Altes Testament

Daniel Arnold: Das Buch Ester

Daniel Arnold: Das Buch Ester, Edition C Bibelkommentar Altes Testament 19, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2022, Hb., 224 S., € 23,–, ISBN 978-3-417-25085-5


Bei dem vorliegenden Kommentar handelt es sich um die Übersetzung einer französischen Publikation. Neben dem Autor (einem Schweizer) seien Übersetzer und Bearbeiter genannt: Ursina Donner, Dorothea Bender und Helmuth Pehlke. Die Übersetzung hat den Vorteil, dass Einsichten aus der französischen Literatur in den deutschen Sprachraum gelangen; Kommentare bleiben sonst oft auf die Literatur des eigenen Sprachraums beschränkt; allenfalls wird englische einbezogen. Ich habe nur an einer Stelle eine Fehlübersetzung bemerkt: „argent“ ist im Französischen nicht nur „Geld“ (135), sondern auch „Silber“, was hier angemessen wäre (das Zitat von Maier auf S. 147 ist offensichtlich rückübersetzt, statt das Original zu zitieren). Ein Nachteil besteht jedoch darin, dass der Kommentar dem aktuellen deutschsprachigen Kontext nicht ausreichend Rechnung trägt. Die Bearbeiter haben versucht, einige neuere Literatur, die nach 1999 erschienen ist, einzuarbeiten und wo möglich für die verwendete Literatur Übersetzungen ins Deutsch oder Englisch zu verwenden, aber dies bleibt beschränkt.

Der Kommentar (97–216) ist gleichmäßig aufgebaut mit Einführungen zum jeweiligen Kapitel, Übersetzung und Auslegung eines Bibelabschnitts sowie „Gedanken zur Bibelarbeit“. Der französische Einfluss wird an den zahlreichen literarischen Strukturen erkennbar (67–70 und bei jedem Kapitel) und in den Beispielen von Ironie (64–66). Er bietet eine Interpretation, der man im Allgemeinen zustimmen kann.  In jeder Situation wird gefragt, welche Überlegungen die handelnden Personen anstellten, insbesondere Ester. Manchmal ist der Autor hier ein wenig optimistisch und neigt dazu, die Schwierigkeiten (die doch zumindest bei den heutigen Lesern bestehen!) auszubügeln. Unmögliche oder allzu optimistische Rekonstruktionen finden sich jedoch nicht (siehe z. B. 62–63, 176, 183).

Insgesamt ist die Botschaft aber recht pessimistisch – trotz des französischen Untertitels „survivre dans un monde hostile“ („Überleben in einer feindseligen Welt“). Sie lässt sich wie folgt zusammenzufassen: Gläubige sollen sich kooperativ in die Gesellschaft investieren (mit Spr 31 als Modell, 125). „Unterordnung ist weder mit Passivität noch mit blindem Gehorsam gleichzusetzen“ (143). Ester war mutig (in jedem Fall nach ihrer Veränderung in Est 4,15–17 [148]), aber nicht durch einfältige Revolte. „Sie hat nie [wie Waschti] einen Befehl des Königs nicht befolgt, sondern sie hat sich auf das Wesentliche konzentriert, nämlich auf das Heil ihres Volkes“ (197; ein Prinzip das u. a. in Coronazeiten richtungsweisend sein könnte). Man ist dazu imstande, weil „mehr Möglichkeiten bestehen, als ein einzelner Mensch wahrnehmen oder befürchten kann. Gottes Macht ist unkalkulierbar, und seine Lösungen sind nicht vorhersehbar“ (66). Auch wenn übernatürliche Wunder in der heutigen Zeit ausbleiben, können Gläubige sich darauf stützen, was Gott in der Vergangenheit getan hat (79).

Etwas wankend ist der Autor bei der Agag-Hypothese: Einmal ist Haman „ein Nachfahre Agags, dem Feind König Sauls“ (117), später betrachtet Arnold dies nur als eine Anspielung (130) und schließlich ist Agag ganz einfach Hamans Vorfahre (199).

Nicht nachvollziehbar erscheint mir die Verteidigung der Todesstrafe (199–207), die mit einer Intensität erfolgt, die ein persönliches Trauma vermuten lässt. Ja, die Autorität des Staates hat das Recht, das Schwert zu tragen. Aber die Obrigkeit kann sich irren, die Motive von Verbrechern sind oft kompliziert und viel hängt davon ab, in welcher Wiege man geboren wurde. Glücklicherweise unterstreicht Arnold auch die Wichtigkeit, in den Bund mit Gott zu flüchten (199).

Es ist deutlich, dass die Kommentierung und nicht die Einleitung (19–96) den wichtigeren Teil ausmacht. Weil ein Bibelkommentar immer auf früheren Kommentaren aufbaut (Arnold referiert großzügig), sollen Einleitungsfragen nicht anderen Kommentaren vertrauen, sondern direkt historische und philologische Quellen zugrunde legen. Dass sich keine Estertexte bei den Textfunden von Qumran finden, darf man nicht mit dem (übrigens exzellenten) Kommentar von Joyce Baldwin aus dem Jahr 1984 begründen (20) und es ist reines Glück für Edition C, dass sich für die Esterrolle im Zeitalter der umfangreichen Qumran-Veröffentlichungen tatsächlich nichts geändert hat. Die Jahreszahlen (22–23) und der Bezug auf Antiochos III. (34) sind vielleicht in sich stimmig, aber ohne Nachweis wird dies nicht deutlich. Verweise auf Flavius Josephus verwenden das alte, wenig präzise System. Die Vulgata hat Hieronymus nicht aus der Septuaginta übersetzt (83): Er ist der Vater der Hebraica veritas! (Vgl. G. W. Lorein: „The Latin Versions of the Old Testament from Jerome to the Editio Clementina“, in: A Jewish Targum in a Christian World, Hg. Alberdina Houtman / Eveline van Staalduine u. a. (JCPS 27), Leiden: Brill, 2014, 125–145, bes. 125–128). Für die Seitenanordnung der Manuskripte auf den Brockhaus Kommentar zur Bibel (oder sein französisches Pendant) zu verweisen, mutet wenig professionell an. Der Mordechaitag wird nicht in 2Makk 15,17, sondern in 2Makk 15,36 erwähnt. Einige hebräische Wörter sind kommentiert, in Transkription (die Transkription ist korrekt, die „Umschrift für Griechisch / Hebräisch“ (13–14) ist jedoch fehlerhaft), aber eine philologische Auseinandersetzung darf man in diesem Kommentar nicht erwarten.

Kurz gesagt: Dieser Ester-Kommentar ist sehr brauchbar, wenn man Hilfe für eine rasche Vorbereitung einer Andacht usw. benötigt (man kann Bibeltreue voraussetzen und erhält immer einige gute Anregungen), jedoch weniger nützlich, wenn man in einen Dialog mit dem aktuellen deutschen Kontext treten möchte. So bleibt ein deutscher Esterkommentar ein Desiderat!


Dr. Geert W. Lorein ist Professor für Altes Testament an der Evangelische Theologische Faculteit, Leuven.