Altes Testament

Hannah K. Harrington: The Books of Ezra and Nehemiah

Hannah K. Harrington: The Books of Ezra and Nehemiah, The New International Commentary on the Old Testament, Grand Rapids/MI: Eerdmans, 2022, geb., XXXIV+529 S., $ 52,–, ISBN 978-0-8028-2548-3


Der Kommentar von Hannah Harrington ersetzt den gleichnamigen Kommentar von Charles Fensham aus dem Jahr 1982 in der Reihe „The New International Commentary on the Old Testament“. Wie die anderen Bände aus dieser Reihe zeichnet sich auch der Kommentar von Harrington durch eine sehr gründliche Exegese und Auseinandersetzung mit aktuellen theologischen Positionen sowie eine grundsätzlich konservative Haltung im Blick auf Einleitungsfragen und Zuverlässigkeit des Textes aus.

Der Kommentar besteht zunächst aus einer ausführlichen Darstellung der Einleitungsfragen zu Esra-Nehemia, die als ein gemeinsames Werk angesehen werden (18–21). Neben der dann folgenden versweisen Auslegung finden sich immer wieder wertvolle Exkurse (insgesamt 23) zu vielen Themen, die in der Auslegung angeschnitten werden.

Harrington geht davon aus, dass sowohl Esra als auch Nehemia unter Artaxerxes I. gelebt und gewirkt haben (11), und dass sie daher Zeitgenossen waren und sich – wie der Text es darstellt – gekannt haben und miteinander gearbeitet haben (15). Aus diesem Grund lehnt sie auch eine Umstellung von Neh 8 hinter Esra 8 ab, wie sie in einem ausführlichen Exkurs begründet (355–357). 

Im Blick auf das Verhältnis zum Chronikbuch plädiert Harrington gegen einen gemeinsamen Autor. Nach ihrer Ansicht ist die „disparity of vision“ zwischen den beiden Werken zu groß dafür (17). Im Blick auf die Abfassungszeit des Gesamtwerkes Esra-Nehemia argumentiert Harrington für eine frühe erste Zusammenstellung (zwischen 430 und 424 v. Chr., also vor dem Tod von Artaxerxes), hält aber eine spätere Überarbeitung und Erweiterung für wahrscheinlich, wie z. B. die Liste der Hohepriester in Neh 12 zeigt, in der „Darius der Perser“ erwähnt wird (Neh 12,22), was sich nach Harrington vermutlich auf Darius III. (335–331 v. Chr.) bezieht (22).

Harrington spricht sich gegen eine rein diachrone Exegese aus, bei der es hauptsächlich darum geht, die vermutete Textentwicklung zu untersuchen. Dies führt nach Harrington häufig zu „emendations and large rearrangements of the text“, die sie als „often subjective“ empfindet. Dabei wird dann versucht, „a smooth, chronological narrative from a modern point of view“ zu entwickeln (22). Stattdessen setzt sie auf einen literarwissenschaftlichen Ansatz („literary criticism“, 27–31).

Dabei identifiziert Harrington zunächst die Themen und Zielsetzungen des Buches (27–28), wendet sich dann den verwendeten literarischen Techniken zu (29–30) und diskutiert schließlich die Frage der Historizität der beschriebenen Ereignisse, wobei sie auch die Berechtigung diachroner Betrachtungsweisen betont (31). 

Immer wieder macht Harrington deutlich, dass Esra-Nehemia in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt hin zu dem späteren Judentum darstellt (72, 375–382). Dies zeigt sich an einer Reihe von Stellen. Da ist zunächst die Betonung der Thora als Schrift (62–63), die studiert werden muss (64). Verbunden ist dies mit einer Verschärfung des mosaischen Gesetzes, vor allem in der Frage der Mischehen (73, 85, 244–254). Hier beginnt bereits der spätere „Zaun um das Gesetz“ Gestalt anzunehmen (240–241). Dies wird auch deutlich am Umgang mit dem Thema ritueller Unreinheit bzw. Reinheit. Während bisher vor allem der Tempel als heilig angesehen wurde, werden nun Stadtmauer und Tore geheiligt und damit die gesamte Stadt als heilig angesehen (84, 428–438). „Thus, an expanded concept of holiness, similar to what is known from later sources, is already in embryo in Ezra-Nehemiah.“ (88).

Auf der anderen Seite wird den Nicht-Juden (bzw. den nicht aus dem Exil Zurückgekehrten) eine grundsätzliche Unreinheit zugeschrieben (77, 469–477). Vor allem die Verwendung des Begriffs „heiliger Same“ in Esr 9,2 führt zu einer scharfen Abgrenzung gegenüber allen, die nicht dazugehören. Reinheit und Unreinheit dienen bei Esra-Nehemia dazu, die Gruppen-Identität zu stärken. Sie betonen „the distinction of the holy people vis-à-vis all outsiders“ (86, vgl. 133). Verstärkt wird diese Abgrenzung der Exilanten von allen anderen in Israel Lebenden (die als „Völker des Landes“ oder „Völker der Länder“ bezeichnet werden, 151) durch die klar erkennbare Parallele zwischen dem ersten Exodus und der Rückkehr aus dem Exil (107–108, 201). Dementsprechend werden die Begriffe „Israel“, „Israelit“ und „Volk Israel“ – außer bei historischen Bezugnahmen – nur für „the community of returning exiles“ verwendet (121).

Immer wieder wird in Esra-Nehemia Bezug genommen auf die Thora, manchmal ausdrücklich, an anderen Stellen unausgesprochen. Harrington führt eine Liste mit 21 Traditionen des Pentateuch auf, die in Esra-Nehemia vorkommen (70–71). Die Frage in diesem Zusammenhang ist natürlich, welchen Umfang die offenbar schriftlich vorliegende Thora zur Zeit von Esra-Nehemia hatte. Harrington argumentiert dafür, dass der Pentateuch zumindest in großen Teilen vorgelegen haben muss: „The authors are familiar with all parts of the Pentateuch.“ (66, vgl. 360).

Die Thora wird dabei in Esra-Nehemia nicht nur als gültig zitiert, sie wird auch neu interpretiert („it represents an ongoing, innovative tradition of interpretation“, 72). Dies geschieht an mehreren Stellen mit einer Methode, die im späteren Judentum als „Midrash“ bekannt geworden ist – die Interpretation einer biblischen Aussage mittels anderer Bibelstellen (212–215).

Insgesamt kann man den Kommentar von Harrington voll und ganz empfehlen. Nur wenige Fragen zu Esra-Nehemia bleiben offen. So hätte man sich gewünscht, etwas kritischer die Mischehenfrage und vor allem die in diesem Zusammenhang geforderten Ehescheidungen zu sehen, was von Harrington zumindest als „understandable“ bezeichnet wird (90). Etwas überraschend (und teilweise auch nicht immer ganz verständlich) sind einige Bezugnahmen auf die neutestamentliche Gemeinde, gerade auch im Zusammenhang mit dem Thema der Mischehen (88–91, vgl. auch 155, 269). Und schließlich hätte man sich eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung mit den Unterschiedlichkeiten in den beiden Heimkehrerlisten (Esra 2 und Neh 7) gewünscht. Aber das sind allesamt nur Kleinigkeiten, die den sehr positiven Gesamteindruck nicht trüben können. Insgesamt ein durch und durch empfehlenswertes Werk!


Dr. Hans-Georg Wünch, Studienleiter und Dozent für Altes Testament am Theologischen Seminar Rheinland (TSR), Wölmersen und Prof. extr. am Department of Old Testament and Hebrew Scriptures der University of Pretoria, Südafrika