Systematische Theologie

Michael Berra: Towards a Theology of Relationship. Emil Brunner’s Truth as Encounter in Light of Relationship Science

Michael Berra: Towards a Theology of Relationship. Emil Brunner’s Truth as Encounter in Light of Relationship Science, Eugene: Pickwick, 2022, Pb., xviii+266 S., € 35,99, ISBN 978-1-6667-3765-3


Die Dissertation des Schweizer Pastors Michael Berra, geschrieben an der London School of Theology und im Jahr 2022 erschienen, möchte mithilfe der Theologie Emil Brunners eine „Theology of Relationship“ erarbeiten. Es handelt sich dabei um eine interdisziplinäre Arbeit, in der die Theologie aus der noch jungen Disziplin der „Relationship Studies“ bereichert werden soll.

Das Buch teilt sich gut nachvollziehbar in vier Teile, wobei zuerst Emil Brunner als der „Relationship Theologian“ vorgestellt wird. Die Bedeutung Brunners wird anhand der theologischen Spannung aufgezeigt, die sich in Brunners Gegenwart entweder als Subjektivismus oder als Objektivismus zu lösen versuchte. Dem stellte Brunner einen dritten Weg entgegen: eine Ich-Du-Beziehung zwischen Gott und Mensch (31). Berra möchte mit seiner Arbeit beides neu in den Fokus rücken: Zum einen den Theologen Brunner, den er für vernachlässigt und missverstanden hält, zum anderen das Thema der Beziehung als ein Schlüsselthema christlicher Theologie. Gerade in Bezug auf das Thema aber werden Berras Ambitionen deutlich. Für ihn bildet das Motiv der „Beziehung“ mehr als nur einen Aspekt oder Teilbereich. Es ist vielmehr als hermeneutischer Grundsatz zu verstehen: Christliche Theologie sollte als eine „Theologie der Beziehung“ entworfen und entfaltet werden, wozu Berra mit seinem Buch eine Grundlage und einen Anstoß geben will.

Dem folgt im zweiten Teil eine Darstellung von Brunners theologischem Leitmotiv, der „Personal Correspondence“. Sie bezeichnet eine Bestimmung Brunners, mit der er die Beziehung zwischen Gott und Mensch zu fassen versucht, einerseits als „God-towards-human“ („Gott-zum-Menschen-hin“, 94) und andererseits als „human-towards-God“ („Mensch-zu-Gott-hin“, 115). Ontologisch ist diese Bestimmung nur insofern, als sie sich auf den „wahren“ Menschen, nicht jedoch auf den „wirklichen“ Menschen bezieht. Damit ist aber schon die Aufgabe vorgezeichnet, die Brunner folgert: Die „God-towards-human“-Beziehung besteht in einem Ruf zur Wiederherstellung der „personal correspondence“, die „human-towards-God“-Beziehung muss dabei als Antwort entfaltet werden. Die Beziehung ist demnach asymmetrisch zu verstehen, jedoch im Sinne einer „Happy Asymmetry“ (119). Innerhalb dieser Beziehung wird es dem Menschen möglich, durch den Glauben frei auf Gottes Zuwendung zu antworten.

Im dritten Teil soll die theologische Figur der „Relationship“ sowohl als brauchbare Analogie nachgewiesen wie auch im Licht der „Relationship Science“ dargestellt werden. Dabei kann der Leser auf eine knappe Darstellung der Grundzüge der „Relationship Science“ im Anhang zurückgreifen (217). Außerdem geht Berra näher auf die Frage nach einer brauchbaren Analogie ein, was wiederum zeigt, mit welcher Gründlichkeit er den Gedanken der „Relationship“ auch über Brunner hinaus zu seiner theologischen Grundlage machen will. Mithilfe einer funktionalen Theorie der Analogie lassen sich dann qualifizierte theologische Aussagen über den Bezug von Gott und Mensch zueinander ganz in Analogie zu den uns bekannten zwischenmenschlichen Beziehungen treffen, da hier wesentliche Ähnlichkeiten bestehen (141). Im Rahmen der möglichen Qualitäten, mit denen die „Relationship Science“ unterschiedliche zwischenmenschliche Beziehungen beschreibt, ist die Gott-Mensch-Beziehung gekennzeichnet von Verbindlichkeit, Vertrauen und Intimität. Auch die Ungleichheit der Beziehungspartner verliert hier ihren bedrohlichen Charakter und markiert diese spezielle Beziehung in positiver Weise (169). Eine wichtige Einsicht Berras lautet, dass auch Brunners Beschreibung den Erkenntnissen der „Relationship Science“ voll entspricht.

