Andrew Root: Evangelism in an age of despair
Andrew Root: Evangelism in an age of despair. Hope beyond the failed promise of happiness, Grand Rapids: Baker Academic, 2025, Pb., 304 S., $ 29,99, ISBN 9781540968715
Andrew Root beschreibt die Zeit des dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert als eine traurige Zeit, weil die Menschen paradoxerweise damit beschäftigt sind, sich selbst zu verwirklichen und ihr Glück (happiness) in der diesseitigen Welt zu finden. Den Ursprung dieses Lebensstils sieht Root bei dem Philosophen Michel de Montaigne (1533–1592), der sich in seinen Abhandlungen nur auf das Diesseitige konzentriert und meint, in der Selbstverwirklichung das Glück zu finden. Jedoch zeigt Root auf, dass ein „Selbst“ (self), welches das Übersinnliche (the beyond) verneint, nie ans Ziel kommen wird, weil das Glück unersättlich ist: Es gibt immer mehr, das man erreichen kann. Wenn das „Selbst“ alles Entscheidende selbst tragen und hervorbringen (wie Bedeutung, Ziel, Sinn und Endgültigkeit) muss, führt dies zu Müdigkeit, Verzweiflung und Depression. Alles Zeichen einer traurigen Zeit.
Als Kritiker dieser Weltanschauung führt Root den Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal (1623–1662) ins Feld, der den Menschen nicht auf ein diesseitiges „Selbst“ reduzieren will, sondern ihn auch als eine „Seele“ (soul/spirit) begreift. Seiner Meinung nach kann das irdische Glück nie das Eigentliche der Seele finden, denn ihre Tiefe und Resonanz ist nicht an Vergnügen und Glück gebunden, sondern an das Verlangen nach etwas, was über dem Diesseitigen steht (something beyond). Dieses Darüberstehende kann als Leid identifiziert werden. Somit wird die Seele nur durch Leid sichtbar; darin wird aber echtes Glück gefunden, weil das „Selbst“ seine Bedürftigkeit erkennt, bekennt und dem Übersinnlichen begegnet.
Root nimmt diese Gedanken von Pascal auf und hebt hervor, dass gerade im Evangelisationsgeschehen Traurigkeit und Leid angesprochen werden sollen. Menschen brauchen Trost (consolation) durch andere, welche sich um sie kümmern. In der Auseinandersetzung mit ihrer Trauer finden sie die wahre Präsenz von Jesus Christus, der ihnen darin begegnet und sie rettet. Rettung wird als das Ereignis gesehen, bei welchem der Mensch sein Leid und seinen Schmerz auf Jesus wirft und durch ihn Trost und Leben findet. Root sieht in der Evangelisation kein instrumentales, sondern ein sakramentales Geschehen, weil darin das Endliche dem Unendlichen begegnet. In dieser Begegnung wird man evangelisiert und zu einem Jünger von Jesus Christus gemacht. Als Jünger geht man wieder in die Welt, um anderen Trost zu schenken. Dadurch wird der Kreislauf von Evangelisation und Jüngerschaft in Gang gesetzt und weitergeführt.
Um diesem zentralen Punkt seiner Überlegungen Nachdruck zu verleihen, präsentiert Root im zweiten Teil des Buches fünf Theologen, welche in ihrer Theologie einen großen Schwerpunkt auf das Leid und den Trost gesetzt haben. Als erstes erwähnt er Gregor von Nyssa (335/340–394) und seine Schwester Makrina die Jüngere (330 (327)–379), welche den Körper und die Seele als Einheit sehen und dadurch den Tod als großen Feind und die Auferstehung als einzige Hoffnung verstehen. Bei ihnen ist die Transformation durch Leid die Gute Nachricht.
Weiter beschäftigt Root sich mit Jean Gerson (ca. 1363–1429), welcher den Weg des Menschen als eine Pilgerreise hin zu Gott (ad Deum) begreift. Auf dieser Pilgerreise wird der Mensch immer wieder endgültig Abschied nehmen müssen und dadurch Leid erfahren. Jedoch ist gerade dieses Leiden der Ort, an welchem Gott wirkt und der Mensch Glück findet, weil Gott dem Menschen im Leiden nahekommt und Leben bringt. Evangelisation ist für ihn die Einladung, sich auf diese Pilgerreise zu begeben. Rund hundert Jahre später setzt sich Johan von Staupitz (1465–1524) mit der Dialektik zwischen Elend und Gnade auseinander. Für ihn wird in der Anfechtung und in dem darauffolgenden Leiden die Präsenz von Jesus Christus erfahren, welcher dieser Traurigkeit begegnet und Trost spendet. Staupitz schlussfolgert, dass eine Theologie des Trostes einen Gott der Liebe, der Gnade und der Barmherzigkeit braucht, der nur in Jesus Christus erkannt werden kann. In diesem Begegnungsgeschehen ist die Beichte (penance) entscheidend, in welcher das „Selbst“ das Leiden seiner Seele bekennt und dadurch Gottes Gnade erhält. Die Ansichten von Staupitz prägen Martin Luther (1483–1546) maßgeblich, indem er ihn ermutigt, sich nicht vor dem Leiden zu verstecken, sondern sich darauf einzulassen, da Gott, der durch Jesus Christus bekannt gemacht wird, darin zu finden ist. Leiden ist nie ein Zeichen der Abwesenheit Gottes, sondern ein Zeichen seiner Erwählung. So kommt Luther zum Schluss, dass die Theologie des Kreuzes (theologia crucis) immer auch eine Theologie des Trostes ist. Menschen sind Geschöpfe, die sterben und der Versuchung ausgesetzt sind, ihr Leiden abzulehnen. Aber gerade innerhalb dieses Leidens und in der Auseinandersetzung mit der Anfechtung findet sich der Mensch in der echten Präsenz Jesus Christi.
Am Ende des Buches schlussfolgert Root für die Evangelisation in der heutigen Zeit, dass die Kirche dann evangelisiert, wenn sie in das Leid des Nächsten eintritt und denen dient, welche in Traurigkeit gefangen sind. Dadurch gibt sie Zeugnis von Jesus Christus, der im Leiden aktiv ist und Gottes Werk ausführt, indem er Trost schenkt und Leben aus dem Tod hervorbringt.
Das Buch ist leicht und flüssig zu lesen. Root versteht es auf eine eindrückliche Art und Weise, die wesentlichen Weltanschauungen zu beschreiben, sie zusammenzuführen und daraus ein konkretes und hilfreiches Bild der Grundüberzeugungen der Menschen im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu zeichnen. Dieses Bild ergibt eine fundierte Grundlage, um Evangelisation darin einzuzeichnen. Seinen Fokus auf das Leiden und den Trost kann ich nachvollziehen und finde es berechtigt, Evangelisation in diesem Sinne (neu) zu überdenken und Menschen gerade in der heutigen Zeit in ihrem Leiden zu begegnen und dadurch auf Jesus Christus hinzuweisen, der ihnen Trost schenkt und sie rettet. Jedoch sehe ich eine Gefahr der Verengung, wenn nur dieser Wesenszug als alleingültige Auffassung von Evangelisation gelten soll, denn das Evangelisationsgeschehen ist umfassender als die Dialektik zwischen Leid und Trost. Dies sollte beim Lesen dieses Buches berücksichtigt werden.
Dr. theol. Simon Gisin, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der STH Basel im Bereich Praktische Theologie und freischaffender Pfarrer und Theologe