Harald Seubert: Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts
Harald Seubert: Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Strahlen im Zeichen triumphalen Unheils, Baden-Baden: Akademie-Verlag, 2021, geb., 499 S., € 98,–, ISBN 978-3-89665-928-6
Die umfangreiche Monographie des 1967 geborenen, einem Fachpublikum v. a. als Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft und durch das von ihm herausgegebene Heidegger-Lexikon bekannten, sowohl an der STH Basel (seit 2012) wie an der FTH Gießen (seit 2017) lehrenden Philosophen ist ein Ereignis. Die sich durch eine besondere Dichte an Richtungen, Verzweigungen und Ausprägungen – Vf. behandelt mit guten Gründen auch die philosophischen Leistungen außerhalb der Fachdisziplin und würdigt Ästhetik, Kultur etc. – auszeichnende Philosophie des 20. Jahrhunderts wird hier in einer Differenziertheit und Übersichtlichkeit, mit einem Blick für das Detail, wo es wesentlich ist, wie einem Blick für das Ganze, der die einzelne Strömung einordnet, in einer Weise präsentiert, wie das im protestantischen Raum selten geworden ist. Parallelen drängen sich zu Günter Rohrmoser und dem katholischen (Religions-)Philosophen Robert Spaemann auf.
Eine breit gefächerte Bildungs- und Berufsbiographie wie weit greifende, sich in den Themen der Veröffentlichungen zeigende Interessen, die über das Gebiet der Fachphilosophie hinaus v. a. Theologie, Kunst, Kulturbetrieb, Literatur und Geschichte berühren, bilden die Voraussetzung für ein Werk, das mit dem Titel „Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts“ einen sehr weitgehenden Anspruch formuliert, das aber im Hinblick auf mögliche Desiderate im Horizont dreier anderer Veröffentlichungen gesehen werden muss, in denen sich Seubert zu Grundlagen der Philosophie äußert (Philosophie: Was sie ist und sein kann, Basel: Schwabe 2015; mit seinem Lehrer Manfred Riedel, Einführung in die Philosophie, Wien: Böhlau, 2015; vgl. die von ihm mitherausgegebene Reihe „Studien zur Weltgeschichte des Denkens. Denktraditionen – neu entdeckt“, Münster: Lit, ab 2010).
Seubert gelingt es in wohltuender und hervorzuhebender Weise, faire Darstellung, auch von Positionen, denen er als dezidiert konservativer Denker nicht nahe steht, mit einer Perspektive auf die Phänomene zu verbinden, die diese Philosophiegeschichte an keiner Stelle zu einer planen, unengagiert flächigen Darstellung werden läßt.
Die „verschlungenen Denkbewegungen“ der Philosophie des 20. Jhs. lassen sich „nicht leicht auf eine Formel bringen“. Sie verlaufen „eher labyrinthisch als linear“ (16). Seubert verschafft eine Übersicht, indem er in vier großen Teilen Strukturen zu rekonstruieren sucht. Der erste Teil „Philosophisches Erbe – Wiedergewinnung und Destruktion“ (31–169) schlägt einerseits die Brücke ins 19. Jh. und behandelt v. a. breit die Facetten des Neukantianismus; dem steht andererseits der philosophische Neuansatz der Phänomenologie und der ihm folgende „Denkweg“ M. Heideggers gegenüber. Das sich in der Folge der Katastrophe des ersten Weltkriegs ausbreitende und den Menschen in den Mittelpunkt stellende Existenzdenken wird von K. Jaspers über H. Arendt, Max Scheler bis hin zur jüdischen Stimme Fr. Rosenzweigs in seiner Breite sichtbar. Ist in diesem ersten Teil die beherrschende Figur E. Husserl, so steht im deutlich kürzeren zweiten Teil „Analysis und die logische Form der Welt“ (165–217) die völlig Neubegründung der Logik durch G. Frege im Mittelpunkt. Der sich hier manifestierende, nicht hermeneutische, sondern analytische Denkstil, der die Philosophie formalisieren und auf eine Mathematik und Naturwissenschaft vergleichbare wissenschaftliche