Kolja Koeniger / Jens Monsees (Hg.): Kirche[n]gestalten

Kolja Koeniger / Jens Monsees (Hg.): Kirche[n]gestalten: Re-Formationen von Kirche und Gemeinde in Zeiten des Umbruchs, BEG 26, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2019, Pb., 320 S., € 39,–, ISBN 978-3-7887-3398-8


Der vorliegende Tagungsband dokumentiert die Beiträge eines wissenschaftlichen Symposiums, das im Mai 2018 auf Einladung des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) in Greifswald stattfand. Die Tagung stand im Zeichen der Interdisziplinarität und der Internationalität – zu den Referenten gehörten Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und kirchenleitende Personen aus dem In- und europäischen Ausland. Unter dem Titel „Kirche[n]gestalten“ ging es kirchentheoretisch (im Wesentlichen aus volkskirchlicher Perspektive) einerseits „um die Frage nach den Sozialformen, in denen sich Kirche und Gemeinden als vital erweisen“, andererseits darum, „auf welche Weise gestaltet wird, was also zur Leitung und Gestaltung einer vitalen Kirche gegenwärtig und zukünftig zu tun nötig ist“ (Vorwort, 7). Im Folgenden beschränke ich mich auf einige große Linien und spezifische Beobachtungen. Eine Besonderheit des Bandes besteht darin, dass die auf der Tagung erstellten „Visual Recordings“ (also bildliche Aufzeichnungen der inhaltlichen Schwerpunkte der jeweiligen Referate) abgedruckt wurden.

Bereits im Untertitel (Stichwort: „Zeiten des Umbruchs“) deutet sich der Krisendiskurs als ein Brennpunkt dieses Bandes an. Die Beschreibung krisenhafter Phänomene nimmt in vielen Beiträgen einen entsprechend breiten Raum ein: Graham Tomlin, anglikanischer Bischof, spricht in seinem ansonsten zukunftsorientierten Vortrag („The Church of the Future“, 253–267) von der kirchlichen Krise als „unspoken premise behind this conference“ (253). Christel Gärtner problematisiert pointiert vor allem den Traditionsabbruch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, will in ihrer religionssoziologischen Darstellung des gesellschaftlichen Wandels dabei allerdings nicht einem zwangsläufigen Niedergang der Kirchen das Wort reden (39–54). Aus kirchenleitender Sicht stellt sich für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm die wachsende religiöse Indifferenz als zentrale Herausforderung der Kirche dar (77–102). Ulrich Körtner skizziert die wesenhaft „diasporische Existenz“ der Kirche und hält einen biblisch-theologisch recht verstandenen Diasporabegriff für grundlegend hilfreich, „um die heutige Situation der Kirche zwischen Umbruch, Abbruch und Aufbruch theologisch zu verstehen“ (121). Sehr konkret wird die Krisensemantik, wenn Bischof em. Hans-Jürgen Abromeit die Schrumpfungsprozesse im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis beschreibt (286–304).

Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen ist es nun vor allem Michael Herbst, der als Direktor des veranstaltenden IEEG sowohl in seiner Tagungseinführung („,Bleibt alles anders‘: Kirchentheoretische Landmarken für eine Kirche im Wandel“, 15–38) als auch in seiner retrospektiven Zusammenfassung (305–318) entscheidende Weichenstellungen einer vitalen, zukunftsfähigen Kirche benennt (Stichwort: „Re-Formationen“). Das Bemühen um eine zukunftsfähige Kirche sei eben nicht einfach nur eine organisationstechnisch-strukturelle, sondern „eine geistliche Aufgabe“ und gleichsam „der Ruf, uns selbst in die Nähe des Gekreuzigten zu begeben“ (315). Weil wir „nichts Besseres [haben]“ bedürfe es einer christologischen Profilierung der Kirche. Denn geistliche Erneuerung sei dort zu erwarten, wo die Kirche mit Wort und Tat das Evangelium von Christus bezeugt, damit Menschen „im Blick auf das Kreuz und den Gekreuzigten Hoffnung bekommen, Heilung erfahren, Geborgenheit und festen Halt“ (16–17). Um als missionarische christliche Minorität für säkularisierte Menschen relevant und zugänglich zu bleiben, brauche es „mehr intrinsische Glaubensüberzeugung“ unter den Gemeindemitgliedern (24). Daher stelle die Förderung eines „lebendigen, mündigen Christseins“ eine der zentralen Baustellen einer auf Wachstum angelegten „Missions- und Minderheitskirche“ dar (25–28). (Als weitere wichtige Baustelle benennt Herbst die auf vielfältige missionarische Anschlussmöglichkeiten zielende „regiolokale Kirchenentwicklung“ im Sinne einer „mixed economy“ [28–32; 312–313], die vor einem volkskirchlichen Kontext bedacht wird, aber auch aus freikirchlicher Perspektive reflektiert werden könnte.) In seinen kirchentheoretischen Überlegungen wird Herbst in gewisser Weise vom Berner Neutestamentler Benjamin Schliesser sekundiert. Dieser warnt zwar vor einem naiv-romantisierenden Rückgriff auf das Urchristentum, sieht aber eine zentrale Antwort auf den kirchlichen Relevanzverlust im 21. Jh. gerade darin, dass sich die Kirche wieder verstärkt auf das Neue Testament besinne und eine neue „Resonanzsensibilität gegenüber der formativen Phase des Christentums“ entwickele (70). In diesem Zusammenhang zählt Schliesser u. a. die „Wiederentdeckung des [zentral auf Christus bezogenen] Glaubens“ und dessen „formative Kraft“ (58–59), eine transformierte, kontrastgesellschaftliche Ethik und eine schichtenübergreifende, intensive und von Verbindlichkeit geprägte Gemeinschaftsbildung zu den entscheidenden Zukunftsthemen einer gerade auch in nachchristentümlicher Zeit vitalen Kirche.

