L. Michael Morales: Numbers 1–19/20–36
L. Michael Morales: Numbers 1–19, AOTC 4a, London: Apollos, 2024, geb., xxii+502 S., £ 39,99, ISBN 978-1-78974-471-2
L. Michael Morales: Numbers 20–36, AOTC 4b, London: Apollos, 2024, geb., xviii+714 S., £ 49,99, ISBN 978-1-78974-555-9
Nach seinen Monografien zu Genesis/Exodus (The Tabernacle Pre-Figured. Cosmic Mountain Ideology in Genesis and Exodus, Leuven: Peeters, 2012) und Levitikus (Who Shall Ascend the Mountain of the Lord? A Biblical Theology of the Book of Leviticus, Downers Grove: IVP, 2015) legt Michael Morales nun einen zweibändigen monumentalen Numerikommentar vor. Wer seine bisherigen Publikationen kennt, weiß, was man von diesem erwarten darf, und wird auch nicht enttäuscht: Der Kommentar hat einen biblisch-theologischen Fokus, der nach der Einheit der Materie fragt. Mittels struktureller, sprachlicher und theologisch-thematischer Beobachtungen möchte Morales zeigen, dass das Numeribuch weit mehr ist als eine Sammlung lose geordneter Materialien, die als Nachtrag zum Pentateuch zusammengestellt und dem Levitikusbuch angehängt worden sind. Vielmehr hat das Buch ein klares, wenn auch nicht immer offensichtliches, theologisches Profil und Thema, das sich in die großen Linien des Pentateuch einfügt. Zur biblisch-theologischen Ausrichtung des Kommentars gehört es auch, dass Morales die breite Tradition klassischer jüdischer und christlicher Auslegung gleichberechtigt neben neuester historisch-kritischer Forschung zu Wort kommen lässt und damit oft auch überraschende Einsichten zutage fördert.
Den hermeneutischen Schlüssel für den ganzen Kommentar bildet die knapp achtzigseitige Einleitung. Die Wüste, nach der das Numeribuch mit seinem hebräischen Namen Bemidbar benannt ist, ist nicht nur geografischer Ort des Geschehens, sondern zugleich Ort einer geistlichen Reise des Gottesvolkes, für die das Numeribuch Kompass und Landkarte sein möchte. „Seele“ des Numeribuches ist nach Morales die Leiterschaft (Leadership) der Bundesgemeinschaft. Er bezeichnet das Numeribuch als die Ekklesiologie der Tora (über die Hälfte aller Vorkommen des Wortes ʻēdâ – „Versammlung, Gemeinde“ – im Alten Testament finden sich im Numeribuch). Während der Fokus von Exodus auf der Mittlerrolle des Mose und der des Levitikusbuches auf der Rolle der Priester liege, rücke das Numeribuch das Volk Israel ins Zentrum, repräsentiert durch seine Stammesfürsten und die Rolle der Leviten. Das Scheitern des Volkes in der Wüste ist stets das Scheitern seiner Führer. Das Thema des Heiligtums wird fortgesetzt unter dem Gesichtspunkt seiner Rolle für die Führung des Volkes durch die Wüste.
Die „Story“ kreist um das Lager. Im ausführlichsten Kapitel der Einleitung arbeitet Morales die theologische Konzeption des Lagers und der Lagerordnung heraus: Konstituiert wird das Lager durch das Sinaiereignis, das es auch abbildet (wie die Brustplatte des Hohepriesters). Es ist in seiner Lagerordnung Paradigma für das Ideal der Bundesgemeinschaft. Mit dem Lager gründet Gott seine irdische Versammlung als Abbild der himmlischen Versammlung. Das Lager bildet so gleichsam den göttlichen Thronwagen (so in Aufnahme mittelalterlicher jüdischer Auslegung, die auch Verbindungen zwischen dem Numeribuch und dem Thronwagen des Ezechielbuches betont, wo in Ez 1,24 das Geräusch des Thronwagens mit dem Geräusch eines Lagers verglichen wird). Das wahre Wesen des Lagers sieht Bileam in Numeri 24, nachdem Gott dem zuvor blinden Seher die Augen öffnet.
Was die Buchstruktur betrifft, so folgt Morales der verbreiteten Dreiteilung, wobei er den mittleren Teil nochmals in drei Teile gliedert:
1–10: Israels Lager
11–25: Israels Aufenthalt
11–15: Moses’ prophetischer Dienst: Das äußere Lager der zwölf Stämme
16–20: Aarons priesterlicher Dienst: Das innere Lager der Leviten
21–25: JHWHs Königtum: Das zentrale Lager der Schekhinah
26–36: Israels Land
Wenig Interesse und Raum in Einleitung und Kommentar haben Fragen zur Entstehung und Textgeschichte des Numeribuches. Kompositionsmodelle und Quellentheorien werden gar nicht diskutiert und die Ausführungen zur textlichen Gestalt des Buches umfassen weniger als eine halbe Seite und thematisieren nur kurz das Verhältnis von MT und LXX. Wie das Numeribuch in den Schriftrollen vom Toten Meer bezeugt ist, erfährt man so wenig wie die Bedeutung des Samaritanischen Pentateuch für die Textforschung des Numeribuches. Damit ist klar abgesteckt, was die Stärken und Interessen des Kommentars sind und wo er wenig zu bieten hat: Wer sich für eine dezidiert theologische Auslegung des Numeribuches interessiert, wird kaum einen tiefsinnigeren Kommentar dazu finden. Wer sich dagegen für historische Fragen, Textgeschichte oder Pentateuchtheorie interessiert, wird eher zu anderen Kommentaren greifen.
Die in der Einleitung stark herausgearbeitete theologische Konzeption des Numeribuches wird im Kommentarteil detailliert weiterverfolgt. Auch bei sperrigen Texten wird stets gefragt, was sie zu den übergeordneten Themen und Linien des Buches und des ganzen Pentateuch beitragen und inwiefern sie für eine geistliche Schriftauslegung von Bedeutung sind. Immer wieder werden theologische Themen in gehaltvollen Exkursen vertieft, aber auch in den zusammenfassenden Erklärungen der Textabschnitte. Der Kommentar ist eine wahre Fundgrube der theologischen Numeri-Auslegung mit breiter Rezeption der Auslegungsgeschichte. Doch damit ist auch seine größte Schwäche angezeigt, für die allerdings nicht der Autor verantwortlich ist, sondern die Herausgeber der Reihe, da dies auch die anderen Kommentare der Reihe betrifft: Es ist sehr schwierig, in dieser Fundgrube zu finden, was man sucht, weil es für den Kommentarteil (anders als für die Einleitung) keinerlei Inhaltsverzeichnis gibt. Der einzige Eintrag im Inhaltsverzeichnis für fast tausend Kommentarseiten ist „Text and commentary – p.75“. Auch gibt es keine Übersicht über die Exkurse. Immerhin enthält der zweite Band ausführliche Register, was allerdings nicht ein gutes Inhaltsverzeichnis ersetzt.
In der Summe legt Morales einen äußerst willkommenen Kommentar vor, der hilft, im Numeribuch inmitten vieler Bäume den Wald zu sehen und immer wieder neu zu entdecken. Für Fragen der Theologie und der Integrität des Numeribuches wird dies der erste Kommentar sein, zu dem ich greife. Und man darf gespannt sein, ob sich Morales in einer nächsten größeren Publikation dem Deuteronomium zuwendet, für das er in der Einleitung des Kommentars auch schon das Leitthema skizziert hat: Das Volk.
Prof. Dr. Benjamin Kilchör, Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel.