{"id":923,"date":"2019-10-21T15:06:43","date_gmt":"2019-10-21T15:06:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=923"},"modified":"2019-11-01T14:35:38","modified_gmt":"2019-11-01T14:35:38","slug":"georg-gasser-ludwig-jaskolla-thomas-scha%cc%88rtl-hg-handbuch-fuer-analytische-theologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=923","title":{"rendered":"Georg Gasser \/ Ludwig Jaskolla \/ Thomas Scha\u0308rtl (Hg.): Handbuch f\u00fcr Analytische Theologie"},"content":{"rendered":"\n<p>Georg Gasser \/ Ludwig Jaskolla \/ Thomas Sch\u00e4rtl (Hg.): <em>Handbuch f\u00fcr Analytische Theologie<\/em>, Studien zur systematischen Theologie, Ethik und Philosophie 11, M\u00fcnster: Aschendorff Verlag, 2017, geb., IX+964&nbsp;S., \u20ac&nbsp;75,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.aschendorff-buchverlag.de\/detailview?no=13279\">978-3-402-13279-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Die analytische Philosophie ist heute eine inhaltlich nicht mehr\nfestgelegte Richtung der Philosophie, in der man vor allem methodische\nVorlieben teilt: Man legt Wert auf klare, pr\u00e4zise Formulierungen, ist um\nlogische Koh\u00e4renz bem\u00fcht und versucht die vertretenen Thesen argumentativ zu\nbegr\u00fcnden. Innerhalb dieser philosophischen Richtung hat sich im englischen\nSprachraum seit den 1980er Jahren eine lebhafte Diskussion \u00fcber\nreligionsphilosophische Fragestellungen entfaltet, die sich seit einigen Jahren\nauch mit spezifisch theologischen Themen befasst. <a>F\u00fcr\nden Versuch, Fragestellungen der systematischen Theologie mit dem\nInstrumentarium der analytischen Philosophie zu bearbeiten, hat sich seit\neiniger Zeit die Bezeichnung \u201eanalytische Theologie\u201c eingeb\u00fcrgert.<\/a> Es ist\nzu begr\u00fc\u00dfen, dass das \u201eHandbuch f\u00fcr analytische Theologie\u201c es nun<a> unternimmt \u201eden Sachstand analytisch-theologischer\nDebatten im \u00dcberblick zu dokumentieren und gleichzeitig zur Diskussion zu\nstellen\u201c<\/a> (1). <\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch wird er\u00f6ffnet durch drei einleitende Grundlagenartikel zur\nEntwicklung der analytischen Theologie und zu Vorbehalten ihr gegen\u00fcber. Thomas\nSch\u00e4rtl (35\u201372) geht den Gr\u00fcnden f\u00fcr \u201eein gewisses Fremdeln zwischen\nanalytischen (Religions-) Philosophen\/innen auf der einen und (deutschen)\nTheologen\/innen auf der anderen Seite\u201c (35) nach. Nach seiner Einsch\u00e4tzung\nmacht \u201eeine F\u00fclle von Vorurteilen \u2026 das Gespr\u00e4ch zwischen systematischer\nTheologie und analytischer Philosophie im Moment ausgesprochen kompliziert\u201c\n(45). Ein Dialog sei aber \u201elohnenswert, weil beide Seiten voneinander\nprofitieren k\u00f6nnen.\u201c Die analytische Philosophie k\u00f6nne \u201eim Gespr\u00e4ch mit der\nsystematischen Theologie die oft vermisste hermeneutische Sensibilit\u00e4t lernen,\n\u2026 Systematische Theologie kann im Umgang mit analytischer Philosophie die\nUnersetzbarkeit des Argumentierens, der begrifflichen Klarheit und die\nNotwendigkeit eines metaphysischen Offenbarungseides neu lernen\u201c (45), gemeint\nist wohl die Offenlegung der zugrundeliegenden metaphysischen Grundannahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00e4rtl versucht einige der Vorurteile gegen\u00fcber der analytischen\nPhilosophie zu \u00fcberwinden und Gespr\u00e4chsm\u00f6glichkeiten aufzuzeigen zwischen\ndiesem philosophischen Ansatz und idealistischen, ph\u00e4nomenologischen und\ntranszendentalphilosophischen \u201eMotiven und Denkungsarten\u201c (66). Er schlie\u00dft mit\neinem Appell an die deutsche systematische Theologie, sich st\u00e4rker als bisher\ndem Gespr\u00e4ch mit der analytischen Philosophie zu \u00f6ffnen, da diese \u201eein\nkongenialer Gespr\u00e4chspartner\u201c sei (69).<\/p>\n\n\n\n<p>Den Hauptteil des Handbuches bilden 14 Artikel zu wichtigen Themen, die\nin der analytischen Theologie diskutiert werden. Diese Artikel verfolgen das\nZiel, in die Debatten einzuf\u00fchren. Jedem dieser Artikel folgt ein\n\u201eResponse-Aufsatz eines Autors bzw. einer Autorin, der bzw. die in der Regel f\u00fcr\nsein\/ihr theologisches Arbeiten eine andere philosophische Methodik bevorzugt\u201c\n(1). Ich halte diesen Aufbau f\u00fcr ein gelungenes Konzept, das dem Leser einen\nguten \u00dcberblick \u00fcber den Diskussionsstand der \u201eanalytic theology\u201c geben und\nzugleich auf m\u00f6gliche Einw\u00e4nde hinweisen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle Sachstandsartikel geben allerdings einen solchen \u00dcberblick,\neinige stellen das Thema aus eigener Sicht dar und verweisen nur gelegentlich\nauf die analytische Debatte. Im Allgemeinen erh\u00e4lt man aber durch die\nSachstandsartikel eine gute Einf\u00fchrung. Einen besonders gr\u00fcndlichen und\ngelungenen \u00dcberblick \u00fcber den Diskussionsstand zur Frage nach der Ewigkeit\nGottes bietet Christian Tapp (363\u2013402). Seit Augustinus und Boethius herrschte\nin der christlichen Philosophie und Theologie das Konzept des Eternalismus vor,\ndas davon ausgeht, dass Gott au\u00dferhalb der Zeit steht. Tapp stellt sowohl die\nArgumente f\u00fcr diese Auffassung dar, als auch die philosophischen Einw\u00e4nde, die\nvor allem seit den 1970er Jahren vorgetragen wurden. Es wird gut\nnachvollziehbar, warum die Gegenposition des Sempiternalismus (Gott lebt ohne\nzeitlichen Anfang oder Ende <em>in<\/em> der Zeit) inzwischen in der analytischen\nTheologie die Mehrheitsmeinung darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Artikel von Thomas Sch\u00e4rtl (469\u2013517) zur analytischen Trinit\u00e4tslehre\ngibt einen guten Eindruck von der Komplexit\u00e4t und der Nuanciertheit der\ndiesbez\u00fcglichen Debatten. Die Trinit\u00e4ts-Modelle, die entwickelt wurden, ringen\ndarum, zwischen den beiden Ans\u00e4tzen, die h\u00e4ufig als \u201esoziale Trinit\u00e4t\u201c oder\n\u201e\u00f6konomische Trinit\u00e4t\u201c (in Sch\u00e4rtls Diktion \u201eLatin Trinitarianism\u201c) bezeichnet\nwerden, entweder zu vermitteln oder \u00fcber sie hinauszukommen. Man hat jedoch den\nEindruck, dass all diese Versuche ihrerseits mit Schwierigkeiten behaftet sind\nund nicht wirklich \u00fcber die bekannten Modelle hinausf\u00fchren. (F\u00fcr die Lekt\u00fcre\ndes Artikels sind Grundkenntnisse in formaler Logik von Nutzen; dies gilt auch\nf\u00fcr die beiden Aufs\u00e4tze \u00fcber Gottes Allwissenheit und menschliche Freiheit,\n313\u2013361).<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Artikel, die hier nicht referiert werden k\u00f6nnen, behandeln die\nThemen \u201eGlaube und Vernunft\u201c, \u201eGottesbeweise\u201c, \u201eGlaubensbegr\u00fcndung\u201c,\n\u201eSubstanzialit\u00e4t Gottes\u201c, \u201eTheodizee\u201c, \u201eInkarnation\u201c, \u201eAuferstehung der Toten\u201c,\n\u201eErl\u00f6sung\u201c, \u201eVielfalt der Religionen\u201c, \u201eGottesfrage und Ethik\u201c und\n\u201eSpiritualit\u00e4t\u201c. Die meisten Aufs\u00e4tze geben einen guten Einblick in die\nThematik und die analytisch-theologische Diskussion. Manche Response-Artikel\nzeigen, dass die jeweiligen Autoren von philosophischen Voraussetzungen\nausgehen, die so verschieden sind von den Positionen, auf die sie antworten,\ndass ein echtes Gespr\u00e4ch kaum gelingt. Hier m\u00fcsste eine Diskussion \u00fcber die\nzugrundeliegenden Basis-\u00dcberzeugungen stattfinden, was aber im Rahmen eines\nAufsatzes nur schwer zu leisten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Abschluss des Handbuchs bilden drei Aufs\u00e4tze, die als\n\u201eweiterf\u00fchrende Perspektiven\u201c bezeichnet werden. Lorenz Puntel (859\u2013888)\npl\u00e4diert f\u00fcr ein panentheistisches Gottesbild, Tobias M\u00fcller (889\u2013915) versteht\nWhiteheads \u201eProzessphilosophie als eine konkrete Gestalt der analytischen\nPhilosophie\u201c (907), die aber methodisch \u00fcber den \u201emainstream\u201c dieser Richtung\nhinausf\u00fchre, indem er st\u00e4rker auf