Es gehört nun zu den Ambivalenzen dieses Bandes, dass gerade die genannten theologischen und missionarischen Weichenstellungen in den meisten anderen Beiträgen bestenfalls am Rande thematisiert bzw. nicht substanziell vertieft oder gar praktisch ausgestaltet werden. Zwar finden sich immer wieder lesens- und bedenkenswerte Abschnitte, in denen vom Profilierungsbedarf der Kirche, vom Weg in die Zukunft als geistlicher Aufgabe und von der (im Neuen Testament beschriebenen) verheißenen Kirche als Orientierungspunkt für die empirische Kirche die Rede ist. Die daran anknüpfenden Reformvorschläge bleiben dann aber gerade in ihrer theologischen Grundlegung oft merkwürdig konturlos: spezifisch neutestamentliche Leitlinien für den missionarischen Gemeindeaufbau vermisst man weitgehend, die andernorts für die Verkündigung und gesamtgemeindliche Glaubensentwicklung als essenziell eingestufte inhaltliche Rückbesinnung auf das Evangelium vom gekreuzigten und auferstanden Christus wird höchstens vage angedeutet.

Wer sich über die kirchentheoretische Fachdiskussion hinaus (gerade auch aus evangelikal-freikirchlicher Sicht) praxisorientierte kybernetische Perspektiven erhofft, wird vor allem in den Beiträgen von Stefan Paas („Leadership in Mission: Church Governance in an Age of Change“, 183–200) und Steffen Fleßa („Change Management und Innovation: Beharrung, Krisen und Chancen in Unternehmen und Kirchen“, 205–234) fündig. Paas reflektiert ausgehend von empirischen Studien die Voraussetzungen und Grenzen missionaler Gemeindeleitung. Dabei erscheint nicht zuletzt seine nuanciert-hinterfragende Betrachtung „starker Leiterschaft“ bedenkenswert – gerade angesichts der derzeit weit verbreiteten Begeisterung für Leiterschaftsmodelle, die im Bereich des Gemeindeaufbaus vielfach zu unkritisch und eindimensional als Königswege der Gemeindeerneuerung betrachtet werden. Fleßa führt aus betriebswirtschaftlicher Sicht in das Innovations- und Changemanagement ein und zeigt dabei ansatzweise auf, welche Rückschlüsse sich daraus für die Steuerung gemeindlicher Veränderungsprozesse ziehen lassen.

Neben einzelnen Handlungsperspektiven für die kybernetische Gemeinde­aufbaupraxis bietet der Sammelband in der Summe anregende und weiterführende kirchentheoretische Überlegungen. Im Sinne der Ausgangsfrage, was denn zur Leitung und Gestaltung einer vitalen Kirche gegenwärtig und zukünftig zu tun sei, wäre zu wünschen, dass nicht zuletzt die von Greifswald ausgehenden Impulse einer neutestamentlich-theologischen Konturierung der „Kirchengestalt“ intensiver rezipiert und praxisnah konkretisiert würden.


Prof. Dr. Philipp Bartholomä, Professor für Praktische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen