Christoph Raedel: Evangelisch bleiben
Christoph Raedel: Evangelisch bleiben. Verantwortlich leben in einer zerklüfteten Gesellschaft, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2025, kt., 337 S., € 35,–, ISBN 978-3-374-07827-1
Christoph Raedel, Systematiker an der FTH Gießen, legt hier 13 zum Großteil andernorts bereits publizierte Vorträge zu ethischen Fragestellungen vor. Einleitend erläutert er den Buchtitel „Evangelisch bleiben“. Diesen will er nicht als konfessionelle Zuschreibung verstanden wissen, sondern als inhaltliche Profilierung im Sinne einer Ausrichtung auf das in der Schrift bezeugte Evangelium. Evangelisch sei man dort, wo man in einer soteriologischen Grundausrichtung nicht primär den Erwartungshaltungen der Gesellschaft, sondern den Verheißungen Gottes gerecht zu werden sucht. Nur so könne ein theologisches Profil gewonnen und der kirchlichen Selbstentmündigung abgeholfen werden.
Von systematisch-theologischer Natur sind die ersten drei Beiträge über das Verhältnis von Scham, Schuld und Vergebung, von Rechtfertigung aus Glauben und Gericht nach den Werken sowie über das Verhältnis von „Bibel, Ethik und Gemeinde“. Raedel skizziert Schritte ethischer Urteilsbildung in theologischer Verantwortung und plädiert – in Auseinandersetzung mit der „transformatorischen Ethik“ (Faix/Dietz) – für eine Selbstbeheimatung im Wort der Schrift und damit einhergehend für ein Vertrautsein mit den Glaubenswahrheiten, von denen her die ethischen Fragen anzugehen sind. So sei die Entgegensetzung von Tugendethik und Gebotsethik überwindbar. Begrüßenswert sind in den folgenden materialethischen Beiträgen Raedels gut begründete Urteile zu den Themen „Lebensschutz“ am Anfang und am Ende des Lebens, „Arbeitswelt und Geschlechterverhältnisse“ und „Sexualität“. Im letztgenannten Beitrag erfolgt zudem eine umsichtige Auseinandersetzung mit dem „Selbstbestimmungsrecht“ aus dem Jahr 2024. Im Beitrag über das Altern und über die Sehnsucht nach Unsterblichkeit konfrontiert der Verfasser den Transhumanismus mit dem christlichen Menschenbild. Dieser Aufsatz kann als gute Einführung in diese Thematik gelesen werden, deren Bedeutung bei vielen Zeitgenossen noch nicht erkannt ist. Dass Christen Befürworter eines pfleglichen Umgangs mit der Schöpfung sind, mag als Kern der Beiträge zur „Esskultur“ und zur „Klimakatastrophe“ gelten. Verf. wendet sich hier wie auch in seinen Beobachtungen „Zur Moralisierung gesellschaftlicher Diskurse“ gegen moralisierende Tendenzen und paternalistische Methoden, die mit apokalyptischen Drohszenarien begründet werden. Indessen fragt man sich, ob nicht die Übernahme der Rede von einer „Klimakatastrophe“ bereits ein unnötiges Eingehen auf gesellschaftlich dominierende Paternalismen ist, was der Verfasser an anderer Stelle zu Recht kritisiert.
