Thorsten Dietz / Tobias Faix: Transformativen Ethik

Rezensiert von Christoph Raedel und Bernd Wannenwetsch

Thorsten Dietz / Tobias Faix: Transformativen Ethik. Wege zu leben. Einführung in eine Ethik zum Selberdenken, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2021, geb., 414 S., € 30,–, ISBN 978-3-7615-6775-3


Für ihren Entwurf haben die Vf. einen programmatischen (Unter-)Titel gewählt: eine „Ethik zum Selberdenken“. Die Einführung in Begründungsfragen christlicher Ethik soll die Leser in ihrer „Entscheidungsfähigkeit“ stärken. Weitere Leitbestimmungen sind: Als „transformative Ethik“ will das Buch auf die Veränderung der Gesellschaft und des Einzelnen hinwirken, und als Ethik des „gelingenden Lebens“ Konzepte der Lebensführung in den Horizont des Gottesglaubens einzeichnen. Schließlich soll der Weg einer biblischen Ethik jenseits von „ungeschichtliche[m] Biblizismus“ und „christliche[r] Bibelvergessenheit“ (22) ausgearbeitet werden.

Diese Zielvorstellungen werden in neun Kapiteln verfolgt, in denen sich der Motivbogen von Landkarte und Gebiet als wesentlich erweist. Landkarten werden als kulturell geprägte kognitiv-moralische Weltbilder verstanden, die Orientierung im Gelände ermöglichen, dies jedoch umso weniger leisten, je stärker der Wandel die Gesellschaft (das „Gelände“) verändert. Die Bibel wäre dann der „Wanderatlas, der verschiedene Karten der letzten Jahrhunderte gesammelt“ hat (142) – spätestens hier verrutscht die Metapher, denn der biblische Kanon ist seit Jahrhunderten abgeschlossen.

Für die Entwicklung der Leitgedanken des Buches sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung: Zum einen gehen die Vf. „von einem starken Verständnis kulturellen Wandels aus“ (109), was sie am Wandel des Staatsverständnisses von der Antike bis zur Neuzeit zeigen. So gelangen sie zu der Behauptung, dass die biblischen Texte uns keine „ewig-unveränderlichen Staats- und Lebensordnungen“ geben (121), ohne freilich zu erwähnen, dass die Bibel uns, was viel wichtiger ist, Aufschluss über den Ort von Staats- und Lebensordnungen in der Heilsökonomie Gottes gibt. Tatsächlich privilegiert die These vom starken Wandel gegenwärtig vorherrschende Deutungsmuster gegenüber geistesgeschichtlichen Traditionen, die zwar verschiedentlich referiert, aber konsequent historisiert werden, sofern sie nach Einschätzung der Vf. nicht mehr zum „Gebiet“ passen. Was bedeutet das für die Interpretation der biblischen Quellen?

Die Berücksichtigung der „biblischen Story“, und dies ist der zweite Aspekt, ist den Vf. wichtig, weil sie den „Richtungssinn der Selbstmitteilung Gottes“ erschließt (143). Die biblische Story wird mit N. T. Wright als Theodrama in fünf Akten interpretiert. Aus den Quellen der Ethik im Alten und Neuen Testament werden das Exodus-Geschehen und die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu besonders stark gewichtet. Hinsichtlich der Ebenen ethischer Urteilsbildung in der Bibel unterscheiden die Vf. zwischen Einzelfallurteilen, allgemeinen Regeln, universalen Prinzipien und weltanschaulichen Grundüberzeugungen. Ihre gegenwartsbezogene Auslegung wird methodisch durch drei mittlere Prinzipien geordnet: Liebe – Freiheit – Gerechtigkeit. Diese Prinzipien werden auf ihren biblisch-theologischen Begründungs- und ihren historischen Bewährungszusammenhang hin reflektiert, wobei viel wertvolles Material verarbeitet und vorgestellt wird. Dabei ist das Bemühen leitend, theologische Überzeugungen in Gegenwartsdiskurse zu übersetzen, was wohl ein Grund dafür ist, dass z. B. die Kategorie des Gehorsams, die sich als Komplementärkonzept zur Freiheit nahezu aufdrängt, hier ausfällt. Der Band schließt mit der Darlegung einer Schrittfolge für ethische Entscheidungen.

