Michael Allen: The Fear of the Lord

Michael Allen: The Fear of the Lord. Essays on Theological Method, London: T&T Clark, 2022, geb., x+214 S., US$ 103,50, ISBN 978-0-5676-9927-5


Was ist Theologie und wie funktioniert sie? Diesem Sachverhalt könnte man sich z. B. aus einer ideengeschichtlichen oder wissenschaftstheoretischen Perspektive nähern. Sobald man aber darüber nachdenkt, was gute Theologie ist und wie sie gut funktioniert, wird daraus eine noch komplexere Fragestellung – über das Wesen, die Ziele, die Methoden, die Grenzen und über die Akteure dieser besonderen Disziplin.

Michael Allen arbeitet als Dekan und Professor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary in Orlando/ USA und legt mit The Fear of the Lord eine gewichtige Essaysammlung zu einer besonderen Frage vor: Wie würde die theologische Arbeit aussehen, wären gottesfürchtige Weisheit (vgl. Ps 111,10) und eine coram-deo-Haltung ihr Leitmotiv?

Hierzu konzentriert sich der Autor in seinen Aufsätzen auf fünf Forschungsbereiche: Wie Trinitätslehre und Christologie die theologische Arbeit füllen und ausrichten; wie die scholastisch-systematische Gestalt der christlichen Lehre aussieht; was ihren asketisch-kontemplativen Charakter ausmacht; welches Format eine theologische Schriftauslegung im Lichte Biblischer und Systematischer Theologie hat; ebenso welche Chancen die Wiederentdeckung vergangener Kirchenlehrer eröffnet („theological retrieval“).

Allens Kernthese im Vorwort lautet, dass der dreieinige Gott nicht nur der maßgebliche Untersuchungsgegenstand, sondern auch das handelnde Subjekt inmitten der theologischen Arbeit ist. Das wiederum hat Folgen für das aktive, lernbereite Geschöpf in seinem Erkenntnisweg und seiner Auseinandersetzung mit Gottes Wort, Wirken und Wesen.

In Kapitel 1 fragt der Autor nach der Zukunft der Theologie angesichts der Herausforderungen der Gegenwart. Nüchtern bemerkt er: „Theology is always done East of Eden. The promise and potential of theology, then, cannot be premised on institutional vitality, academic sophistication, moral clarity, or ecclesial power alone“ (1–2). Dennoch ist er überzeugt, dass Gottes Gnade der Theologie eine positive Zukunft ermöglicht, wenn sie diese bereitwillig annimmt. Dazu der Autor:

„For theology to flourish it must regain its bearings as an exegetical discipline and a receptive practice. Our faith must be placed in the specific, particular ways wherein God promises to meet his people’s needs. Theology must be centred on the means of grace: they are word-focused, ecclesially bounded, and missionally aimed“ (11).

Während Allen in Kapitel 2 exemplarisch das Motiv von Christus als erhöhtem Propheten im Hebräerbrief exegetisch und theologisch untersucht, fragt er in Kapitel 3 nach der Gestalt der Kirche. Gerade weil sie (mit Luther) ein Geschöpf des Wortes Gottes ist, sollte der epistemologische Fokus heutiger Theologen erneut auf die Schrift gesetzt und ihr Hauptanliegen auf das Wohl der Kirche gerichtet sein, so sein Plädoyer.

Das 4. Kapitel behandelt das Spannungsfeld von göttlicher Transzendenz und menschlichem Engagement im Schriftstudium. Allen vergleicht dabei den dogmatischen Entwurf von John Webster mit dem funktionalen Ansatz von John Fowl und skizziert ein komplementäres Paradigma. Danach richtet Kapitel 5 den Blick auf das zuletzt gewachsene Interesse an einer dezidiert theologischen Exegese und an einem harmonischen Zusammenspiel von Biblischer und Systematischer Theologie. Hier baut der Autor kritisch auf den Definitionen von Geerhardus Vos, John Murray und Richard Gaffin auf. Im analytischen Vergleich mit den teils unterkomplexen Ansätzen heutiger Theologen beschreibt er überdies weitere Differenzierungen und mögliche Lösungswege.

