Mirjam Best: Kirche neu erleben!?
Mirjam Best: Kirche neu erleben!? Eine empirische Untersuchung zur freikirchlichen Gemeindegründungsbewegung International Christian Fellowship in Deutschland, Mission und Kontext (MuK) 6, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Pb., 534 S., € 88,–, ISBN 978-3-374-07812-7
Mit der vorliegenden Monografie veröffentlicht Dr. Mirjam Best, Vikarin der badischen Landeskirche in Konstanz, ihre 2024 an der Universität Zürich angenommene Promotion und legt damit die bisher intensivste und umfassendste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem ICF-Movement in Deutschland vor. Angestoßen wurde das Forschungsinteresse durch die auffällige Wachstumsdynamik des ICF: Was als lokaler Abendgottesdienst in Zürich begann, hat sich längst zu einer Bewegung entwickelt, die über den gesamten deutschsprachigen Raum hinaus stetig Gemeinden gründet und dabei erheblichen Zulauf verzeichnet. Dieses Phänomen ruft in kirchlichen und freikirchlichen Milieus gleichermaßen Argwohn, Kritik und Sorge hervor. Best begegnet dem mit dem Anspruch, empirische Daten zu erheben, um „gelebte Religion darzustellen, nachzuvollziehen und kritisch zu reflektieren.“ (31) Daraus leitet sie ihre mehrgliedrige Forschungsfrage nach Profil, Gestalt und Handeln vom ICF und der Möglichkeit der Koexistenz mit anderen Freikirchen ab.
Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Teil A situiert den Forschungsgegenstand, referiert den Forschungsstand und erläutert die Methodik des gewählten empirischen Ansatzes. Teil B erschließt – teils bis in bisher wenig bekannte Details hinein – die Organisationsstruktur des ICF-Movements, die Grundstruktur der Einzelgemeinden und ihrer Angebote sowie Theologie und Spiritualität der Bewegung. Teil C präsentiert die Hauptstudien und ihre Ergebnisse und gleicht sie zudem mit den in Teil B entwickelten Beschreibungen empirisch ab. Teil D schließlich verknüpft die Ergebnisse der zweiten Studie mit dem Konzept einer mixed economy of Church (425), um die Frage zu beantworten, ob die Koexistenz unterschiedlichster Gemeinden sowie die interkonfessionelle Weitung einer mixed economy für eine Region gewinnbringend sein kann. Ein Anhang, der Einblick in das methodische Vorgehen gibt sowie wichtige Dokumente des ICF-Movements enthält, vervollständigt die Arbeit. Erwähnenswert ist zudem das der Arbeit vorangestellte Glossar, das die überwiegend englischen Begrifflichkeiten der ICF-internen Sprache erläutert und die Lektüre erleichtert.
Ein erstes großes Verdienst dieser Arbeit liegt in der umfassenden Darstellung von Geschichte, Struktur, Interna, Angeboten, Theologie, Spiritualität u. a. Hier stellt die Autorin eine Zusammenschau vor, die in dieser Dichte bisher einmalig ist. Das hier zusammengetragene Material stützt sich zudem auf mehreren Quellen: schriftliche Dokumente aus verschiedenen Gemeinden, Interviews mit Leitungspersonen des ICF, Untersuchung von Websites, eigene teilnehmende Beobachtungen von Gottesdiensten und anderes mehr. So entsteht ein Informationsrepertoire, das faktisch als Nachschlagewerk über Entstehung, Entwicklung und gegenwärtigen Stand der Bewegung dienen kann. Besonders hervorzuheben sind dabei die Darstellung und liturgietheologische Auswertung des Gottesdienstes (im ICF-Sprachgebrauch: Celebrations) sowie die Beschreibung von Theologie und Spiritualität – für alle drei Aspekte wurden je eigene Teilstudien durchgeführt. Mit der Auswertung der empirischen Daten gelingt es Best, Deutungsperspektiven auf Fragen zu entfalten, die der Erfolg von ICF nicht nur in der Forschung, sondern auch bei Verantwortlichen kirchlicher und freikirchlicher Milieus aufgeworfen hat: Wen erreichen ICF-Gemeinden und welcher Art ist ihr Wachstum? Worin liegt die Anziehungskraft der ICF-Gemeinden? Die Zusammenführung der Ergebnisse in Gesamtfazit und Ausblick (469–477) benennt in nachvollziehbarer Weise Stärken und Chancen der Bewegung. Zu nennen wären etwa die Verbindung konservativer Inhalte mit modernem Design, ausgeprägte Experimentierfreudigkeit, Lebensnähe und missionarisches Engagement. Ebenso klar, dabei aber fair, formuliert Best kritische Anfragen und potenzielle Gefahren, die die Verantwortlichen in den Blick nehmen sollten. Hier nimmt sie z. B. eine Zurückdrängung theologischer Reflexion in den Blick, eine durch die starke Erlebnisorientierung verursachte Unterbetonung der „Schattenseiten des Lebens“ (473) sowie die durch den attraktionalen Gründungsansatz bedingte Schwächung anderer Gemeinden.
Eine gewisse Inkonsistenz fällt lediglich in Teil B auf: Einige Teilkapitel enthalten eine kritische Würdigung, andere beschränken sich auf die reine Darstellung – ohne dass diese unterschiedliche Behandlung erkennbar begründet wird. Dies ist insofern bedauerlich, als die vorhandenen Würdigungen durchgehend relevante und diskussionswürdige Beobachtungen enthalten. Es wäre erhellend gewesen, diese kritisch würdigende Perspektive konsequenter durchzuhalten. Dieses kleine Manko mindert jedoch nicht den Gesamtwert der Arbeit. Für die Mühe, ein so umfangreiches und vielschichtiges Material zu erheben, auszuwerten, zusammenzustellen und am Ende schlüssig zu bündeln ist Mirjam Best ausdrücklich zu danken. Möglicherweise hat die Verfasserin gerade durch diese zuletzt benannten offenen Stellen Forschungsfelder markiert, die weiterer wissenschaftlicher Bearbeitung harren und damit willkommenen Anlass für die weitere Erforschung des ICF-Movements und seiner Gemeinden geben.
Henrik Homrighausen, Oberstdorf, Doktorand im Fachbereich Praktische Theologie an der STH Basel