Peter Zimmerling (Hg.): Handbuch Evangelische Spiritualität

Peter Zimmerling (Hg.): Handbuch Evangelische Spiritualität. Praxis, Bd. 3, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2020, 926 S., geb., € 60,–, ISBN 978-3-525-56460-8


Mit dem 3. Band zur Praxis findet das Handbuch seinen gebührenden Abschluss. Unter der Herausgeberschaft von Peter Zimmerling haben 44 Theologinnen und Theologen mit über 900 Seiten und 49 Beiträgen mitgearbeitet. Wahrlich ein opus magnum! Der Praxisband gliedert sich in fünf Bereiche:

Teil 1: „Kirche und Gemeinde“ (43–182), Teil 2: „Gottesdienst und liturgisches Leben“ (183–318), Teil 3: „Gebet und Bibellese“ (319–414), Teil 4: „Seelsorge und Begleitung“ (415–654), Teil 5: „Lebenswelt und Bildung“ (655–913).

Neben der Einbeziehung der gesellschaftlichen Milieuvielfalt besteht das Ziel von Zimmerling darin, die grundlegenden Formen der Spiritualität in ihrer Pluralität und ökumenischen Weite für die Praxis zugänglich zu machen. Dazu beinhaltet das Handbuch vernachlässigte Glaubensformen, wie etwa „Salbung, Meditation, Enneagramm, Exerzitien, Spiritual Care, Pilgern“ (22), fragt aber auch nach deren Gefährdungen. Ebenso erfreulich ist, dass Familien und Alleinerziehende in einem Beitrag – „Familie als Wiege der Spiritualität“ – berücksichtigt werden (657–675). Die Situation der spirituellen Lebensgestaltung von Singles scheint im Handbuch zu fehlen.

Der Herausgeber will durch das in der postchristlichen Gesellschaft durchaus bekannte Wort „Spiritualität“ Interesse wecken und zugleich für dessen unbekannte Inhalte werben (18). Theologisch entscheidend und für das spirituelle Streben richtungsweisend ist die zugeeignete Gerechtigkeit. Christen müssen vor Gott und Menschen nicht mehr sein als das, was sie sind: hilfsbedürftige, begrenzte Menschen. Von daher ist gewährleistet, dass jegliche Glaubensübungen oder die Zugehörigkeit zu gemeindlichen Gruppen oder individueller Aktionen „nicht unter der Hand zum Ausweis von Christsein werden“ (19).

Unter Teil 1: „Kirche und Gemeinde“ reflektiert Karl Ludwig Ihmels über Spiritualität in der Jugendarbeit (61–100). Durch empirische Studien kommt er zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied macht, ob Kinder und Jugendliche „in einer religiös geprägten oder religiös indifferenten Umgebung aufwachsen“ (61). Umso mehr gilt es zu beachten, die junge Generation geistlich zu begleiten und entsprechende Räume zu bieten, damit sie authentisch ihre spirituellen Erfahrungen ausleben kann (89). Beachtenswert sind die Zusatzinformationen in den Anmerkungen.

Henning Wrogemann beschreibt den Trend der evangelischen Spiritualität in der weltweiten Perspektive (171–182). Er postuliert dabei, dass die bislang als klassisch geltende Definition der Ökumene früherer Jahre (röm.-kath. Kirche, orthodoxen Kirchen, Protestanten, Anglikaner) unter liturgischen und theologischen Gesichtspunkten im 21. Jh. nicht mehr ausreicht. Im Kern fragt der Autor in der neuen intrachristlichen und interkulturellen Ökumene nach der „Spiritualität und Normativität“ (178–182). Es geht um das erhebliche Problem, wer die verbindlichen Maßstäbe für die neue Ökumene setzen kann und darf: sind es die traditionellen oder jüngeren Kirchen?