In Kapitel 6 wertet Allen die Studie Militant Grace von Philip Ziegler aus christologischer, ethischer und hermeneutischer Sicht aus, um grundsätzlich die Grenzen und Früchte eines ‚apocalyptic turn‘ für das theologische Handwerk herauszuarbeiten. Besonders anregend ist das Kapitel 7: Allen diskutiert darin Luthers Disputatio contra scholasticam theologiam (1517), um auf der Basis von Luthers Anthropologie und kerniger Kritik dennoch Impulse für eine ausgewogene christliche Scholastik zu geben.

Als thematische Ergänzung hierzu fungieren die Kapitel 8 und 9. Zunächst analysiert Allen die Arbeiten von Sarah Coakley (théologie totale) und John Webster (eschatological sanctification of reason), um die Dogmatik als geistliche Übung zu charakterisieren, was er dann mit prägnanten Thesen für eine reformiert-katholische, geistlich orientierte Theologie ergänzt. Anschließend beleuchtet er abwägend das Themenfeld des kontemplativen und aktiven Lebens in Thomas von Aquins Werken Compendium theologiae und Summa theologica. Bedeutsam ist hier die Frage, welche geistliche Matrix oder moralische Ontologie hinter der theologischen Arbeit steht.

Die finalen Kapitel 10 und 11 thematisieren die Beziehung der protestantischen Theologie zu ihrem historischen Erbe. Dabei skizziert Allen zunächst ein dogmatisches Koordinatensystem (mit reformiertem Akzent), das die ausgewogene Beschäftigung mit vergangenen Theologen der heiligen christlichen Kirche einordnen und erleichtern soll. Mit Blick auf ihren gegenwärtigen Nutzen entwickelt der Autor im letzten Kapitel zuerst ein grundsätzliches Argument für die Hebung der vielen, teils vergessenen kirchen- und dogmengeschichtlichen Schätze. Daraufhin beschreibt er ein prophetisch-reformorientiertes Paradigma theologischer Arbeit, das die christliche Tradition weder verabsolutiert noch revolutionär zu überwinden versucht. Ein nützliches, achtseitiges Stichwortverzeichnis komplettiert den Band.

Allens Beiträge sind gewinnend und dennoch anspruchsvoll geschrieben; neben einem persönlichen Anliegen für die Thematik erwartet er bei seinen Lesern auch robuste Vorkenntnisse. Somit ist seine Essaysammlung nicht als Einführung in das theologische Handwerk gedacht. Nicht immer wirkt der rote Faden des Bandes gleichmäßig stark. Dennoch gelingt dem Autor der doppelte Spagat zwischen einer Breite an Unterthemen und dem einheitlichen Gesamtfokus, zwischen den grundsätzlichen Fragestellungen und der praktischen Umsetzbarkeit seiner Thesen insgesamt gut – besonders wenn man den gedanklichen Rahmen aus seinem Vorwort berücksichtigt.

In seiner Argumentation schöpft der Autor aus einschlägigen Werken, sucht aber zugleich den Dialog mit der aktuellen, vor allem englischsprachigen Forschung. Trotz der dichten Schreibweise nimmt er sich die Zeit, Gegenargumente anzusprechen, offene Punkte zu benennen, Impulse für die theologische Praxis zu formulieren und auf weiterführende Literatur hinzuweisen (mit rund 550 Fußnoten). Stellenweise entwickelt Allen seinen Gedankengang besonders kleinschrittig, um die Theologie als Ausdruck lebendiger Frömmigkeit, als lohnenswerte Wissenschaft und als Gottes Dienerin für die Menschen zu präsentieren. Dies entspricht ganz seinem Grundanliegen und soll die Leser zur Nachahmung inspirieren, unabhängig von ihrer theologischen oder ekklesiologischen Präferenz.

Insbesondere Lehrkräfte im gemeindlichen und akademischen Kontext werden diesen reichhaltigen Band mit Gewinn lesen und die zahlreichen, positiven Impulse für ihre theologische Arbeit aufnehmen können. Der hohe Preis ist wenig einladend, doch hat der Verlag für das Frühjahr 2023 erfreulicherweise eine Paperback-Ausgabe angekündigt. Es lohnt sich.


Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn