Paul R. Tarmann (Hg.): Wort und Schrift

Paul R. Tarmann (Hg.): Wort und Schrift. Christliche Perspektiven, Edition Widerhall 2, Perchtoldsdorf: Johannes Martinek, 2020, Pb., 131 S., € 18–, ISBN 978-3-9519838-1-3


Das vorliegende Buch enthält Artikel von drei Autoren, die alle als Professoren an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems tätig sind. Diese seit 2007 bestehende Institution ist die größte private pädagogische Hochschule Österreichs und hat neben der katholischen Kirche Österreichs sechs weitere christliche Konfessionen als Träger.

Der erste Artikel stammt vom Herausgeber selbst und beschäftigt sich mit der Kraft des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Tarmann stellt fest, dass wohl kein anderes Buch so wirkmächtig die Menschheitsgeschichte beeinflusst hat wie die Bibel. Auf sie gehen „Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen, spirituelle und meditative Aufbrüche genauso wie sozial und menschenrechtlich engagierte Gruppen“ (14) zurück. Tarmann beschäftigt sich in seinem Aufsatz ausführlich mit Lesslie Newbigin (1909–1998), einem Missionar und Bischof, der die Bibel als kulturexternes Korrektiv betrachtete. Nach Newbigin sind Bibel und Evangelium – im Unterschied zu jeder Religion – keineswegs Phänomene einer Kultur, sondern eine „jede Kultur hinterfragende Autorität“ (22). Zugleich aber sei die in eine Sprache übersetzte Bibel auch Teil einer Kultur, weil sie in Worte gefasst ist, die immer unter dem Einfluss der Kultur stehen, zu der diese Worte gehören. Deshalb sei es für die Mission wichtig, die jeweilige Kultur zu verstehen. Weil erst am Ende der Zeit offenbar werde, was wirklich wahr ist, plädiert Newbigin dafür, pragmatisch bei Jesus und dem Evangelium anzusetzen, denn nichts spreche dagegen. Auf diesen Voraussetzungen aufbauend zeigt Tarmann, dass in Jesus eine vollkommene Übereinstimmung von Wort und Tat gegeben war und dass nach biblischer Lehre dem Wort schöpferische Kraft innewohnt, denn durch Gottes Wort wurde der Kosmos geschaffen (Hebr 11,3). Eine vergleichbare Wahrheit hat auch die auf John L. Austin zurückgehende Sprechakttheorie erkannt, wenn sie behauptet, dass Worte gestalterische Kraft haben. Worte schaffen und verändern die Wirklichkeit, sie können verletzen, ja ruinieren („Rufmord“), aber auch ermutigen und aufbauen. Die Bibel formuliert dies unerreicht prägnant: „Tod und Leben stehen in der Gewalt der Zunge“ (Spr 18,21). Natürlich muss hier auch die Bedeutung des christlichen Bekenntnisses erwähnt werden. Zurecht erinnert der Autor an Römer 10,10: „Und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ Das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias und Erlöser ist heilsrelevant, wie Jesus selbst in Matthäus 10,32f erklärt.

Im zweiten Artikel beschäftigt sich Armin Wunderli mit dem Bibelverständnis evangelischer Freikirchen in Österreich. Zunächst belegt er mit Stellen der Heiligen Schrift den Selbstanspruch der Bibel, Gottes Wort zu sein. Dann stellt er anhand der Glaubensbekenntnisse der Freikirchen fest, dass sie die Bibel so verstehen, wie sie sich selbst sieht: als Wort Gottes. Im dritten Teil seines Aufsatzes beleuchtet er drei wichtige hermeneutische Modelle: die historisch-kritische Methode, leserzentrierte Ansätze und die „wörtliche“ Bibelauslegung. Wunderli zeigt auf, dass alle drei defizitär sind. Im abschließenden vierten Kapitel spricht er sich daher für die historisch-biblische Exegese aus, wie sie von dem württembergischen Theologen Gerhard Maier in seiner Hermeneutik entwickelt wurde. Allein sie berücksichtige beides: den Selbstanspruch der Bibel, Gottes Wort zu sein, und die Tatsache, dass sie ein historisches Dokument ist.

Im letzten Artikel beschäftigt sich Franz Graf-Stuhlhofer mit dem „Weg vom Bibellesen zu dogmatischen und ethischen Einsichten“. Im ersten Punkt seines Beitrags geht er der Frage nach, wie die Konfessionen die Bibel als Grundlage für Glauben und Leben begründen. Laut römisch-katholischer Kirche besitzt die Bibel vor allem deshalb Autorität, weil die Kirche ihr diese Autorität zuspricht. Evangelikale dagegen begründen die Autorität der Bibel mit Aussagen der Heiligen Schrift. Weil laut 2.Timotheus 3,16 das Alte Testament von Gott inspiriert ist, hat es Autorität. Zwar wird sich ein Zweifler von dieser Argumentation kaum beeindrucken lassen, weil es sich ja um einen Zirkelschluss handelt. Gleichwohl wird jeder aufrichtig Suchende zumindest das Selbstzeugnis der Bibel ernstnehmen und sich zum prüfenden Lesen einladen lassen. Im zweiten Punkt zeigt der Autor, dass nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Philosophie von nicht hinterfragbaren Axiomen ausgegangen wird. Im dritten Kapitel werden die Wechselwirkungen von Dogmatik und Ethik diskutiert. Der Verfasser zeigt auf, dass dogmatische Glaubenssätze zu ethischen Folgerungen führen (Dogmatik: Jesus ist der Sohn Gottes; ethische Folgerung: Daher beten Christen zu Jesus), dass aber auch umgekehrt die Ethik die Dogmatik beeinflussen kann (Handlungsanweisung: „Missioniert alle Völker“; dogmatische Folgerung: Gott liebt alle Menschen). Das vierte Kapitel beschäftigt sich – illustriert an zwei Theologen – mit zwei Arten biblischer Argumentation: Während der katholische Systematiker Karl Rahner in seinen Argumentationen stärker die Vernunft bemüht, wobei er biblisches Wissen als „verinnerlicht“ voraussetzt, versucht der evangelisch-reformierte Systematiker Karl Barth seine Positionen primär mit Bibelstellen zu begründen. Dahinter steht die Überzeugung der katholischen Kirche, dass man mit der Vernunft durchaus viele göttliche Dinge erkennen könne, während die reformierte Theologie im Anschluss an Johannes Calvin die menschliche Vernunft als durch den Sündenfall verdunkelt betrachtet. Im fünften Kapitel legt der Verfasser dar, dass konservative Theologen – im Unterschied zu historisch-kritisch orientierten Theologen – das in der Bibel Berichtete mit guten Gründen als historisch zuverlässig betrachten. Im folgenden Abschnitt geht es um wichtige hermeneutische Grundsätze wie die Beachtung von Stilmitteln, Metaphern und Kontext, damit die Auslegung nicht auf Abwege gerät. In Kapitel sieben erörtert der Autor die Frage, welche Anweisungen der Bibel für uns heute verbindlich sind, und in Kapitel acht plädiert er dafür, bei der Exegese stets vier Aspekte zu berücksichtigen: die Bibel selbst, die Auslegungstradition, die Erfahrung und die Vernunft. Schließlich weist der Verfasser darauf hin, dass auch Voreinstellungen des Bibellesers sein Bibelverständnis beeinflussen und plädiert im „Fazit“ dafür, verschiedene Zugänge zur Bibel nebeneinander stehen zu lassen.

Alle drei Artikel machen auf je eigene Weise deutlich, dass die 2000 Jahre alte Bibel auch heute noch aktuell und gesellschaftsrelevant ist. Dabei bleibt zu wünschen, dass diese Erkenntnis in der modernen bzw. postmodernen Kultur der Gegenwart wieder ganz neu zum Tragen kommt.


Prof. Dr. theol. Friedhelm Jung, Professor für Systematische Theologie am Southwestern Baptist Theological Seminary und Leiter des Masterstudiengangs am Bibelseminar Bonn