Praktische Theologie

Lisa Stiller: Spiritual Care am Lebensende

Lisa Stiller: Spiritual Care am Lebensende. Das Hospiz und die Palliativstation als Communities of Care, Religion und Gesundheit 5, Stuttgart: Kohlhammer, 2025, Pb., 319 S., € 59,–, ISBN ‏978-3-17-046271-7


Wie können Menschen am Lebensende so begleitet werden, dass all ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden, auch die Fragen nach Sinn und Bedeutung ihres Lebens? Wer ist zuständig für Themen, die über die medizinisch-pflegerische Dimension hinausgehen? Wer hilft Angehörigen bei einem Abschied, der Leben ermöglicht? Traditionell sind die unterschiedlichen Aufgaben in der Sterbe- und Trauerbegleitung auf die verschiedenen Fachpersonen in ihrer je eigenen Profession aufgeteilt. Lisa Stiller vertritt dagegen den Ansatz, dass die spirituell-geistliche Begleitung eines Menschen von allen Begleitenden gemeinsam wahrgenommen werden muss. Dabei mögen die verschiedenen Professionen diese Aufgabe mit unterschiedlichen Schwerpunkten übernehmen, jedoch sind alle im Team gefragt, spirituelles Sorgehandeln für die Patienten wahrzunehmen. Wie dieses gelingen kann, hat sie im Rahmen einer empirischen Forschungsarbeit für ihre Dissertation herausgearbeitet. Nach einem Grundlagenkapitel zu Sterben und Tod im AT und NT sowie einer Darstellung der empirischen Vorgehensweise der Studie werden die Begriffe Spiritualität und „Spiritual Care“ mit ihren unterschiedlichen Definitionen vorgestellt. Sie werden gemeinhin weiter gefasst als die vertrauten Begriffe „Glaube“ und „Seelsorge“. Das kann auf der einen Seite dazu führen, dass die Inhalte als sehr weit und darum nicht mehr klar fassbar definiert werden können, auf der anderen Seite kann diese Weite auch eine Chance darstellen, um für Menschen, die für Glauben keine Sprache mehr haben, sprachfähig zu werden. In der Studie wird herausgearbeitet, wie die Mitarbeitenden aus den verschiedenen Berufsgruppen sich ihrer eigenen Spiritualität bewusst werden können, damit sie als Team des Hospiz- oder Palliativdienstes gemeinsam agieren können.

Bei aller sehr gründlich herausgearbeiteten Theorie zu spiritueller Begleitung am Lebensende ist das vorliegende Buch keine theoretische Abhandlung über Spiritual Care oder über das begleitende Team, sondern es beschreibt und reflektiert viele praktische Möglichkeiten der Sorge. Somit ist das Buch auch ein Gewinn für Praktiker, insbesondere für Teamleitende oder seelsorgerisch Tätige in Hospiz oder Palliativversorgung. Beschrieben wird eine große Bandbreite von Formen und Möglichkeiten, die es den Mitarbeitenden unterschiedlicher Professionen erlauben, auf ihre je eigene Weise an Prozessen spiritueller Sorge zu partizipieren. Betont wird dabei das Zusammenwirken im Team. Hier bietet das Buch eine Fundgrube an Möglichkeiten und Gesprächsformen bis hin zu praktisch-kreativen Zugängen, um mit Menschen über Fragen ihrer je eigenen Spiritualität ins Gespräch zu kommen.

Die Verhältnisbestimmung der Begriffe Spiritualität und Religion sieht die Autorin als spannungsreich: In großen Teilen der Literatur wird Spiritualität als etwas betrachtet, das mit Religion nur am Rande etwas gemein hat, in anderen löst sich Spiritualität in Religion auf. Beides wird ihr, so die Autorin, nicht gerecht. Die vorliegende Studie zeigt auf, dass Spiritualität immer eine existenzielle Dimension beinhaltet und damit auch das Religiöse berührt, ohne direkt religiös zu sein oder sich gar mit einer bestimmten Religion zu verbinden.

Die Ergebnisse der empirischen Studie ermöglichen, vor diesem Hintergrund eine differenzierte Verhältnisbestimmung von Seelsorge und Spiritual Care herauszuarbeiten. Dabei wird die Rolle der Seelsorger*innen im Team der Palliativ- und Hospizarbeit zum einen als Teil des Gesamt-Teams, zum anderen aber auch in ihrer besonderen Aufgabe betont. Diesen kommt laut Stiller die Funktion von „Ankerpersonen“ für spirituelle Bedürfnisse zu. Das bezieht sich sowohl auf Patienten, Gäste und deren Angehörige als auch auf die Mitarbeitenden und das gesamte Team. Es ist die Aufgabe der professionellen Seelsorge, die anderen Berufsgruppen in ihrem spirituellen Sorgehandeln zu ermutigen und sie dafür zu schulen.

Bei aller Weite in der Darstellung dessen, was der Spiritualität zuzurechnen sei, fokussiert sich die Autorin immer wieder auf deren christlich-geistliche Ausprägung. Somit bleibt das Buch nicht bei der manchmal ungreifbar-allgemeinen Form von Spiritualität, sondern verankert sich im christlichen Glauben. Die Autorin macht deutlich, dass professionelle christliche Seelsorge nicht zugunsten eines neutralen Angebots spiritueller Seelsorge aufgegeben werden dürfe.


Andrea Kallweit-Bensel, Pastorin i.R. (Dozentin für Praktische Theologie an der BTA Wiedenest, vorher Krankenhausseelsorgerin im Albertinen-Diakoniewerk Hamburg)