Lukas Bormann (Hg.): Neues Testament. Zentrale Themen

Lukas Bormann (Hg.): Neues Testament. Zentrale Themen, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2014, geb., 358 S., € 30,90, ISBN 978-3-7887-2858-8

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Dieser Sammelband mit Beiträgen von 15 Neutestamentlern soll den Forschungsstand überblicksweise vermitteln, wobei er sich auf die „Theologie des NTs“ beschränkt. Was zur „Einleitung in das NT“ gehört, kommt darin nicht vor. Insofern ist es ungenau, wenn die Einleitung sagt, dass die ausgewählten Themen „die relevanten Fragestellungen der neutestamentlichen Wissenschaft erfassen“ sollen (1). Eine Liste der Mitautoren mit Angaben zu ihrer Person fehlt. Der Herausgeber Lukas Bormann, evangelischer Professor für NT an der Universität Marburg, verfasste neben der Einleitung zwei Beiträge (insgesamt gibt es 16 Beiträge). Der Inhalt wird auch durch ein knappes Sachregister erschlossen. Die herangezogenen Neutestamentler gehören durchwegs der historisch-kritischen Richtung an, ein bibeltheologisch konservativer Neutestamentler ist nicht darunter (auch wenn es sich laut dem hinteren Deckblatt um Exegeten „aus unterschiedlichen Forschungstraditionen“ handelt). Das ursprüngliche Anliegen war eine Neubearbeitung des zuletzt 1999 erschienenen Arbeitsbuches von Jürgen Roloff. „Der offensichtlichste Unterschied zum Vorgängerwerk besteht darin, dass auf Ausführungen zur methodischen Exegese verzichtet wird“ (2), und zwar wegen der heute erreichten methodischen Vielfalt.

Bei manchen Äußerungen erhalte ich den Eindruck, dass nun in höherem Maße mit tatsächlicher Historizität gerechnet wird, als das noch vor einigen Jahrzehnten üblich war. So etwa meint Bormann in seiner Einleitung in Bezug auf Jesus, „dass von Anfang an seine Worte festgehalten, memoriert und aufgezeichnet wurden“ (1).