Der Band ist sehr lesefreundlich gestaltet. Die Kapitel sind gut gegliedert, Schlüsselaussagen werden am Rand hervorgehoben, und Aufzählungen in Kästchen übersichtlich präsentiert. Bei den exemplarischen Anwendungsfällen laden Diskussionsfragen dazu ein, ins Gespräch einzutreten. Ein Literaturverzeichnis am Ende des Buches erschließt die verwendete Literatur. Schließlich laden die Vf. ausdrücklich dazu ein, die Diskussion mit ihnen aufzunehmen.

Das Buch hat ausweislich der großen Zahl an Empfehlungen, die im Buch abgedruckt sind, Zustimmung erfahren, aber auch, wie an anderen Reaktionen ablesbar ist, scharfen Widerspruch ausgelöst. Es dürfte nicht wenige Leser geben, die einerseits vom Charme dieses Entwurfs angezogen werden, und dennoch ein gewisses Unbehagen bei der Lektüre empfinden, ohne vielleicht gleich sagen zu können, was genau das Unbehagen auslöst. Die folgenden Abschnitte verstehen sich als Versuch, den Finger auf die theologischen Problemzonen des Entwurfs zu legen. Wir sehen insbesondere fünf empfindliche Unterbelichtungen, betreffend (i) die Rolle der Bibel, (ii) der Sündenlehre; (iii) der christlichen Tradition, (iv) der Gemeinde, und (v) der Heiligung.

(i) Für Autoren mit evangelikalem Hintergrund, den diese in ihren „biographischen“ Einschüben ja eigens betonen, darf als durchaus überraschend erscheinen, wie gering die Rolle der Heiligen Schrift für die ethische Urteilsbildung hier faktisch gewichtet wird. Hierfür kommt es weniger auf die Momente rhetorischer Hochschätzung der Bibel an als insbesondere auf die metaphorische Beschreibung der Schrift als einer „Landkarte“ oder „Wanderatlas“ (23f). Im Bild wird die Logik deutlich. Zwar gilt den Vf. der Gebrauch einer solchen Landkarte als unumgänglich, um sich im unübersichtlichen Terrain ethischer Problemstellungen zu orientieren, und unter anderen Orientierungshilfen, die zu Rate zu ziehen ebenfalls empfohlen wird, firmiert die Bibel immer noch als eine Art primus inter pares („zentrale Rolle“, 21). Der Kerngedanke ist freilich so klar wie verstörend: Für die Vf. ist die Bibel nicht mehr als ein hilfreiches Mittel zur ethischen Wegfindung. Wie bei jedem Mittelgebrauch bleibt die Autorität im Vollzug allein beim urteilenden Subjekt. Als ethische Subjekte müssen Christenmenschen jeweils entscheiden, wo und inwieweit die Landkarte Bibel tatsächlich hilfreich ist, und wo nicht – etwa, weil sie sich als veraltet erweist, wenn bestimmte Wege und Lebensoptionen in ihr gar nicht verzeichnet sind, die sich dem modernen Menschen anbieten („Wenn die Karte den Weg nicht mehr zeigt …“; 27). Wo Orientierung suchende „Christ:innen“ (sic!) sich der Bibel aber in einer solchen Weise bedienen, indem sie zugleich über ihre Geltung in konkreten Szenarien urteilen, ist längst aufgegeben, was die christliche und insbesondere evangelische Tradition der theologischen Ethik als ihr Proprium angesehen hat: dass die Heilige Schrift ihr eben nicht als Hilfsmittel, sondern als „norma“ fungiert, als Autorität und damit (auctoritas: Urheberschaft) als Aktionszentrum eigener Art: nicht als Ressource, die man nutzt, sondern als lebendige Quelle, die ihre Leser aktiv herausfordert, orientiert und zu einer Urteilsbildung anleitet, die zuerst die Wahrnehmungsfähigkeit ihrer gläubigen Leser verändert.

In diesem Sinne wäre die Metaphorik umzukehren: die Schrift nicht als Landkarte, sondern eigene Topografie, die es im Leben auszuschreiten und zu explorieren gilt. Im Hebräischen Verständnis wird die Torah nicht nur als Orientierung auf dem Weg, sondern selbst als „Weg“ verstanden: als eine Art heilsamer Korridor, in dem es gilt, sich bewegen zu lernen, und von dem es gilt, nicht abzuirren. Ähnlich hat Dietrich Bonhoeffer das in seiner Ethik beschrieben, wenn er vom biblischen Gebot als „Element“ spricht, „in dem wir leben“. Von einer solchen komplexen ethischen Schrifthermeneutik ist das, was die Vf. hier vorschlagen, doch weit entfernt und erinnert eher an Hermeneutiken der Frühaufklärung, in denen postuliert wurde, dass die „bleibenden sittlichen Werte“ in der Bibel von den „lediglich hebräischen“ geschieden werden müssen – und könnten.

