Systematische Theologie

Thomas L. Martin (Hg.): Handbook of Literary Apologetics

Thomas L. Martin (Hg.): Handbook of Literary Apologetics. The Imagination’s Journey to God, Berlin: De Gruyter, 2025, geb., 552 S., € 169,95, ISBN 978-3-11-079457-1


Das Handbuch der literarischen Apologetik bietet nach einer kurzen Einführung des Herausgebers (1–7) 29 chronologisch angeordnete Kapitel. Das Kapitel über Traumliteratur (43–63) bespricht das anonyme altenglische Gedicht „The Dream of the Rood“ als Beispiel. Das Kapitel über die metaphysische Dichtung (189–210) erwähnt neben John Donne, George Herbert und Thomas Traherene (171–187), die jeweils auch eigene Kapitel erhalten, sechs weitere Autoren. Alle anderen Kapitel sind einem christlichen Autor oder Autorin (Anne Bradstreet, Phillis Wheatley, Dorothy L. Sayers, Flannery O’Connor) gewidmet. Ausgewählt wurden sie, weil ihre Glaubensperspektive wesentlich sei und sie weiten Einfluss erlangten (4).

Die Kapitel sind 14 (Boethius, George Herbert, Tolstoi, Gerard Manley Hopkins, Dorothy Sayers) bis 23 (Anne Bradstreet) Seiten lang.

Bis auf Augustinus, Boethius, Dante, Dostojewski, Tolstoi und Solschenizyn werden Autoren und Autorinnen besprochen, deren Muttersprache (Alt-)Englisch ist. Eine Sonderstellung nimmt Phillis Wheatley (291–312) ein, die als Kind in Westafrika versklavt wurde und in Nordamerika als erste Afrikanerin ein Buch veröffentlichte (294). 

Die Aufsätze bieten zunächst oft biographische Einblicke. Danach wird zuweilen ein spezieller Aspekt untersucht, wie das Thema Freundschaft bei Dante (65–82), der Chiasmus im Werk von Spenser (99–113) oder Heiligung in drei Werken von Samuel Johnson (271–289).

Andere Autoren werden entlang ihrer Schaffensperioden vorgestellt, wie zum Beispiel im Kapitel über T. S. Eliot (415–433), dessen Werk als Wanderung durch das Inferno (Prufrock, The Waste Land), das Purgatorio (Ash Wednesday, Dramen) mit Ausblicken auf das Paradiso (Four Quartetts) vorgestellt wird. Dadurch wird auch seine für manche skandalöse Bekehrung (Viriginia Woolf: „may be called dead to us all“, 417) als organische Entwicklung gelesen.

Das Kapitel über George Herbert (157–170) gliedert sich über Effekte auf spätere Autoren (darunter Coleridge, Lewis, Weil). Hier wird die Wirkung von Kunst sichtbar, wenn etwa Miranda Threlfall-Holmes sagt: „By the end of the weekend, I realised that this poetry was the most dangerous challenge to my atheism that I had yet come across“ (167).

Besprochen werden u. a. Romane, Dramen, Gedichte, Predigten und Essays. Jeder Aufsatz endet mit Leseempfehlungen (Primär- und Sekundärliteratur) und zitierten Werken.

Die „Contributors“ (541–545) sind Literaturwissenschafter, Theologen und ein Politikwissenschafter, überwiegend aus Nordamerika und acht Mal mit Verbindung zum Wheaton College in Illinois. Im Register (Index, 547–552) sind Personen, Texte und Themen angeführt.

Was ist literarische Apologetik? Für Thomas L. Martin (1-7) verwendet sie im Unterschied zur philosophischen Apologetik selten formale Argumente, dafür öfter die Imagination (Vorstellungskraft, Fantasie). Ästhetik wird ebenso wie Logik zur Urteilsgrundlage. Leser können den Glauben so in ihrer Vorstellung selbst erleben. „Hence literary apologetics is the study of the characteristic moves by these authors who take readers on their journey of faith with them and who make that faith real to their readers through literary means“ (3). Die Leser erleben „for a moment, a world charged with the glory of God“ (370) oder Gottes schmerzliche Abwesenheit. Eine leichtfüßige Akzeptanz oder Ablehnung Gottes wird erschüttert (201). Mit Sayers gesprochen geht es darum, Theologie so zu erklären, dass sie nicht länger bequem ignoriert werden kann (458).