die lebensweltliche Herkunft ontologischer\nAussagen reflektiere. Godehard Br\u00fcntrup und Ludwig Jaskolla (917\u2013946) sehen den\nPanpsychismus als einen Ansatz an, der in der Philosophie des Geistes dem\nPhysikalismus und dem Substanzdualismus \u00fcberlegen sei und der das Handeln\nGottes in der Welt besser beschreiben k\u00f6nne als das Konzept der speziellen\ng\u00f6ttlichen Intervention (special divine action). Ob man hier wirklich\n\u201eweiterf\u00fchrende Perspektiven\u201c sieht, h\u00e4ngt nat\u00fcrlich davon ab, ob man die\nvorgetragene Kritik am \u201emainstream\u201c der analytischen Theologie und die\nangebotenen Alternativen f\u00fcr \u00fcberzeugend h\u00e4lt. Br\u00fcntrup\/Jaskolla konstruieren\nunter Berufung auf Bultmann ein Argument, das gegen die M\u00f6glichkeit direkter\ng\u00f6ttlicher Eingriffe in die Welt ins Feld gef\u00fchrt wird. In der zweiten Pr\u00e4misse\n(\u201eDie Naturwissenschaften verpflichten uns auf Kausalerkl\u00e4rungen als\nununterbrochene und vollst\u00e4ndige Naturursachen\u201c, 932) ist die Schlussfolgerung\nbereits impliziert, die Pr\u00e4misse selbst ist aber unbegr\u00fcndet. Die\nNaturwissenschaften besch\u00e4ftigen sich definitionsgem\u00e4\u00df nur mit nat\u00fcrlichen\nEreignissen, die prinzipiell auf physikalische Prozesse zur\u00fcckgef\u00fchrt werden\nk\u00f6nnen. Es geh\u00f6rt aber nicht zu ihrem Kompetenzbereich, eine Aussage zu machen:\n\u201eEs gibt <em>ausschlie\u00dflich<\/em> nat\u00fcrliche Ereignisse (d.&nbsp;h. die Menge\naller Ereignisse und die Menge der nat\u00fcrlichen Ereignisse ist identisch).\u201c Dies\nw\u00e4re eine ontologische, keine naturwissenschaftliche Aussage und f\u00fcr die\nWahrheit dieser Aussage wurden keine schl\u00fcssigen Gr\u00fcnde vorgelegt (am wenigsten\nvon Bultmann). \u00c4hnlich defizient ist das gegen den Substanzdualismus\nvorgetragene Argument. Ich halte die ge\u00e4u\u00dferte Kritik am \u201emainstream\u201c der\nanalytischen Theologie daher nicht f\u00fcr \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erscheinen des Handbuchs zeigt an, dass in der deutschsprachigen\nkatholischen Theologie (fast alle Autoren und Autorinnen arbeiten an\nkatholischen theologischen oder philosophischen Fakult\u00e4ten) eine intensivere Auseinandersetzung\nmit der \u201eanalytic theology\u201c in Gang gekommen ist, deren angels\u00e4chsischen\nAutoren mehrheitlich (aber keineswegs ausschlie\u00dflich) einen protestantischen\nHintergrund haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Das vorliegende Handbuch kann jedem empfohlen werden, der eine Einf\u00fchrung in die analytische Theologie sucht. Dass aufgrund editorischer Schwierigkeiten Literatur, die nach 2013\/14 erschienen ist, nicht mehr ber\u00fccksichtigt werden konnte, schm\u00e4lert den Wert des Handbuches nur unerheblich. Wer intensiver in die einzelnen Themen einsteigen will, kann sich an den aktuellen Beitr\u00e4gen etwa des \u201e<a href=\"https:\/\/journals.tdl.org\/jat\/index.php\/jat\">Journal of Analytic Theology<\/a>\u201c orientieren, die erfreulicherweise online zug\u00e4nglich sind.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ralf-Thomas Klein ist Lehrbeauftragter an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Gasser \/ Ludwig Jaskolla \/ Thomas Sch\u00e4rtl (Hg.): Handbuch f\u00fcr Analytische Theologie, Studien zur systematischen Theologie, Ethik und Philosophie<\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":924,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-923","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=923"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/923\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":967,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/923\/revisions\/967"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/924"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=923"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=923"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}