Basis stellen will, wird bei wichtigen Hauptvertretern (B. Russell, L. Wittgenstein und A.N. Whitehead) weiter verfolgt. Der dritte Teil „Zwischenwelten Max Weber und Sigmund Freud, oder: Ob Philosophie an ihr Ende gekommen ist“ (219–243), nimmt zwar den geringsten Raum ein, markiert aber als eigenständige Reflexion zweier bis heute mit ihrem Neuansatz nicht überholter moderner Denker exemplarisch den erweiterten Philosophiebegriff von Seubert. Denn die hier behandelten „Randgänge der akademischen Philosophie werden mitunter wichtiger als der akademische Diskurs“ (16) – ein Phänomen, das Vf. in seinem „Ausblick“ (477–487) zu sehr kritischen Reflexionen über die Lehrstuhlphilosophie, ihre Fruchtlosigkeit und mangelnde gesellschaftliche, kulturelle und politische Relevanz veranlasst. Am vielfältigsten, ja buntesten stellt sich die im vierten Teil behandelte „Philosophie nach 1945 – Abbrüche und Kontinuitäten – Brückenschlagen über Ströme, die vergehen“ (245–475) dar. Dieser Teil nimmt den bei weitem größten Raum ein. In acht Unterteilen kommen völlig unterschiedliche Strömungen nebeneinander zu stehen. Es fällt zunächst (IV/I) auf, dass unter der Überschrift „Messianität und Neomarxismus“ E. Bloch, G. Lukács, W. Benjamin wie Th.W. Adorno völlig zutreffend, aber selten anzutreffen unter das Prädikat „jüdisches Denken“ gerückt werden. Daneben steht (IV/II) K.R. Poppers Kritischer Rationalismus in seinen drei Hauptbereichen (Wissenschaftstheorie, politische Philosophie und metaphysische 3-Welten-Theorie). In IV/III fasst Seubert das neuere französische Denken zusammen, vom Existentialismus J.P. Sartres und A. Camus’ über die Phänomenologie M. Merleau-Pontys bis hin zu postmodernen Denkern wie F. Lyotard, J. Derrida und M. Foucault. Dass hier ebenfalls der das abendländische Denken seit Aristoteles in toto in Frage stellende Ansatz des jüdischen Religionsphilosophen E. Levinás zur Sprache kommt, setzt einen ungewöhnlichen, aber in der Sache nachvollziehbaren Akzent.
In weiteren Unterteilen werden sowohl der eigenständige Ansatz des philosophischen „Archivars“ H. Blumenberg wie auch die Theorie kommunikativen Handelns des Diskurstheoretikers J. Habermas gewürdigt. In IV/VIII wirft Vf. noch einmal einen Blick über den großen Teich. Amerikanischer Pragmatismus und analytische Philosophie werden in verschiedenen Weiterentwicklungen behandelt (u. a. W.v.O. Quine, D. Davidson, H. Putnam, N. Goodman).
Angesichts eines solch zerfurchten Gegenstandsfeldes muss jeder Hinweis auf nicht behandelte Positionen, Personen und Strömungen als wohlfeile billige Beckmesserei erscheinen. Und zunächst ist noch einmal die faszinierende Breite der Darstellung der Philosophie des 20. Jhs., oder doch besser: der Philosophie im 20. Jh. zu würdigen. Es bleiben da, was die Hauptfiguren anbetrifft, kaum Wünsche offen. Dennoch sei es erlaubt, einige Fragen zu formulieren: (1) Gerade wenn es um die gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Relevanz von philosophischen Konzepten geht, die Seubert mit Recht einfordert, bleibt es unverständlich, warum er an den Leitfiguren feministischer und Gender-Diskurse vorbeigeht und etwa S. de Beauvoir und Judith Butler keiner Erörterung würdigt. Aus demselben Grund wäre es wichtig gewesen, herausragende Repräsentanten eines naturalistischen Reduktionismus, der Erkenntnis auf das wissenschaftlich Erhebbare beschränken will, zu besprechen, beispielsweise R. Dawkins oder St. Hawking, die sich als weltweit bekannte Wissenschaftler ausdrücklich zu philosophischen Auskünften in der Lage sehen. – (2) Dass zwar die analytische Philosophie v. a. amerikanischer Provenienz mit ihren Debatten