Jos de Kock/Mirella Klomp: Doing Research in Practical Theology
Jos de Kock/Mirella Klomp: Doing Research in Practical Theology, Abingdon/Oxford/New York: Routledge, 2026, Pb., 216 S., € 52,35, ISBN 9781032120010
Das vorliegende Forschungshandbuch versteht sich als Leitfaden zur praktisch-theologischen Forschungslogik. Es entfaltet weder eine neue Theorie noch bietet es primär eine Methodensammlung, sondern macht den Forschungsprozess als Abfolge begründeter Entscheidungen transparent (38–41). Forschung wird als lernbare, selbstreflexive Praxis verstanden. Adressiert sind vor allem Master- und Promotionsstudierende, darüber hinaus auch Lehrende, Supervisoren, Gutachter sowie Forschende, die empirische oder theologisch reflektierende Projekte verantworten. Der Ertrag zeigt sich in der Verbindung von Prozesslogik, methodischer Konkretion und hermeneutischer Selbstreflexion. Datenerhebung und Auswertung werden nicht als linearer Ablauf, sondern als iterativer Prozess beschrieben, der zu früheren Festlegungen zurückkehrt und sie im Licht neuer Einsichten nachschärft (145–147). Zugleich orientiert der Band sachlich über quantitative, qualitative und kombinierte Ansätze und bindet Fragen von Forschungsqualität, Ethik und Transparenz konsequent in die Designarbeit ein (115–139). Beispiele und knappe Hinweise zur Weiterlektüre erhöhen die Anschaulichkeit; Reflexionsfragen am Kapitelende machen das Buch unmittelbar für den Einsatz in Seminaren und Kolloquien nutzbar.
Erkenntnistheoretisch ist der Band konstruktivistisch ausgerichtet. Erkenntnis gilt als perspektivisch und situiert, Positionalität gehört zur praktisch-theologischen Wissenschaftlichkeit und soll offengelegt und reflektiert werden (23; 30–32). Damit wird die Illusion neutraler Beobachtung zurückgewiesen und Forschung als verantwortete, reflexive Praxis profiliert. Rückfragen können dort entstehen, wo konfessionell geprägte Erwartungshorizonte eine stärker hierarchisierte Kriterienbindung und normativ dichter gefasste Wahrheitsansprüche voraussetzen, als es die konstruktivistische Rahmung nahelegt. Inhaltlich wird Praktische Theologie als Hermeneutik gelebter Religion und als eigenständiges theologisches Erkenntnisfeld profiliert, das religiöse Praxis in ihren konkreten Vollzügen analysiert (24–28). Gelebte Religion erscheint dabei nicht als bloßes Rohmaterial nachgeordneter Bewertung, sondern als Ort theologischer Deutungen und Praktiken, die wissenschaftlich zu erschließen sind. Entsprechend wird Interdisziplinarität, besonders im Gespräch mit den Sozialwissenschaften, als notwendiger Zugang zur empirischen, kulturellen und institutionellen Dimension religiöser Praxis herausgestellt. Zugleich reflektieren die Autoren die Rolle der Forschenden als Beteiligte am Prozess, einschließlich epistemischer Vorannahmen und forschungsbezogener Machtwirkungen (30–32; 60–61).
