirche (20). Auch dies spreche gegen den\nGebrauch der Formel \u201eWas Christum treibet\u201c als Kriterium f\u00fcr Selektion und\nSachkritik. Die Geschichtlichkeit der Offenbarung meine die Gegenwart Gottes in\nder Geschichte, nicht die Geschichtsbedingtheit als Relativierung der Aussage-\nund Wirkkraft der Bibel, so Hahn (29). <\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterscheidung zwischen dem, was Gott redet und wirkt, und dem, was\nder Mensch sich \u00fcberlegt, w\u00fcnscht oder tut, betrifft auch den Begriff des\nDogmas. Das Dogma meint mit dem, woran das Herz h\u00e4ngt, worauf es sich verl\u00e4sst,\nwas es f\u00fcrchtet, letztlich das erste Gebot. Wird Gott und sein Wille nicht\nakzeptiert, dann treten andere Inhalte an diese Stelle und werden zum\nkonkurrierenden, neuen Dogma. In der theologischen Argumentation wird z.&nbsp;B.\nh\u00e4ufig behauptet, \u201eheute\u201c k\u00f6nne man bestimmte biblische Inhalte so nicht mehr\nvertreten. Der Fortgang der Zeit wird dadurch gegen\u00fcber Gott als Sch\u00f6pfer der\nZeit verselbst\u00e4ndigt. Hahn betont, dass die Anst\u00f6\u00dfigkeit des Dogmas nicht\nzeit-, sondern sachbedingt sei, weil es um die Bereitschaft zum bekennenden\nLobpreis Gottes geht (49, 51). <\/p>\n\n\n\n<p>In \u00e4hnliche Richtung zielen die Beobachtungen, die Hahn w\u00e4hrend seiner\nZeit als Dozent in Brasilien machte. Die brasilianische Befreiungstheologie\nenth\u00e4lt demnach dort Ber\u00fchrungspunkte mit der Reformation, wo den Laien der\nZugang zur eigenst\u00e4ndigen Bibellekt\u00fcre erm\u00f6glicht wird (109f). Allerdings\ngeschehe die Bibellekt\u00fcre dort so, dass der soziale Kontext, die\nWeltwirklichkeit und nicht die Wirklichkeit des in seinem Wort gegenw\u00e4rtigen\nGottes zum Ausgangspunkt gemacht werde (111f). Auch hier werde die\nBewegungsrichtung zwischen Wort Gottes und Mensch umgedreht und der Bibel ihr\nbleibender Skandal- und Korrektiv-Charakter, der zur eigenen Umkehr ruft,\ngenommen (112).<\/p>\n\n\n\n<p>Hahn zeichnet im Sinne lutherischer Theologie den trinitarischen\nZugriff auf Erkenntnis und Erfahrung des Wirkens Gottes nach. Zur Abgrenzung\nsowohl gegen die liberale Theologie als auch problematische Ph\u00e4nomene der charismatischen\nBewegung stellt er die Erleuchtung (2Kor 4,6) in der Weise heraus, dass sich\nder Heilige Geist an den Buchstaben der Schrift bindet (vgl. Joh 6,63.68;\n14,26) und auf das Bekenntnis zu Christus als Herrn abzielt (121\u2013127; vgl. 1Kor\n12,3). Der christologische Bezug sch\u00fctzt Geistesgaben nach Hahn vor einer\nVerselbst\u00e4ndigung (153f). <\/p>\n\n\n\n<p>Um die notwendige Unterscheidung von Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf und damit\nletztlich um das erste Gebot geht es Hahn zufolge auch in ethischen\nKontroversen. So werde von den Bef\u00fcrwortern einer Segnung bzw. kirchlichen\nTrauung gleichgeschlechtlicher Lebenspartner nach dem Grundsatz \u201eAm Anfang war\ndie Betroffenheit\u201c verfahren (276). Am \u00e4u\u00dferen Schriftwort vorbei beanspruche\nhier der Mensch einen direkten Zugang zu Gottes Offenbarung. Die\nBewegungsrichtung zwischen Gott und Mensch wird Hahn zufolge jedoch umgedreht,\nwenn das Wort Gottes nicht mehr gem\u00e4\u00df Gott, der redet, sondern gem\u00e4\u00df dem\njeweiligen Menschen, der empf\u00e4ngt, gedeutet wird (278). Letztlich geht es um\ndie Frage nach der letzten Instanz, also auch um das Erstnehmen des kritischen\nPotentials der Bibel (278f). Praktizierte Homosexualit\u00e4t eignet sich\ndementsprechend durch den Vorgang des Vertauschens der von Gott eingesetzten\nOrdnung als Beispiel f\u00fcr das Wesen der S\u00fcnde (274f; vgl. R\u00f6m 1,23\u201327).<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr lesenswert sind Hahns Analysen zur S\u00fcnde (157ff) sowie zur\nEkklesiologie (285ff). Hahn \u00f6ffnet die Augen f\u00fcr die Einzigartigkeit des\nHeilswerkes Gottes und das Alleinstellungsmerkmal einer daran gebundenen\nKirche. So durchbreche der Zuspruch der S\u00fcndenvergebung das unheilvolle Netz\nmenschlicher Schuldverstrickung, Ent- und Beschuldigung (189, 191). Das Wissen\ndarum, dass Kirche nicht Gesch\u00f6pf des Menschen, sondern Widerfahrnis des\nWirkens Gottes ist, entlastet Hahn zufolge kirchliches Handeln und verleiht ihm\nzugleich eine wesensgem\u00e4\u00dfe Dynamik (301\u2013303).<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt eignet sich der Sammelband inhaltlich, sprachlich und didaktisch sehr gut als Einf\u00fchrung in biblisch-reformatorische Theologie. Dass ein Personen- und Bibelstellenregister fehlt, wird durch die Hinweise auf besonders einschl\u00e4gige Prim\u00e4rquellen sowie Sekund\u00e4rliteratur kompensiert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Christian Herrmann, Bibliotheksdirektor und Leiter der Historischen Sammlungen, W\u00fcrttembergische Landesbibliothek Stuttgart<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eberhard Hahn: Schrift und Geist. 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