Neues Testament

Ursula Ulrike Kaiser: Die Rede von »Wiedergeburt« im Neuen Testament

Ursula Ulrike Kaiser: Die Rede von »Wiedergeburt« im Neuen Testament. Ein metapherntheoretisch orientierter Neuansatz nach 100 Jahren Forschungsgeschichte, WUNT 413, Tübingen: Mohr Siebeck, 2018, Leinen, 404 S., € 139,–, ISBN 978-3-16-155341-7

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Kaiser legt mit ihrer 2017 in Hamburg angenommenen Habil. eine überaus wichtige Arbeit zu einem Thema vor, das für evangelikale Theologie von hohem Interesse sein muss. Dass sie meint, das Thema „Wiedergeburt“ würde sich heute (neben esoterischen Kreisen) im christlichen Gebrauch „fast vollständig auf evangelikal-pfingstkirchliche Richtungen“ beschränken (1; s. auch 7), und zwar stärker in den USA als in Europa (belegt mit Billy Graham!), ist eine bedauerliche Wissenslücke (angesichts der Rolle, die das Thema z. B. im Pietismus spielte und bis heute (auch) den deutschsprachigen Evangelikalismus prägt), spielt aber für die Qualität der eigentlichen Arbeit keine Rolle. Allerdings nimmt sie dadurch die Arbeiten von Helmut Burkhardt oder auch David Pawson zum Thema nicht wahr.

Kaiser erklärt einführend die Formulierung „Rede von ,Wiedergeburt‘“ im Titel ihrer Arbeit und sie will mit den Gänsefüßchen beim Ausdruck „Wiedergeburt“ sogleich – und zu Recht – darauf hinweisen, dass das Wort theologiegeschichtlich zu einem Leitbegriff für eine „Sache“ wurde, die zu undifferenziert in den Begriff hineingelesen wird (dogmatischer Topos (6); „,Wiedergeburts‘-Ideologien“ der „reborn Christians“ (7 Anm. 22)). Sie plädiert daher für einen exegetischen Neuansatz, den sie im Verlauf der Arbeit dann auch durchführt und dabei ein besonderes Augenmerk darauf legt, dass „Wiedergeburt“ als Metapher verstanden werden muss. Dabei findet sie für die exegetische Applikation von den aktuellen Metapherntheorien in erster Linie die Interaktionstheorie und konzeptuelle Metaphernforschung geeignet und lehnt sich insbesondere an die „Conceptual Metaphor Theory“ an. Daran anschließend formuliert sie zehn sehr hilfreiche exegetische Leitsätze zur Auslegung von Metaphern in ntl. Texten (10–25). Sie weist in diesem Zusammenhang auch bereits darauf hin, dass im NT wörtlich „nur“ in Mt 19,28 und Tit 3,5 von „Wiedergeburt“ die Rede ist und zählt zudem 1Petr 1,3.23 und Joh 3,3.7 zu den Stellen, „die überhaupt wörtlich von etwas wie einem erneuten […] Geboren- bzw. Gezeugt-Werden schreiben“ (4).