Im vierten und letzten Teil führt Berra die Ergebnisse schließlich systematisch-theologisch zusammen. Die gesamte Arbeit, vor allem jedoch der letzte Teil, ist als Plädoyer für eine Theologie der Beziehung zu verstehen. So versucht Berra mithilfe einer analogischen Argumentation die Notwendigkeit einer solchen Weichenstellung nachzuweisen – seines Erachtens muss Systematische christliche Theologie das Thema der Beziehung als Leitmotiv beinhalten und in jedem der untergeordneten Bereiche entfalten. Dem folgt zuletzt in einem Ausblick eine knappe Darstellung von 10 Thesen, die wegweisend für das zielgerichtete Erarbeiten einer solchen Systematischen Theologie sein sollen, die ganz vom Thema der „Relationship“ geprägt ist.

Berra ist in der Lage, seine beiden Hauptanliegen in großer Klarheit zu vertreten; sowohl die Theologie Brunners als auch das Thema der „Beziehung“ werden in ihrer Bedeutung überzeugend vor Augen gestellt. Man kann ihm darin zustimmen, dass es sich bei Brunner um einen zumindest vernachlässigten Theologen handelt. In diesem Sinne ist durch die Wiederaufnahme von Brunners wesentlichen Anliegen ein wichtiger Beitrag erfolgt. Lehrreich ist auch die Aufnahme der „Relationship Science“ und damit die Interdisziplinarität der Arbeit. Zudem kann es als großer Gewinn betrachtet werden, wenn das Thema der Beziehung zwischen Gott und Mensch – und damit ist ja auch die persönliche Ebene angesprochen – nicht nur praktisch-theologisch, sondern eben auch systematisch-theologisch relevant gemacht wird. Berra tut genau dies.

Darüber hinaus besticht die Monographie durch eine große sprachliche und strukturelle Klarheit, die gerade für theologische Arbeiten nicht immer selbstverständlich ist. Obwohl es sich um eine englischsprachige Arbeit handelt, wird so der Zugang zum Inhalt auch für deutsche Leser sehr erleichtert.

Es kommt jedoch vor allem im vierten Teil die Frage auf, ob der Autor dem eigenen leidenschaftlichen Anliegen für eine „Theologie der Beziehungen“ nicht in der eigenen Arbeit hätte mehr entsprechen können. Gerade der letzte Teil hätte vielleicht Raum für eine ausführlichere Entfaltung geboten. Dem Ziel des Buches ist zwar in vollem Maß entsprochen – „Towards a Theology of Relationship“ –, die Thesen im Ausblick bleiben dabei dennoch sehr im Allgemeinen und lassen nicht erahnen, wie ein systematisch-theologischer Entwurf mit dem Leitmotiv der Beziehung denn konkret aussehen könnte.

Berra gelingt es somit hervorragend, die Relevanz seiner Themen aufzuzeigen. Die von ihm gegebenen Impulse bezüglich der Theologie Brunners und des Themas der „Beziehung“ sind ein wertvoller, wenn auch leider leicht verkürzter Beitrag. Interessant ist das Buch nicht nur für die akademische Theologie, sondern auch für den praktischen Gemeindedienst.


Dr. Viktor Martens, Gemeindereferent der Bibelgemeinde Günzburg