{"id":930,"date":"2019-10-21T15:11:14","date_gmt":"2019-10-21T15:11:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=930"},"modified":"2019-10-22T21:03:31","modified_gmt":"2019-10-22T21:03:31","slug":"karl-lehmann-ralf-rothenbusch-hg-gottes-wort-in-menschenwort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=930","title":{"rendered":"Karl Lehmann \/ Ralf Rothenbusch (Hg.): Gottes Wort in Menschenwort"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl Lehmann \/ Ralf Rothenbusch (Hg.): <em>Gottes Wort in Menschenwort. Die eine Bibel als Fundament der Theologie<\/em>, Quaestiones disputatae 266, Freiburg: Herder, 2014, kt., 395&nbsp;S., \u20ac&nbsp;35,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral-shop\/gottes-wort-in-menschenwort-ebook-(pdf)\/c-37\/p-6031\/\">978-3-451-02266-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Sammelband umfasst \u2013 au\u00dfer Vorwort und Einf\u00fchrung \u2013 16 Beitr\u00e4ge,\ngr\u00f6\u00dftenteils verfasst von katholischen Theologen (ausgenommen Hanna Liss,\nj\u00fcdisch, und Manfred Oeming, evangelisch). Den Beitr\u00e4gen liegen die Vortr\u00e4ge\neiner 2013 in Mainz abgehaltenen Tagung zugrunde, veranlasst durch das\n50-Jahr-Jubil\u00e4um der \u2013 verk\u00fcrzt so bezeichneten \u2013 <em>Offenbarungskonstitution <\/em>des\n2.&nbsp;Vatikanischen Konzils. Diese \u201edogmatische Konstitution\u201c wurde \u2013 nach\njahrelangen Diskussionen \u00fcber mehrere \u00fcberarbeitete Entw\u00fcrfe \u2013 im Nov. 1965 mit\ngro\u00dfer Mehrheit (99,7% Ja-Stimmen) beschlossen (26), kurz vor dem Ende des\nKonzils. Neben drei anderen \u201eKonstitutionen\u201c (\u00fcber Liturgie, Kirche sowie\n\u201eKirche in der Welt von heute\u201c) geh\u00f6rt sie zu den \u201evier S\u00e4ulen\u201c, welche die\nanderen Konzilstexte (\u201eDekrete\u201c und \u201eErkl\u00e4rungen\u201c) st\u00fctzen (25); d.&nbsp;h.\neine solche Konstitution ist also eine besonders gewichtige\nKonzilsverlautbarung. Im Zusammenhang mit dem 2.&nbsp;Vatikanum (abgek\u00fcrzt Vat\nII) wird oft das italienische Wort \u201eaggiornamento\u201c (dt. \u201eVerheutigung\u201c)\naufgegriffen; dieses Wort wurde vom einberufenden Papst Johannes XXIII. jedoch\nnicht im Hinblick auf das Konzil gebraucht, sondern im Hinblick auf den vom\nKonzil her zu erneuernden <em>Kodex des Kanonischen Rechts<\/em> (abgek\u00fcrzt CIC,\nerst 1983 wurde unter Johannes Paul II. der \u00e4ltere Kodex von 1917 abgel\u00f6st;\n17).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide Herausgeber dieses Sammelbandes geh\u00f6rten zum Bistum Mainz: Der\n2018 verstorbene Kardinal Karl Lehmann war dort Bischof, Ralf Rothenbusch ist\nstellvertretender Direktor der Akademie <em>Erbacher\nHof<\/em>. Der Sammelband hat leider kein Register, man kann weder nach einem\nbestimmten der insgesamt 26 Artikel dieser Offenbarungskonstitution noch nach\nbestimmten Begriffen suchen, um rasch zu finden, was dieser Sammelband dazu\nbietet. In den \u00dcberschriften der Beitr\u00e4ge werden die Artikel 12, 16 und 21\nausdr\u00fccklich genannt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Offenbarungskonstitution wird oft nach den Anfangsworten \u201eDei\nverbum\u201c (auf Deutsch: \u201eGottes Wort\u201c) genannt und daher mit DV abgek\u00fcrzt. DV\nsollte sich vor allem mit zwei Fragen befassen: Mit dem Verh\u00e4ltnis von Heiliger\nSchrift, kirchlicher \u00dcberlieferung (\u201eTradition\u201c) und kirchlichem Lehramt, und\nmit der zwischen Konservativen und Progressiven umstrittenen\n\u201ehistorisch-kritischen Methode\u201c (26f). Neben diesen beiden Fragen befassen