{"id":997,"date":"2020-04-18T10:54:34","date_gmt":"2020-04-18T10:54:34","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=997"},"modified":"2020-04-18T10:54:36","modified_gmt":"2020-04-18T10:54:36","slug":"leonie-ratschow-eine-toerichte-frau-und-drei-schoene-toechter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=997","title":{"rendered":"Leonie Ratschow: Eine t\u00f6richte Frau und drei sch\u00f6ne T\u00f6chter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leonie Ratschow: <em>Eine t\u00f6richte Frau und drei sch\u00f6ne T\u00f6chter. Eine wirkungskritische Studie zu den Frauenfiguren im Hiobbuch im fr\u00fchen Judentum<\/em>,Arbeiten zur Bibel und ihrer Geschichte 61, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, geb., 357\u00a0S., \u20ac\u00a098,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4620_Eine-toerichte-Frau-und-drei-schoene-Toechter.html\">978-3-374-05452-7<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ratschow besch\u00e4ftigt sich intensiv und kenntnisreich mit der fr\u00fchj\u00fcdischen-hellenistischen Wirkungsgeschichte der Frauenfiguren des biblischen Hiobbuches (14), bei der das Testament Hiobs viel Raum erh\u00e4lt und auch die Septuaginta-Tradition des Hiobbuches behandelt wird. Der erste Teil der Arbeit reflektiert unter der \u00dcberschrift \u201eTheoretischen Grundlagen und methodisches Vorgehen\u201c (19\u201385) zun\u00e4chst \u201eTheoretische Grundlagen zur hermeneutischen Relevanz von Wirkung\u201c (19\u201340). Dieser Teil nimmt seinen Ausgangspunkt bei \u00dcberlegungen von Gadamer und konzentriert sich dann auf das Verh\u00e4ltnis von Affekt und Vernunft, bei dem der Tugendbegriff von Aristoteles und sein Trag\u00f6dienkonzept eine wichtige Rolle spielen. Auf diese Weise wird eine weichenstellende \u00dcberzeugung erl\u00e4utert und von verschiedenen Perspektiven her nachvollziehbar beschrieben: \u201eVerstehen ist ein sowohl rationaler als auch emotionaler Prozess, der bei der Lekt\u00fcre eines Textes zwischen der Rezeption und der Wirkung zu verorten ist\u201c (20). Die Ausf\u00fchrungen sind wertvoll und an vielen Stellen regen sie zu weiterem Nachdenken an, da es grunds\u00e4tzlich nicht nur angemessen ist, \u00fcber Emotionen und ihre Bedeutung f\u00fcr Prozesse des Verstehens zu reflektieren. Es ist bedauerlich bis fatal, dass dies lange in der Forschung verdr\u00e4ngt oder verworfen wurde. F\u00fcr manche sind Emotionen und Verstehen im Kontext von Forschung immer noch unvereinbar. Ratschows Ausf\u00fchrungen stellen einen wohltuenden Gegenpol dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verfasserin leistet mit ihren Reflexionen einen wichtigen Beitrag zur Beschreibung von Rezeption und Wirkung sowie der Unterscheidung (56\u201374) dieser beiden: \u201eDie Rezeption ist der \u201aProzess des Lesens\u2018, w\u00e4hrend die Wirkung \u201adas Ergebnis dieser Rezeption\u2018 darstellt\u201c (67). Diese Unterscheidung erl\u00e4utert sie auf dem Hintergrund einer begrifflichen und ph\u00e4nomenologischen Beschreibung von Emotionen (41\u201352) und anhand von Martin Heideggers Furchtanalyse als Beispiel (53\u201356). \u201eW\u00e4hrend die Rezeption eines Textes als der Ort des Freisetzens von Ausl\u00f6sereizen bestimmter Emotionen verstanden wird, besteht die Wirkung in der \u00fcberdauernden Manifestation der im Rezeptionsakt ausgel\u00f6sten Emotionen\u201c (74). Daran schlie\u00dfen sich die Darlegung der Methodik einer Wirkungskritik (75\u201378) und einem damit einhergehenden Analyseraster an (79\u201385). Sie definiert Wirkungskritik dabei als \u201eden methodisch kontrollierten Umgang mit Texten, die im Rahmen eines Ausschnitts aus ihrer eigenen Wirkungsgeschichte betrachtet und analysiert werden\u201c (15). Insbesondere sollten auf diese Weise \u201eemotionale Textwirkungen\u201c beschreibbar werden (75). Der Fokus bleibt auf den Texten und bringt anhand von Textmodifikationen einzelne Aspekte zur Darstellung. Hier scheint ein bemerkenswerter Methodenoptimismus in der Luft zu liegen, der angesichts der differenzierten Beschreibungen und guten Reflexionen im ersten Teil des Buches \u00fcberrascht \u2013 und vielleicht von der Verfasserin selbst nicht geteilt wird. Ihre Ausf\u00fchrungen legen das aber bisweilen nahe. Der Textfokus ist mehr als berechtigt und ich sch\u00e4tze auch die Zur\u00fcckhaltung bei der Rekonstruktion von (potenziellen) Rezipienten (vgl.&nbsp;75). Das Ausblenden von Rezipienten l\u00e4sst aber ein Bild entstehen, als ob durch den Textfokus Spekulationen scheinbar keine Rolle spielen, was sich bei der Anwendung der Methode im zweiten Teil des Buches als Trugschluss erweist. Das sollte nicht \u00fcberraschen, denn die Rezeption ist m.