hristian Eyselein / Christel Keller-Wentorf / Gerhard Knodt / Klaus Raschzok (Hg.): Evangelische Aszetik

Christian Eyselein / Christel Keller-Wentorf / Gerhard Knodt / Klaus Raschzok (Hg.): Evangelische Aszetik. Ein Programm macht Schule, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2021, geb., 271 S., € 48,–, ISBN 978-3-374-06790-9


Der vorliegende Band ist eine Sammlung von Beiträgen von Mitarbeitern und Gästen des Instituts für evangelische Aszetik an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, das 2007 als erstes und bislang einziges Spezialinstitut zur Erforschung einer evangelischen Spiritualität an einer evangelischen Fakultät bzw. Hochschule gegründet wurde. Ziel der Herausgeber ist es, „Einblick in die wissenschaftlichen Grundlagen für die Reflexion geistlicher Erfahrung in den unterschiedlichen Frömmigkeitsformen zu gewähren“ (5) und dadurch in eine evangelische Aszetik einzuführen, für die sie sich eine weitere Verbreitung und Erforschung wünschen.

Die insgesamt 18 verschiedenen Beiträge tragen auf unterschiedliche Weise zu diesem Ziel bei. Am Anfang des Bandes stehen vier Beiträge, die die Grundlagen für eine evangelische Aszetik legen (9–71). Aszetik wird entfaltet als „Teildisziplin von Praktischer Theologie …, welche in die spezifische Gestalt protestantisch geprägter Frömmigkeit in ökumenischer Weite und unter Beachtung des gegenwärtigen Kontexts einführt“ (64). Im Fokus steht dabei die „Ein- und Ausübung der Frömmigkeit“ (11). Ausgehend von der beobachteten Distanz zwischen Theologie und Frömmigkeitspraxis in der evangelischen Tradition, wird die „Neuentdeckung“ einer evangelischen Aszetik durch Manfred Seitz und Rudolf Bohren nachgezeichnet. Zur konkreten Ausgestaltung der Disziplin der Aszetik liefern Seitz, Raschzok und Thöle Beiträge, die den Forschungsgegenstand und die theologischen Grundlagen der Aszetik darlegen, sowie für eine grundlegend „aszetische Perspektive“ in der wissenschaftlichen Theologie plädieren, welche die theologische Reflexion mit der Praxis des christlichen Lebens verbindet. Abgerundet wird dies von Vorschlägen zu einer Didaktik der Spiritualität.

Es folgen vier Beiträge, die im Rückgriff auf kirchengeschichtliche Vorbilder in konkrete geistliche Übungen bzw. Teilaspekte einer gelebten Frömmigkeit einführen und dabei geschickt die Brücke in die gegenwärtige Zeit schlagen (73–140; 147–160).

Neben zwei Beiträgen, die sich mit der Ausgestaltung von Spiritualität im pluralistischen und säkularen Kontext befassen (175–188; 205–220), wird außerdem in drei Kapiteln der Frage nachgespürt, wie ein Fokus auf das geistliche Leben stärker in die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern integriert werden könnte, da „zum gestalteten Glauben […] nur führen [kann], wer selbst solche Führung erfahren hat und in einem geistlichen Leben steht“ (142).

Diese Schwerpunkte des Bandes werden ergänzt durch Beiträge, die die Arbeit des Instituts und ihres Mitbegründers Manfred Seitz würdigen, einen Auszug einer Übersetzung der Aszetik von Gisbertus Voetius von 1664, dessen Werk grundlegend für das Institut ist, sowie Kapiteln, die den Beitrag geistlicher Gemeinschaften für die Aszetik erheben und die Aszetik religionswissenschaftlich einordnen.

Als besonders wertvoll erweisen sich in der Gesamtschau die Grundlagenkapitel, die die Disziplin der evangelischen Aszetik umreißen und sowohl Lehrenden als auch Studierenden der Theologie dabei helfen, Fragen christlicher Spiritualität in der theologischen Forschung und Ausbildung verstärkt in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus lassen sich weiterführende Impulse zur Ausgestaltung verschiedener Teilaspekte von Spiritualität im säkularen Kontext gewinnen. Eine stringentere thematische Anordnung der Beiträge hätte dem Band gutgetan und die verschiedenen Facetten einer evangelischen Aszetik deutlicher zu Tage treten lassen. Außerdem wäre ein Beitrag hilfreich gewesen, der die von den verschiedenen Autoren vorgeschlagenen Konturen einer evangelischen Aszetik in einem kohärenten Gesamtentwurf zusammenfasst.


Matthias Voigt, M.A., Pastor in Hamburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter der FTH Gießen