sich\ndie Beitr\u00e4ge des Sammelbandes mit der Bedeutung des Alten Testaments sowie mit\nder Bibel in der Liturgie. F\u00fcr die Auseinandersetzung mit der\nhistorisch-kritischen Theologie sind insbesondere die Beitr\u00e4ge des Teils \u201eDie\nAuslegung der Heiligen Schrift\u201c wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mitherausgeber Lehmann nennt mehrere Publikationen, in denen DV\nkommentiert wird (32), und er meint, dass DV die historisch-kritische Methode\nbejahe (31), ohne jedoch anzugeben, wo er in DV eine solche Bejahung findet.\nNoch weniger genau formuliert Christian Frevel, \u201edie Dokumente des Zweiten\nVatikanischen Konzils gelten gemeinhin als der Durchbruch der\nhistorisch-kritischen Methode\u201c (131). Es wird oft behauptet, dass die\nhistorisch-kritische Bibelforschung in der katholischen Kirche durch Vat II\nerm\u00f6glicht wurde, ohne genauer zu belegen, wo sich in den Texten dieses Konzils\nentsprechende \u00c4u\u00dferungen finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konkreter wird Thomas Hieke in seinem Beitrag \u201eDie doppelte Autorschaft\nder Bibel nach <em>Dei Verbum<\/em> 12.\nGotteswort in Menschenwort\u201c. Er bespricht speziell DV 12 als den f\u00fcr die\nhistorisch-kritische Forschung entscheidenden Artikel (205). DV 12 weist den\nAusleger der Bibel darauf hin, dass er auf die jeweiligen \u201eliterarischen\nGattungen\u201c achten solle, konkret auf die Denk-, Sprach- und Erz\u00e4hlformen zur\nZeit des Verfassers. Diese Hinweise in DV 12 bedeuten m.&nbsp;E. jedoch keine\ngrunds\u00e4tzliche Wende, h\u00f6chstens ein Betonen der menschlichen Komponente am\nBibeltext (neben der g\u00f6ttlichen). Ludger Schwienhorst-Sch\u00f6nberger verweist\ndarauf, dass bereits die Kirchenv\u00e4ter bei den Bibeltexten sorgf\u00e4ltig zwischen\nGeschichte und Fiktion unterschieden; und sie hinterfragten die Autoren-Angaben\nder Tradition. Origenes z.&nbsp;B. betrachtete die biblische\nSch\u00f6pfungserz\u00e4hlung nicht als historischen Bericht, und Iren\u00e4us von Lyon\nentwickelte Regeln der Schriftauslegung (188\u2013191). \u201eEs ist also nicht so, dass\nerst die historisch-kritische Exegese die historische Dimension biblischer\nTexte entdeckt hat\u201c (190). Die historisch-kritische Theologie l\u00e4sst sich m.&nbsp;E.\nkaum durch bestimmte Texte des Vat&nbsp;II rechtfertigen. Indem aber dieses\nKonzil insgesamt eine offene Grundhaltung gegen\u00fcber der Welt und weltlichen\nDenkweisen einnahm, konnte in einem solchen Klima auch Toleranz f\u00fcr die\nhistorisch-kritische Richtung der Theologie entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier tritt jedoch eine grunds\u00e4tzliche Unsch\u00e4rfe zutage: Was genau ist\ngemeint mit \u201ehistorisch-kritischer Exegese\u201c? (Die \u2013 auch in diesem Band \u2013 oft\nverwendete Bezeichnung \u201ehistorisch-kritische Methode\u201c ist insofern\nunzutreffend, als es sich nicht um eine einzelne Methode handelt, sondern eher\num eine Mehrzahl von Methoden.) Geht es blo\u00df um mehrere quasi neutrale\nMethoden, die z.&nbsp;B. Theologen mit konservativen Positionen ebenso\npraktizieren? Oder geht es dar\u00fcber hinaus um das Bejahen bestimmter Grunds\u00e4tze\nund Tendenzen? Thomas Hieke nennt mehrere \u201eKonsenslinien in der\nhistorisch-kritischen Forschung\u201c, z.&nbsp;B. dass die Prophetenb\u00fccher einen\njahrhundertelangen Entstehungsprozess durchliefen, oder dass die Petrus- und\nJohannesbriefe sowie ein Teil der Paulusbriefe erst einige Jahrzehnte nach dem\nWirken der betreffenden M\u00e4nner entstanden (206). Wer diese Ansichten ablehnt,\nverwendet mitunter dieselben Methoden, hat aber andere Einsch\u00e4tzungen.