Im 2. Teil „Gottesdienst und liturgisches Leben“ bezeichnet Alexander Deeg die Predigt „als Intensivform evangelischer Spiritualität“ (205) mit Bezug „auf das Evangelium von Jesus Christus“ (208). Nach Deegs Einschätzung fehlt bisher eine Untersuchung hinsichtlich der zentralen Stellung des Wortes im Gottesdienst, in der die Predigt der Spiritualität zugeordnet wird. Und genau dieses Desiderat hebt er mit seinen von Lutherzitaten durchtränkten Überlegungen auf. Darüber hinaus gelingt es dem Autor, das Geschehen rund um die Predigt mit Hilfe des Resonanzbegriffes von H. Rosa tiefer zu verstehen und seelsorgerlich und fachlich zu reflektieren. Denn „Resonanz ist […] für Rosa die ‘Begegnung mit einem Unverfügbaren‘, die zu einer ‘lebendige[n] Antwortbeziehung‘“ führt (222), und zwar in den vielfältigen Beziehungen zu Gott, zur Bibel, zu den Zuhörenden und zu sich selbst als Prediger. Zweifellos ist dies ein ermutigender Beitrag für alle Verkündiger (205–230).

Der 3. Teil „Gebet und Bibellese“ beginnt in mehrfacher Hinsicht mit einem markanten Artikel. So nutzt Karl-Heinrich Ostmeyer das Stilmittel pointierter Thesen, wie etwa in den Formulierungen: „Jedes von anderen wahrgenommene evangelische Gebet hat missionarische Funktion“ (431) und „Wo sein Name nicht angerufen wird, ist die Verbindung zum Bereich des Heils abgebrochen“ (432). Im Artikel „Bedeutung des Gebets für die Praxis evangelischer Spiritualität“ (421–435) verbindet der Autor das Gebet weiter mit unüblichen Lebensfeldern, etwa der Ehe, den satanischen Angriffspunkten oder dem Gemeindeausschluss.

Peter Zimmerling besitzt, wie so oft, den Mut, eine aus evangelischer Sichtweise weithin brisante Thematik ins Licht zu stellen: die spezifische evangelische Heiligenverehrung (452–475). Ausgehend vom „postmodernen Pluralismus“ ist die Sehnsucht und dringliche Suche nach Vorbildern und Heiligen plausibel. Denn – so seine These – „sie hat das Projekt der eigenen Identität wie zu keiner anderen Zeit der Menschheit in die Verantwortung des Einzelnen gelegt“ (456). Auf dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Analyse entfaltet Zimmerling die theologisch gravierenden Differenzierungen zwischen „der Bedeutung der Heiligen im Protestantismus einerseits und in Katholizismus und Orthodoxie andererseits“ (460). Zusammen mit dem neutestamentlichen Befund und Erkenntnissen der Reformatoren gilt, dass nach evangelischer Auflassung die Heiligen nicht äußerlich verehrt werden, sondern primär ihr vorbildlicher Glaube zählt. Für Zimmerling scheinen solche heiligen Vorbilder unverzichtbar, was er sowohl ekklesiologisch, eschatologisch als auch anthropologisch begründet (466–471).

Teil 4: „Seelsorge und Begleitung“ widmet sich Gaston Nogrady sich einem „vergessene(n) Seelsorgemittel der Kirche“, dem „Exorzismus“ (575–597). Dabei orientiert er sich sowohl am Taufritual der Alten Kirche als auch an Martin Luthers Taufhandlungen und den gegenwärtigen Taufagenden insbesondere für Erwachsene. Hilfreich sind die variantenreichen Formulierungen für die Abrenuntiation (Absage vom Teufel). Sprachlich bleibt Nogrady in seinen Ausführungen nüchtern. Er berichtet biografisch situativ, geht aber auch theologisch diskursiv gegen die „sektiererisch-schwärmerische Dämonologie“ (576) auf der einen Seite und den Rationalismus und eine „Tendenz zur Harmlosigkeit‘“ auf der anderen Seite vor (585). Letztlich plädiert Nogrady aus seelsorgerlicher Verantwortung dafür, dass Exorzismus und eine Abrenuntiation „einen festen Platz in evangelischer Spiritualität haben“ sollen (595).

Gesamtresümee:

Während ein Autoren- und Personenregister vorhanden ist, fehlt leider ein Sachre-gister.

 Es ist dem Verlag zu danken, dass er die Möglichkeit bietet, jeden einzelnen Artikel gesondert von seiner Homepage herunterzuladen. Abgesehen von einigen eher methodischen Mankos lässt sich mein inhaltliches Fazit mit wenigen Prädikaten zusammen-fassen: sehr wertvoll und unbedingt empfehlenswert!


Dr. Manfred Baumert, Dozent, Supervisor Department of Philosophy, Practical and Systematic Theology der University of South Africa