Michael Ponsford: Das erste Buch Samuel

Michael Ponsford: Das erste Buch Samuel, Edition C Bibelkommentar Altes Testament 11, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2019, geb., 346 S., € 24,99, ISBN 978-3-417-25093-0


Der vorliegende Kommentar zum ersten Samuelbuch von Michael Ponsford stellt eine Erweiterung und Vertiefung seiner am London Bible College verfassten Magisterarbeit mit einem narrativ-linguistischen Schwerpunkt dar. Diese Herkunft schlägt deutlich in den Kommentar durch und verleiht ihm einen weitgehend technischen Charakter. Auch die 62 Einträge umfassende Bibliografie (343–346) enthält zu mehr als 75% Publikationen aus den 1970–80er Jahren, während nur acht Werke anscheinend Nachträge neueren Datums sind; zudem fehlen Angaben zu den benutzten Lexika (wohl nur das englischsprachige BDB [10]).

Unter Aufnahme der Ideen von Robert Alter, Jan Fokkelman und Meir Sternberg gliedert Ponsford das erste Samuelbuch als literarisches Werk in sieben Akte (1Sam 1–7; 8–12; 13–15; 16–17; 18–20; 21–27; 28–31), welche jeweils in drei bis sechs Episoden und diese wiederum in bis zu sechs manchmal nur wenige Verse umfassende Szenen eingeteilt werden. Die so erhaltene kleinformatige Gliederung, in dessen Überschriften Ponsford Personencharakterisierungen in den Vordergrund stellt, verwehrt leider den Blick auf das große Bild, welches das erste Samuelbuch sowohl als Ganzes als auch in seinen größeren, ein oder mehrere Kapitel umfassenden Abschnitten zeichnen möchte und welches Ponsford in seinem Kommentar auch nicht an anderer Stelle thematisiert. Zudem schlägt die ermittelte literarische Struktur kaum in die Auslegung durch; die knappen Ausführungen zu den Verhältnissen Samuels zu Saul (193–194) und Sauls zu David (1Sam 18–19 [225–228]) sowie die Bibelarbeitsvorschläge zu 1Sam 13; 15 (194–195), 1Sam 28–31 (339–340) und dem Vergleich zwischen Saul und David (341–342) bleiben trotz ihrer Kürze Ausnahmen.

Stattdessen wird die Auslegung durch linguistische, semantische, syntaktische und grammatikalische Erläuterungen zu einzelnen Worten des hebräischen Textes dominiert, zu denen Ponsford nicht selten meist deutsch-, aber auch fremdsprachige Bibelübersetzungen zum Vergleich heranzieht. Theologisch bedeutsame Themen fallen dagegen unter den Tisch, wie etwa die Forderung Israels nach einem König (1Sam 8), welche Ponsford auf nur acht Seiten vornehmlich linguistisch streift (113–120). Auf der anderen Seite erläutert er die Verwerfung Sauls (1Sam 15) auf zehn Seiten (182–191) theologisch bemerkenswert ertragreicher und wendet diese Erzählung hervorragend mit einem ansprechenden Bibelarbeitsvorschlag zu den beiden Kapiteln 1Sam 13; 15 (194–195) auf das geistliche Leben des heutigen Lesers an. Weitere positive Beispiele sind die Charakterisierung des Verhältnisses zwischen Saul und David zueinander (1Sam 18–19 [225–244]), die Erläuterungen zu Sauls Besuch bei der Totenbeschwörerin (1Sam 29 [314–323]) sowie die Gegenüberstellung der Reaktionen Sauls und Davids bei feindlichen Bedrohungen (1Sam 30 [326–334]).

Die Übersetzung und Exegese des Grundtextes erscheinen uneinheitlich, wodurch dem Leser der Gehalt der Übersetzung unnötig verschleiert wird. Flüssig, allerdings auf Kosten der Grundtexttreue, wiedergegebene Texte mit sprachlich ansprechenden Formulierungen finden sich neben wörtlichen Übersetzungen. So übersetzt Ponsford etwa das im MT prägnante dreimalige הִנֵּה (1Sam 12,1–2) in einem insgesamt eher sinngemäß übersetzten Abschnitt sehr frei mit drei verschiedenen, im Kommentar nur vage gerechtfertigten, Worten (153), während er das vierfache נֶפֶשׁ (1Sam 18,1–3) in einem insgesamt eher wörtlich übersetzten Abschnitt unverändert als „Seele“ übernimmt und recht unklar wohl als Sitz der Gefühle interpretiert (228).

Zu mehreren z. T. zentralen Abschnitten des ersten Samuelbuches hat der Rezensent tiefere exegetische Ausführungen erwartet. Was bedeutet es etwa literarisch für den Fortgang des ersten Buches Samuel (und weiter bis über die Königsbücher hinaus), historisch für die Geschichte Israels mindestens bis zum Exil, theologisch für das Königtum Jahwes nicht nur in Israel und homiletisch für die Beziehung des Volkes Gottes zu seinem göttlichen König, dass das Volk Gottes einen König fordert, welcher sie wie bei allen Völkern regieren solle (1Sam 8,5.7), und liegt „[d]ie Spannung der folgenden Erzählung“ tatsächlich nur „in der Frage, ob und inwiefern Gott dieser Bitte nachkommen“ werde (117)? Hat die Gegenüberstellung des unbeschnittenen Philisters und der Schlachtreihen des lebendigen Gottes im Munde Davids (1Sam 17,26 [214]) wirklich keine Bedeutung, welche in einem Kommentar zu nennen wäre? Warum übernimmt Ponsford 1Sam 12,11 ohne Kennzeichnung geschweige denn Begründung die Übersetzung Barak aus der LXX für das anderweitig (z. B. McCarter, I Samuel, AncB 8, New York, NY: Doubleday, 1980, 211; Spronk, Judges, HCOT, Leuven, et. al.: Peeters, 2019, 363 – und nicht nur auf diese Weisen) plausibel erklärbare Bedan des MT (154)?

Die Edition-C-Kommentarreihe hat das Ziel, das AT für die neutestamentliche Gemeinde besser verständlich zu machen und Predigten aus dem AT zu fördern. Diesem Ziel wird der vorliegende Kommentar formal, exegetisch und homiletisch leider nur teilweise gerecht. Formal kann der Prediger in der gemeindlichen Praxis nämlich nur schwer Auslegungen zu bestimmten Abschnitten und Versen finden, da die Kopfzeilen zu allgemein gehalten sind und den Überschriften unterhalb der Episoden-Ebene (außer 1Sam 1–3; 5,1–7,1; 14,47–52; 20,35–22,5; und kapitelübergreifende Überschriften) sämtliche Kapitelangaben fehlen. Exegetisch werden des Hebräischen mächtige Leser nichtsdestotrotz einige interessante Handreichungen für ihre eigene Predigtvorbereitung finden. Wer Hebräisch nicht gelernt hat, wird die zahlreichen Bezüge auf den hebräischen Grundtext allerdings eher hinderlich finden und die Argumentation des Autors vielfach nur schwer nachvollziehen können; doch wer sein einmal gelerntes Hebräisch auffrischen möchte, wird hoffentlich motiviert werden, wieder in den Grundtext einzusteigen und künftig häufiger auf dieser Grundlage zu predigen. Die in den Kommentar eingefügten siebzehn gut ausgearbeiteten und praxisnahen homiletischen Vorschläge zu 1Sam 1–7; 9–15; 16,7.13–14; 17–18,4; 25; 28–31 werden dafür dankbar angenommen werden.


Dr. Wolfgang Bluedorn, Neuwied