(ii) Die hier insinuierte Haltung gegenüber der Heiligen Schrift spiegelt sich in der Art und Weise, wie die Vf. auf konkrete biblische Motive und Texte zugreifen, indem sie hochgradig selektiv vorgehen. Ein Beispiel liefert die Zusammenstellung der Aspekte, in denen gezeigt werden soll, was der neutestamentliche Jesus zum ethischen Zentralthema und „Wegweiser“ „Freiheit“ beizutragen hat (277). Hier werden Aspekte genannt wie „Freiheit von moralisch kulturellen Vorurteilen“ oder „Freiheit von sozialen Banden“. Doch fehlen in dieser Auflistung ausgerechnet die beiden Aspekte der Freiheitsverkündigung Jesu, die in der Geschichte der christlichen Theologie und kirchlichen Praxis die bei weitem größte Rolle gespielt haben: nämlich die Befreiung von Sünde und Tod als den beiden stärksten Mächten, die den Menschen knechten, indem sie seine Freiheit von außen (Tod als Negation der Vitalität) und von innen (versklavende Begierden) elementar bedrohen. Angesichts dieser erstaunlichen Fehlstellen verwundert es kaum, dass im ganzen Buch die Dimension der Sündenlehre kaum mehr als den einen oder anderen polemischen Seitenhieb gegen eine ungesunde „Sündenzentrierung“ im Christentum wert ist. Damit wird freilich vorbereitet, was unten weiter ausgeführt ist: dass der den Gesamtentwurf leitende Begriff der „Transformation“ soteriologisch unterbelichtet bleibt. Wo keine Sünde, da auch keine rettende Veränderung.

(iii) Schon die im Vorwort notierte Motivierung der Vf., wonach ihnen „die Idee ein Buch über Ethik zu schreiben … schon länger im Kopf herumschwirrte“, legt eine erste Vermutung nahe, die die Lektüre bestätigt. Anstelle eines Ethiklehrbuchs, das in die faszinierende Tradition ethischen Denkens im (evangelischen) Christentum einführt und so dazu ermächtigt, sich innerhalb dieser Tradition bewegen zu können, hinterlässt das, was die Vf. hier vorlegen, den Eindruck, als wäre die Tradition ethischen Denkens in der christlichen Theologie eine Art Baukasten, aus dem man sich dieses oder jenes Versatzstück herausnimmt und dann nach Gusto zusammenschraubt. Erklärt wird dieses Vorgehen dann tatsächlich mit dem Mut zum Eklektizismus und der Behauptung, dass einzelne Versatzstücke, die man aus einander gegenläufigen Denktradition entlehnt, doch „nicht schlechthin unvereinbar“ (42) wären, sondern sich „miteinander verbinden“ ließen. Diese Meinung lässt sich ganz offensichtlich umso leichter aufrechterhalten, je weniger man in die Traditionen eintaucht und von innen her versteht, wie sich ihre jeweiligen Rationalitäten zueinander verhalten. Beispiel: Für den – in der Tat wichtigen – Gedanken der „Haltung“ in der Ethik wird eine Medizinethikerin als Gewährsfrau für die Validität des Gedankens zitiert (35). Dies wirkt angesichts der überragenden Bedeutung dieses Zusammenhangs in der christlichen Ethiktradition in Gestalt der hexis-Lehre, wie sie in der Aristoteles-Rezeption des Thomas von Aquin herausgearbeitet wurde, einigermaßen absurd. Umgekehrt werden politisch imprägnierte Kategorien wie z. B. „Diskriminierung“ aus dem säkularen Diskurs übernommen, ohne ihre Bedeutung zu erläutern. Auch einen Hinweis auf das für die Frage der Kompatibilität und Diskompatibilität von ethischen Denktraditionen epochale Werk von Alasdair MacIntrye, Three Rival Version of Moral Enquiry (1990) sucht man im vorliegenden Buch vergeblich. Dies Fehlstelle erscheint keineswegs zufällig, sondern eher stellvertretend für die Provinzialität der Diskurshorizontes (vgl. die Bibliografie), in dem kaum internationale Anstöße rezipiert werden. Dies ist besonders bedauerlich, weil sich gerade in der angelsächsischen Ethikdiskussion in den letzten Jahrzehnten wesentliche, erfrischende Paradigmenwechsel abgezeichnet haben.

(iv) Zu diesen Wendepunkten gehört neben der Abwendung vom Systemischen, Prinzipiengeleiteten und der Wiederentdeckung der Kraft des Narrativen gerade auch der turn to community: die Abwendung vom kantischen Ideal des individuellen Subjekts der Ethik – und die Wiedergewinnung der zentralen Bedeutung der Gemeinschaft. Hier bleibt das vorliegende Buch irritierend stumm. Die gelegentliche Betonung von „Teamwork“ (für deren Begründung auf einen Leitfaden für soziale Einrichtungen verwiesen wird; vgl. 372) tut hier nichts zur Sache, wenn die Vorschläge zur methodischen Urteilsbildung doch so angelegt sind, dass mit ihrer Hilfe jeder „selbstdenkende“ (eine eigenartige Vorstellung: was sonst könnte Subjekt des Denkens sein, wenn nicht das Selbst?) Einzelne zu angeblich validen Urteilen kommen kann. Wenn der Apostel Paulus hingegen zur Urteilsbildung aufruft, geschieht dies in den allermeisten Fällen dezidiert im gemeindlichen Plural. Im Zentrum einer biblisch gegründeten Ethik steht darum nicht das isolierte Individuum, sondern der Leib Christi als Urteilsgemeinschaft („auf dass ihr prüfen könnt, was das sei der Wille Gottes“; Röm 12,2). Zu der heute so überaus dringlichen und durchaus komplexen Aufgabe, wie Glaubensgemeinschaften zu gemeinsam gefundenen und verantworteten Urteilen gelangen, erfährt man in diesem Buch aufgrund des auf das Individuum verengten Horizonts nichts.

(v) Angesichts der in der Summe doch befremdlichen Vergessenheit im Hinblick auf elementare Grundfesten der christlichen Ethik (Schrift, Tradition, Sünden‑/Gnadenlehre, Gemeinde) vermag es dann auch kaum zu verwundern, wenn der Begriff, der den Titel des Buches bildet: „Transformation“ hier in einer Verengung gebraucht wird, der der Tradition theologischer Ethik in keiner Weise gerecht wird. Was die Vf. unter „Transformation“ verstehen, ist im Kern nichts anderes als das Konglomerat von verschiedenen Transformationsprozessen von Individuum und Gesellschaft, wie diese von verschiedenen empirischen Disziplinen beschrieben werden. In der Rhetorik des „Ernstnehmen-müssens“ solcher Prozesse wird undeutlich, dass die christliche Ethik von einer sehr spezifischen Vorstellung von Transformation geleitet ist: der „Hineingestaltung in das Bild Christi“, oder traditionell gesprochen: der Heiligung. Eine Ethik ist dann als christliche greifbar, wenn sie den geistgewirkten Vorgang der Transformation des alten Adam in die neue Schöpfung in seiner Tiefenschärfe konturiert, gerade auch im erhellenden Kontrast zu den vielfältigen säkularen Transformationsprozessen, in die auch Christenmenschen eingespannt sind – „Schematisierungen“ (Röm 12,2), die es aus dem Geist des Evangeliums her zu erkennen, zu beurteilen und denen es gegebenenfalls zu widerstehen gilt. So bietet sich hier ein Buch, von dem zu fragen bleibt, inwiefern es tatsächlich als Lehrbuch christlicher Ethik verstanden werden will und fungieren kann. Wie die drei aneinander gereihten Titel des Werkes „Transformative Ethik – Wege zum Leben – Einführung in eine Ethik zum Selberdenken“ andeuten, in denen „christlich“ gar nicht vorkommt, haben wir es hier eher mit einem weiteren von zahlreichen Büchern auf dem gegenwärtigen Markt zu tun, in dem eine selbstgestrickte Anleitung zum „gelingenden Leben“ geboten wird, zu dem hier auch die ethische Reflexion als dazugehörig verstanden wird. Hierfür bedienen sich die Vf. gewiss auch einer langen Reihe ausgewählter Gedanken und Motive aus der christlichen Tradition. Dies mag das Buch für ein christliche Leserschaft interessant machen, es sollte aber nicht mit einem Lehrbuch christlicher Ethik verwechselt werden.


Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gießen

Prof. Dr. Dr. habil. Bernd Wannenwetsch, lehrte als Professor für Systematische Theologie und Ethik an den Universitäten Oxford und Aberdeen, gegenwärtig an der Freien Theologischen Hochschule Gießen.