Günter Bader: Psaltertheologie
Günter Bader: Psaltertheologie. Eine Nachlese, HUTh 98, Tübingen: Mohr Siebeck, 2026, Leinen, 539 S., € 129,–, ISBN 978-3-16-200012-5
Vom emeritierten Professor der Systematischen Theologie (Bonn) und Pfarrer im Ruhestand (*1943) liegt nach einer langjährigen Beschäftigung mit dem Psalter (vgl. etwa sein „Psalterspiel“, HUTh 54, 2009, dazu meine Rezension: https://journals.co.za/doi/epdf/10.10520/EJC86004) eine neue Monographie vor. Vf. nennt sein Werk bescheiden „eine Nachlese“ (Untertitel, s. Vorwort) und spricht damit (s)eine bereits eingefahrene „Ernte“ an.
Blickt man (nur) auf den Titel und den Verlag, könnte man eine inhaltliche Entfaltung des biblischen Buches in seiner kanonisch gewordenen Gestalt vermuten. Da der Band jedoch nicht in der Reihe „Forschungen zum Alten Testament“ (FAT), sondern in „Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie“ (HUTh) erscheint, wird deutlich, dass hier nicht eine biblisch-theologische, sondern eine systematisch-theologische Studie vorliegt. Und die ist anderer Art. Im Vorstellungstext heißt es: „Die Psalmen zählen seit jeher zu den zentralen Arbeitsfeldern der alttestamentlichen Wissenschaft. Doch ihre Bedeutung reicht weit über das Fach hinaus … Ob jedoch Psalmen und Psalmbuch auch die systematische Theologie in ihrem Kern herausfordern, ist eine Frage, die lange Zeit wenig Beachtung fand. An diesem Punkt setzt die vorliegende Untersuchung an.“
Bader beginnt mit ausführlichen Begriffs(er)klärungen: Psalmen, (Lob-)Lied, (Saiten-)Instrument, Sammlung, Buch, Theologie etc. Eine „Theologie der Psalmen“ neigt dazu, die Psalmen als Gegenstände zu behandeln (genetivus objectivus). Eine „Theologie des Psalters“ nimmt dagegen eher die Selbstorganisation des Stoffes in den Blick (genetivus subjectivus). Bader wählt für sein Unterfangen bewusst den zusammengesetzten Kunstbegriff „Psaltertheologie“. Darin sind beide Betrachtungsweisen mit hineingenommen; zugleich werden die beiden Genetive „überschritten in ihren transzendentalen Grund oder Abgrund“ (19). Der Ausdruck eröffnet ein „Spielfeld“, bestehend aus zwei Teilen in spiegelbildlicher Anordnung. Der erste Teil, die „Psaltertheologie“ (A), redet vom Psalter unter den Bedingungen der Vormoderne (die vom Psalter nicht weiß ohne das Wissen von der Theologie), der zweite, die „Psaltertheologie“ (B), steht unter den Bedingungen der Moderne (die von Theologie nichts weiß ohne den Psalter). Damit sind die Hauptteile dieses Bandes abgesteckt (A: §§ 3–7 und B: §§ 11–20), wobei der zweite Hauptteil deutlich umfangreicher ist. Als „Gelenk“ zwischen den Teilen finden sich „Zwischenbetrachtungen“ (§§ 8–10).
Psaltertheologie A weiß immer schon, was Theologie ist, infolgedessen weiß und feiert sie, was der Psalter ist. Es kommt ein Jahrtausend klassischer Psaltertheologie in den Blick, eine Epoche, die sich durch Geschlossenheit auszeichnet und durch die Kapitel Theologie, Musik, Poetik und Ikonik profiliert wird. Sie endet mit Luthers Vorreden auf den Psalter, Gipfel und Grenze zugleich. Beginnen tut sie mit der Prosopologie als Ansatz der Theologie und d. h. der Auslegung der Psalmen: Sie werden von der Trinität bzw. Christus und der Kirche her bzw. auf diese hin gelesen. Ihr Paradigma lautet: Psalterium est consummatio totius theologiae (Der Psalter ist die Vollendung der ganzen Theologie).
