Krämer, Tobias: Die Entstehung der christlichen Wassertaufe
Krämer, Tobias: Die Entstehung der christlichen Wassertaufe. Johannes der Täufer – Jesus – frühe Jesusbewegung, WUNT II.635, Tübingen: Mohr Siebeck, 2025, geb., 401 S., € 109,–, ISBN 978-3-16-164320-0
Tobias Krämer (Jg. 1968) legt mit dem zu besprechenden Buch seine bei Christian Stettler verfasste und 2023 von der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel angenommene Dissertation in überarbeiteter Fassung vor. Darin untersucht er in die Frage nach der Entstehung der christlichen Taufe und bereitet erstmals umfassend verschiedene Entwürfe und Forschungsarbeiten zum Thema auf. Methodisch will er die Person Johannes des Täufers, dessen Johannestaufe, die Taufe Jesu und dessen Tauftätigkeit, sowie die zwei Tauftexte der frühesten Zeit nach Ostern (Apg 2,38 und Mt 28,18–20) so miteinander verbunden im Auge behalten, dass „am Ende eine belastbare Theorie zur Entstehung der christlichen Taufe“ (17) im Sinne einer historischen Wahrscheinlichkeit präsentiert werden kann. Eine ritualtheoretische Perspektive, insbesondere auf die Johannestaufe als Ritualinnovation und Agent Ritual (188–200), auf Mt 28,19f aus ritualtheoretischer Perspektive (286–291) und auf die messianische Taufe als weitere Ritualinnovation der Johannestaufe (330–338), bestätigt die in erster Linie exegetisch gewonnenen Erkenntnisse für die Entwicklungsstufen eines jüdischen Wasserritus hin zur christlichen Wassertaufe.
Die Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert. Teil 1 widmet sich Johannes dem Täufer (mit den zwei Kp. zur Quellenlage und Konturen des Täufers und zur Person des Täufers als „Prophet vor der Zeitenwende“) und seiner Taufe (Kp.3 zur Misson des Täufers mit den Stichworten „Taufe und Endgericht“, sowie dem Ertrag in Kp.4 „Das Profil der Johannestaufe“). Teil 2 führt weiter zur „Taufe und der Messias Jesus“ und behandelt zuerst „Die Taufe und der irdische Jesus“ (Kp. 5), danach „Die Taufe auf den Messias hin“, inklusive nachösterliche Entwicklungen (Kp. 6). Ein ausführlicher Abschnitt „Ertrag: Die Entstehung der frühchristlichen Taufe“ schließt das Buch ab, dem wie in der Reihe üblich ein Literaturverzeichnis und Stellen-, Autoren- und Sachregister beigefügt sind.
Krämer traut den Evangelien und der Apostelgeschichte eine hohe historische Zuverlässigkeit zu und orientiert sich dabei unter anderem an Vorarbeiten von Friedrich Avemarie und Richard Bauckham. Für die ritualgeschichtliche Einordnung der christlichen Taufe greift er auf Claudia Matthes zurück. Neben den Täufertexten bei Josephus werden auch die Erwähnungen des Täufers Johannes in verschiedenen Evangelien des 2. Jhdts. thematisiert. Für die „Taufe des Johannes“ wird zuerst darauf hingewiesen, dass das Taufen (als Ritual der Umkehr zur Sündenvergebung) offenbar ein so herausragendes Charakteristikum der Person Johannes war, dass dieser den Beinamen „der Täufer“ erhielt. Als „Prophet vor der Zeitenwende“ lässt er sich, sein Handeln und seine Botschaft nicht in ein bestehendes Schema einordnen. Auch die Aussagen Jesu über den Täufer und seine eigene Taufe durch Johannes machen deutlich, dass mit Johannes und seiner Taufe ein bedeutsamer Wendepunkt für Israels Geschichte und im Leben von Jesus eingetreten ist. Die Berichte über die Taufe von Jesus (209–242) geben keinen Anlass zu Zweifel, dass sich Jesus tatsächlich von Johannes taufen ließ. Jesu eigene Begründung, mit der Taufe „alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (Mt 3,14f), wird schlicht als Ausdruck der Bereitschaft seines Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes zu deuten sein. Die begleitenden Himmelserscheinungen und darin verwobenen Bibeltexte (Ps 2; Jes 42) sind als akklamatorische Installation und Wendepunkt für Jesus zu verstehen. Allerdings bleibt die allgemeine Johannestaufe – und nicht etwa die Taufe von Jesus – Ursprung für die spätere messianische Taufe. Bei der Taufe Jesu ist aber bereits zu beobachten, dass der Geistempfang auf die Taufe folgt (s. dazu unten).
Im Dialog mit der aktuellen Forschungslage und Meinungsvielfalt (z. B. den Ansichten von Joel Marcus oder Rivka Nir) arbeitet Krämer heraus, dass Johannes sich selbst als Wüstenrufer (Jes 40,3) verstand und er von den Menschen und von Jesus als Elia redivivus gesehen wurde, wobei beide Bezeichnungen auf dieselbe Funktion hinweisen: Israel soll auf die Ankunft des Herrn vorbereitet werden. Um allerdings an dieser kommenden Heilszeit teilhaben zu können, muss das drohende Endgericht durch Umkehr und Sündenvergebung abgewendet werden, wozu Johannes in seiner Taufe aufrief. Gleichzeitig machte Johannes mit dem Hinweis auf den kommenden Geist- und Feuertäufer deutlich, dass er selbst nicht der Messias sei, wobei mit „Geist“ die eschatologische Heilsgabe (nicht Gericht oder Reinigung) und mit „Feuer“ das Vernichtungsgericht Gottes (nicht bloß reinigend) gemeint sei. – Die von Johannes vollzogene Taufe „der Umkehr zur Vergebung der Sünden“ erweist sich – auf dem Hintergrund jüd. Wasserrituale und auch in Auseinandersetzung mit der Sicht des Josephus – als einzigartige Ritualhandlung (-innovation), in dessen Zentrum die Umkehr und Sündenvergebung stand. Sie war aber auch netzwerkartig eingebunden in Bezüge, die es nachösterlichen Messiasgläubigen ermöglichte, die Johannestaufe aufzugreifen und mit dem Glauben an den erhöhten Messias zu verbinden (318). Diese Verbindungen finden sich bereits in der Antwort des Petrus auf die Anfrage der Zuhörer seiner Pfingstpredigt in Apg 2. Konkreter: Die von der Person Johannes geprägten zentralen Aspekte seiner Taufe werden in Apg 2,38 aufgegriffen, nun aber auf eine andere Person, „auf den Namen Jesu Christi“ praktiziert. Der Ruf zur Umkehr wird im Kontext der messianischen Taufe zur Umkehr und Neuausrichtung des Lebens unter der Herrschaft Jesu. Der Aspekt der Sündenvergebung verbindet sich seit Ostern mit Jesus aufgrund seines Sühnetodes. Während Johannes seine Taufe als Vorbereitung auf die Geist- und Feuertaufe durch den endzeitlichen Gottgesandten verstand, kann die nachösterliche Jesusbewegung die Taufe auf den Messias vollziehen der den Heiligen Geist gesandt hat und das Endgericht vollziehen wird. Auch der Aspekt der Jüngerschaft war in der Johannestaufe angelegt (Schüler/Jünger des Johannes) und wird gemäß Mt 28,19f in der christlichen Taufe mit aufgenommen.
