Neues Testament

Schmidt, T. C.: Josephus and Jesus

Schmidt, T. C.: Josephus and Jesus. New Evidence for the One Called Christ, Oxford: Oxford University Press, 2025, 317 S.; Hardcover, £ 99,–, ISBN 978-0192866783. Open-Access: https://academic.oup.com/book/60034


Wenige Bücher schaffen es heute noch, aus dem Stand so große Beachtung zu finden wie diese neue Monographie von T. C. Schmidt. Wenn aber eine Arbeit erscheint, die verspricht, zu einem schon so intensiv studierten Text wie dem Testimonium Flavianum (TF) etwas wirklich Neues herausgefunden zu haben, dann sind Rezensenten vor die Wahl gestellt: Handelt es sich hier wirklich um eine seltene Sensation oder sollte man das Werk eher in die lange Reihe von Büchern mit steilen Thesen, aber ohne wesentliche Substanz einordnen? Mir scheint, dass dieses Buch Potenzial dazu hat, sich in die deutlich kürzere erste Liste einzureihen.

Die Sensation des Buches liegt wohl nicht primär darin, dass der Autor behauptet, dass das TF, bis auf eine textliche Korruption, gänzlich authentisch und auf Josephus zurückzuführen ist. Diese These verteidigt Schmidt im ersten Teil des Buches (13–138). Er ist nicht der Erste, der diese Sicht vertritt: Alice Whealey, John Curran, Étienne Nodet, Ulrich Victor, Serge Bardet, Antonio Cernuda und Gary Goldberg stellen eine Minderheit innerhalb der Forschung zum TF dar, die sich für dessen Authentizität verbürgt. Im deutschsprachigen Raum wird das TF jedoch mehrheitlich weiterhin mindestens für in weiten Teilen überarbeitet gehalten (um die Gründe für diese Entwicklung zu verstehen, empfiehlt sich das Fazit von Ulrich Victor, Das Testimonium Flavianum. Ein authentischer Text des Josephus, NT 52 [2010], 72–82). Obwohl Schmidt also nicht der erste ist, der dafür plädiert, dass Josephus das TF in Gänze selbst verfasst hat, setzt seine Verteidigung dieser These dennoch neue Maßstäbe. Nicht nur ist sie deutlich ausführlicher als ihre Vorgänger, sie geht auch argumentativ genuin neue Wege, durchgehend akribisch und kleinschrittig. Das hemmt zwar einen angenehmen Lesefluss, zeigt aber seine methodische Sorgfalt.

Zunächst analysiert Schmidt die griechische (13–34) sowie lateinische, syrische und arabische Rezeption (35–63) des TF. Er kommt, m. E. mit guten Gründen, zu dem Schluss, dass die (frühen) Leser des TF (anders als Menschen in der Moderne) den Text als eher mehrdeutig oder sogar als kritisch gegenüber seinem Inhalt eingestellt wahrgenommen haben. Drei Anmerkungen hierzu:

1. Schmidt vermutet – entgegen der konventionellen Einschätzung –, dass Origenes das TF gekannt haben müsse und es in seinen apologetischen Schriften nicht eingesetzt habe, weil er es als ambig oder kritisch gesehen habe (13–16). Diese These ist m. E. möglich, aber die positive Evidenz hierfür ist gering. Das Schweigen des Origenes über das TF ist allerdings ein häufig vorgebrachtes Argument gegen dessen Authentizität. Hier wäre also weitere Arbeit nötig.

2. Wiederholt nutzt Schmidt eine Argumentationsfigur, in der er unterstellt, dass einige Autoren in ihrer Übersetzung des TF griechische Phrasen, die sie als ambig oder kritisch wahrnahmen, durch positivere lateinische Äquivalente ersetzt haben (z. B. 36; 38; 41). Dieses Argument steht aber in der Gefahr eines Zirkelschlusses: Hier muss vorausgesetzt werden, was gezeigt werden soll, nämlich dass die Autoren die ursprüngliche Version des TF als einer Korrektur bedürftig sahen. Dieser Nachweis wird m. E. aber nur für Cassiodor erfolgreich erbracht (42–45).

3. Schmidt bereitet in diesem Abschnitt auch die einzige textliche Korrektur des TF vor. Die kurze Phrase ὁ χριστὸς οὗτος ἦν (er war der Christus) sollte laut Schmidt durch ein Partizip (er schlägt λεγόμενος, νομιζόμενος oder πιστευόμενος vor, 90) ergänzt werden und dementsprechend besser als „er wurde Christus genannt“ o. ä. übersetzt werden. Belege für diese textliche Tradition findet er in der Version des Hieronymus (38) und bei Michael dem Syrer im 12. Jahrhundert, dessen Version er auf Jacob von Edessa aus dem frühen 8. Jahrhundert zurückführt (48–62). Obwohl man als Neutestamentler zunächst höchst skeptisch auf textliche Rekonstruktionen, die sich auf so lange Zeiträume erstrecken, blickt, hat mich die Argumentation hier überzeugt (Schmidts Argumentation findet sich in wesentlichen Teilen bereits bei Whealey, Alice, The Testimonium Flavianum in Syriac and Arabic, NTS 54 [2008], 573–590).

Das Herzstück des Buches ist wohl Schmidts Kommentar zum TF (64–107). Dort argumentiert Schmidt akribisch und methodisch verantwortet, dass das TF keine positive Darstellung der Person Jesu ist, sondern durchaus an einigen Stellen mindestens ambig bis hin zu aktiv kritisch gegenüber ihr eingestellt war. So meint Schmidt bspw., dass die Phrase ἐφάνη γὰρ αὐτοῖς (…) ζῶν nicht als „he appeared to them alive“ übersetzt werden sollte, sondern deutlich ambiger als „he appeared to them to be alive“ (96), eine in der Koine breit belegte Nutzung von φαίνω. Christen hingegen nutzten φαίνω nur selten, um auf die Erscheinungen des Auferstandenen zu rekurrieren (100, wobei er hier die Nutzung des Lexems im Barnabasbrief übersieht). Überhaupt kann er an vielen Stellen zeigen, dass das TF Worte und Phrasen nutzt, die so nicht von christlichen Autoren gebraucht wurden (77–78; 93–94; 100; 136; 198; 209–211), was die Annahme eines christlichen Verfassers unwahrscheinlich macht. Außerdem kann er eine beeindruckende Menge von deutlichen sprachlichen Parallelen des TFs zum Rest des Corpus Iosephianum anführen. Die Abfassung durch Josephus untermauert Schmidt zusätzlich durch eine überzeugende, ausführliche forensisch-stilometrische Analyse des Textes (108–136). Ein späterer Fälscher hätte über enorme, ohne computergestützte Analyseprogramme kaum zu erhaltende, statistische lexikale und phraseologische Kenntnisse des Corpus Iosephianum verfügen müssen, um eine so hohe Übereinstimmung des TFs mit Josephus übrigen Schriften zu erzielen.

Im zweiten Teil des Buches stellt Schmidt die historischen Konsequenzen der Authentizität des TF heraus (141–214). Dabei identifiziert er zunächst die möglichen uns bekannten Quellen, aus denen Josephus Informationen über Jesus erhalten haben könnte. Bereits in seiner Jugend habe Josephus Informationen von seinem Vater, der Priester war, oder seiner Mutter erhalten haben können (143). Früh war er mit der Jerusalemer Oberschicht eng vertraut (143), obwohl er Pharisäer war, hatte er auch enge Kontakte in essenische Kreise (144–145). Und als General Galiläas kannte Josephus sich auch dort hervorragend aus und hatte dementsprechend Zugriff auf Lokaltraditionen (145–146). Schmidt meint aber, die Quellen des Josephus noch näher bestimmen zu können. Hierzu konzentriert er sich vor allem auf ein Syntagma des TF: Josephus beschreibt die Anschuldigung gegen Jesus als von τῶν πρώτων ἀνδρῶν παρ᾽ ἡμῖν (den obersten Männern unter uns) kommend. Nach eingehender Analyse von παρ᾽ ἡμῖν im Corpus Iosephianum (151–158) kommt er zum Schluss, dass Josephus diese Phrase beinahe ausschließlich nutzt, um entweder die persönliche Kenntnis oder zumindest eine hohe Vertrautheit mit einem Sachverhalt darzustellen. Schmidt nimmt dementsprechend an, dass Josephus eng vertraut mit Personen war, die am Prozess gegen Jesus beteiligt waren oder direkte Beziehungen zu solchen Personen hatten (159–197). Er nennt 10 verschiedene Personen namentlich, die hierfür in Frage kommen. Leider muss Schmidt an mehreren Stellen auf potentiell anachronistische Quellen in Mischna und Talmud zurückgreifen, um den Prozessablauf zu rekonstruieren. Zudem ist die Quellenlage auch in Bezug auf die einzelnen Personen teilweise lückenhaft, was Schmidts Argumentation zeitweise leicht positivistisch anmuten lässt. Dennoch gelingt es ihm m. E. zu plausibilisieren, dass Josephus vermutlich mehrere Personen, die am Prozess um Jesus beteiligt waren, näher kannte. Die höchste Wahrscheinlichkeit kommt dabei dem Hohepriester Ananus II zu, dem Sohn Ananus I. Dieser war Josephus militärischer Vorgesetzter im Jahr 67 n. Chr. Sein Vater wird in Joh 18,13 unter dem Namen Hannas als Schwiegervater des Kaiaphas benannt. Ananus II wird zwecks des Passahmahls zur Zeit des Prozesses im Haus seines Vaters in Jerusalem gewesen und dementsprechend des Prozesses gewahr geworden sein. Bevor Schmidt noch sechs längere Appendices anfügt, in denen er nochmals ausführlicher auf Einzelprobleme seiner Argumentation eingeht (215–266), bietet er noch einige sehr kurze Überlegungen dazu, welche Konsequenzen seine Arbeit für die Forschung zum historischen Jesus haben mag (205–214). Hier dürfen wir gespannt sein, welche Rezeption Schmidts Thesen langfristig erfahren und ob sie Eingang in dieses doch oft eher hermetisch abgeriegelte Forschungsfeld finden werden.


Tim Spahn, Doktorand am Theologischen Seminar der Universität Zürich