Im 1. Hauptteil der Arbeit erhebt K. aus einer ausführlichen Darstellung der Forschungsgeschichte (31–126) seit ca. 1900 diejenigen neuralgischen Punkte, die aus metapherntheoretischer Sicht für ein angemessenes Verständnis von „Wiedergeburt“ wichtig sein würden. Dabei bespricht sie im Kap. 2 „Exegetische Weichenstellungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts“ die Arbeiten von Gennrich (1907) und Heitmüllers RGG-Artikel (1913), dabei auch Kirns Artikel in der 3. Aufl. der RE (1908) streifend. Kap. 3 fasst mit Harnack (1918), Procksch (1928), Wissmann (1931 RGG 2. Aufl.), Büchsel (1933 ThWBNT), Jacono (1934), Dey (1937 Diss.) und Schweitzer (1943 Diss.) die tendenziell religionsgeschichtliche Herleitungen des Gedankens einer Wiedergeburt vertreten. Nach dem 2. Weltkrieg (Kap. 4) erschienen die Beiträge von Sjöberg (1951), Goppelt (1962 RGG 3. Aufl.) und einige Qualifikationsarbeiten, von denen K. allerdings nur diejenigen von Vann Murrell (1964), Mounce (1981) bespricht (und nicht: Christou (1950), Schrock (1956), Inman (1974), Parsons (1978)). Kap. 5 referiert schließlich die Arbeiten seit den 1980er-Jahren mit Burnett (1983), Lichtenberger (1986 / 2008), Söding (1990), Manns (1995), Roosimaa (1996), Bae (2003), Popkes (2004 TRE), Frey (2005 RGG 4. Aufl.), Feldmeier (2005), Back (2005), Bosetti (2006) und Zimmermann (2009). Vermisst habe ich hier die Artikel von Marshall in Hastings Encyclopaedia of Religion and Ethics 10, 1918/1967, 639–648, von Guhrt im ThBNT 1, 450–451, von Burkhardt im GBL 3, 1989, 1203–1024, von Gulley im ABD 5, 1992, 659–660, von Bernhardt im EKL3 4, 1996, 1284–1289, von Goldsworthy im New Dictionary of Biblical Theology, 2000, 720–723, von Trummer im NBL 3, 2001, 1110–1113 und von Prümm / Pax im LThK2 10, 1965, 1099–1102 und Söding / Weismayer im LThK3 10, 2001, 1148–1150. Eine Tabelle (137–140) listet auf, welche NT-Texte alle besprochenen Forschungsbeiträge für ihr Verständnis von „Wiedergeburt“ beigezogen haben (gemeinsamer Nenner: Tit 3,5; 1Petr 1,3.23; Joh 3,3ff).

Der 2. Hauptteil (127–178) wertet die Forschungsgeschichte aus und kommt insbesondere zum Schluss, dass nicht so sehr „Wiedergeburts“-Vorstellungen im antiken Umfeld (inkl. AT), sondern das Vorkommen von „konzeptuelle[n] Metaphern der grundlegenden Erneuerung des Lebens als Geburt/Zeugung“ im damaligen Sprach- und Kulturraum zum rechten Verständnis verhelfen (174–175). Unter dieser Voraussetzung werden Tit 3,5, die joh. Texte (inkl. 1Joh), 1Petr 1,3.23, Jak 1,15.18, Mt 19,28 und bei Paulus 1Kor 4,14–16, Phlm 10 und Gal 4,19f kurz auf ihre metapherntheoretische Zugehörigkeit zur obigen konzeptuellen Metapher hin beleuchtet, um objektivere Kriterien für die Textauswahl zu erhalten.

Der 3. Hauptteil (179–404) erarbeitet auf diesem Hintergrund schließlich ausführlich und in hoher exegetischer Qualität die „Aussagen der Texte“ im NT, die eben diese Metapher (grundlegenden Erneuerung des Lebens als Geburt/Zeugung) enthalten: Tit 3,5 (183–224), joh. Texte (225–291), 1Petr 1,3.23 (293–336) und Jak 1,18 (337–394). Dabei fällt das sorgfältige Arbeiten mit den Texten ins Auge, die Wahrnehmung sprachlicher und exegetischer Feinheiten, eine angemessene Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschung und ausgewogene Urteile über andere Meinungen. Erfreulich wird z. B. die Auseinandersetzung mit der Frage geführt, welche Bedeutung im Kontext von „Wiedergeburt“ die Taufe haben könnte. Oder hilfreich sind die Überlegungen zur Frage, ob mit dem griech. Wortfeld genn- eher ein „gezeugtsein“ oder „gebären“ evoziert werden soll. Der Aufbau der ganzen Arbeit, die methodischen Überlegungen und Entscheide und die „handwerkliche“ Durchführung des Vorhabens sind vorbildlich gelungen und ertragreich. Ein kurzes Schlusskapitel „Rückblick und Ausblick“ (395–404) schließt den Haupttext ab. – Wie in der WUNT-Reihe üblich, findet man ein Literaturverzeichnis und ein Stellen- und Sachregister, ist das Buch qualitativ gut gearbeitet und sind kaum Druckfehler zu finden (einzig der Abdruck von Fußnoten auf der falschen Seite an zu vielen Stellen ist störend). Trotz des berechtigten Lobes ergibt sich für den Rezensenten „in der Sache“ ein zwiespältiges Urteil: Die forschungsgeschichtliche Aufarbeitung war überfällig, das Insistieren auf einem sprachwissenschaftlich verantwortbaren Umgang mit Metaphern wie Wiedergeburt ist notwendig und die solide exegetische Arbeit an den Texten ist vorbildlich. Aber die starke Fokussierung auf „Wiedergeburt“ als Metapher steht auch in der Gefahr einer Verengung. Wenn K. ausdrücklich nicht von „der Sache…“, sondern „der Rede von…“ Wiedergeburt sprechen will, dann ist das zwar sprachbegrifflich richtig, aber es kann auch die Sicht darauf verbauen, dass die damit beschriebene Realität weit über das hinausgeht, was der Zielbereich der Metapher „Wiedergeburt“ bezeichnet. Mit der möglichen Engführung meine ich dreierlei: 1. Historisch wäre zumindest zu erwägen, ob nicht doch das Gespräch von Jesus mit Nikodemus (Joh 3 „geistgewirkt von oben/neuem geboren“) der Ausgangspunkt für die Beschreibung einer geistlichen Realität war, die später mit verschiedenen sprachlichen Mitteln, u. a. auch mit dem griechischen Begriff „Wiedergeburt“, ausgedrückt oder zusammengefasst wurde (der Beleg bei Mt wäre separat zu untersuchen, aber vielleicht nicht völlig von einer solchen „religionsgeschichtlichen“ Rekonstruktion zu trennen?). 2. Sprachlich fokussiert K. auf das Phänomen der Metapher. In der textlichen Realität verbinden sich aber auf der Textverständnisebene mehrere sprachliche Mittel miteinander. Das scheint mir besonders dort wichtig zu sein, wo der Fokusbegriff (hier: Zeugung/Geburt) einer Metapher (hier: Wiedergeburt) eine Realität beschreiben will, die mit sprachlichen Mitteln nicht „einfach“ zu erfassen ist. Ich denke in unserem Fall insbesondere an Erkenntnisse der Framesemantik (Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken in Bezug zum „Weltwissen“ der Sprecher) und an Textverknüpfungen, die in der Textlinguistik als Isotopie bezeichnet werden (Auftreten von Worten desselben Bedeutungs- oder Erfahrungsbereiches). Spielen diese für das Textverstehen mit, dann eröffnen sich über die Sprachleistung von Metaphern hinaus auch bereits auf der sprachlichen Ebene für „Wiedergeburt“ bzw. Zeugungs-/Geburtsaussagen Verbindungen zu in der Sache verwandten Begriffen wie „Neuschöpfung“ (die K. eher abwehrt) oder der Familienmetaphorik (Vater, Kinder, Sohn, Adoption usw.) insgesamt (die K. beinahe trennend anderen Metaphern zuweist). 