berücksichtigt wird, aber die die philosophische Szene ebenda stark bestimmende analytische Religionsphilosophie mit ihren Debatten unbearbeitet bleibt (vgl. v. a. A. Plantinga, R. Swinburne) ist nicht nur erstaunlich; es verweist auf ein womöglich noch größeres Desiderat dieser Darstellung aus der Feder eines überzeugten Christen und streitfähigen Protestanten. (3) Es hätte bei vielen, wenn nicht nahezu allen besprochenen Positionen nahe gelegen zu fragen, was diese für Glaube, Kirche, Christentum als kulturelle Größe bedeuten und wie sie das Bild des Christentums verändert haben, noch weitergehend: wie auf die im 20. Jh. ja besonders klar greifbaren religionskritischen Positionen und Christentum destruierenden Überzeugungen philosophisch zu reagieren ist oder reagiert wurde. Vorbild wäre hier der z. Zt. weltweit wohl einflussreichste Philosoph Charles Taylor, der sich zu seinem Katholizismus offen bekennt (der freilich von Seubert noch nicht einmal erwähnt wird). – (4) Auch der Aufbau des Buches wirft Fragen auf. Der quantitativ bei weitem stärkste und im Vergleich etwa zu Teil III unverhältnismäßige vierte Teil wirkt in der Addition nebeneinander stehender Richtungen – bei allen klugen und interessanten Verknüpfungen, die das Buch durchziehen – wie eine Art „Resterampe“. Dieser Eindruck wäre vermeidbar gewesen, wenn die Kontinuitäten an anderer Stelle durch einen anderen Aufbau sichtbar gemacht worden wären. Zwei Beispiele von mehreren möglichen: Der Kritische Rationalismus ist wirksam geworden ja v. a. als Wissenschaftstheorie. Karl Poppers Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft, Wien: Springer, 1935 und die Vorarbeiten zu ihr (vgl. Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930–1933, Hg. Troels Eggers Hansen, 3. Aufl., Gesammelte Werke 2, Tübingen: Mohr Siebeck, 2010) sind lange vor dem mentalen Bruch von 1945 verfasst worden, unter dem sie Seubert fälschlicherweise subsumiert. In der Sache gehören sie in den Kontext des Neuaufbruchs des „Wiener Kreises“, mit dem sich die von Seubert behandelten Frege und Wittgenstein kritisch befassen. Ebenso gibt es eine nicht gebrochene, sondern kontinuierliche Entwicklung der analytischen Philosophie, die Seubert in IV/VIII neu aufgreift, statt sie in Teil II an „Analysis und logische Form der Welt“ anzuschließen. – (5) Greifbar ist im „Ausblick in die Sinnlinien in die Philosophie im 21. Jahrhundert“ (477–487) und in dem sehr persönlich gehaltenen „Epilog“ (489–491) der Wunsch, ja die Forderung nach einem wieder erstarkenden philosophischen Denken, das die Sache der Philosophie wiedergewinnt und neu fokussiert. Dabei bleibt seltsam unberücksichtigt, was denn die Gründe für den Verfall eines solch starken Denkens sind, dessen Konsequenz ja gerade der Verlust der dominierenden Systeme und die Pluralisierung von Vernunft und offenbar nicht mehr einzuhegender Heterogenität des Denkens sind, wie sie sich im bunten Blumenstrauß des Teiles IV zeigt und wie sie von postmodernen Denkern wie Lyotard und Derrida notiert werden. Seubert referiert sie fair, würdigt sie aber nicht systematisch in ihrer Relevanz für die Haltbarkeit eines starken Begriffs der Vernunft. – (6) Zum Schluss bleibt der Wunsch, dass für eine hoffentlich bald nötige zweite Auflage dieses wichtigen Buches die zahlreichen Druckfehler getilgt, die Register überprüft werden und der Preis des Buches herabgesetzt wird, damit es auch für Studenten erschwinglich ist.
Dr. Heinzpeter Hempelmann MA, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg (EHT), Honorarprofessor für Systematische Theologie und Kulturhermeneutik an der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL)