Leonie Schweizer: Überzeugend, diskursiv, interkulturell
Leonie Schweizer: Überzeugend, diskursiv, interkulturell. Apologetik als argumentative Kommunikation des Evangeliums in der Gegenwart, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Pb., 286 S., 68,– €, ISBN 978-3-374-07845-5
Der Einleitung zufolge möchte die an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal eingereichte und bei der EVA Leipzig veröffentlichte Dissertation einen Beitrag dazu leisten, „Apologetik in die Kommunikation des Evangeliums und damit in die Aufgaben der Praktischen Theologie zu reintegrieren und die zentrale Bedeutung der Apologetik für die gegenwärtige Zeit herauszuarbeiten“ (15). Damit zielt die Arbeit zum einen auf ein um die Apologetik erweitertes Selbstverständnis der Praktischen Theologie, zum anderen darauf, die Praxis der Apologetik mit dem ihr eigenen Reden von Gott auf ihren Wirklichkeitsbezug hin transparent werden zu lassen und zu „legitimieren“.
Die Kapitel 1–4 lassen sich als Vorklärungen verstehen. Dabei löst sich die Vfn. erst allmählich vom Lexikonstil, der insbesondere die Ausführungen zu den biblischen Grundlagen (Kapitel 1) sowie zur Begriffsgeschichte (Kapitel 2) kennzeichnet. In den Ausführungen zur Begriffsgeschichte fällt auf, dass diese überwiegend über systematisch-theologisch arbeitende Autoren läuft, wogegen der praktisch-theologische Fokus im Wesentlichen in der Bestimmung des Verhältnisses der Apologetik zur Evangelisation liegt. Die Arbeit wird allerdings weder in der einen noch der anderen Disziplin verortet, sondern in der Religionswissenschaft/Interkulturellen Theologie, allerdings ohne dass diese spezifische Zuweisung eigens begründet oder für die Durchführung konzeptionell maßgeblich wird.
Die Vorklärungen schließen mit einem Kapitel (Kap. 4) zu Einwänden gegen Apologetik, die unterschiedlichen Ebenen zugewiesen werden. Ginge es Barth darum, eine Wort-Gottes-Theologie auszuarbeiten, deren Voraussetzungen theologischer Natur sind (Offenbarung), so stelle John Hick das Selbstverständnis des christlichen Glaubens in Frage (Ablehnung der Einzigartigkeit Christi), während der „Neue Atheismus“ (Richard Dawkins u. a.) die Wahrheitsfähigkeit theologischer Aussagen prinzipiell in Abrede stelle. Der je eigene Charakter dieser Ebenen wird aber in den sehr knappen Abschnitten (zu Barth z. B. eine halbe Seite, auf der Barths Ansatz keine Konturen gewinnt), nicht markiert, so dass es etwas verwunderlich erscheint, dass die Darstellung der Einwände in ein Plädoyer für die Religionsfreiheit mündet. Das mag eine Antwort auf Dawkins sein, dürfte innertheologische Dispute aber kaum klären.
Dem Untertitel des Buches gemäß soll Kap. 5 Aufschluss darüber geben, was Kommunikation bezweckt. Dazu werden die bekannten Standardwerke von Friedemann Schulz von Thun, Paul Watzlawek sowie die Sprechakttheorie sehr elementar vorgestellt. Das Kapitel hat weder Fazit noch Zusammenfassung, sodass der Ertrag dieser (knappen) Darlegungen am Ende in der Schwebe bleibt. Kapitel 6 thematisiert den Unterschied von „Überreden“ und „Überzeugen“.
In den sachlich zentralen Kapiteln 7–9 wird der Versuch unternommen, an den diskurstheoretischen Ansatz von Jürgen Habermas kritisch anzuschließen. Kritisch, weil Habermas genuin religiösen Äußerungen (anfänglich) keinen Platz im öffentlichen Diskurs einräumte. Habermas könne der Vfn. zufolge diese Ausgrenzung innerhalb seines Ansatzes jedoch nicht widerspruchsfrei vollziehen (vgl. 147). Von daher möchte Vfn. der argumentierenden Kommunikation des Glaubens mit dem Ziel der begründeten Zustimmung oder Ablehnung durch ein Gegenüber einen Platz im öffentlichen Diskurs sichern. Anschließend an Habermas ist die Arbeit insofern, als sein Ansatz bei der Intersubjektivität miteinander interagierender Subjekte subjektphilosophische Konzepte überbiete (vgl. 157). Dazu tritt sie in einer Erörterung der Wahrheitsfrage dafür ein, dass Wahrheit nicht auf das beschränkt wird, was als rational akzeptabel gilt.
