Systematische Theologie

Maria Hinsenkamp: Visionen eines neuen Christentums

Maria Hinsenkamp: Visionen eines neuen Christentums. Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke, Religion in Bewegung 4, Bielefeld: Transcript, 2024, Pb., 510 S., € 64,–, ISBN 978-3-8376-7252-7


Maria Hinsenkamp stellt in ihrer Studie, die an der Georg-August-Universität-Göttingen 2024 als Dissertation verteidigt wurde, die Frage nach der ökumenischen Bedeutung der Pfingstbewegung, mit besonderem Fokus auf den deutschsprachigen Raum. Ihre primäre Forschungsfrage untersucht, ob bestimmte den Pfingstkirchen zugeschriebene Diskursräume und -netzwerke diesen tatsächlich empirisch und theoretisch zugeordnet werden können. Diese Absicht ist bedeutsam, nicht nur weil die Pfingstkirchen die christlich-religiöse Landschaft seit einiger Zeit geprägt haben, sondern auch weil sich in ihnen neue Phänomene erkennen lassen, „die außerhalb des Gewohnten liegen“ (17). Die initiale Marginalisierung der pfingstlich-charismatischen Phänomene im Bereich des Kirchlich-Theologischen ist heute mit einer weitgehenden Sensibilisierung konfrontiert, die sich auch in der detaillierten Reflexion und konstruktiven Kritik pfingstlich-charismatischer Theologen widerspiegelt. Um einer Eingliederung dieser Dynamik gerecht zu werden, entwickelt Hinsenkamp den Begriff der „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC). Es geht in dieser Studie sowohl um die Erfassung spiritueller Welt- und Gesellschaftsvorstellungen, die theologisch der eschatologischen Königsherrschaft Gottes zugeordneten werden, als auch deren Erfahrbarkeit und Verwirklichung innerhalb von vielfältigen synchronen und diachronen Bezügen der Pfingstkirchen miteinander und mit der Ökumene. Diese Kombination einer spirituellen und transkonfessionellen Einordnung soll es erlauben, sowohl die historischen und gegenwärtigen Bezüge der Pfingstbewegung darzustellen, als auch die grundsätzliche Aufrechterhaltung und Erneuerung dieser Bezüge durch die Bewegung selbst zu kategorisieren.

Das Resultat dieser komplexen und eingehenden Studie ist eine beeindruckende Vielfalt von Verknüpfungspunkten der Genese und Phänomenologie der KiNC in ihrem globalen Kontext (109–238) und auch im deutschsprachigen Raum (269–413). Hinsenkamp verbindet bekannte Formen von Spiritual Mapping mit neueren und bisher wenig verbreiteten Formen von Netzwerkverbindungen. Obwohl diese Teilphänomene nicht unbekannt sind, erlaubt deren Kategorisierung als KiNC eine gewisse Erkenntlichmachung der Erscheinungsweisen und Zusammenhänge der Pfingstbewegung, wenn auch anfänglich in ihrer Komplexität, welche zumeist nur durch ihr Veränderungspotential erfasst werden kann. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse (419–427) bezeugt die weitergehenden analytischen Schwierigkeiten, den unterschiedlichen Netzwerken konsistente gesellschaftliche, kirchliche, organisatorische, ökumenische und theologische Perspektiven zuzuordnen. Hinsenkamp wirft in diesem Zusammenhang wichtige Fragen auf, die sowohl Raum schaffen für intra- und interkonfessionelle Begegnungsräume aber auch die Problematik verschärfen, die Gestaltung dieser Räume auf bestimmte prozessual-millennialistische Visionsausrichtungen zu begrenzen.