Dabei bleibt laut Greg Maillet in seinem Beitrag über John Donne (137–156) die Spannung zwischen theologischer Gebundenheit und literarischer Offenheit: „Literary Apologetics must try to correct critical biases against the free exercise of the religious imagination, while remaining open to the mystery of literature itself” (137). Auch Kritik an Apologetik wird laut, etwa im Kapitel über John Bunyan (231–245).

Eine explizite Auflistung von Mitteln und Strategien bietet das Kapitel über C. S. Lewis (467–485), aber quer durch das Buch wird eine große Vielfalt sichtbar: Autoren nutzen (Tolkien, Lewis) oder entwickeln neue Genres (Augustinus, Boethius, Dante, Milton, Tolstoi, Solschenizyn). Sie argumentieren nicht nur, sie appellieren und illustrieren. Letzteres ist besonders wichtig: Mit einem Bild kann man nicht streiten (98).

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Vorstellungskraft: für George MacDonald ist sie grundlegend (390), für Lewis Vorbedingung für Metaphern und damit für Wahrheit (470–471). Fiktion ist die Gegenkraft zur Entleerung der Welt.

Der vorliegende Sammelband enthält nicht nur eine implizite Darstellung der Entwicklung der englischsprachigen christlichen Literatur. Die inspirierenden und herausfordernden Beiträge bieten ebenso eine Theologie der Kunst, explizit im Fall von Tolkien (435–451). Ist Kunst lediglich intellektuell vertretbar oder für uns als „Unter-Schöpfer“ geboten? Ist Kunst eine würdige Berufung (487), wie Flannery O’Connor (487–503) dachte und die umstrittene, verwirrende Werke hinterließ? Wie scheucht Kunst unser „sicheres Spiel“ auf ohne im „freien Spiel“ Derridas zu münden, das letztlich nihilistisch und spielverderbend ist? Daniel Gabelman stellt in seinem Beitrag über George MacDonald (377–395) dessen „fiery fair play“ (393) als Lösung vor, also feuriges aber faires, das heißt auch schönes Spiel. 

Das Handbuch der literarischen Apologetik macht bekannte (Shakespeare, 115–136) und weniger bekannte Werke meist gut lesbar zugänglich. Mit seinen 29 Kapiteln ist es wirklich umfangreich genug, auch wenn die Leserschaft manche Schaffende vermissen mag oder sich fragt könnte, ob bei anderen Vorstellungen von „christlich“ und „Literatur“ nicht auch Stephen King und Tim LaHaye fehlen könnten.

Es macht Mut, biblische Theologie mit ungewöhnlichen Bildern auszudrücken und auch bei Erfolglosigkeit als Apologet durchzuhalten wie Gerard Manely Hopkins (361–376). Es lädt ein, mit Coleridge (313–330) über die Rolle der Vorstellungskraft in Sprache und Erkenntnis nachzudenken, aber sich auch selbst mitreißen zu lassen: Was würde ich fühlen, wenn ich der blutgetränkte Baum wäre, an dem Christus hängt (The Dream of the Rood)? Wie sieht Christsein in einer kollabierenden Welt aus, im 14. Jahrhundert (William Langland, 83–98) oder in einer nihilistischen Konsumwelt (Walker Percy, 523–539)? Ist Heiligung wirklich immer ein gerader Weg oder ist es auch eine Art Ertrinken in einem Jesus-Strudel der Selbst- und Christuserkenntnis (235)? Auf diese Weise wächst neben dem Wunsch nach so einem Buch für deutschsprachige Literatur auch die Sehnsucht, sich mit den besprochenen Werken der Weltliteratur näher zu befassen, also sie selbst zu lesen.


Dr. phil. Christian Bensel ist Referent bei „Begründet Glauben“ in Oberösterreich.