Systematische Theologie

Thomas Schärtl: Gott denken – Gott glauben

Thomas Schärtl: Gott denken – Gott glauben. Fundamentaltheologische Grund- und Grenzfragen, Regensburg: Pustet, 2024, geb., XIV + 841 S., € 39,–, ISBN 978-3-791-73055-4


Erstens ein kurzer Blick auf den Autor: seit dem WS 2020/21 ist Schärtl nach einem bewegten akademischen Werdegang Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er gilt als einer der bekanntesten Vertreter einer deutschsprachigen analytischen Theologie und als Brückenbauer, der zwischen verschiedenen theologischen und philosophischen Diskurswelten beständig zu vermitteln sucht.

Zweitens erste Eindrücke von seinem hier anzuzeigenden in doppeltem Sinne schwergewichtigen Gottes-Buch: denn rein äußerlich betrachtet bringt das Buch fast 1,5 kg auf die Waage. Inhaltlich betrachtet ist sein Thema das Themader „Theo-Logie“. Schärtls Werk umfasst 782 Textseiten. Diese sind – so berichtet Schärtl erst am Ende, (783f) – im Laufe mehrerer Jahre entstanden; ebd. präsentiert er 14 „Skizzen, die in Aufsätzen publiziert wurden und in das vorliegende Buch eingeflossen sind“ (vgl. XIV). Wohl deshalb zitiert Schärtl Miranda Frickers Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens im englischen Original (236f); seit 2023 ist es in München bei C.H. Beck auf Deutsch verfügbar.

Sodann zur inhaltlichen Vorstellung und Einschätzung bzw. Bewertung von Schärtls imposantem Buch die folgenden fünf Punkte: (a) Schärtl hat sein Buch „vor allem für meine Studierenden geschrieben und für die Religionslehrerinnen und Religionslehrer […], denen kritische und wache Schülerinnen und Schüler auf Auskünften und Argumenten beharren“ (1). Schärtls Denk- und Schreibniveau erfordert allerdings alle Anstrengungen. (b) Er traktiert die Gottesfrage unter den folgenden sechs Kapitelüberschriften: „1 Glaube und Vernunft, 2 ‚Gott‘ als Fremdwort, 3 Die Rede von Gott und das Realismus-Antirealismus-Problem, 4 Die Wissenschaft von Gott, 5 Gottes Existenz, 6 Gottesglaube und Atheismus“. Als Lesehinweis empfiehlt er, „die Kapitel in umgekehrter Reihenfolge zu lesen: vom sechsten Kapitel her erschließt sich das Anliegen, vom fünften und vierten her der Ansatz des Buches, während die ersten drei Kapitel die dafür notwendigen Voraussetzungen zu klären versuchen“ (XIII). Für diesen Hinweis ist man dankbar. Denn zu leicht „verheddert“ man sich in den Voraussetzungen. (c) Der Ausdruck und die Sache der Fundamentaltheologie ist traditionellerweise die Domäne katholischer Theologie; evangelische und freikirchliche Theologen mögen hier lernen, von Schärtl in concreto seinen hermeneutisch begründeten Ansatz. (d) Mit der Evaluation der Argumente für und gegen Gottes Existenz (die klassischen Gottesbeweise) stehen im Zentrum des Buches außerdem Themen wie Gottesglaube und Evolution, religiöser Glaube und Gewalt, Gott und Gehirn, a-religiöse Spiritualität und Religion, sowie ganz grundsätzlich das Verständnis von systematischer Theologie als Wissenschaft. (e) In Sachen Hermeneutik lässt sich Folgendes beobachten: Blickt man ins Register, taucht „Bibel“ überhaupt nicht auf, und das Stichwort „Glaube“ (immerhin das zweite Titelwort!) wird mit sechs knappen Einträgen s. v. „Glaubensakt“ abgespeist. Hier ließe sich mehr Ausgewogenheit wünschen, wie etwa Wilfried Härle im Vorwort zu Warum Gott? Für Menschen, die mehr wissen wollen, Leipzig: EVA, 2013, fordert: Es „braucht beides dringend: Das Vertrauen auf Gott und das Verstehen des Glaubens, und eines kommt ohne das andere nicht aus“ (11). Es kann die Frage gestellt werden, wie viel Wissen Vertrauen braucht? Und ob nicht andererseits der Glaube Wissen zur Folge hat? Das Denken bzw. Wissen und Bekenntnis betrifft nur einen Teil des Phänomens Religion / Glaube. Schärtl ist nur auf das (philosophische) Denken fokussiert. Dies hat m. E. sein Recht; es fehlt jedoch das Wissen um die Begrenztheit, in der Sprache der Tugendlehre gesagt: die Demut, in der Sprache Luthers gesagt: die Verborgenheit Gottes.

Der Verlag empfiehlt das Buch allen „die daran interessiert sind, wie sich der Gottesglaube unter philosophischen Vorzeichen verteidigen lässt und wie sich Kernanliegen des christlichen Glaubens mit der Hilfestellung metaphysischer Modelle vertreten lassen“ — diesen „wird dieses Buch eine Fundgrube und eine Anregung zum Weiterdenken sein.“ Dem kann zugestimmt werden – mit diesen zwei kleinen Hinweisen: zum Weiterdenken verhelfen Schärtls langes „Verzeichnis der verwendeten Literatur“, sowie die Register der Namen und Sachen (785–841). Und: er zitiert und diskutiert sehr viel.


Pfarrer i. R. Dr. Gerhard Maier, Neuffen