Dass ein theologisches Motiv der Motivierung organisatorischer und struktureller Netzwerke dient, ist eine Bereicherung (und Bestätigung) des pfingstkirchlich-charismatischen Selbstverständnisses. Allerdings wird dieser Zusammenhang nicht grundsätzlich in Verbindung mit der gegenwärtigen Literatur herausgearbeitet. Ein problematisches Merkmal dieser Studie ist die Auswahl der Quellensammlung. So finden sich in der Literatur weder Primärquellen historischer pfingstlich-charismatischer Veröffentlichungen noch wichtige neuere akademische Sekundärliteratur pfingstlich-charismatischer Theologen, die sich eingehend mit den grundsätzlichen Phänomenen und internen Rechtfertigungen der Pfingstbewegung auseinandergesetzt haben. In der ersten Gruppe vermisst man v. a. Zeitungen oder Zeitschriften der ersten Jahrzehnte, welche oft als formativ-wichtige Zeugnisse des internen Selbstverständnisses der Pfingstkirchen angesehen werden, und deren Zugang durch das Konsortium Pfingstlicher Archive (pentecostalarchives.org) erleichtert worden ist. Hier schaut man auch vergebens nach Primärliteratur von Leitern und Pionieren der Bewegung, vor allem ökumenischen Vermittlern (z. B. David du Plessis) oder Gründern verschiedener internationaler Netzwerke (z. B. Thomas B. Barratt oder Lewi Pethrus). In der zweiten Gruppe lassen sich einige Autoren von zentraler Bedeutung zwar im Literaturverzeichnis finden (z. B. John Wimber), aber ihre wesentlichen Werke sind nicht aufgeführt, und mehrere bedeutsame Autoren (z. B. Amos Yong, William Kay) und deren Abhandlungen wurden anscheinend vernachlässigt. Bemerkenswert ist hier auch die Abwesenheit von Sekundärliteratur, die sich direkt mit der Identifizierung der Pfingstkirchen als Netzwerke auseinandergesetzt hat (z. B. Andy Lord, Karen Brison, Joel Robbins), und die vor allem einer globalen Korrektur der Genese und Phänomenologie der KiNC und ihrer interdisziplinären Einordnung hätte behilflich sein können. Auch die Berücksichtigung der Potentiale und Herausforderungen für die klassische Ökumene wäre durch eine eingehende Auseinandersetzung mit der Literatur bereichert worden, doch auch hier wurden vorausgehende Studien nicht aufgerufen, weder von pfingstlich-charismatischen Autoren (z. B. Cecil M. Robeck, Veli-Matti Kärkkäinen) noch gewichtigen Stimmen der Ökumene (z. B. Jürgen Moltmann und Karl-Josef Kuschel) hinsichtlich einer Einordnung der KiNC.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der KiNC innerhalb der pfingstlich-charismatischen Bewegung selbst ist deshalb nur bedingt erreicht worden. Verantwortlich ist hier v. a. die mangelnde Hilfestellung theologischer Literatur, die sich eingehend und kritisch mit der Entwicklung der Pfingstbewegung als ein eschatologisch eingeordnetes Phänomen auseinandergesetzt hat. Anzumerken ist nicht nur die Schwierigkeit, dieselbe eschatologische Visionsausrichtung sowohl den etablierten und unabhängigen charismatischen Kirchen zuzuordnen als auch die zunehmende Entsensibilisierung eschatologischer Leidenschaft zu berücksichtigen, die seit mehreren Jahrzenten unter den klassischen Pfingstkirchen dokumentiert worden ist. So ist die Legitimierung der Netzwerkstrukturen theologisch nicht immer einsichtig. Selbst wenn eine pneumatologische Legitimierung erkannt wird, erscheint diese primär aus organisatorischen Strukturelementen erwachsen zu sein. Theologisch wichtig ist hier die Besonderheit einer dominant christologischen Ausrichtung der KiNC, welche der pneumatologischen Vorstellungskraft eine grundlegende (nicht nur theologische) Struktur verleiht. Dass historisch dominante Formen dieser Struktur (z. B. das vier- oder fünffache Evangelium) die Kingdom-mindedness als nur einen theologischen Bestandteil einer breiteren pneumatologischen Vorstellung beinhalten, muss eine eschatologische Gesamtvision natürlich nicht grundsätzlich diskreditieren. Jedoch zeigt die Verankerung der globalen Phänomene im Pietismus, der Heiligungsbewegung, und den vielfältigen Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen, dass eine rein agonistische „Herrschaftstheologie“ zumindest in Frage gestellt werden sollte. Die gesellschaftstheoretische und theologische Unschärfe des Begriffs „Reich Gottes“ wird auch durch die KiNC nicht aufgehoben. Vielmehr kann eine alleinige eschatologische Grundlage dem Ziel einer gesellschaftlichen Umformung sowohl durch gezieltes praktisches Engagement und spirituelle Strategien geistlicher Kampfführung entsprechen, diesem aber auch durch Desinteresse und Antagonismus entgegenstehen, oder auf andere theologisch motivierte Wege, z. B. der Heiligung und Heilung, ausweichen.

Vielversprechend für eine weitere Entwicklung der Netzwerkterminologie ist Hinsenkamps richtungsweisende Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen der Reich-Gottes-Vision in der Praxis (191–207), der Jüngerschaft und Missionstätigkeit (211–233), und der Entstehung ökumenischer Profile (237–268). Hier zeigt sich, dass die religiösen Erscheinungsformen gesellschaftlich in Politik, Wirtschaft, und Kultur primären Ausdruck finden, und eschatologische Überzeugungen gesellschaftsrelevant uminterpretiert werden. Die Problematik dieser Neuinterpretationen, v. a. in den dadurch entstandenen prophetischen Bewegungen und politischen Extremverbindungen, deutet auch auf die Unbeständigkeit der pfingstlich-charismatischen Netzwerke hin. Hinsenkamps wesentlicher Beitrag einer gewichtigen komplementär-methodologischen Studie lädt dazu ein, die volatile Vielfalt der pfingstlich-charismatischen Netzwerkstruktur weiterhin theologisch und ökumenisch kritisch zu untersuchen und auszubauen.


Prof. Dr. Wolfgang Vondey, Lehrstuhlinhaber Christliche Theologie und Pentekostale Studien, University of Birmingham