Im Folgenden streife ich die einzelnen Beiträge kurz und beachte dabei insbesondere den Umgang mit der Historizität. Im ersten Beitrag, einer Darstellung des „antiken Judentums“, sind für Peter Wick die Schriften des NTs „beinahe durchgehend von Juden“ geschrieben (5). Die Beiträge versuchen oft am Beginn eine begriffliche Klärung. Der Begriff „Gottesherrschaft“ kommt laut Peter Schreiber vor allem in den Synoptikern vor, die anderen NT-Schriften lassen diesen Begriff zurücktreten und konzentrieren sich auf die Bedeutung Jesu (27). Peter Müller behandelt die „Gleichnisse“, deren Anzahl je nach Gattungsbestimmung unterschiedlich angegeben wird: von Rudolf Bultmann mit 56, von Ruben Zimmermann (in seinem „Kompendium der Gleichnisse Jesu“) mit 104 (49). Ausgehend von der neueren Forschung über „Wunder“ sagt Bernd Kollmann: „Dass die von Dämonenaustreibungen und Heilungen handelnden Wunderberichte im Kern das geschichtliche Wirken Jesu widerspiegeln […], wird kaum noch bezweifelt.“ (72f) Im Beitrag über die „Bergpredigt“ hält Theo K. Heckel fest: „Viele in der Bergpredigt gesammelte Worte Jesu dürften zuverlässig dessen Verkündigung bewahrt haben“ (102). Bormann behandelt den „Menschensohn und die Entstehung der Christologie“. Darin ordnet er Mk als „antike Biographie“ ein, weil auch dieser das Leben Jesu in exemplarischen Episoden präsentiert (112). In Bezug auf den „Tod Jesu und seine Deutung“ meint Wolfgang Kraus, dass Jesus wohl mit der Möglichkeit seines gewaltsamen Todes rechnete, hält aber „die explizit heilseffizienten Deutungen“ eher für nachösterlich (135). Im Beitrag über die „Auferstehung“ hält es Günter Röhser für eine „gesicherte historische Tatsache“, dass die ersten Jünger davon überzeugt waren, dass Jesu Grab leer war. Aber auch wer meint, dass Jesu Leichnam im Grab verweste, könne – laut Röhser – Christ sein; Hauptsache, „der Glaube an die Auferstehung Jesu“ verändert das menschliche Leben „tiefgreifend und heilsam“ (170). In seiner Darstellung des „Jerusalemer Konvents“ meint Martin Meiser, dass die Apg erst mehrere Jahrzehnte nach den Ereignissen geschrieben wurde. Er begründet das damit, dass Paulus „der Aposteltitel vorenthalten“ wird (außer in Apg 14,4.14) und dass die Apg nie erwähnt, „dass Paulus Briefe geschrieben hat“ (177f). Beide Sachverhalte sind m. E. eher Argumente für das Gegenteil – dass nämlich die Apg sehr früh geschrieben wurde. Denn im 2.Jh. galt Paulus oft als „der Apostel“; für eine erst am Ende des 1.Jhs. geschriebene Apg würde die zögerliche Zuerkennung des Aposteltitels an Paulus nicht passen. Und zu einer Zeit als die Paulusbriefe in Abschriften bereits weit verbreitet, also bekannt, waren und auch dem Lukas persönlich vorlagen, wäre eine Bezugnahme auf Paulusbriefe eher zu erwarten als um 60 n.Chr. Sabine Bieberstein, übrigens die einzige Frau unter den Beitragenden, stützt sich in „Gemeinde, Kirche, Amt“ auf Gerd Theißens These vom „Gruppenmessianismus“, wonach die Jesusbewegung „die Erwartungen, die traditionell auf eine einzelne messianische Gestalt gerichtet waren, auf ein Kollektiv“ übertrug (198f). Bei der „Taufe“ unterscheidet Dieter Sänger zwischen „Bekehrungstaufe“ und „Unmündigentaufe“ (225). Jens Schröter erläutert das „Abendmahl“, indem er mit nach-ntl. Texten beginnt, mit Plinius d. J., Justin und der Didache – denn dort findet er die „ersten expliziten Beschreibungen christlicher Mahlfeiern“ (249). Der „Glaube“ im NT ist für Udo Schnelle als „Modus der Heilsteilhabe eine Neuqualifikation des Ich durch Gott“ (292). Jesu Umgang mit dem Gesetz wird von Markus Tiwald in Parallele zu dem Umgang anderer gleichfalls eschatologisch orientierter frühjüdischer Gruppierungen gesehen, als „[e]schatologische Aufdeckung des sprotologisch fixierten Gotteswillens“ (298). In seiner Betrachtung von „Ethik und Politik“ im NT sieht Bormann „das Liebesgebot als Weiterführung der biblischen Gemeinschaftstreue“ und nennt als Konkretionen die Nächsten-, Fremden-, Fernsten-, Feindes- und Bruderliebe (334). David S. du Toit meint, dass einige für das NT bedeutsame Motive der „Eschatologie“ (u. a. Auferstehung der Toten, kommender Messias) „nur vereinzelt im AT begegnen“, aber „im Frühjudentum große Verbreitung“ fanden und „so ins frühe Christentum“ eingingen (341).

Eine gesonderte Beurteilung der einzelnen Beiträge dieses Sammelbandes würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Durch die hier zusammengestellten Streiflichter hoffe ich aber, einen Eindruck vermitteln zu können: Von einem Sammelband, in dem Themen des NTs aus dem gegenwärtigen historisch-kritischen Meinungsstand dargestellt werden.

 

Dr. Franz Graf-Stuhlhofer, BSc., Prof. für freikirchliche Theologie an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems

 

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