{"id":944,"date":"2019-10-21T15:23:29","date_gmt":"2019-10-21T15:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=944"},"modified":"2019-10-22T21:02:17","modified_gmt":"2019-10-22T21:02:17","slug":"dietrich-korsch-johannes-schilling-hg-heilige-sprachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=944","title":{"rendered":"Dietrich Korsch \/ Johannes Schilling (Hg.): Heilige Sprachen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dietrich Korsch \/ Johannes Schilling (Hg.):<em> Heilige Sprachen? Zur Debatte um die Sprachen der Bibel im Studium der Theologie<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, Pb., 136&nbsp;S., \u20ac&nbsp;18,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4747_Heilige-Sprachen-.html\">978-3-374-05935-5<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den\nStandardaussagen beim Gespr\u00e4ch mit kirchlichen Pr\u00fcfungs\u00adausschussmitgliedern geh\u00f6rte\nzumindest bis zur Jahrtausendwende das humanistische Argument \u201ead fontes\u201c,\nzur\u00fcck zu den Quellen, damit wurde die Bedeutung der alten Sprachen f\u00fcr das\nStudium der Theologie verteidigt. Der allseitig gebildete Gelehrte, der in\nHumboldtscher Tradition selbstst\u00e4ndig das antike Erbe adaptiert und den\nQuellenbezug von Bibel\u00fcbersetzungen und theologischen Aussagen kritisch am\nUrtext \u00fcberpr\u00fcfen kann, war die Zielvorstellung auch der theologischen\nAusbildung. Mit den drei klassischen Sprachen wurde im Studium der Theologie\nnachgeholt und vervollst\u00e4ndigt, was den Abiturienten an humanistischer\ngymnasialer Tradition fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAuf die alten Sprachen verzichten?\u201c,\nfragte dagegen ein Beitrag mit Pro und Contra von Christian Huth (pro) und\nUlrich Kronenberg (contra) in <em>Idea-Spektrum <\/em>(H.&nbsp;24,&nbsp;13.6.2019,&nbsp;S.&nbsp;15).\nSollten Studierende die Sprachen nicht besser freiwillig lernen, oder sollte\nman ihr Studium nicht besser gleich ganz aufgeben? Das mutma\u00dflich nur in der\n\u00e4lteren Kirchengeschichte und Dogmatik relevante Latein w\u00fcrde dann als erstes\ngestrichen. Die hebr\u00e4ische Sprache des selten gepredigten Alten Testaments\nh\u00e4tte in den zeitlich verk\u00fcrzten Bachelor-Kursen keinen Platz mehr, und von\nGriechisch w\u00fcrde nur die neutestamentliche Koine \u00fcbrigbleiben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neue Entwicklungen bahnen sich indes schon\nan: Der Masterstudiengang Evangelische Theologie (M.&nbsp;A.), den es seit 2015\nan der Universit\u00e4t Heidelberg gibt, verlangt unter dem Thema\n\u201eStudienvoraussetzungen\u201c das Hebraicum und \u201eGriechischkenntnisse\u201c (Griechisch\nI). \u2013 Das Modulhandbuch des Studiengangs Master of Theology (M.&nbsp;Th.) der\nUniversit\u00e4t Marburg informiert unter Modul 2.1: \u201eDas Modul f\u00fchrt in die\nhebr\u00e4ische und die griechische Sprache und in die historisch-kritischen\nMethoden der Exegese ein.