Raedel deckt auf, dass vielen ethischen Irrwegen eine konstruktivistische Weltanschauung zugrunde liegt, wonach der Mensch nicht als Geschöpf empfängt und „pflegt“, was an Gutem gegeben ist, sondern wonach der Mensch das Menschsein in seinen verschiedenen Aspekten überhaupt erst zu verwirklichen, zu optimieren hat. Dieser Ansatz ist plausibel und nicht nur gegen den Transhumanismus, sondern auch gegen die transformative Ethik zur Geltung zu bringen. Theologisch konsistenter aber wäre dies, wenn er auch in der – von Raedel zu Recht der Ethik zu Grunde gelegten – Soteriologie zur Anwendung käme. Hier sehe ich die größten Schwächen dieses Buches, was auch mit der unterschiedlichen konfessionellen Beheimatung von Autor und Rezensent zu tun hat, aber doch als ernsthafte theologische Anfrage gemeint ist. Dabei ist Raedel zuzustimmen, wenn er gegenüber neueren evangelischen Ansätzen, die gegen den doppelten Ausgang des Endgerichts für die Allversöhnung votieren, bemängelt, dass hier der Glaube „als Kriterium erster Ordnung“ im Gericht ausfalle (62). Richtig ist es auch, wenn er darauf hinweist, dass in diesen Ansätzen „die Verwandlung des Menschen die Neukonstituierung als Kind Gottes und Erbe des Gottesreiches zum Ziel, nicht zum Grund bzw. zur Voraussetzung“ hat (63). Darin, dass diese Verwandlung bereits im Diesseits geschehen muss, wenn sie im Gericht wirksam sein soll, ist Raedel zuzustimmen. Der Dissens muss aber dort markiert werden, wo er auf den Glauben zu sprechen kommt. Raedel spricht vom Glauben durchweg aktivisch oder reflexiv (z. B. 52; 69–71; 73f; 206) und schließt ein Verständnis des Glaubens als „Widerfahrnis“ explizit aus (71, Anm. 120). Dass die Rechtfertigung des Sünders nach reformatorischer Auffassung als umstürzende, Glauben schaffende Verwandlung desselben in der Taufe in lebensprägender Weise geschieht, ist ausgeblendet. Damit aber wird der ethisch berechtigte Kampf gegen den (nicht erst) modernen Konstruktivismus durch eine konstruktivistische Soteriologie unterlaufen. Und es überrascht nicht, dass eine „für Methodisten und Katholiken tragfähige[] Begründung der Willensfreiheit“ positiv Erwähnung findet (65, Anm. 98). Bei Reinhard Slenczka heißt es dagegen mit Blick auf Luther, auf den Raedel sich immer wieder beruft, wenn es um die Rolle des Glaubens geht: „Für Luther ist die Vermittlung vom Wort zum Glauben […] ein pneumatisches Faktum“ [Röm 10,17]. „Da das Wort der Verkündigung aber nicht bloß Inhalt ist, sondern eine Wirkung hat, wäre es ein Irrtum, diesen Glauben aus dem Hören des Wortes als fides acquisita aufzufassen (WA 6,85,10). Vielmehr ist der Glaube an das Wort gebunden, weil er durch das Wort der Predigt entsteht und davon lebt.“ Und weiter schreibt Slenczka: „Die richtige theologische Antwort auf die zu immer neuer Selbstrechtfertigung drängende falsche Frage nach dem gnädigen Gott war der Hinweis auf die Taufe […]. Darin liegt die Abwendung vom Werk des Menschen und die Hinwendung zum Werk Gottes, das Glauben wirkt und fordert. […] Gerade hier zeigt sich, daß es Luther beim Glauben nicht um die Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt, sondern um das Heilsgeschehen durch Wort und Sakrament im Menschen geht, bei dem Gott handelndes Subjekt ist“, in Art. „Glaube VI. Reformation/Neuzeit/Systematisch-theologisch“, in: Theologische Realenzyklopädie. Bd. 13, Hg. Gerhard Müller, Berlin: De Gruyter, 1984, 318-365, hier 321f. Ist aber das glaubensstiftende Wirken des Geistes in dieser Weise nicht anthropologisch-reflexiv, sondern pneumatologisch-sakramental verankert, so erweist sich auch die durch Raedel vorgenommene Bestimmung von „Wahrheit im Sinne der Bibel“ als „Existenzverhältnis“ im Gegensatz zu einem „Korrespondenzverhältnis“ (298) als Scheinalternative (vgl. Johannes Wirsching, Glaube im Widerstreit. Ausgewählte Aufsätze und Vorträge, Frankfurt am Main: Lang, 1988, 128f). Es ist der durch Wort und Sakrament auf Christus geworfene und von seiner Selbstbezüglichkeit in jeder Hinsicht befreite, „exzentrische“ (Gal 2,20) Mensch, der nach biblisch-reformatorischem Zeugnis im Gericht vorbehaltlos von Gott freigesprochen, anerkannt und angenommen wird, nicht weil er sich selbst überwunden und auf das Evangelium eingelassen hätte, sondern weil Christus sich durch seinen wort- und gnadenmittelgebundenen Geist tatsächlich schon hier und jetzt – angefangen beim Taufwunder – einen neuen Menschen schafft, der in Gerechtigkeit vor Gott ewiglich lebt.
Fazit: Das in ethischen Fragen anregende Buch Raedels fordert auf dem Feld der Soteriologie und der Pneumatologie zum Widerspruch heraus. Was „Evangelisch bleiben“ meint, ist unter „den Evangelischen“ selbst umstritten und berührt Kernfragen des reformatorischen Anfangs und des kirchlichen Auftrags.
Prof. Dr. Armin Wenz, Lutherische Theologische Hochschule Oberursel