Melanie C. Ross: Evangelical Worship

Melanie C. Ross: Evangelical Worship. An American Mosaic, New York: Oxford University Press, 2021, geb.,  xi + 308 S., € 31,20, ISBN 978-0-19-753075-7


Es gibt nicht den evangelikalen Gottesdienst – so wie es auch nicht die Evangelikalen gibt. Evangelikalismus ist eine Bewegung mit einem gemeinsamen inhaltlichen Anliegen und einer vielfältigen gemeindlichen Praxis. Melanie C. Ross, Liturgiewissenschaftlerin am Yale Institut of Sacred Music und Mitglied der Evangelical Free Church of America, analysiert in der Studie aus einer wohlwollend-kritischen Innenperspektive sieben Gottesdienste unterschiedlichen Typs, die sie 2014–2018 in einer Feldforschung untersucht hat.

Unter dem klassischen Typ versteht Ross die neo-evangelikale Gottesdienstkultur, für die die Bewahrung evangelikaler Traditionen zwischen Fundamentalismus und Liberalismus kennzeichnend ist (Kap. 2, 39–65; Kap. 3, 66–89). Gottesdienste des charismatischen Typs kombinieren evangelikale und pfingstliche Elemente (Kap. 5, 119–143). Der Megachurch-Gottesdienst setzt ganz auf zeitgemäße Innovation und grenzt sich von evangelikalen Traditionen ab (Kap. 4, 90–115). Der emergente Gottesdienst nimmt mystische Traditionen aus der Geschichte der Kirche auf und dekonstruiert evangelikale Glaubensgewissheiten (Kap. 6, 144–167). Im neo-reformierten Gottesdienst wird dagegen auf dogmatische Wahrheit großen Wert gelegt, nicht zuletzt bei der Liedauswahl (Kap. 7, 168–196). Als letzter Typ wird ein multiethnischer Gottesdienst mit pfingstlicher Tradition nachgezeichnet (Kap. 8, 199–225). Eine einführende Beschreibung von 40 Jahren „worship-war“, die auch autobiografische Notizen enthält (Kap. 1, 11–38), sowie eine resümierende Reflexion zu evangelikalen Gottesdiensten (Kap. 9, 226–244) verleihen den Einzelstudien einen orientierenden Rahmen.

Es gelingt Ross, die unterschiedlichen Gottesdienste in ihrer je eigenen Logik zu würdigen. Die qualitativen dichten Beschreibungen der Gottesdienste werden gekonnt mit historischen Streiflichtern und mit Skizzen zu theologischen Prägungen (z. B. zu Dispensationalismus oder Fundamentalismus) verwoben. So entsteht aus den Einzeldarstellungen ein differenziertes Gesamtbild, das nicht nur nüchterne Informationen liefert, sondern zu liturgisch reflektierter Praxis motiviert. Was fällt an der Studie besonders auf?

1. Die Politisierung der Evangelikalen, die mit der Wahl von Trump einen markanten Höhepunkt erreicht und zu einer Image-Verschiebung des Evangelikalismus geführt hat, wird zwar von Ross thematisiert, aber in den beschriebenen Gottesdiensten nicht explizit spürbar. Gottesdienste werden nicht als Ort betrachtet, an denen Politik gemacht wird, sondern als Orte, in denen die Begegnung mit Gott alle Politik transzendiert. Ist das eine Verschleierung der tatsächlichen Zustände? Oder ist es die zukunftsweisende Antwort des Glaubens?

2. Über die Kriterien zur Auswahl der untersuchten Gottesdienste gibt die Autorin wenig Auskunft, außer dass es sich um urbane kongregationalistische Gemeinden handelt, die sich selbst als evangelikal verstehen (4–5). Weshalb keine Gemeinde der Southern Baptist Convention, der größten Denomination der USA, oder der Assemblies of God, der größten pfingstlichen Denomination, oder auch die einflussreiche Bethel-Church untersucht wird, ist nicht ganz nachvollziehbar. Die evangelikale Gottesdienstlandschaft ist auf jeden Fall noch bunter als in der Studie dargestellt.

3. Doch auch die getroffene Auswahl lässt die fortschreitende Ausdifferenzierung der Gottesdienstlandschaft erkennen. Dabei gibt es Gottesdienstformen, die stärker unterschiedliche Milieus integrieren und andere, die eher milieuorientiert sind. Obwohl alle theologisch darin übereinstimmen, dass in der Kirche die Kategorie der Rasse nicht relevant sein sollte, gibt es kaum gelingende multiethnische Gottesdienste.

4. Ross beendet ihre Reflexionen mit der hoffnungsvollen Perspektive einer „eschatologischen Kultur“ (241–244), aus der über allen liturgischen Unterschiedlichkeiten die Verheißung der Vollendung erkennbar wird. Das vereint nicht nur die evangelikalen Gottesdienste, sondern – und hier darf man über Ross hinausgehen – auch alle anderen Gottesdienste, die in der Kraft des Heiligen Geistes Gott den Vater und Jesus als Herrn verehren.


Prof. Dr. Stefan Schweyer, STH Basel