{"id":933,"date":"2019-10-21T15:13:50","date_gmt":"2019-10-21T15:13:50","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=933"},"modified":"2019-10-22T21:03:13","modified_gmt":"2019-10-22T21:03:13","slug":"ziya-meral-how-violence-shapes-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=933","title":{"rendered":"Ziya Meral: How Violence Shapes Religion"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziya Meral: <em>How Violence Shapes Religion. Belief and Conflict in the Middle East and Africa<\/em>,Cambridge: Cambridge University Press, 2018, Pb., X+217&nbsp;S., US&nbsp;$&nbsp;21,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/us\/academic\/subjects\/sociology\/sociology-religion\/how-violence-shapes-religion-belief-and-conflict-middle-east-and-africa?format=PB\">978-1-108-45285-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ziya Meral stellt\nmit dem Titel seines Buches \u201eHow Violence Shapes Religion\u201c eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit\nunserer Gegenwart auf den Kopf.<\/em> Die dominierende\nErz\u00e4hlung in der Moderne geht davon aus, dass Religionen eine wesentliche\nUrsache f\u00fcr Krieg und Gewalt sind. Wenn es sich nicht im Allgemeinen so\nverh\u00e4lt, so zumindest im Besonderen f\u00fcr die monotheistischen Religionen.\nSicherlich, so platt vertreten das nur wenige; und nur wenige w\u00fcrden von einer\nmonokausalen Erkl\u00e4rung von Krieg und Gewalt sprechen wollen. Aber ein oft\nunausgesprochener Konsens sieht in Religion ein gro\u00dfes, wenn nicht das gr\u00f6\u00dfte\nHindernis f\u00fcr ein demokratisches, friedvolles Miteinander von Menschen, V\u00f6lkern\nund Nationen. <em>Die Wirkm\u00e4chtigkeit dieses\nKonsenses zeigt sich nicht zuletzt darin, dass man die Friedfertigkeit oder\nDemokratief\u00e4higkeit von Religion(en) unter Beweis stellen oder verteidigen\nmuss. <\/em>Ziya Meral stellt das Verh\u00e4ltnis von Gewalt und Religion auf den\nKopf. Der Titel weckt Neugierde und provoziert vielleicht sogar, es erfordert\nauf jeden Fall eine aufmerksame Lekt\u00fcre dieses Buches, das sich durch\ndetaillierte Recherche, differenzierte Darstellungen und Argumentationen sowie\ndurch ausgewogene und angemessene Schlussfolgerungen auszeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meral h\u00e4tte einfach die Haltlosigkeit der g\u00e4ngigen Deutungsmuster und\nErz\u00e4hlungen durch solide belegte Gegenbeispiele aufzeigen k\u00f6nnen. Angesichts\nder Wirkm\u00e4chtigkeit der dominierenden Sicht w\u00e4re das wohl kaum ausreichend\ngewesen, um die Ereignisse, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten vor\nunseren Augen abspielen, angemessen zu beschreiben und zu deuten. Deswegen l\u00e4dt\ndas Buch dazu ein, sich Zeit zu nehmen, und g\u00f6nnt dem Leser im einleitenden\nKapitel (1\u201326) gewisserma\u00dfen einen genaueren Blick auf die dominierende Sicht\nin ihrer monokausalen Vereinfachung einer komplexen Wirklichkeit (1). Ihre\nDominanz kommt nicht von ungef\u00e4hr. So haben einflussreiche B\u00fccher wie Samuel\nHuntingtons <em>Clash of Civilizations<\/em>\nund die allgegenw\u00e4rtige Berichterstattung von Terror und Terrorgefahr \u2013 und die\ndamit best\u00e4ndig verbundene Frage, was die Akteure dazu und dabei bewegt \u2013 allzu\nschnell in dieses Horn gesto\u00dfen. Zweifelsfrei haben Terror und Terrorgefahr in\nder westlichen Welt zugenommen (ob das global in diesem Ma\u00dfe der Fall ist, w\u00e4re\nnoch einmal eine weitere Untersuchung wert) und n\u00e4hrten ein Gef\u00fchl der\nUnsicherheit, nicht zuletzt auch deswegen, weil Terror vielfach mit Religion in\nVerbindung gebracht wird und Religionen seit einigen Jahrzehnten ein anderer,\nfriedvoller Platz im Privaten zugewiesen war. Unsere mediensaturierte\n\u00d6ffentlichkeit fordert an vielen Stellen einfache Antworten und ist nicht immer\nbereit, die Komplexit\u00e4t und Un\u00fcbersichtlichkeit einer Wirklichkeit auszuhalten.\nZumindest f\u00fcr den Islam und viele gewaltbereite Muslime muss das festgehalten\nwerden. Schlie\u00dflich berufen sie sich bei ihren Gr\u00e4ueltaten auf ihren Glauben und\ndie lauten Vertreter eines neuen Atheismus vom Schlage Richard Dawkins\nbest\u00e4rken diese Einsch\u00e4tzung (6). Es ist nicht leicht dagegen Stellung zu\nbeziehen. Wenn jemand sich mit einer \u00fcberzeugenden Argumentation gegen den\nMainstream stellt, dann muss man damit rechnen, dass die Frage nach dem\nVerh\u00e4ltnis von Religion und Gewalt schon f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit ein pers\u00f6nlicher\nBegleiter des Gespr\u00e4chspartners gewesen ist (3). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meral setzt sich nach der einf\u00fchrenden Darstellung dieser Gemengelage\nmit den zugrundeliegenden Annahmen auseinander. Er dekonstruiert die\nvereinfachende \u201eSelbstverst\u00e4ndlichkeit\u201c, dass Religion als eine Anomalie der\nMenschheit gelten kann und auf jeden Fall ein Hindernis darstellt, wenn\nGesellschaften liberaler oder rationaler werden oder zivilisatorisch\nvoranschreiten wollen. Die sogenannte S\u00e4kularisierungsthese erweist sich hier\nauch als wirkm\u00e4chtiger als manchem bewusst ist. Meral kritisiert zweitens die\nAnnahme, dass sich unsere westliche Zivilisation zu einer H\u00f6he emporgeschwungen\nhat, in der wir Krieg und Gewalt hinter uns gelassen haben. Diese H\u00f6he haben\nwir nie erreicht; deswegen kann auch nicht wie selbstverst\u00e4ndlich von einem\nFall durch das Auftreten von Terror gesprochen werden (13). Die\nUnberechenbarkeit des Auftretens von Gewalt mag neu sein (14), aber vor allem\nist die westliche \u00dcberraschung nicht zuletzt damit verbunden, dass der Terror\ndie eigene Heimat erreicht hat, die Heimat, die vermeintlich sicher und\ngewaltfrei war. Die dritte Annahme betrifft die Art und Weise wie Huntington\ndas Wort \u201eZivilisationen\u201c gebraucht. Seine sieben oder acht Zivilisationen\nleiten sich weichenstellend von Religionen her, f\u00fchren zu einer Vielzahl an\nUngereimtheiten und werfen viele Fragen auf (16\u201319). Es kann keineswegs als\ngesichert gelten, dass an der Grenze von Zivilisationen die Konflikte zunehmen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gefolge dieser Auseinandersetzung leugnet Meral nicht einfach die\nreligi\u00f6se Komponente von Konflikten, sondern wirft einen genaueren Blick auf\ndas Verh\u00e4ltnis von Gewalt und Religion. Religi\u00f6se \u00dcberzeugungen, Akteure und\nInstitutionen spielen eine wichtige Rolle (145). Dazu\nlegt er eine ausf\u00fchrliche Beschreibung der Entwicklungen in Nigeria (27\u201382) und\n\u00c4gypten (83\u2013132) vor, wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen\nhaben. Die Entscheidung f\u00fcr diese beiden L\u00e4nder als Fallstudien begr\u00fcndet Meral\ndamit, dass sie bei der Frage nach religi\u00f6ser Gewalt, nicht zuletzt bei\nHuntington, immer wieder genannt werden. Diese Entwicklungen werden auf die\nRolle von Religion hin befragt, miteinander verglichen (133\u2013146) und im Lichte\nunseres globalen Zeitalters reflektiert (147\u2013176), bevor er einige\nSchlussfolgerungen aus seinen Untersuchungen zieht (177\u2013182). Die Endnoten\n(183\u2013187), die Bibliographie (188\u2013209) und ein Register (210\u2013217) beschlie\u00dfen\ndas Buch. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schlussfolgerungen laden zum Nachdenken \u00fcber eigene Denkvoraussetzungen und \u00fcber mehr oder minder stark reduzierende Vorpr\u00e4gungen bei dem Thema Gewalt und Religion ein. Vielfach wird eine Kausalkette nur von der Religion her hin zur Gewalt diskutiert. Eine Umkehrung, also der Gedanke, dass Gewalt und Gewaltanwendung Einfluss auf Religion und Religionsaus\u00fcbung nimmt, wird selten bis gar nicht bedacht. Man muss mit diesem Buch festhalten, dass im Fall von \u00c4gypten und Nigeria eine komplexe Verh\u00e4ltnisbestimmung einer Vielzahl an Faktoren zu beobachten ist, u.&nbsp;a. die gesellschaftliche Erfahrung und Dimension seit der Unabh\u00e4ngigkeit oder auch das Misstrauen gegen\u00fcber Politikern, Sicherheitskr\u00e4ften und Vertretern gesellschaftlicher und religi\u00f6ser Gruppen. Letztlich muss man sich wohl der einfachen Realit\u00e4t stellen: <em>Menschen werden immer wieder gewaltt\u00e4tig<\/em>, auch in unseren Gesellschaften: \u201eIt is only the effectiveness of modern policing and the rule of law that hides various levels of violence from the eyesight, whether it be domestic abuse or gang crime, creating the illusion that somehow people of the \u201adeveloped\u2018 world are less violent that those of the \u201adeveloping\u2018 world\u201c (178). Vielleicht ist es an der Zeit, die Fragestellung zu ver\u00e4ndern und sich wieder st\u00e4rker auf den Beitrag von Religion zur Eind\u00e4mmung von Gewalt und Ver\u00e4nderung des Menschen zu konzentrieren (vgl. 145).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Heiko Wenzel, Ph.D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ziya Meral: How Violence Shapes Religion. 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