3. Exegetisch-theologisch sehe ich eine gewichtige Schwachstelle in dem Versäumnis, in der Zentralstelle Tit 3,5 dem zu „Wiedergeburt, palingenesia“ irgendwie parallel stehenden Ausdruck „Erneuerung, anakainosis“ keine vertiefte Beachtung zu schenken. K. versteht anakainosis offenbar wie das deutsche Wort „Erneuerung“ und deutet es als Hinweis auf ein wiederholt reinigendes „Bad“ im Unterschied zu palingenesia, welches eher die grundlegende, bleibende Wirkung des „Bades“ markiere. Sie meint sogar, dass die beiden Wörter zusammengefasst mit „(das Bad, das zu einer) grundlegenden Erneuerung des Lebens (führt)“ wiedergegeben werden könnten (220–221). Das wird m. E. exegetisch den beiden bedeutungsschwangeren Begriffen „Wiedergeburt“ und „Erneuerung“ an dieser Stelle nicht gerecht. Vielmehr findet sich hier m. E. in zwei Begriffe gefasst das, was K. an mehreren Stellen und im Schlusskapitel versucht als unverfügbarer „Start“ und damit untrennbar verbundenen „Fortgang“ des gemeinten Geschehens allein mit der Geburts-/Zeugungsmetaphorik zu erfassen (s. 401–402). „Wiedergeburt“ und „Erneuerung“ markieren hier genau dieses „komplexe Verhältnis von Heilsindikativ und -imperativ“ (402), die sie beide in dem einen Begriff „Wiedergeburt“ erkennen will. Dass das nicht wirklich passt, zeigt ihr eigenes Fazit zu Tit 3,5, wenn sie – aus metapherntheoretischer Sicht zu Recht – betont, es gehe dort bei palingenesia weniger um den Gedanken einer Geburt (und den darauf folgenden Prozess), sondern in erster Linie um „Wiederentstehung“ (219). Ja, palingenesia bezeichnet den „Anfang“ und steht schon von da her dem paulinischen „neue Schöpfung“ nahe. K. erwähnt zwar nebenbei, dass „Erneuerung“ vor Paulus nicht belegt ist (222 Anm. 170), geht aber dem Befund und auch dem Begriff nicht weiter nach (obwohl sie Buchegger, Erneuerung 2001 kennt). Alles ordnet sich bei ihr der Metaphorik unter und die mit „Wiedergeburt“ (teilweise) beschriebene Realität schrumpft beinahe zu einem Allgemeinplatz. Für Tit 3,5 lässt sich gemäß K. paraphrasieren, dass mit palingenesia „in Bezug auf Menschen eine grundlegende neue Lebensmöglichkeit beschrieben wird, die die Adressierten nach einer Rettung aus widrigen Umständen erfahren haben.“ (219). Als semantische Leistung der in Tit 3,5 instanziierten, konzeptionellen Metapher „Wiedergeburt“ ist diese Beschreibung sicher korrekt, aber die Entkleidung des Wortes innerhalb dieses Textes zu einer „nackten Metapher“ steht in der Gefahr, den Blick dafür zu verlieren, dass die mit „Wiedergeburt“ bezeichnete Realität nicht nur ihre Ursache in Gott hat (das betont K. zu Recht immer), sondern konkreter vom Heiligen Geist bewirkte Aneignung des „neuen“ und zwar unvergänglichen Lebens ist, das in der Mission und Initiation des neuen Bundes (Hes 36) durch den Menschen und Gottessohn Jesus gründet, welches sehr wohl grundlegend mit der Beseitigung von Sünde (Reinigung) zu tun hat, welche die tiefste Ursache des Beziehungsbruches mit Gott, dem Vater, ist. K. ist sich grundsätzlich dieser Engführung durch ihr Vorgehen bewusst, wie ihr Schlussabschitt zeigt, in dem sie den Blick wieder öffnet hin zu der mit der Metapher „Wiedergeburt“ gemeinten (Erfahrungs-)Realität der ersten und heutiger Christen. Ihr Verdienst ist es, den Begriff „Wiedergeburt“ davon befreit zu haben, dass er in sich bereits eine Art „Konzept“ mit sich trägt. Sie eröffnet den Blick für eine textgerechtere Exegese dieses metaphorischen Wortes und fordert die evangelikale Theologie heraus, einen Begriff differenzierter zu reflektieren und zu gebrauchen, den diese doch auch im deutschsprachigen Raum gerne im Munde führen. Wer sich in Zukunft mit dem neutestamentlichen Verständnis von „Wiedergeburt“ beschäftigt, für den ist dieses Buch ein Muss.


Pfr. Dr. Jürg Buchegger-Müller, Wetzikon ZH (Schweiz)