Die Zwischenbetrachtungen dienen als Scharnierstück, das die zwei Teile auseinanderlegt und auch wieder verbindet. Die summierende Kraft des Psalters zerfällt, und dies führt zu einer Reihe von (Aus-)Differenzierungen mit Funktionsbereichen wie Philologie, Exegese, Poesie, Musik, Liturgie und Theologie. Ähnlich wie dem Psalter ergeht es der Theologie. „Am Ende dieses Prozesses wird zwar Theologie gelehrt und studiert, aber was sie ist, weiß keiner mehr zu sagen“ (146). Der eine Psalter vervielfältigt sich in Psalterien. Der Abbau führt dann umgekehrt wieder zum Aufbau. Die Situation des Psalters in der Moderne führt zum Verhältnis von Ganzem und Teil und wird unter den Begriffen Säkularisierung, Rationalisierung und Dekonstruktion entfaltet. Der Scharnierteil endet mit Ausführungen zum „Psalterparadox“. Paradoxe Aussagen oszillieren: Ein und derselbe Satz ist wahr, weil er falsch ist, und falsch, weil er wahr ist (Zerstörung der Zweiwertigkeit der klassischen Logik).
Erwies sich Psaltertheologie A als Maximum und Vollendung, so beginnt Psaltertheologie B mit dem Minimum. Wenn überhaupt weiterhin Psaltertheologie, dann unter dem Vorzeichen von „Minimal theology“, d. h. kleinstmöglicher Theologie. Gelenkt durch ihr Nadelöhr sammelt sie Elemente, die nach wie vor psalterbildend sind. „Die Sprache wird genötigt, sich auf sich selbst zurückzubiegen“ (209). In der Reduktion auf die Sprache kommen die kleinstmöglichen Elemente in den Blick, die nicht zum Verschwinden zu bringen sind. Dies geschieht in einer Welt, in der Religion endgültig „am Verbleichen“ ist (M. Weber). Spiritualität als Religion ohne Religion springt in die Lücke. Dazu kommt die Armut, die fest mit den Psalmen verbunden ist („Arm bin ich“, Ps 25,16). Die Rede ist von Riss, Spalt, Brücke, Lücke, die sich einstellen, „wenn etwas ganz zu sein verspricht und es nicht ist“ (227). Die weiteren Kapitel behandeln Buchstabe und Schrift (u. a. Alphabet, Akrostichon, Klage, Ambiguität der Poesie), Laut und Sprache (Hörbarkeit und Erhörbarkeit, Stimme und Sprechstimme), Reden und Schweigen (das Oxymoron des beredten Schweigens und das Paradox des schweigenden Redens), Name und Parallelismus (philosophischer und poetologischer Parallelismus, göttlicher Name), Rhythmus, Empfindung, Stimmung, Berührung (als Schlussstein der Psaltertheologie hält Berührung alles zusammen) und – zum Schluss – Stille (Schweigen in den und der Psalmen).
Bader entfaltet derart in 20 Schritten (Kapiteln) eine geschichtlich zweiteilig-gegenläufige Psaltertheologie, die (kultur)historische, praktische und systematische Interessen miteinander verbindet. Im Rahmen einer weitgespannten Wirkungsgeschichte steckt er in Vormoderne und Moderne den Weg ab, zeigt, wie der Psalter theologische Grundfragen prägt und welche Impulse sich aus seiner Rezeption gewinnen lassen. Er hält fest: Ohne den Psalter ist Theologie kaum zu denken.
Die Dichte und Präzision der Begriffe und Denkvorgänge, verbunden mit einer stupenden Kenntnis von Sprachen, Literatur und Geschichte, die tiefsinnigen Überlegungen – all dies geschieht magistral; es macht den Band großartig wie auch – jedenfalls für mich – grenzwertig. Obwohl als Bibliker und Pfarrer mit den Psalmen ebenfalls viele Jahre unterwegs, hat mich dieses Buch an Grenzen des Verstehens geführt. Die große Gelehrsamkeit und Komplexität der Gedanken werden auch andere Leser vor Herausforderungen stellen. Dies kann umgekehrt freilich auch anstacheln, Baders Ausführungen zu folgen. Seine reiche „Nachlese“ ist nach meinem Dafürhalten eine Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Psalter in seinen wirkungsgeschichtlichen Dimensionen.
Pfr. Dr. theol. Beat Weber, Basel / Research Associate am Department of Ancient and Modern Languages and Cultures an der University of Pretoria, Südafrika.