\nBezeichnet also \u201ehistorisch-kritisch\u201c nicht so sehr bestimmte Methoden, sondern\neine Zustimmung zu bestimmten Ansichten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwienhorst-Sch\u00f6nberger rekapituliert die Geschichte der\nhistorisch-kritischen Exegese, die sich gem\u00e4\u00df Marius Reiser bereits bei den\nHumanisten des 16.&nbsp;Jahrhunderts finden l\u00e4sst. Zum Bruch mit der kirchlichen\nTradition kam es jedoch erst im 18.&nbsp;Jahrhundert. \u201eDer Bibel wurde ihr\n\u00fcbernat\u00fcrlicher Charakter abgesprochen\u201c (192f). Bei einem solchen\ngeschichtlichen Aufriss bleibt jedoch unklar, welche Eigenheiten auch in der\nGegenwart als ma\u00dfgeblich f\u00fcr die historisch-kritische Theologie anzusehen sind.\nEs k\u00f6nnte sich ja teilweise um Extreme handeln, die von gegenw\u00e4rtigen\nhistorisch-kritischen Theologen abgelehnt werden. Ausgehend von den Begriffen\n\u201ehistorisch\u201c und \u201ekritisch\u201c sowie jenen Tendenzen, die charakteristisch sind\nf\u00fcr Theologen, die sich selbst als \u201ehistorisch-kritisch\u201c bezeichnen, stellte\nich insgesamt elf Merkmale heraus (in einem <a href=\"https:\/\/www.afet.de\/download\/2016\/Graf-StuhlhoferJETh2016Endfassung.pdf\">Beitrag<\/a> im <em>Jahrbuch f\u00fcr Evangelikale\nTheologie<\/em> von 2016, S. 196\u2013208), u.&nbsp;a. die Neigungen dazu, biblische\nB\u00fccher in eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen zu zerlegen und hypothetische\nBearbeitungsstufen zu behaupten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An einer Stelle legt sich DV fest und lehnt dabei die Ansichten\nhistorisch-kritischer Neutestamentler ab, n\u00e4mlich in Bezug auf die Historizit\u00e4t\nder Evangelien. Gem\u00e4\u00df DV&nbsp;19 bejaht die katholische Kirche die\nGeschichtlichkeit der vier Evangelien ohne Bedenken und h\u00e4lt fest, dass diese\nEvangelien zuverl\u00e4ssig \u00fcberliefern, was Jesus wirklich getan und gelehrt hat.\nDamit wird m.&nbsp;E. eindeutig ein bibeltheologisch konservativer Standpunkt\nvertreten. (Eine Nebenbemerkung: Anstelle von \u201eDV 19\u201c sind auch die Abk\u00fcrzungen\n\u201eArt.&nbsp;19\u201c oder \u201eNr.&nbsp;19\u201c gebr\u00e4uchlich.) Angelika Strotmann verweist in\nihrem Beitrag auf DV 19, erw\u00e4hnt die darin bejahte Geschichtlichkeit nur knapp\nund f\u00fchrt dann die anschlie\u00dfenden Hinweise auf redaktionelle Vorg\u00e4nge bei den\nAutoren der Evangelien, z.&nbsp;B. dass diese ausw\u00e4hlten, breit aus (224).\nDiese Hinweise auf redaktionelle Vorg\u00e4nge heben aber m.&nbsp;E. die zuvor\nbetonte Geschichtlichkeit der Evangelien nicht auf. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Fazit: Dieser Sammelband zur Offenbarungskonstitution des 2.&nbsp;Vatikanums befasst sich nur punktuell mit dem konkreten Wortlaut dieser Konstitution. Die Konstitution dient den Beitr\u00e4gen dieses Sammelbandes eher als Ausgangspunkt f\u00fcr diverse Themen im Umfeld von Bibel und Kirche. Der m.&nbsp;E. wichtige Art&nbsp;19 zur Geschichtlichkeit der Evangelien wird kaum thematisiert, und seine deutlich von der historisch-kritischen Einsch\u00e4tzung der Evangelien abweichende Aussage wird verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer, BSc., Lektor f\u00fcr freikirchliche Theologie an der Kirchlichen P\u00e4dagogischen Hochschule Wien\/Krems<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Lehmann \/ Ralf Rothenbusch (Hg.): Gottes Wort in Menschenwort. 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