Für die interkulturelle Perspektive der Arbeit steht Benno van den Toren, der das Verständnis von Apologetik auf den postmodernen Zusammenhang des kulturellen Westens hin öffnet, indem er dem Kontext sprachlicher Äußerungen eine stärkere Bedeutung gibt. Kapitel 9 schließlich soll zeigen, dass sich die apologetische Rede, verstanden als rational-argumentative Diskursform, unter die verschiedenen Formen der Kommunikation des Evangeliums zählen lässt.
In ihrer Untersuchung verschränkt Vfn. zwei – in unterschiedliche Richtungen zielende – Fragen miteinander. Die Apologetik – leider nicht konsequent von der Apologie unterschieden – soll als Reflexion rational-diskursiver Kommunikation des Evangeliums einen Platz in der Praktischen Theologie bekommen. Doch eine Antwort auf die Frage: „Warum gerade dort?“ wird leider nicht gegeben. So hebt sie im praktisch-theologischen Kapitel 9 immer wieder die Bedeutung Paul Tillichs hervor und gibt dem Systematischen Theologen Ingolf Dalferth ein tragendes Gewicht. Fast beiläufig und erst im Fazit der Arbeit gelangt Vfn. zu einer „Verortung der Apologetik als Bindeglied zwischen Systematischer und Praktischer Theologie“ (249). Dieses Ergebnis wird aber im Buch nicht konzeptionell kontrolliert herausgearbeitet.
Die zweite Frage ist die nach der Bedeutung der Apologetik für die Gegenwart. Bedeutung ist ein schillernder Ausdruck und so bleibt auch hier unklar, worum genau es geht: Geht es a) um den Aufweis der Wahrheitsfähigkeit von Glaubensaussagen, b) um die Analyse der gegenwärtig vorherrschenden erkenntnistheoretischen Diskursbedingungen, oder c) um die Legitimität von Glaubensüberzeugungen in öffentlichen Diskursen? Im Buch finden sich Abschnitte, die sich diesen drei Aspekten zuordnen lassen, doch werden sie nirgends zu einer kohärenten Argumentation verbunden. Die Entscheidung für Habermas als zentralem Gesprächspartner legt nahe, dass es Vfn. um die Legitimität rational-diskursiver Rede vom Glauben in der Öffentlichkeit geht. Ausgerechnet in diesem grundlegenden Punkt muss (v. a. der frühe) Habermas aber kritisiert werden, was die Frage aufwirft, warum er als Protagonist überhaupt ausgewählt wurde. Im selben Kapitel finden sich auch Ausführungen zur Wahrheitsfähigkeit von Glaubensaussagen, für die allerdings unter Berufung auf christliche Autoren plädiert wird (Clayton und v. a. Schwöbel). Oft gewinnt man zudem den Eindruck, die zitierten Autoren seien nur sehr selektiv zur Kenntnis genommen worden.
Wenn die Arbeit die Apologetik als „Bindeglied“ zwischen Systematischer und Praktischer Theologie etablieren soll, bleibt festzuhalten, dass sie dafür einige – systematische – Fragen nicht genügend berücksichtigt. Um nur drei zu nennen: (1) Es bleibt grundsätzlich unklar, wie sich die rational-argumentierende Kommunikation des Evangeliums und das Wirken des Heiligen Geistes zueinander verhalten, wenn auch an verschiedenen Stellen des Buches die eine oder andere Verhältnisbestimmung angedeutet wird. (2) Angesichts der Bedeutung, die dem Überzeugen in der Arbeit zukommt, wäre zu klären, wie sich in diesem Vorgang Wille, Verstand und Emotionen zueinander verhalten. Insofern bleibt die dem Anliegen der Arbeit zugrunde liegende Anthropologie unbestimmt. (3) Apologetik und Apologie werden anfänglich unterschieden, doch im weiteren Verlauf nicht klar auseinandergehalten.
Die Arbeit zeigt einige Spuren einer unzureichenden Endbearbeitung. Auf S. 76 werden fünf verschiedene Typen nach Hoekendijk angekündigt, „die das Verhalten gegenüber dem Fremden auch in der Missionsgeschichte bestimmten“. Diese fünf Typen werden aber im Folgenden nicht genannt. Unter 7.2. heißt es: „Der Titel dieses Unterkapitels ist darum so vage mit ‚der diskurstheoretische Ansatz‘ überschrieben, da es verfehlt wäre, von einer Diskurstheorie an sich zu sprechen“ (154). Das gesamte siebte Kapitel trägt aber die Überschrift: Die Diskurstheorie nach Jürgen Habermas.
Die Vfn. hat eine Arbeit vorgelegt, die innertheologisch das Fach der Apologetik erneuern, die Apologie als rational-argumentative Diskursform legitimieren und ihr einen Raum im öffentlichen Diskurs verschaffen möchte. Auch wenn die Arbeit dafür argumentativ wenig hilfreich ist, bleibt zu wünschen, dass das dahinterstehende Anliegen nicht ungehört verhallt und Interesse an der weitergehenden Erforschung des Status von Glaubensüberzeugungen im öffentlichen Diskus weckt.
Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen