Fabian F. Grassl: In the Face of Death

Fabian F. Grassl: In the Face of Death. Thielicke – Theologian, Preacher, Boundary Rider, Eugene: Pickwick Publications, 2019, Pb., XXV+266 S., $ 35.00­, ISBN 978-1-5326-5547-0


Theologie ist Biographie. Oder zumindest ist wissenschaftliches Arbeiten in einem so existentiellen Fach wie der Theologie schwerlich ohne den Einfluss des eigenen (Er‑)Lebens zu erfassen. Fabian F. Grassl hat diese These in seiner Dissertation an der Queen’s University Belfast in Nordirland (begleitet durch Prof. Stephen N. Williams) für Werk und Leben des Theologen Helmut Thielicke ausgelotet.

Thielicke zählt zu den bekanntesten theologischen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Der Systematische Theologe hinterließ nicht nur eine umfangreiche akademische Sammlung, sondern auch viele Predigten und pastorale Schriften, die tiefe Einblicke in seine Lebens- und Gefühlswelt bieten. Letztere bilden die Grundlage für Grassls Projekt: „to demonstrate that Thielicke’s theological thought is permeated by a particular biographical period“ (XXI). Bei diesem prägenden Lebensabschnitt liegt es nahe, an Thielickes Erfahrungen unter dem Regime der Nationalsozialisten zu denken. Der wesentliche empirische Unterbau von Thielickes Theologie finde sich jedoch vielmehr in einer lebensgefährdenden Erkrankung, die er als junger Erwachsener erlitt. Eines Nachts im Krankenhauszimmer beschließt Thielicke, eine Medikamentenüberdosis zu schlucken, die ihn entweder töten oder heilen soll. Im Angesicht eines Kruzifixes beginnt der junge Theologiestudent, für den das Christentum bisher metaphysische Theorie blieb, zu beten und macht seinen Frieden mit Gott. Am Karfreitag 1933 erwacht er – geheilt (27ff). Diese Turm- bzw. Bekehrungserlebnis soll nach Grassls These Grundlage für Thielickes jahrzehntelanges theologisches Denken werden (XXI).

Nach einer biographischen Darstellung konzentriert sich der zweite Teil der Arbeit auf Thielickes dogmatische Grundentscheidungen. Dabei treten hinsichtlich der Forschungsthese drei Einsichten ans Licht. Erstens: Thielicke betrachte, ganz seiner lutherischen Prägung entsprechend, den Moment der Anfechtung (tentatio) bzw. menschlichen Leids als grundlegend für die Entstehung von Gottvertrauen (82–87). Dies spiegele Thielickes eigene Erfahrung wider, der im Höhepunkt seines Krankheitsleidens seine eigentliche Hinwendung zu Gott erfuhr. Die zweite Beobachtung verläuft ebenfalls im Anschluss an lutherische Denkwege, denn der Glaube, den Thielicke in diesem Lebensabschnitt gewinnt, ist durch ein personalistisches Gottesbild und einen relationalen Charakter geprägt: „During his sickness-unto-death and period of hospitalization he went through severe theological crises as to both. After his miraculous recovery, however, his deep conviction of God’s personal being, of God being the one who essentially loves, reveals itself systematically as well as homiletically“ (131). Aus den ersten beiden Schlüssen folgt als drittes Kennzeichen eine existentielle Lösung der Theodizee-Frage. Fragen nach Bedeutung und Sinn in menschlichem Elend finden in Thielickes Theologie keine Antwort, aber sie finden Gemeinschaft so wie Thielicke selbst: „in the midst of the most intense borderline situation possible, he [Thielicke]‚ recognized him [Jesus] as a brother and companion and talked to him.‘ He thus overcame meaninglessness and entered a relationship with ultimate meaning – indeed, with crucified meaning“ (157f). Thielicke erlebt in einer leidvollen Grenzsituation eine Kehrtwende von abstraktem metaphysischem Überlegen zu dem Gott, der ihm (im Kruzifix vor Augen stehend) in seinem Leiden am Kreuz näher ist, als jeder Mensch es sein könnte. Aus diesem Leid- und Glaubensverständnis würden auch die auffallend individualistischen Züge von Thielickes Theologie erklärbar: „He is not concerned with the objective fact of Christ’s presence in Word and Sacrament, as classic Lutheranism is, but with the subjective impact of Christ’s spiritual presence on the emotions and psyche of his hearers“ (165). Diese existentielle Auffassung des Glaubensaktes birgt, nach Grassl, Widersprüchlichkeiten für Thielickes eigene Theologie, die im letzten Teil der Arbeit über Thielickes Verkündigung erörtert werden.

Thielicke betone auch in Predigten, dass christlicher Glaube in der Anfechtung geboren wird. Es sei ein Glaube wider das, was der Verstand wahrnimmt: „It is a faith against appearances, not because of some criteria, but in spite of the circumstances“ (192). An dieser Stelle zahlt sich Grassls akribisches Vorgehen aus, wenn er verdeutlicht, dass Thielickes Verkündigung aus epistemologischen Grundentscheidungen erwächst. Fiducia als der Akt des persönlichen Glaubens wird bei Thielicke von vernünftigen Schlüssen der Ratio (assensus/notitia) getrennt. Theologische Reflexion könne dem schon vertrauenden Glauben immer nur folgen (182f). Diese starke Trennung von glaubendem Vertrauen und rationalem Wissen über dogmatischer Wahrheit, die Grassl in der Tradition Schleiermachers verortet, könnte zu dem (fragwürdigen) Schluss führen, der Verstand hindere den Glauben (193f). An Thielickes Eschatologie zeige sich außerdem, dass Thielickes viel beschworenes Gottvertrauen wider alle Umstände gerade durch das Vertrauen auf dogmatische, aber (noch) nicht sichtbare Wahrheiten (z. B. die Totenauferstehung) ermöglicht werde (206–216). Grassl lässt an dieser Stelle erkennen, dass er neben aller Sympathie für Thielicke eine kritische Distanz wahrt, aus der er den Theologen scharfsinnig hinterfragen kann.

Am Ende des Buches bleibt kein Zweifel: Der Einfluss der Krankheit, die Thielicke als junger Mann erlitt, hat sich durch sein Forschen, Denken und Predigen gezogen, ja, förmlich eingebrannt. Grassl zieht ein prägnantes Fazit: „By ‚doing‘ theology, the theologian ideally becomes the actual subject him- or herself. But in the case of Thielicke, we can come under the impression that this specific experiences turn into the main source of his theological thought“ (235). Eindeutiger hätte Grassls Einschätzung zu seiner Forschungsthese wohl kaum ausfallen können. Sie lässt den Leser allerdings mit Fragen zurück: Wie sollte man ein solches theologisches Arbeiten beurteilen? Ist es legitim, dass die Empirie den Sieg über dogmatische Traditionen und den eigenen Verstand davonträgt? Ist es eine Gefahr oder gar Tugend? Grassl hat sich nicht vorgenommen, diese Fragen zu beantworten und sich dementsprechend nicht um Beurteilungskriterien bemüht. Die Arbeit hätte jedoch von einem ausführlicheren Diskurs über den Zusammenhang von Theologie und Biographie als Rahmen profitieren können. Einerseits hätten sich damit sicher lohnenswerte Ausblicke auf theologisches Arbeiten im Ganzen ergeben, andererseits hätte es der abschließenden Aufforderung Grassls zu einer weiteren Rezeption Thielickes mehr Gewicht verleihen können. So allerdings bleibt Grassls Aufforderung zu einer stärkeren Beschäftigung mit Thielicke ein vager Appell, der nicht das mulmige Gefühl übertönen kann, das sich einschleicht, da Thielicke doch als ein Denker beschrieben wurde, der der persönlichen Erfahrung in einer Nacht seines Lebens mehr Bedeutung beimaß als Jahrzehnten akademischen Schaffens.

Auch jenseits der bearbeiteten These ist Grassls Projekt ein Gewinn für jeden, der eine Einführung zu Thielickes Person sucht, denn trotz seiner internationalen Popularität gibt es wenige Arbeiten, die sich systematisch mit Thielickes Biographie beschäftigen. Darüber hinaus nimmt sich Grassl der grundsätzlichen systematischen Kategorien in Thielickes gesamten umfangreichen Werk an. So gibt er seinen Lesern eine zuverlässige und tiefschürfende Lesehilfe für zukünftige Auseinandersetzungen mit Thielickes Arbeiten an die Hand. Man darf gespannt sein, was Thielicke unserer Zeit zu sagen haben wird, wenn die Aufforderung Grassls zum weiteren angeregten Gespräch mit diesem Denker angenommen wird, der die Konfrontation mit den dunklen Seiten unserer Wirklichkeit nicht scheute.


Rahel Siebald, M.A. (FTH Gießen), Göttingen