\u201c Als Qualifikationsziel soll erreicht werden: \u201eDie\nStudierenden k\u00f6nnen leichte neutestamentliche Texte im Original \u00fcbersetzen und\nhebr\u00e4ische Texte mit Hilfsmitteln so weit philologisch durchdringen, dass\nalttestamentliche Fachliteratur verstanden und deutsche \u00dcbersetzungen kritisch\nreflektiert werden k\u00f6nnen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re sinnvoll, wenn die laufende\nDiskussion und Ver\u00e4nderung der Lehrpl\u00e4ne das Ergebnis h\u00e4tte, dass an allen\nStudienorten Deutschlands in gleicher Weise geltende Standards f\u00fcr Pfarramts-\nund Lehramtsstudierende definiert w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allen Fragestellungen rund um das Problem\nder \u201ealten Sprachen\u201c widmet sich das von Dietrich Korsch und Johannes Schilling\nherausgegeben Buch, das auf ein Gespr\u00e4ch eines informellen Kreises von\nWissenschaftlern verschiedener Universit\u00e4ten mit Vertretern von\nKirchenleitungen zur\u00fcckgeht (8). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sprachen seien quasi als \u201eHeiliges\u201c im\nStudium der Theologie bisher \u00fcberwiegend von Studienreformen verschont\ngeblieben, betonen die Herausgeber im Vorwort (5). Der Grund daf\u00fcr sei in der\n\u201eimmer noch \u00fcberwiegend-historischen Ausrichtung der Theologie an der\nUniversit\u00e4t nach dem Muster der Geisteswissenschaften\u201c zu suchen (6). Da die\ntheologischen F\u00e4cher zusammenh\u00e4ngen, sei als die eigene Aufgabe der Theologie\n\u201edie religi\u00f6se Kommunikation in der Gegenwart zu begreifen und eine\nkonstruktiv-kritische Funktion f\u00fcr die Kirchen wahrzunehmen.\u201c (6f), denn\n\u201eSprache und Geschichte geh\u00f6ren unter dem Aspekt der Genese wie der\ngegenw\u00e4rtigen Verantwortung des Christentums zusammen.\u201c (7). So pl\u00e4dieren die\nHerausgeber f\u00fcr eine vern\u00fcnftige und sachgerechte Einrichtung des Spracherwerbs\nin der Theologenausbildung (8). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass man darunter in den vergangenen\nJahrhunderten Verschiedenes verstehen konnte, zeigt der Beitrag des\nKirchenhistorikers Johannes Schilling aus Kiel (11\u201334). Er schl\u00e4gt einen weiten\nBogen vom Humanismus Reuchlins \u00fcber Erasmus und Melanchthon hin zu Luther, f\u00fcr\nden der Sprachenerwerb mit der evangelischen Gewissheit und der Auslegung des\nUrtextes der Schrift als gewisser, sicherer Grundlage des Glaubens\nzusammenh\u00e4ngt (18\u201322). Der oft zitierte Satz von den Sprachen als \u201eden Scheiden\ndarin dies Messer des Geists steckt\u201c findet sich in Luthers Schrift an die\nRatsherren von 1524 (WA 15,&nbsp;38,&nbsp;8f) und <em>nicht <\/em>im \u201eSendbrief\nvom Dolmetschen\u201c, wie oft f\u00e4lschlich behauptet wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jakob Andre\u00e4, jesuitische Theologen,\nJohann H\u00fclsemann, J.&nbsp;J.&nbsp;Spener und die Pietisten, die verst\u00e4rkt an\nden Bibelsprachen interessiert sind, der aufgekl\u00e4rte J.&nbsp;A.&nbsp;N\u00f6sselt,\nSchleiermacher, Herder und andere sind Zeugen f\u00fcr die bleibende Bedeutung des\nSprachenstudiums f\u00fcr die Theologie als Wissenschaft und f\u00fcr die Spannung in der\nFrage nach dem Ziel theologischer Ausbildung: Gelehrter oder Prediger zum Heil?\n(33). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Marburger Systematiker Dietrich Korsch\nstellt das Sprachenproblem ausgehend von Lessings Kritik am transzendenten\nUrsprungs der Bibel in der altprotestantischen Theologie (36) dar (35\u201352).\nKorsch versteht Sprache als ein Netz von Sinngef\u00fcgen, das die Welt symbolisch\nrepr\u00e4sentiert (39). Der religi\u00f6se Gehalt bzw. ihre religi\u00f6se Funktion geh\u00f6rt\nzur Sprache selbst (38, 52). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Martin Arneth unterrichtet Hebr\u00e4isch und\nAltes Testament in M\u00fcnchen (53\u201381). Er betont die Wissenschaftlichkeit der\nTheologie, die im Umgang mit historischem Material Quellenautopsie voraussetze\n(70). Kenntnis der Quellensprache ist f\u00fcr Arneth eine notwendige, aber nicht\nallein hinreichende Bedingung f\u00fcr ein eigenst\u00e4ndiges Urteil (71). Lekt\u00fcre der\ngriechisch verfassten Septuaginta als Bibel der Alten Kirche sei deshalb keine\nL\u00f6sung (74). Schlie\u00dflich pl\u00e4diert der Autor daf\u00fcr, das einsemestrige\nHebr\u00e4ischstudium bzw. das Erlernen im Ferienkurs beizubehalten (80). \u2013 In einem\nweiteren Essay (83\u201393) setzt sich Ulrike Rosin, Dozentin f\u00fcr Griechisch in\nMarburg, f\u00fcr eine solide Kenntnis von Sprache, Literatur und Kultur, die \u00fcber\ndas Neue Testament hinausgeht, ein (89f). Diese \u201ebef\u00e4higen erst zum\nreflektierten \u00dcbersetzen griechischsprachiger Texte\u201c (89). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Greifswalder Neutestamentler\nChristfried B\u00f6ttrich stellt als m\u00f6gliche L\u00f6sung der Diskussion um\nSprachenlernen ein neues dreistufiges Modell von Grund-, Aufbau- und\nVertiefungskurs vor, das besser zum modularen Studieren passt (95\u2013112, hier\n105f). F\u00fcr Masterstudieng\u00e4nge h\u00e4lt B\u00f6ttrich den Grundkurs in Hebr\u00e4isch und\nGriechisch f\u00fcr angemessen (108f). Das bisherige Erlernen der alten Sprachen am\nAnfang des Studiums werde oft als \u201everkappter numerus clausus\u201c empfunden (97).\nZutreffend beobachtet er die gegenw\u00e4rtige Lage: \u201eWir bewahren eine hohe\nEingangsschwelle im Spracherwerb, k\u00fcrzen hinter dieser Schwelle jedoch vieles\nzusammen\u201c (101) Die Abiturerg\u00e4nzungspr\u00fcfung solle nicht die einzige Form der\nAltsprachen-Aneignung bleiben (105). \u2013 Schlie\u00dflich er\u00f6rtert der Marburger\nPraktische Theologe Bernhard Dressler die Altsprachenkenntnisse der\nReligionslehrer, bei denen die Anforderungen nicht \u00fcberall gleich seien\n(113\u2013131). Dressler schl\u00e4gt vor, die Griechischausbildung f\u00fcr Gymnasiallehrer\nauf das Neue Testament zu beschr\u00e4nken, daf\u00fcr aber Hebr\u00e4isch obligatorisch zu\nmachen (130). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Beitr\u00e4ge des Bandes geben einen guten \u00dcberblick \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Reformbem\u00fchungen in der altsprachlichen Ausbildung. Zahlreiche Literaturhinweise in den Anmerkungen des Buchs zur Reform des Theologiestudiums seit der Reformation, aber besonders in der 2. H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, belegen die Kenntnisse der Beitragenden. Die Beitr\u00e4ge sind der Reformation verpflichtet, indem sie die Notwendigkeit von \u2013 zumindest grundlegenden \u2013 Hebr\u00e4isch- und Griechischkenntnissen betonen. Gerade diese sollten f\u00fcr Studierende von theologischen Masterstudieng\u00e4ngen nicht zu knapp bemessen sein, weil sie in der Regel nicht auf historische oder altphilologische vorangegangene Bachelorabschl\u00fcsse aufbauen k\u00f6nnen. Nach den theologischen Examina kann nur auf Freiwilligkeit in der pastoralen Arbeit mit den alten Sprachen gesetzt werden. Wer bis dahin aus dem Umgang mit den Sprachen keinen Habitus gemacht hat, wird in der Praxis kaum ad\u00e4quat tiefergehende Fragen z.&nbsp;B. in Bibelstunden oder im Schulunterricht beantworten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietrich Korsch \/ Johannes Schilling (Hg.): Heilige Sprachen? 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