Michael Kißkalt / Andrea Klimt / Martin Rothkegel (Hg.): PASTOR BONUS

Michael Kißkalt / Andrea Klimt / Martin Rothkegel (Hg.): PASTOR BONUS. Theologie für die pastorale Praxis. Festschrift für Volker Spangenberg, Kassel: Oncken, 2021, Hardcover, XIV+447 S., € 28,–, ISBN 978-3-87939-090-8


Volker Spangenberg war Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal. Anlässlich der Beendigung seines Dienstes gaben drei seiner Kollegen diesen Sammelband heraus. Auf die Pastoraltheologie anspielend, wählten sie den Titel „Pastor bonus“, der auf Jesus als den guten Hirten verweist, als Vorbild für heutige Pastoren.

Die insgesamt 34 Beiträge des Bandes werden in fünf Kategorien eingeteilt: Biblisch‑, systematisch- und pastoraltheologische Impulse, außerdem homiletische Impulse sowie Predigten. Zur Homiletik gehören etwa die Beiträge von Erich Geldbach – er betrachtet „Sadhu Sundar Singh als Prediger“, oder Thomas Klammt, der sich dem Übersetzen von Predigten widmet, das mittlerweile eine große Bedeutung hat, da in Deutschland viele Predigthörer nicht Deutsch als Muttersprache haben (377).

Einige Beiträge zeigen eine Hochschätzung (Überschätzung?) von Aufklärung und Rationalismus. Johannes Fischer, vormals Professor für Theologische Ethik an der Universität Zürich, vertritt die These, „dass es […] religiöse Ethik und mithin auch christliche Ethik nicht gibt und nicht geben kann, und zwar aus prinzipiellen Gründen“; er geht davon aus, „dass Ethik eine Frucht der Aufklärung ist“ (71). Hans-Peter Grosshans versucht im Anschluss an den Mathematiker Heinrich Scholz zu zeigen, inwiefern evangelische Theologie als Wissenschaft gelten kann. Es solle sich die Theologie u. a. an dem Konkordanzpostulat orientieren und nur solche Sätze vertreten, „die das physikalisch und das biologisch Unmögliche respektieren“, also nichts vertreten, „was den Sätzen unserer Physik und unserer Biologie widerspricht“ (97). Sollten demnach Jesu Wunder von der Theologie abgelehnt werden?

Der Umgang der Hochschule in Elstal mit historisch-kritischen Thesen wird punktuell sichtbar, etwa bei den Alttestamentlern. Michael Rohde (bis 2015 Prof. für AT in Elstal) meint, dass in der atl. Schöpfungsgeschichte „vermutlich gelehrte Priester im babylonischen Exil rund 580 Jahre vor Christus über das Leben nachdenken“ (15) – demnach entstand 1Mose 1 erst fast ein Jahrtausend nach dem Wirken Moses, und ist ein Niederschlag des Nachdenkens von Menschen – also kein Ergebnis einer Offenbarung? Dirk Sager (seit 2015 Prof. für AT in Elstal) befasst sich mit der vom Propheten Jesaja zugesagten Heilung des Königs Hiskija (nach 2Kön 20,1–11). Sager hinterfragt literarkritische Thesen und hält an der Einheitlichkeit dieses Abschnittes fest, ausgenommen Vers 20,6: Die Zusage Gottes, dass Hiskija noch weitere 15 Jahre leben und dass Jerusalem vor den Assyrern gerettet wird, sieht Sager als späteren Zusatz; diesen datiert er auf ca. 600 v. Chr., also etwa ein Jahrhundert nach dem Wirken von Hiskija und Jesaja (29–31). Die Synthese von Sonnengott und JHWH – und damit der Monotheismus – reiften gemäß Sager nicht erst während des babylonischen Exils im 6. Jh., sondern bereits kurz vor 600 v. Chr. (32), aber jedenfalls erst lange nach vielen im AT geschilderten Vorgängen.

Carsten Claußen spürt dem Ursprung des Begriffs der „Unverfügbarkeit Gottes“ nach, der von Rudolf Bultmann geprägt wurde, vermutlich angeregt durch ähnliche verneinende Begriffe in Martin Heideggers Buch „Sein und Zeit“ (45–47). Johann Hafner thematisiert das Bewusstsein Jesu (Frage: „Was wusste Jesus?“), und vertritt – analog zur Zweinaturenlehre und zur Zweiwillenlehre – eine „Zweiwissenslehre“, also einen „Dyonoetismus“ (112f).

Martin Rothkegel bespricht eine Abhandlung des englischen Baptisten Thomas Tillam, der mit anderen Baptisten aus England floh und sich 1661 in Deutschland ansiedelte. In seiner Abhandlung sieht er den Zweck der Ehe in der Glückseligkeit des Mannes (150), wie das zuvor bereits von John Milton vertreten wurde. Uwe Swarat beleuchtet das ethische Thema Sonntag und Feiertag in der gegenwärtigen Gesellschaft, ausgehend vom atl. Sabbatgebot. Er kommt zu folgendem Ergebnis: Christen „halten den wöchentlichen Ruhetag somit nicht, weil er ein Gebot Gottes wäre, sondern aus vernünftiger Einsicht in das Bedürfnis der menschlichen Natur nach Erholung“ (194).

Am Ende des Buches steht eine Bibliografie der Veröffentlichungen Spangenbergs. In den Beiträgen selbst wird jedoch nur selten auf eine Publikation von Spangenberg verwiesen, was ich bedauere. Nicht um Spangenbergs konkretes Wirken geht es hier, aber um die von ihm gelehrten pastoralen Wirkungsfelder; die vielfältigen Beiträge forschungserfahrener Theologen spüren wichtige Gegenwartsthemen auf und entwerfen eigenständige Lösungsansätze.


Dr. Franz Graf-Stuhlhofer B.Sc., Lehrbeauftragter an der KPH Wien/Krems für Kirchengeschichte und Dogmatik