Historische Theologie

Boris Gübele: Deus vult, Deus vult

Boris Gübele: Deus vult, Deus vult. Der christliche heilige Krieg im Früh- und Hochmittelalter, Mittelalter-Forschungen 54, Ostfildern: Jan Thorbecke, 2018, geb. mit Schutzumschlag, 452 S., € 50,–, ISBN 978-3-7995-4377-4

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Im November 1095 rief Papst Urban II. in Clermont dazu auf, ins Heilige Land zu ziehen, und die dort versammelte Menschenmenge antwortete mit „Gott will es“ – die Geburtsstunde des Ersten Kreuzzugs. Doch war dieser Kreuzzug ein „heiliger Krieg“ und wie kam es zur Idee vom heiligen Krieg im Christentum? Dieser Frage widmet sich die geschichtswissenschaftliche, für die Publikation leicht überarbeitete Dissertation von Boris Gübele, mit der er 2013 an der Universität Stuttgart promoviert wurde und die nun in der einschlägigen Reihe „Mittelalter-Forschungen“ erschien.

Gübele sucht nicht als erster eine Antwort auf die Frage nach dem heiligen Krieg, doch konzentriert er sich auf die inhaltliche Entwicklung des Gedankens und bietet einen Gang durch die Ideen-Geschichte in – mit Einleitung (Kap. 1), Resümee (Kap. 23) und Quellen- und Literaturverzeichnis (Kap. 24) – 24 Kapiteln. Er beginnt in der Spätantike bei Konstantin dem Großen und Augustinus (Kap. 2) und verfolgt die Idee des heiligen Krieges über Papst Gregor I. (Kap. 3), die byzantinische Tradition (Kap. 4–5) und frühmittelalterliche Zeugnisse (Kap. 7–10) bis zu Quellen aus der unmittelbaren Vor- und Zeitgeschichte des Ersten Kreuzzugs im 11. Jahrhundert (Kap. 11–21) und zu Bernhard von Clairvaux (Kap. 22). Der Aufbau zeigt die Intention, einen gründlichen, chronologischen Durchgang durch die Jahrhunderte und wichtigsten Quellen zu geben, doch wirkt er aufgrund der unterschiedlichen Länge der Kapitel etwas unausgewogen: So umfasst das Kapitel zum Krieg in der byzantinischen Tradition (Kap. 4) mehr als 50 Seiten mit 12 Unterabschnitten, während andere Kapitel nur drei bis vier Seiten umfassen.

Einleitend (Kap. 1) gibt Gübele einen Überblick über die bisherigen Versuche, einen „heiligen Krieg“ zu definieren, auch in Abgrenzung zum „gerechten Krieg“ oder „Religionskrieg“. Dabei charakterisiert der Autor selbstbewusst die bisherige Forschung als „oft allzu oberflächlich, allzu pauschalisierend“ (13). Er selbst will auf eine Definition verzichten, da das Ziel der Arbeit sein soll, „nach ausgiebiger Auseinandersetzung mit den Quellen zu einem eigenen Verständnis von ‚heiligem Krieg‘ zu gelangen, das eben so aussehen könnte, dass Krieg als heiliges Handeln verstanden wird, so, wie wenn ein Gottesdienst zelebriert wird“ (24). Damit gibt Gübele bereits eine (vorläufige) Definition, die sich im Lauf der Untersuchung bestätigt und die auch notwendige Voraussetzung dafür ist, um bei den im Folgenden untersuchten Quellen zu beurteilen, inwiefern in diesen die Idee eines heiligen Krieges vorliegt.

Gübele verfolgt die Genese eines christlichen heiligen Krieges auf inhaltlich-motivischer Ebene von biblischen Einzelaussagen bis ins 11. Jahrhundert und untersucht dazu Texte „von Historiographie bis Poesie, von Briefen bis Romanen, von Inschriften bis hin zu Miniaturen“ (25), aber auch Bildquellen, mit Schwerpunkt auf der westlichen Tradition. Das Vorhaben ist groß, und der Verfasser zeigt auf den folgenden 400 Seiten und in den 2425 Fußnoten eine breite Kenntnis der Quellen sowie der einschlägigen Forschung. Der fließende Übergang zwischen dem Referieren der Quellen im Blick auf das Themenfeld der Sakralisierung des Krieges und der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur macht die Lektüre aber nicht immer leicht.

In der Analyse der Quellen kommt Gübele zu überzeugenden Thesen: So bildete die byzantinische Tradition, insbesondere in der Überlieferung zu Kaiser Herakleios’ Feldzug gegen die Perser (51–106), einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Idee vom heiligen Krieg, denn hier konnte Krieg nicht nur innerhalb eines religiösen Kontexts verstanden, sondern sogar sakralisiert werden. „Die angeführten Textstellen zeigen, dass das byzantinische Reich im siebten Jahrhundert eine Vorstellung gekannt haben dürfte, die der eines heiligen Krieges äußerst ähnlich war“ (75). Auch wenn Einflüsse auf den Westen nur schwer nachweisbar sind, ist Gübeles These plausibel, „dass die Entstehung einer Idee vom heiligen Krieg in Lateineuropa von Byzanz beeinflusst worden sein könnte“ (106), und es ist eine Stärke der Arbeit, die östliche Tradition und ihre Rezeption in der westlichen Christenheit erarbeitet zu haben.

Wird der heilige Krieg als religiöses Handeln verstanden, dann „lässt sich im frühen Mittelalter allerdings noch kein echter heiliger Krieg innerhalb der lateinischen Christenheit ausmachen“ (242). Aus der Verbindung von liturgischem Handeln (Gottesdienstfeier, Segnung von Waffen u. a.) und Kriegshandeln sieht der Verfasser aber den Gedanken des christlichen heiligen Kriegs hervorgehen, und zwar im Verlauf des 11. Jahrhunderts, an dessen Ende der Aufruf Papst Urbans II. steht. Unter Berücksichtigung von religiösen Elementen (Martyrium, Gottes Wille, Ablassgedanke, Heilige Lanze u. a.) und liturgischen Handlungen kann daher der Erste Kreuzzug als heiliger Krieg gelten: „Im Empfinden der Menschen konnte Krieg hier wirklich zum Gottesdienst werden, konnte er sakrales Handeln darstellen, konnte der Zug in die Schlacht zur Prozession, der gefallene Krieger zum Märtyrer, der Kämpfer zum Pilger werden“ (374).

Hier bedient sich der Autor eines theologischen Vokabulars, während er im Resümee die Definition von „heilig“ („Diese Thematik würde gewiss allzu sehr in den Bereich der Theologie hineinreichen“, 388) zugunsten einer kontext- und zeitbedingten Annäherung an Idee und Begriff des heiligen Kriegs vermeidet. Auch abschließend fällt er ein theologisches Urteil: „Aus der einst eher pazifistisch gesinnten christlichen Religion war eine Religion des Krieges geworden, aus Christus ein Kriegsfürst“ (398). Ob diese Deutung zutrifft, sei dahingestellt; mit Recht aber hat Gübele die Bedeutung des 11. Jahrhunderts für die Idee des heiligen Krieges herausgearbeitet und aus den Quellen eine Definition von heiligem Krieg abgeleitet: „Erst dann, wenn der Krieg selbst als heilige Handlung aufgefasst wird, kann man meiner Ansicht nach von einem heiligen Krieg sprechen. […] Wenn Krieg zum Gottesdienst, ja zur Eucharistiefeier wird, dann handelt es sich gewiss um einen heiligen Krieg“ (393). Hier würde der theologisch interessierte Leser gerne mehr wissen; doch gehören die dezidiert theologischen Schriften zu Kreuzzügen und Kreuzzugskritik, abgesehen von einem kurzen Abschnitt zu Bernhard von Clairvaux (377–382), nicht mehr zum Untersuchungsgegenstand der Arbeit.

Im Gang durch die Jahrhunderte und Quellen sowie in der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur ist die Arbeit detailreich. Der Leser wird ihr am ehesten gerecht, wenn er die Thesen Gübeles nachvollzieht und zugleich die Arbeit als Anregung versteht, die Quellen selbst zu lesen.

Dr. Ulrike Treusch, Professorin für Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen