Michael Utsch (Hg.): Religiöse Psychotherapie?

Michael Utsch (Hg.): Religiöse Psychotherapie? Seelsorge und Psychotherapie im Gespräch, EZW-Texte 267, Berlin: verbum Druck- und Verlagsgesellschaft, 2020, Pb., 116 S., € 8,–, ISSN 0085-0357


Die vorliegende Aufsatzsammlung ist aus einer Tagung zum Verhältnis zwischen Religion und Psychotherapie hervorgegangen, die gemeinsam von der Humboldt-Universität Berlin und der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin im Juni 2019 veranstaltet wurde. Sie soll einen interdisziplinären und interreligiösen Überblick zum Einstieg in die Thematik geben.

Der Band gliedert sich in zwei Teile: Die Aufsätze in Teil 1 sollen einen theoretischen Überblick über das Verhältnis von Religion und Psychotherapie geben und sind von evangelischen Praktischen Theologen verfasst. Die Aufsätze in Teil 2 sind von praktizierenden Psychotherapeuten aus unterschiedlichen religiösen Hintergründen verfasst, die Einblicke in die Psychotherapie im Rahmen ihrer jeweiligen Religion geben.

Simon Peng-Kellers Aufsatz leitet Teil 1 mit einem historischen Überblick über die Entstehung von Spiritual Care im 20. Jahrhundert ein. Er versteht Spiritual Care als eine Entwicklung aus verschiedenen holistischen Bewegungen seit etwa 1900. Dabei beschreibt er die Ordnungstherapie Maximilian Bircher-Benners, die Fastenkultur Otto Buchingers, die New-Thought-Bewegung und die Soziale Medizin nach Henry E. Sigerist. Anschließend stellt er einerseits die schrittweise Aufnahme spiritueller Aspekte in Psychologie und Medizin, sowie die Aufnahme psychologischer Aspekte in die christliche Seelsorge an Beispielen wie der Clinical Pastoral Education, dem YMCA, der Oxford-Gruppenbewegung oder den Anonymen Alkoholikern dar.

Die folgenden drei Aufsätze widmen sich vor allem dem Verhältnis der Seelsorge zur Psychotherapie. Christoph Morgenthaler stellt die Veränderung der Seelsorgelehre durch die Aufnahme psychologischer Erkenntnisse in Verschränkung mit seiner eigenen Biographie dar. Dabei stellt er einerseits die Verdienste der Seelsorgebewegung heraus, andererseits aber auch die notwendige Wiederentdeckung traditioneller spiritueller Elemente in der Seelsorge.

Kerstin Lammer beschreibt das Ritual als notwendige Ergänzung des Gesprächs. Während das Gespräch der Individuation dient, schafft das Ritual Sozialität, Inklusion, Geborgenheit, Entlastung und Identifikation.

Michael Utsch schließt Teil 1 mit einer Darstellung der Herausforderungen des Gesprächs zwischen Psychotherapie und Seelsorge ab. Er stellt fest, dass dieses Gespräch nicht auf Augenhöhe stattfindet, da die Seelsorge zwar psychologische Erkenntnisse integriert, die Psychologie aber ihrerseits jede Metaphysik und damit wirklichen Austausch mit der Seelsorge ausschließt. Positive Beispiele eines gelingenden und methodisch fundierten Dialogs sieht er in der evangelikalen Seelsorge in den USA, während in Deutschland noch immer eine starke Trennung existiert. Deshalb plädiert er für eine Integration der Metaphysik in die Psychologie.

In Teil 2 will Elif Alkan Härtwig Psychotherapie mit Muslimen darstellen, beschränkt sich aber vor allem auf die Forderung nach religionssensibler Psychotherapie. Nicolai Stern beschreibt Psychotherapie mit Juden vor allem durch Darlegung zentraler Elemente jüdischer Religion. Elisabeth Reisch stellt buddhistisch geprägte Psychotherapie anhand ihrer eigenen Praxis vor. Rolf Senst schließt den Band mit der Darstellung seiner christlich geprägten Psychotherapie ab, wobei er theoretische Grundlegung mit einem konkreten Fallbeispiel verbindet. Der Band bietet mit diesem knappen und gut lesbaren Überblick und weiterführenden Literaturhinweisen einen hilfreichen Einstieg in die Thematik.


Benjamin Hummel, Studienassistent am Albrecht-Bengel-Haus Tübingen