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Martin Thoms: Es ist vollbracht! Oder doch nicht?

Martin Thoms: Es ist vollbracht! Oder doch nicht? Antwortversuche auf Einwände zur Fantasie der Allversöhnung, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Pb., 252 S., € 35,–, ISBN: 978-3-374-07869-1


Mit Es ist vollbracht! Oder doch nicht? legt Martin Thoms einen aktuellen und anregenden Beitrag zur theologischen Debatte über die Lehre der Allversöhnung vor. Sein Buch fügt sich in ein breiteres Korpus jüngerer universalistischer Literatur ein, in dem unter anderem Theologen wie Robin A. Parry und David Bentley Hart für einen theologisch begründeten Glauben an die endgültige Versöhnung aller Menschen eintreten. Was Thoms’ Ansatz unterscheidet, ist die systematische Weise, in der er fünf klassische Einwände gegen die Allversöhnung untersucht: die Exklusivität von Jesus, die Zuverlässigkeit der Schrift, das Thema Gerechtigkeit, den freien Willen des Menschen sowie die Rolle von Kirche, Ethik und Mission. Thoms ist der Ansicht, dass diese klassischen Argumente gegen eine Allversöhnung entweder entkräftet oder neu durchdacht werden müssen.

Im Zentrum von Thoms’ Argumentation steht die Überzeugung, dass Gott Liebe ist und dass das Erlösungswerk von Jesus eine universale Reichweite hat und „für alle“ vollbracht wurde. Thoms betont das Bewusstsein, dass alle Menschen nichts als die Hölle verdienen. Kein einziger Mensch hat Anspruch darauf, von Gott erlöst zu werden. Alle Menschen wählen gemeinsam den Weg des Bösen, und ohne Gottes Gnade würde dieser Weg sie ins Verderben stürzen. Zugleich vertritt Thoms jedoch die Ansicht, dass es ebenso biblisch und theologisch verantwortbar sei zu glauben, dass letztlich alle Menschen mit Gott versöhnt werden, selbst jene, die Gott jetzt verwerfen. Er präsentiert diese Sicht nicht als moderne Anpassung oder Utopie, sondern als eine christozentrische, biblisch fundierte und hoffnungsvolle Eschatologie.

Auf überzeugende Weise zeigt Thoms, dass die Gegenargumente gegen eine Allversöhnung häufig auf traditionellen, nicht schlüssigen Interpretationen der Schrift beruhen. Er weist zu Recht darauf hin, dass nur wenige Menschen anderen kein Heil und keine Erlösung wünschen. Das wirft die grundlegende Frage auf, ob im Herzen Gottes die Möglichkeit bestehen kann, Menschen nach dem Gericht auf ewig verlorengehen zu lassen. Häufig verwendet der Autor starke Formulierungen wie: „Die Erlösung des Volkes bedeutet die Erlösung Gottes. Oder anders ausgedrückt: Solange sein Volk nicht erlöst ist, ist es Gott auch nicht“ (48); „Wer käme auf die Idee, angesichts des tragischen Unglücks vom Untergang der Titanic von einem Sieg zu sprechen, nur weil einige wenige es mit dem Rettungsboot heil an Land geschafft haben?“ (41) und: „Wer die Hölle predigt, verkündigt nicht die harte Wahrheit des Evangeliums, sondern verzerrt grundlegend die heilvoll frohe Botschaft“ (43).

In seinem Buch spricht Thoms von einer „Fantasie der Allversöhnung“ bzw. „der Hölle“. Sein Gebrauch des Begriffs „Fantasie“ knüpft dabei eng an die Redeweise Jürgen Moltmanns an, der den Begriff neutral verwendet, um damit ein theologisches Denkkonzept zu bezeichnen. Für diejenigen, die mit diesem Gebrauch des Begriffs nicht vertraut sind, kann der Begriff im Untertitel irritierend wirken, weil man den Eindruck gewinnt, es handle sich um ein Märchen. Im Buch verwendet Thoms den Begriff jedoch, um theologische Denkkonzepte zur Allversöhnung und zur Hölle zu bezeichnen.

Anstatt die Allversöhnung als liberale Fantasie oder subjektives Wunschdenken zurückzuweisen, positioniert er sie als ernstzunehmende theologische Alternative, verwurzelt in der Überzeugung, dass Gottes Liebe letztlich stärker sei als das Gericht. Er zeigt, wie das Erlösungswerk von Jesus als Norm für die Interpretation der gesamten Schrift gelten müsse. In seinem Denken ist Christus der hermeneutische Schlüssel, was im Einklang steht mit Positionen etwa von Robin A. Parry und anderen, die eine universalistische Theologie vertreten. Der Autor geht davon aus, dass alle Menschen ein Leben in der Anbetung Gottes führen wollen und dass es in der Ewigkeit keine alternative Wahlmöglichkeit gibt. Menschen werden durch die Reflexion ihres Lebens und durch die Liebe Gottes dazu bewegt, sich letztlich für Gott zu entscheiden.

Thoms ist sich der psychologischen und emotionalen Ablehnung bewusst, die das Thema Allversöhnung bei Gläubigen hervorruft. Diese Abwehr besteht, weil die Fantasie der Hölle tief im christlichen Glauben verankert ist. Schon im Vorhinein stößt das Reden von Allversöhnung daher oft auf tief verwurzelte Bilder eines ewigen Gerichts und einer ewigen Hölle als endgültigem Ziel. Thoms versucht mit Empathie und Ernst, diesen Widerstand zu verstehen und zu entkräften.

Trotz dieser starken Seiten wirft das Buch wesentliche Fragen hinsichtlich der Plausibilität und Gründlichkeit von Thoms’ Argumentation auf. Ein erstes Schwächemoment ist der begrenzte Rückgriff auf akademische Literatur, die der Lehre der Allversöhnung kritisch gegenübersteht. Thoms konfrontiert seine Leser vor allem mit allgemeinen Gegenargumenten, vermeidet jedoch eine vertiefte Auseinandersetzung mit einflussreichen systematischen oder exegetischen Gegenstimmen. Im Literaturverzeichnis fehlen zum Beispiel englischsprachige Werke, etwa Michael J. McClymond: The Devil’s Redemption. A New History and Interpretation of Christian Universalism, 2 Bde., Grand Rapids: Baker, 2018 oder Ilaria Ramelli, The Christian Doctrine of Apokatastasis. A Critical Assessment from the New Testament to Eriugena, Leiden: Brill, 2013. Der Verfasser beschränkt sich auf deutschsprachige Literatur. Zudem werden keine einschlägigen wissenschaftlichen Arbeiten herangezogen, die sich kritisch-ablehnend mit Allversöhnung auseinandersetzen. Die Entscheidung des Autors, stattdessen vor allem das populär gehaltene Buch von Hans-Werner Deppe zu verwenden (kein Theologe, sondern Informatiker und Verleger), ist akademisch nicht zu verantworten. Dadurch entsteht der Eindruck, es gebe kaum noch ernstzunehmende theologische Einwände gegen seine Sicht, was die Überzeugungskraft des Arguments deutlich schwächt.

Das ist problematisch, gerade weil die Allversöhnung innerhalb der christlichen Tradition umstritten bleibt. Sowohl die kirchengeschichtliche Überlieferung als auch zahlreiche biblische Texte scheinen auf ein endgültiges Gericht und dauerhafte Verlorenheit hinzuweisen. So fehlen in der Bibel klare Beispiele dafür, dass Menschen nach dem Tod durch einen Heilungsprozess, wie er etwa in einem Krankenhaus stattfindet, letztlich doch noch zur Anerkennung der Wahrheit Gottes gelangen und Erlösung finden. Auch äußert die Bibel sich nicht explizit in diese Richtung. Wohl aber bringt sie wiederholt Gottes Wunsch zum Ausdruck, die ganze Welt mit sich zu versöhnen. Kritiker betonen zudem, dass biblische Aussagen über Erlösung „für alle“ häufig eine potenzielle Universalität beschreiben, zugleich jedoch klar machen, dass Glaube, Umkehr und Gehorsam unverzichtbare Bedingungen sind. Da Thoms diese Spannung kaum ausarbeitet, droht seine Sicht in eine Theologisierung der Hoffnung abzugleiten, statt in eine ausgewogene Exegese.

Hinzu kommt, dass die hermeneutische Spannung zwischen Gottes Liebe und anderen göttlichen Eigenschaften unterbelichtet bleibt. Thoms hebt zu Recht Gottes Liebe als Motor des Heilshandelns hervor, geht aber kaum ein auf Attribute wie Heiligkeit, Gerechtigkeit oder Zorn über das Böse. In der klassischen Theologie wird Gottes Liebe nie losgelöst von seiner Gerechtigkeit und Wahrheit verstanden. Es ist ein typisch menschlicher Gedanke, dass Zorn und Ärger nicht liebevoll und bei Gott sogar bösartig seien. Für Menschen lässt sich das vom Evangelium her reflektieren, doch das Evangelium erlaubt nicht, dieselbe Reflexion ohne Weiteres auf Gott zu übertragen. Es gibt keine Liebe, die unabhängig von Gottes anderen Wesenszügen steht. So spricht die christliche Theologie seit jeher von einer liebevollen Gerechtigkeit, liebevollen Heiligkeit, liebevollen Wahrheit und liebevollen Gnade Gottes. Diese lassen sich in der Verkündigung nicht beiseiteschieben, nur weil sie nicht zum vorherrschenden Gottesbild der westlichen Kultur passen. Eine grenzenlose Liebe Gottes muss nicht bedeuten, dass keine liebevollen Grenzen bestehen. Eine wirklich biblische Betrachtung der Allversöhnung erfordert daher eine gründliche Reflexion darüber, wie Gottes Liebe mit seinem Gericht zusammenfällt und wie sich seine Barmherzigkeit zu seiner Abkehr von Bösem und Unrecht verhält. Aus kritischer Perspektive kann eine grenzenlose Liebe nicht automatisch bedeuten, dass es für Gottes Gericht keine Grenzen gibt.

Ein Vergleich mit Theologen wie Hans Urs von Balthasar macht den Unterschied deutlich: Während Balthasar von einer „begründeten Hoffnung“ auf Allversöhnung spricht, vertritt Thoms die feste Überzeugung, dass alle gerettet werden. Das ist theologisch kein Detail, sondern berührt den Kern der eschatologischen Hoffnung. Hoffnung lässt Raum für Ungewissheit und Verantwortung, Gewissheit hingegen birgt das Risiko des Dogmatismus.

Zudem erweckt die Art, wie Thoms seine Gegner charakterisiert – als Menschen, die in einer „Höllenpsychose“ oder „Höllenfantasie“ gefangen seien – den Eindruck, dass Einwände vor allem psychologisch motiviert seien. Damit verkennt er, dass viele Gegenargumente ein tiefes theologisches und exegetisches Gewicht haben und nicht bloß gefühlsmäßig sind. Sein Ansatz läuft Gefahr, die Debatte zu vereinfachen und legitime Fragen zu minimieren oder beiseitezuschieben.

Martin Thoms Es ist vollbracht! Oder doch nicht? ist ein theologisch motiviertes, pastoral durchdachtes und im Ton empathisches Buch. Er bietet eine konsistente und hoffnungsvolle Perspektive auf Gottes Erlösungswerk, die im Licht der Schrift und des Wirkens von Jesus ernst genommen werden sollte. Sein Plädoyer kann gewiss zu einem fruchtbaren Gespräch innerhalb von Kirche und Theologie beitragen über die Reichweite von Gottes Liebe und das Ziel des Heils.

Dennoch überzeugt das Buch nicht vollständig als systematisch theologisches Antwortwerk auf die Einwände, die es selbst zu entkräften versucht. Die einseitige Betonung der Liebe, die unzureichende Berücksichtigung kritischer Literatur abweichender Positionen und das Fehlen einer Reflexion über das Verhältnis von Gottes Liebe zu seinen anderen gleichwertigen Eigenschaften machen die Argumentation theologisch angreifbar. Das Buch bleibt eine eindringliche Einladung zum Weiterdenken, bildet aber noch keine schlüssige Apologie für eine endgültige Versöhnung aller.

Als Rezensent schätze ich Thoms’ Mut und Engagement. Sein Werk ist wertvoll, nicht als Endpunkt, sondern als Anstoß zu einer vertieften theologischen Reflexion über Gottes Liebe, Gericht und die eschatologische Perspektive des Evangeliums.


Dr. Raymond R. Hausoul, Lehrbeauftragter für Systematische Theologie und Hermeneutik an der ETF Leuven und Pastor einer evangelischen Freikirche in Kortrijk