Teil I klärt die disziplinären und erkenntnistheoretischen Grundlagen und führt in das Forschungsdesign ein; darauf aufbauend entfaltet Teil II die Schritte 1–4 und Teil III die Schritte 5–8. In Teil II („Getting focus“) stellen die Autoren die Schritte 1–4 dar: Begründung des Projekts einschließlich impliziter Normativität und Machtverhältnisse (51–64), Problemformulierung samt Literaturarbeit (68–81), Entwicklung tragfähiger Forschungsfragen mit Kriterien, Materialobjekt und Dimensionen (84–100) sowie Bestimmung theoretischer und praktischer Relevanz (104–109). Didaktisch überzeugt diese Sequenz durch ihre präzise Diagnose typischer Schwächen praktisch-theologischer Forschungsarbeiten, etwa das Fehlen einer Problemstellung, und durch die klare Führung von der Themenbeschreibung zur Forschungslücke und zur belastbaren Frage. Teil III („Getting insight“) arbeitet die Schritte 5–8 aus. Kapitel 8 (Schritt 5) bündelt Datenerhebung, Forschungsparadigma, Datenanalyse, Reflexion der Datenqualität, ethische Evaluation und Positionalität als kohärente Designaufgabe (115–139). Methodik erscheint dabei nicht als neutraler Werkzeugkasten, sondern als theologisch und epistemologisch mitgeprägte Entscheidungspraxis. Kapitel 9 (Schritt 6) beschreibt die Durchführung realistisch als „untidy, complex, and spiral process“ (145–147) und integriert „discernment“ als strukturierte Bewegung von Beschreibung über Interpretation und Evaluation hin zu pragmatischem Beitrag (147–148). Überzeugend ist, dass die Autoren die Schritte nicht als bloße Checkliste präsentieren. Sie zeigen, wie sich die Schritte gegenseitig korrigieren. Relevanz muss zur Begründung passen, die Forschungsfrage zur Problemformulierung, das Design zur Frage, und in der Durchführung kann sich zeigen, dass Setzungen nachgeschärft werden müssen. Ein möglicher Kritikpunkt wäre, ob der Handlungsbezug als zentrale Zielperspektive Praktischer Theologie hinreichend profiliert wird, sodass klarer hervortritt, nach welcher verbindlicheren Logik Evaluation in verantwortete Praxis übergeht, insbesondere dort, wo praktische Relevanz benannt, aber nicht normativ gerahmt wird. Zwar ist der pragmatische Beitrag als Dimension praktisch-theologischer Forschung präsent, wird jedoch nicht als obligatorisches Ergebnis jeder Studie eingefordert (108–109). In stärker handlungsorientierten Erwartungshorizonten kann diese Zurückhaltung als zu vorsichtig erscheinen, weil die pragmatische Dimension eher als Option denn als Leitkriterium akzentuiert wird. Der knappe Schluss bündelt Ertrag und Grenzen und markiert als Forschungsleistung, auch das „Ungesagte“ sichtbar zu machen (180–181). Zusätzlichen Praxiswert besitzen die drei Anhänge, die den Aufbau von Forschungsberichten anhand von Beispielen konkretisieren (183–188).
Ein Beitrag liegt außerdem in der Thematisierung von Normativität. Sie erscheint nicht als peinliche Voreingenommenheit, sondern als unvermeidliche Realität religiöser Praxis und theologischer Forschung. Die Autoren zeigen, dass akademische Theorien nicht neutral sind, sondern von institutionellen Interessen mitgeprägt werden, und dass Forschende selbst entscheiden, wie sie empirische Beobachtungen, theoretische Begriffe sowie persönliche oder theologische Überzeugungen gewichten (58–60; 148–151). Aus konfessionell evangelischer Sicht lassen sich jedoch drei kritische Aspekte benennen. Erstens erscheint biblische Normierung eher als benannte Ressource denn als methodisch leitender Maßstab. Zweitens dominiert ein sozialwissenschaftlich geprägter Zugriff, der materialtheologische Tiefenschärfe stellenweise zurücktreten lässt. Drittens bleibt die Hierarchie der Normativitäten offen: Unterschiedliche normative Stimmen werden sichtbar, doch wird weniger entfaltet, nach welchen Kriterien eine Evaluation verbindlich entscheidet, wenn Praxis, Tradition, kirchliche Ordnung und theologische Reflexion konkurrieren. Schrift, Tradition und Bekenntnisse werden als Gesprächspartner genannt, ohne dass eine biblisch-theologische Normierungslogik dort methodisch ausbuchstabiert würde, wo empirische Befunde und theologische Maßstäbe kollidieren. Wer eine stärker kanonisch oder bekenntnisbezogen formulierte Bewertungsinstanz erwartet, wird daher weniger direkt bedient, auch wenn die normative Frage ausdrücklich präsent bleibt.
Insgesamt ist der Band ein nützliches Arbeitsinstrument für empirisch-theologische Forschung und für die Ausbildung wissenschaftlicher Urteilskraft in der Praktischen Theologie. Seine Stärken liegen in Strukturklarheit, didaktischer Lehrbarkeit und methodischer Redlichkeit. Ergänzungsbedürftig bleibt vor allem die Ausarbeitung einer verbindlichen Normativität, insbesondere im Blick auf biblische Normierung und die Hierarchie der Normativitäten.
Dr. Dejan Aždajić, Dozent für Praktische Theologie, FTH Gießen, Gießen