Praktische Theologie

Mark Scanlan: An Interweaving Ecclesiology

Mark Scanlan: An Interweaving Ecclesiology. The Church, Mission and Young People,  London: SCM Press, 2021, Pb., 254 S., € 34,30, ISBN 9780334060765


Mit An Interweaving Ecclesiology. The Church, Mission and Young People legt Mark Scanlan eine theologisch reflektierte und empirisch fundierte Studie vor, welche im Ergebnis auf eine neue ekklesiologische Verhältnisbestimmung zwischen Kirchen und christlichen Jugendgruppen hinausläuft. Seine Studie basiert auf einer ethnografischen Feldforschung in zwei christlichen Jugendgruppen in England und wurde bereits 2017 im Rahmen seiner Doktorarbeit unter dem Titel Urban Saints: An Interweaving Ecclesiology as a Contribution to the Fresh Expressions Debate unter der Betreuung von Pete Ward an der Durham University veröffentlicht. Methodisch wählt Scanlan bewusst einen qualitativen, teilnehmend-beobachtenden Zugang, um die Perspektiven sowie religiösen Praktiken der Jugendlichen ernst zu nehmen. Sein zentrales Anliegen ist es, ekklesiologische Grundfragen – Was ist Kirche? Resp. Wo geschieht Kirche? – nicht abstrakt-systematisch, sondern kontextuell und praxisnah zu verhandeln. Dabei bezieht sich der Autor u. a. auf Camerons Reflexionsebenen der praktizierten (operant) und bekennenden (‚espoused‘) Theologie. Besonders hervorzuheben ist dabei ein dezidierter Perspektivwechsel: Jugendliche erscheinen nicht primär als Adressaten kirchlicher Praxis, sondern als theologische Subjekte, deren Erfahrungen für das Verständnis von Kirche konstitutiv sind.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist Scanlans Kritik an der gängigen Bezeichnung vieler Jugendwerke als ‚paragemeindlich‘. Am Beispiel der untersuchten Gruppen der Urban Saints – vergleichbar etwa mit CVJM-Strukturen im deutschsprachigen Raum – will der Autor deutlich machen, dass diese Kategorisierung analytisch wenig hilfreich ist. Zwar verstehen sich diese Gruppen bewusst nicht als Kirche im institutionellen Sinne, dennoch weist ihre Praxis deutliche ekklesiale Züge auf. Dazu zählen insbesondere die gemeinsame Bibellektüre, regelmäßiges Gebet, pastorale Begleitung durch Leitende sowie eine stark gemeinschaftsorientierte Spiritualität.

Scanlan spricht daher von „potential ecclesial spaces“ (173): Räume, in denen Teilnehmende an christlichen Praktiken partizipieren, für Transzendenz sensibilisiert werden und Christus in Gemeinschaft begegnen. An dieser Stelle knüpft Scanlan theologisch an Roots Christopraxismodell an. Kirche wird hier nicht ausschließlich an institutionelle Grenzen oder formale Zugehörigkeit gebunden, sondern als gelebte Praxis verstanden, die sich in unterschiedlichen Kontexten ereignet.

Das Herzstück des Buches bildet Scanlans Konzept einer interweaving ecclesiology. Dieses Modell erlaubt es, unterschiedliche Ausdrucksformen kirchlichen Lebens – Gemeinde, Jugendgruppe, geistliche Gemeinschaften, missionarische Initiativen – als miteinander verflochtene ekklesiale Stränge zu verstehen. Keine dieser Formen ist für sich genommen die Kirche, wohl aber Teil eines kirchlichen Gesamtgewebes.

Gleichzeitig wahrt Scanlan eine wichtige theologische Differenzierung: Jugendgruppen allein sind nicht hinreichend, um im umfassenden Sinne ‚Kirche‘ zu sein. Insbesondere das Fehlen sakramentaler Praxis (Taufe und Abendmahl) markiert eine Grenze. Dennoch bereichern Jugendgruppen das kirchliche Leben der Teilnehmenden erheblich und lassen sich als ein unverzichtbarer Strang innerhalb ihrer persönlichen Ekklesiologie begreifen.

Bei aller Zustimmung im Blick auf die angemessene Würdigung der Perspektiven von Jugendlichen hinsichtlich ekklesiologischer Fragen, gibt sein Ansatz Anlass zu grundlegender Kritik. Scanlans ekklesiologischer Entwurf tendiert stellenweise zu einer starken Individualisierung: Kirche erscheint bisweilen als das, was das einzelne Subjekt für sich als Kirche erfährt und benötigt. Die Dimensionen der Kirche, als dem lokal konstituierten Leib Christi, bzw. das Verständnis der ἐκκλησία τοῦ θεοῦ als Vergegenwärtigung des eschatologischen Gottesvolkes treten demgegenüber etwas zurück. Eine klarere Differenzierung von lokaler und universaler Kirche – wie sie neutestamentlich vorliegt – wäre an dieser Stelle wünschenswert. Darüber hinaus erscheint es äußerst problematisch, die Grenzen der Kirche derart unbestimmt (ambigious) zu belassen. Scanlan vernachlässigt dabei weitgehend konstitutive Parameter wie die kirchengeschichtliche Tradition oder ein gemeinsames Bekenntnis.

Trotz dieser Einschränkung bietet An Interweaving Ecclesiology wertvolle Impulse für Kirche und Jugendarbeit. Scanlans Arbeit fordert Gemeinden heraus, Jugendgruppen nicht als Randphänomen oder Vorstufe kirchlicher Sozialisation zu betrachten (hier unterscheidet sich Scanlans Ansatz von Moynaghs FreshX Modell), sondern als genuin ekklesiologische (Lern-)Orte.

Insgesamt legt Scanlan ein theologisch reflektiertes, empirisch fundiertes und praxisrelevantes Werk vor, das die Stimme junger Menschen in ihrem kulturhermeneutischen Wert ernst nimmt und zu einem dialogischen Verständnis von Kirche einlädt.


Matti Groth, M.A. Student an der FTH Gießen, Gießen