Neues Testament

Joel White: Der Brief des Paulus an die Kolosser

Joel White: Der Brief des Paulus an die Kolosser, HTA, Holzgerlingen: Brockhaus, 2018, geb., 450 S., € 39,90 ISBN 978-3-7655-9736-7


Als unterdessen 15. (Teil-)Band erschien 2018 die Auslegung des Kolosserbriefes in der Historisch-theologischen Auslegung des Neuen Testaments (die Reihe nummeriert ihre Bände nicht) aus der Feder von Joel White. Der Autor lehrt Neues Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gießen und ist auch Adjunct Professor of New Testament am Gordon-Conwell Theological Seminary (Hamilton, Massachusetts, USA).

In neun kurzen Einleitungskapiteln behandelt White Fragen rund um die Stadt Kolossä und deren christlicher Gemeinde, die klassischen Fragen nach Verfasserschaft, Ort und Zeit der Abfassung, Aufbau und Textüberlieferung. Ein besonderes Augenmerk erhält die „Kolossische Irrlehre“ und die Beziehung des Kolosserbriefes zu anderen Schriften im Corpus Paulinum. Einige der Ergebnisse oder Entscheide nach Abwägung unterschiedlicher Möglichkeiten sind: Die Gemeinde in Kolossä wurde durch den (späteren) Mitarbeiter Epaphras des Paulus wohl aufgrund seiner Erstbegegnung mit dem Apostel während dessen 1. Missionsreise in Antiochia bereits in den Jahren 46–47 gegründet. Es ist sehr wohl möglich, dass Paulus bereits vor der Abfassung des Kol auf seiner 3. Missionsreise die Gemeinde besuchte (mit B. Reicke). Die vor allem sprachlichen und theologischen Argumente gegen eine Verfasserschaft durch Paulus werden ausführlicher besprochen (16–28), mit dem Fazit, dass „wohl die beste Erklärung für den eigentümlichen Stil des Kol“ in der Mitautorschaft des Timotheus (Kol 1,1) zu finden ist, Paulus aber „die Hauptverantwortung für die Themenwahl des Kol getragen und dessen Inhalt entscheidend geprägt hat“ (28). Abfassungszeit und -ort hängen bei dieser Annahme eines echten Paulusbriefs daher eng mit dem Philemonbrief zusammen, und zwar während des dreijährigen Aufenthalts 53–55 n.Chr. in Ephesus. Beim Textbestand weicht W. an acht Stellen von NA28 ab und behandelt diese im Kommentar auch ausführlicher als andere textkritische Fragen. Ein engeres Verhältnis zu den Paulusbriefen sieht W. historisch insbesondere beim Phlm und literarisch mit dem Eph. Dies wird allerdings äußerst knapp auf zwei Seiten abgehandelt. Der Kol setzt sicher hinsichtlich der Christologie, Eschatologie und Ekklesiologie seine eigenen theologischen Akzente, aber methodisch soll im Kommentar – m. E. zu Recht – die Situationsbedingtheit eines einzelnen  Schreibens höher gewichtet werden als der Versuch eine Übereinstimmung mit einer (effektiv fiktiven) Gesamttheologie des Apostels zu finden. Ausführlich wird die Frage nach der „Kolossischen Irrlehre“ gestellt (35–50) und die Apostrophierung zeigt bereits, dass W. zurückhaltend ist, ob aus den Texten – und es stehen nur diejenigen des Kol (v. a. 2,8.16–23) zur Verfügung – eine ganze „Irrlehre“ rekonstruiert werden kann. Die methodischen Überlegungen und sachlichen Ausführungen dazu überzeugen. Es werden 8 konkrete Vorschläge vorgestellt und diskutiert und W. plädiert dafür, dass die bekämpften Ansichten zu einer „in ihren wesentlichen Zügen jüdische[n] Glaubensrichtung (am ehesten) pharisäischer Prägung, die in den Diaspora-Synagogen Kleinasiens nicht ungewöhnlich war“ gehören (46–47). Die Ausdrucksweisen in den Texten können nachweislich auf jüdische Quellen zurückgeführt werden und der Kommentar arbeitet mit der „These, dass die Irrlehre in ihren Grundzügen jüdisch war“ (50).

Aufbau und Gliederung des Kol entsprechen im Wesentlichen dem eines echten Briefes des Paulus. 1,1–2,5 ist der Briefanfang, 2,4–46, der Briefkorpus und 4,7–18 der Briefschluss. Dabei ist am ehesten unklar, wohin 2,4–5 gehört und v. a. 2,20–3,4 könnte insgesamt ein Abschnitt mit Scharnierfunktion zwischen der Warnung vor falschen Lehren (2,8–23) und den ethischen Ermahnungen (3,5–4,6) sein.

Diesem Aufbau folgt dann auch die eigentliche Auslegung auf insgesamt 320 Seiten, bevor die Bibliografie (381–417: Quellentexte; Hilfsmittel; Kolosser-Kommentare; andere Kommentare; Aufsätze und Monografien) und ein Autoren- ein Stichwort- und ein Verzeichnis griechischer Wörter den Band abschließt. – Die fortlaufende Auslegung folgt dem vorgegebenen Muster (Übersetzung; Struktur inkl. textkritische Anmerkungen; Einzelexegese und Zusammenfassung).

Die Einzelauslegung kann verständlicherweise hier nur exemplarisch besprochen werden. Die (v. a. literarkritischen) Fragen rund um das sogenannte Christuslied 1,15–20 werden ausgewogen und überlegt besprochen und beantwortet. Es ist am ehesten „ein poetisches Stück“, das wohl tatsächlich als Lied im Kontext des christlichen Gottesdienstes entstanden ist. Es ist also eher nicht von Paulus selbst gedichtet, aber hier mit der Aufnahme in den Kol „bejaht er seinen Inhalt und macht es förmlich zu seinem eigenen Lied“ (106–107). W. macht einen nachvollziehbaren Strukturvorschlag dafür (111) und folgt vor allem Stettler in der These, dass der Text sich unmittelbar an atl. Traditionen anlehnt. – Die theologisch dichte Aussage im Abschnitt 3,5–11, die Christen in Kolossä hätten den alten Menschen ausgezogen und den neuen Menschen angezogen, welcher nun erneuert wird (V.9–10), wird m. E. ungenügend gedeutet. Richtig gesehen ist, dass der alte/neue Mensch für das Christ-Werden (als innerer Vorgang; die Taufe als äußerer Ritus höchstens implizit im Hintergrund) steht. Aber es ist nicht so, dass „jener neue Mensch … durch einen Prozess der ,Erneuerung‘“ (V.10) entsteht (296). Der Text sagt vielmehr, dass der neue Mensch „geschaffen“ (s. Neuschöpfung) ist und dieser „neue Mensch“ nun auch (noch) „erneuert“ wird. In diesem attributiven Partizip „erneuert“ steckt nicht etwa das ganze anthropologische Drama des Sündenfalls (297), sondern mit diesem wohl von Paulus selbst geprägten Begriff fasst er all das zusammen, was man unter „Heiligung“ versteht (zentral wäre beim Verweis auf 2Kor 4,16, dass dort 3,18 mit dem Ausdruck „Tag für Tag erneuert“ zusammengefasst ist). Insgesamt ist allerdings zu sagen, dass auch die theologische Auslegung gelungen ist und es fällt auf, dass sprachlich-grammatikalische Fragen sorgfältig besprochen und entschieden werden (bei 2,13–15 mit einem Struktur- und bei 2,23 mit einem Satzdiagramm). – Ein letztes Beispiel: Die durch die Aussage in 4,16 aufkommende Frage, was mit dem „Brief aus Laodizäa“ gemeint sein könnte, wird mit kurzen Verweisen insbesondere auf die bereits frühen Vermutungen, es könne sich um den Eph oder den Phlm handeln, aufgegriffen. Auch die Meinung moderner Vertreter einer pseudepigraphischen Abfassung des Kol, dieser sei in Wirklichkeit an Laodizäa gerichtet gewesen, wird erwähnt. Diese Thesen würden aber nicht befriedigen und es sei wahrscheinlicher, dass dieser Brief nicht nur nicht in die Paulusbriefsammlung aufgenommen wurde, sondern auch verloren ging. – Noch ein Wort zu den „Zusammenfassungen“ am Ende jedes Abschnittes, die gemäß der Herausgeber auch die Wirkungsgeschichte und Bedeutung für die Gegenwart enthalten soll. Ich hätte mir noch öfter gewünscht, dass über eine „innerbiblische“ und oft auch „theologisch gute“ Zusammenfassung hinaus kreativ Bezüge „zur Gegenwart“ hergestellt würden. Manche Ausführungen in den Zusammenfassungen bleiben ein Stück weit „im 1. Jh. stecken“. Es gibt aber durchaus auch gelungene, wie z. B. die Zusammenfassung zu dem soeben besprochenen Abschnitt der „Haustafel“ 3,18–4,1, die mit der Frage beginnt, was solche Aussagen den Menschen der Moderne bzw. Postmoderne zu bieten haben. Darauf folgen hilfreiche Ausführungen zu den im Text angesprochenen Menschengruppen und den dazu gehörenden aktuellen Fragen und Herausforderungen.

Erfüllt der Kommentar die Anforderungen und Erwartungen der Reihe? Auf jeden Fall. Der Kol wird solide, ausgewogen und auf neustem Stand der Forschung ausgelegt. Die Aufmachung des Buches ist qualitativ gut, Druckfehler habe ich bisher noch keinen gefunden und es wird eine Freude sein für jeden Theologen und Interessierten zu der Auslegung zu greifen, wenn es das nächste Mal gilt einen Text des Kol auszulegen, darüber zu predigen oder einfach besser zu verstehen.


Pfr. Dr.theol. Jürg Buchegger-Müller, Wetzikon ZH Schweiz