&nbsp;E. ein komplexes Zusammenspiel von Rezeption und Wirkung sowie dem Erfahrungs- und Erwartungshorizont potenzieller und tats\u00e4chlicher Leserinnen und Leser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eindr\u00fccklich sind die Darstellung der Frauenfiguren im Testament Hiobs und in der Septuaginta-Tradition des Hiobbuches (87\u2013223) sowie deren wirkungskritische Analyse (225\u2013315) und Interpretation (317\u2013342). Man kann vieles auf der inhaltlichen und auf der methodischen Ebene von diesen Ausf\u00fchrungen lernen, auch wenn manche (Detail-) Fragen offenbleiben. So scheint mir die (exegetische und theologische) Bedeutung der Vergleichspartikel \u05db\u05b0\u05bc bei der Interpretation von Hiob 2,10 nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt (116), wie hier m.&nbsp;E. eine Charakterisierung von Personen <em>per se<\/em> nicht zentral (wenn \u00fcberhaupt vorhanden) ist, sondern die Rede der Frau zur Diskussion steht. An dieser und an anderen Stellen werden Alternativen in der Deutung nicht immer ausreichend dargestellt und diskutiert. Das gilt auch f\u00fcr manche Vorschl\u00e4ge, wie sich Unterschiede zwischen dem Testament Hiobs und dem biblischen Hiobbuch miteinander ins Gespr\u00e4ch lassen bzw. diese erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass sich in diesem Teil der Arbeit recht schnell die weitreichende hermeneutische Bedeutung von \u201eLeerstellen\u201c f\u00fcr literarische Werken sowie f\u00fcr ihre Rezeption und Wirkung manifestiert. Diese Ausf\u00fchrungen lesen sich wie eine Erl\u00e4uterung oder Veranschaulichung einer fundamentalen Erkenntnis von Zeigarnik, dass es n\u00e4mlich \u201eein menschliches Grundbed\u00fcrfnis\u201c ist, \u201eUnvollst\u00e4ndiges und Falsches, je nach den individuellen und soziokulturellen Bewertungsma\u00dfst\u00e4ben, in Vollst\u00e4ndigkeiten, Richtiges und insoweit Gutes zu \u00fcberf\u00fchren\u201c (85). Das ist gut und wertvoll. Es ist bedauerlich, dass eine inhaltliche, methodische und hermeneutische R\u00fcckkoppelung nur angedeutet wird. Sicherlich w\u00fcrde das den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen und ein Dissertationsprojekt muss irgendwann zum Abschluss kommen. Dennoch h\u00e4tten weitere Fu\u00dfnoten oder ein Exkurs \u2013 was angesichts der Kenntnisse und der Kompetenz der Verfasserin wohl wenig M\u00fche bereitet h\u00e4tte \u2013 noch einmal andeuten k\u00f6nnen, was dies auch f\u00fcr die Lekt\u00fcre des biblischen Hiobbuches bedeuten mag. Diese Frage h\u00e4ngt m.&nbsp;E. bereits mit den methodischen Ausf\u00fchrungen zu Beginn der Arbeit \u201ein der Luft\u201c, nicht zuletzt, weil die Verfasserin selbst zurecht betont, dass \u201eeine wirkungsgeschichtliche Untersuchung die Eigenart mit sich [bringt], nicht au\u00dferhalb des eigenen Untersuchungsgegenstandes der Wirkungsgeschichte zu stehen, sondern gerade in diesen einzur\u00fccken\u201c (14). Auf jeden Fall h\u00e4tte man \u00fcber die Bedeutung von Buchanf\u00e4ngen anhand der markanten Unterschiede im biblischen Hiobbuch und im Testament Hiobs weiterf\u00fchrend nachdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich f\u00fcr Fragen der Rezeption und der Wirkung von literarischen Werken interessiert, der findet mit dieser Arbeit in Ratschow eine sehr gute Gespr\u00e4chspartnerin, die best\u00e4ndig zu eigenem Nachdenken und differenzierten \u00dcberlegungen einl\u00e4dt und herausfordert. Wer sich au\u00dferdem noch mit dem biblischen Hiobbuch und seiner Nachgeschichte besch\u00e4ftigt, sollte diese Arbeit in die Hand nehmen. Auch wenn manche Fragen offenbleiben, so leisten die methodischen Reflexionen, die vielf\u00e4ltigen Informationen und die anregenden Interpretationen neben diesen Leerstellen einen wertvollen Beitrag auf methodischer und inhaltlicher Ebene. Zurecht sagt die Verfasserin selbst, dass gerade auch Leerstellen in ihrer Bedeutung nicht zu untersch\u00e4tzen sind. \u201eLeerstellen wirken wie unerledigte Aufgaben auf den Rezipienten\u201c (85). Dies f\u00f6rdert au\u00dferdem eine besondere Leistung des biblischen Hiobbuches eindr\u00fccklich zutage: \u201edas Hiobbuch [mutet] in einer leisen, aber pr\u00e4gnanten Weise seinem Leser zu, immer etwas mehr zu sehen als tats\u00e4chlich sichtbar ist\u201c (342). <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Heiko Wenzel, Ph.\u00a0D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonie Ratschow: Eine t\u00f6richte Frau und drei sch\u00f6ne T\u00f6chter. Eine wirkungskritische Studie zu den Frauenfiguren im Hiobbuch im fr\u00fchen Judentum,Arbeiten<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":998,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-997","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=997"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":999,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/997\/revisions\/999"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/998"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}