Krämer zeichnet einerseits die weitere Entwicklung der Täuferbewegung nach (115–127) und sieht andererseits in der Taufe von Jesus, dessen Gespräch mit Nikodemus (Joh 3), seiner Tauftätigkeit (Joh 3,22ff) und dem Taufauftrag (Mt 28; Historizität lässt K. ein Stück weit offen) Zwischenstationen hin zur späteren christlichen Taufe. Allerdings seien diese „für die Rekonstruktion des Entstehungsprozesses der messianischen Taufe zwar von großer Bedeutung, doch sind sie letztlich nicht zwingend erforderlich, um die These zu vertreten zu können, dass es die Johannestaufe war, aus der die messianische Taufe entstand“ (322). Diese Grundthese macht Krämer insgesamt überzeugend einsichtig. Auffallend fair und durchdacht sind seine umsichtigen, kritischen Auseinandersetzungen mit alternativen Ansichten. Er kennt und verarbeitet die aktuelle Literatur (McGraths zwei Arbeiten zum Täufer erschienen zu spät (48 Anm. 10); für das Motiv der Wiedergeburt (165) fehlt Kenntnis der Arbeit von Ursula Ulrike Kaiser aus dem Jahr 2018). Wohltuend reif sind auch seine exegetischen Urteile, der differenzierte Umgang mit den unterschiedlichen Perspektiven der Evangelien und seine zurückhaltenden historischen Erwägungen. Selbstverständlich kann man im Detail Anfragen stellen und anderer Meinung sein: Warum wird für die Biografie des Täufers Lk 1 nicht erwähnt (49; s. aber 64f)? Weshalb wurde Johannes auch als „der Prophet“ (wie Mose, Dt 18,15) angesehen? Ist in Joh 1,31 (Krämer spricht der Aussage ab, historisch zu sein) φανερόω wirklich richtig verstanden als „jmd. zu Gesicht bekommen“ (164)? Insgesamt aber vermag die Arbeit zu überzeugen und sie wird die Diskussion um die Taufe mitprägen.
Diskussionsstoff werden zwei Ergebnisse dieser Studie liefern, welche sachlich zusammenhängen: Krämer arbeitet auf der exegetischen Ebene heraus, dass die christliche Wassertaufe nicht etwa der Ort des Christwerdens, sondern eines von mehreren Elementen des Christwerdens darstellt. So weist er darauf hin, dass in der Bezeichnung der Johannestaufe als „Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden“ der Akt der Umkehr von der Sündenvergebung unterschieden bleibt, auch wenn beides in der Taufe in gewisser Weise verbunden ist. Er beobachtet bei der Taufe von Jesus durch Johannes: „Es ist der getaufte Jesus, der von Gott den Geist empfängt.“ (211). Beim Gespräch mit Nikodemus versteht er dessen Aussage über eine „Neugeburt aus Wasser und Geist“ – m.E. zu Recht – von Joh 1,33 her, mit Hes 36 im Hintergrund. „Das heißt: Zur Wassertaufe muss die Geisttaufe hinzukommen.“ (169). Die Satzkonstruktion von Apg 2,38 ergibt, dass Umkehr und die Taufe Voraussetzungen für den Geistempfang sind und dieser nicht etwa in der Taufe erfolgt (295–298). Zudem will die Taufe „auf den Namen des Messias“ nicht nur die Verbindung zum Heilsgeber ausdrücken, sondern zugleich das Eingehen einer Verpflichtung zur Nachfolge und Jüngerschaft. Damit zusammenhängend lässt Krämer sowohl bei der Johannestaufe als auch bei der späteren christlichen Taufe die Verschränktheit menschlicher (Umkehr; Glaube) und göttlicher (Sündenvergebung; Gabe des Geistes) „Aktivität“ unbeschwert stehen. Wir lesen Sätze wie: „In der Taufe ergreift der Täufling das Heil, das ihm Gott durch die Taufe schenkt.“ (327). Der Taufe geht der Umkehrruf voraus, auf den der Mensch antworten muss. Auch die christliche Taufe ist in erster Linie ein Ritus der Umkehr. Sie geschieht auf den Namen des Messias Jesus, womit der Täufling in das durch Christus bewirkte Heil einbezogen (s. Röm 6) und mit ihm verbunden wird (Nachfolge). Die Taufe führt zur Sündenvergebung (und Rechtfertigung 1Kor 6,10f) und ist Vorbereitung zum Geistempfang (323). Dem Buch ist zu wünschen, dass Bibelwissenschaftler die Ergebnisse wohlwollend diskutieren und Systematiker mit der Offenheit an die Lektüre gehen, ihre Tauftheologie wo notwendig „von der Bibel her erneuern zu lassen“.
Jürg Buchegger, Pfr. (Dr. theol.) der Freien evangelischen Gemeinde Wetzikon (Schweiz) und Gastdozent an verschiedenen Theologischen Ausbildungsstätten