{"id":947,"date":"2019-10-21T15:25:37","date_gmt":"2019-10-21T15:25:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=947"},"modified":"2020-04-18T13:00:26","modified_gmt":"2020-04-18T13:00:26","slug":"dietrich-bonhoeffer-aber-bei-dir-ist-licht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=947","title":{"rendered":"Dietrich Bonhoeffer: Aber bei dir ist Licht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dietrich Bonhoeffer: <em>Aber bei dir ist Licht. Gebete, Gedichte und Gedanken aus dem Gef\u00e4ngnis (1943\u20131944)<\/em>, hrsg. und mit einer Einf\u00fchrung versehen von Peter Zimmerling, Gie\u00dfen: Brunnen, 2018, geb., 155&nbsp;S., \u20ac&nbsp;13,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/aber-bei-dir-ist-licht.html\">978-3-7655-0693-2<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Siebzig\nJahre nach dem Tod eines Autors (Bonhoeffer: 1906\u20131945) k\u00f6nnen seine Werke\nlizenzfrei nachgedruckt werden. Dies k\u00f6nnte der betriebswirtschaftliche Grund\ndaf\u00fcr sein, B\u00fccher neu herauszubringen. Bei Dietrich Bonhoeffer ist die\nBekanntheit des Verfassers und die geistliche als auch theologische Qualit\u00e4t\nseiner Werke der viel wichtigere Grund, Klassiker seines literarischen\nSchaffens wieder aufzulegen. Auf die vier B\u00e4nde \u201eNachfolge\u201c, \u201eGemeinsames\nLeben\u201c, \u201eSch\u00f6pfung und Fall\u201c und \u201eDie Psalmen. Das Gebetbuch der Bibel\u201c folgt\nnun eine Auswahl aus Bonhoeffers Gebeten, Gedichten und Texte anderer\nliterarischer Gattungen in seiner Gef\u00e4ngniszeit 1943 bis 1944. Diesem folgt\n2019 ein Band mit Gef\u00e4ngnisbriefen (Du wartest jede Stunde mit mir: Die Briefe\naus dem Gef\u00e4ngnis, Brunnen, 2019). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Einleitung (7\u201321) zu den\n\u201eGebete, Gedichte und Gedanken\u201c schildert der Herausgeber Peter Zimmerling,\nPraktischer Theologe in Leipzig, die Entstehungssituation der Texte, ihren\nbesonderen Charakter und ihre Bedeutung f\u00fcr heute. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die Gefangenschaft und sein Leiden\nerf\u00e4hrt Bonhoeffer eine Gleichgestaltung mit Christus. Seine Gef\u00e4ngniszelle\nwird ihm \u2013 wie im M\u00f6nchtum \u2013 zu einem Ort der Gottes- und Selbsterfahrung: \u201eDie\nZelle soll den M\u00f6nch lehren, nicht vor sich selbst davonzulaufen, sondern auch\ndie problematischen Seiten des eigenen Charakters wahrzunehmen und in reifer\nWeise mit ihnen umzugehen. Es lag angesichts des erzwungenen Zellenaufenthalts\nim Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Bonhoeffer nahe, Parallelen zum freiwilligen Leben in einer\nM\u00f6nchszelle zu ziehen.\u201c (16f). Unsere Gesellschaft kann aus Bonhoeffers Leben\nlernen, Leiden und Schwierigkeiten auch als Chance zum Reifen zu sehen (18).\nPolitisch hat man seine Sp\u00e4tschriften als prophetische Mahnung an ein\nangepasstes Christentum, das Gottes Gebot gehorsam werden muss, verstanden\n(19). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Herausgeber hat den verschiedenen\nTexten jeweils eine Einf\u00fchrung vorangestellt. Besonders in den ersten Beitr\u00e4gen\nwird sichtbar, wie Bonhoeffer wieder festen Boden unter die F\u00fc\u00dfe bekommt. Er\ndenkt \u00fcber den Alltag im Gef\u00e4ngnis und \u00fcber sein Leben nach. Er will verstehen,\nwas es hei\u00dft, vielleicht schon bald sterben zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die praktische \u00dcbung des geistlichen\nLebens in Gebeten ist immer mit dem Gesangbuch als einer Quelle der Fr\u00f6mmigkeit\n(54) verbunden. Das Morgen- und das Abendgebet sowie ein Gebet in Not (56\u201360)\nsind Perlen, die weniger bekannt sind als andere Texte aus der Gef\u00e4ngniszeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Erfahrungen, die der Autor im\nR\u00fcckblick auf die Zeit seit 1933 reflektiert, kann der Leser in teils fast\nbeklemmender Weise auch heute noch machen. So schreibt Bonhoeffer zum Beispiel,\ndass \u201edas B\u00f6se in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich\nNotwendigen, des sozial Gerechten erscheint\u201c (24), oder: \u201eMit der Reinheit\neines Prinzips meint der Fanatiker der Macht des B\u00f6sen entgegentreten zu\nk\u00f6nnen\u201c (24). Hier finden sich auch oft wiederholte S\u00e4tze wie: \u201eDie letzte\nverantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Aff\u00e4re ziehe,\nsondern [wie] eine kommende Generation weiterleben soll\u201c (29). \u201eIch glaube,\ndass Gott aus allem, auch aus dem B\u00f6sesten, Gutes entstehen lassen kann und\nwill\u201c (34). Aus diesem Grund wollte Bonhoeffer schon vor seiner Inhaftierung\nf\u00fcr eine bessere Zukunft Hand anlegen, selbst wenn morgen der J\u00fcngste Tag\nanbr\u00e4che (40, Anklang an das Luther zugeschriebene \u201eApfelb\u00e4umchen\u201c-Wort, vgl.\ndazu Martin Schloemann, 1994, 33). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Abschnitte der Sammlung werden heute\nschon als klassische Abhandlungen immer wieder zitiert, so die ber\u00fchmte\n\u201eTraupredigt aus der Zelle\u201c f\u00fcr Ursula und Eberhard Bethge (43\u201352) oder die\nGedanken zum Tauftag des ersten Sohnes der beiden (64\u201373). Meditationen zu den\nHerrnhuter Losungen (74\u201385) belegen, wie die Betrachtung dieser kurzen\nBibelabschnitte neben den Psalmen und Paul Gerhardts Chor\u00e4len zu den\ngeistlichen \u201eGrundnahrungsmitteln\u201c in der Gefangenschaft wurden (75).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter Bonhoeffers Gedichten weniger\nbekannt ist das erste mit dem Titel \u201eVergangenheit\u201c vom 5.&nbsp;Juni 1944\n(86\u201390). Ihm folgt eine Ausarbeitung \u00fcber die erste Tafel der Zehn Gebote (94\u2013109).\nAuch heute noch oft zitiert wird das Gedicht \u201eWer bin ich\u201c, das mit den\nbekannten Worten endet: \u201eWer ich auch bin, Du kennst mich, \/ Dein bin ich, o\nGott!\u201c (110\u2013112) Mit \u201eChristen und Heiden\u201c (113\u2013115) sowie \u201eN\u00e4chtliche Stimmen\u201c\n(116\u2013124) folgen ein wichtiges und ein eher unbekanntes Gedicht auf einander.\nBei dem \u201eEntwurf f\u00fcr eine Arbeit\u201c (125\u2013130) handelt es sich um eine Skizze, wie\ndas Reden von Christus und die Gestalt der Kirche in einer nachchristlichen\nZeit aussehen k\u00f6nnten. Hieraus werden auch noch diskutiert, dass Christus der\n\u201eMensch f\u00fcr andere\u201c ist (128) und \u201eDie Kirche ist nur Kirche, wenn sie f\u00fcr\nandere da ist\u201c (129). Es folgen \u2013 nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler\n\u201eStationen auf dem Weg zur Freiheit\u201c (131f), \u201eDer Freund\u201c (f\u00fcr Eberhard Bethge)\nund als letztes Werk, von weltweiter Bedeutung \u201eVon guten M\u00e4chten\u201c (146\u2013150). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der schmale Band eignet sich f\u00fcr nachdenkliches, meditierendes, wiederholendes Lesen. So erschlie\u00dft sich die F\u00fclle wichtiger theologischer und geistlicher Einsichten, aber auch klarer Zeitdeutungen, dem Leser. Ein Register zu manchen wichtigen Themen, die Bonhoeffer behandelt, w\u00fcrde den praktischen Nutzen des Bandes vergr\u00f6\u00dfern. Aber auch ohne dieses Desiderat gilt: Jeder sollte sich mit Bonhoeffers sp\u00e4ten Schriften besch\u00e4ftigt haben und das Buch \u2013 oder ein weiteres Exemplar \u2013 anschlie\u00dfend verschenken!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietrich Bonhoeffer: Aber bei dir ist Licht. 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