Tzvi Abusch / Alan Lenzi / Jeffrey Stackert (Hg.): Ritual and Law in the Hebrew Bible and the Ancient Near East
Tzvi Abusch / Alan Lenzi / Jeffrey Stackert (Hg.): Ritual and Law in the Hebrew Bible and the Ancient Near East, FAT 184, Tübingen: Mohr Siebeck, 2024, geb., VIII+265 S., € 129,–, ISBN 978-3-16-163879-4
Die Festschrift für David P. Wright, Emeritus der Brandeis University, Waltham MA (USA), vereinigt Beiträge von Bibel- und Altertumswissenschaftlern, die die Breite von Wrights eigenem Wirken abbilden. Sein bibelwissenschaftliches Interesse galt dem Bundesbuch (Inventing God’s Law: How the Covenant Code of the Bible Used and Revised the Laws of Hammurabi, Oxford: University Press, 2009) und seinem Verhältnis zum Deuteronomium („The common scribal school culture of Deuteronomy and the Covenant code“, Zeitschrift für Altorientalische und Biblische Rechtsgeschichte, 25/2019, 181–186), wie auch dem Ritual in der Bibel und in den Kulturen des Alten Orients (The Disposal of Impurity: Elimination Rites in the Bible and in Hittite and Mesopotamian Literature, Atlanta: Scholars Press, 1987).
Im ersten Beitrag (13–39) fragt Jeffrey M. Leonard nach der Datierung des Deuteronomiums. Er kommt für die meisten Fluchworte auf einen terminus post quem zwischen 722 und 650 v. Chr. Nur wenige Verse in Kap. 28 und 29 sind seiner Meinung nach als exilisch einzustufen. Bereits Hosea und Amos kündigen ja Belagerung und Exil an, und (mit Mark Leuchter) ist in vielem die Erinnerung an die Deportation des Nordreichs spürbar. Seiner Meinung nach darf das einheitliche literarische Setting von Dtn („Moses in Moab“, 36) nicht über die Breite der historischen Hintergründe hinwegtäuschen.
Tina M. Sherman (41–59) liest Ex 34 als eine Definition von „Israel“ in der persischen Zeit (nach 539 v. Chr.). Dazu zieht sie Theorien über „nationale Identität“ bei, die sie in einem close reading von Ex 34,10–27 überprüft: gemeinsame Vergangenheit, Territorium, Kultur, nationaler Charakter sowie Vorstellung einer Zukunft (45–53). „Gesetz“ wird dabei zu einer Strategie, um die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu sichern.
Jason M. Gaines vergleicht in „On Moses’ Foreskin“ (61–75) die Deutungen der Beschneidung von Moses in „non-P“ (Ex 3–4) und P (Ex 6). Während die (ursprüngliche) Darstellung von Ex 3–4 keine Mühe hat, Moses als unbeschnitten und sprachlich eingeschränkt (61) zu sehen, übertrage Ex 6 die Beschneidung in eine geistliche Sphäre: „uncircumcised of lips“ (6,12.30). Damit bekommt der Begriff ערל „unbeschnitten“ eine neue Semantik.
Joel S. Baden (77–90) betrachtet die Dekalogversionen Ex 20 und Dtn 5 in ihren Kontexten. Der Dekalog hat in E (Ex 20) keine direkte Funktion in einem Bundesschluss (anders Ex 24 – Bundesbuch), während er in Dtn 5,24f. deutlich Teil eines solchen ist. Interessant sind v. a. seine Überlegungen dazu, was auf den „Tafeln“ (Ex 24) steht (82f.).
Tamar Kamionkowski geht in „The Concept of Desecration in Leviticus“ (91–107) der Wurzel חלל nach. Sie erscheint praktisch nur in H (Lev 17ff., außer חל 10,10). Dass sogar der Gottesname „entweiht“ werden könne, sei Teil der Dynamisierung der Heiligkeit gegenüber der statischeren Vorstellung in den Priestergesetzen.
Mark Z. Brettler fragt danach, was „Gesetz“ (תורה / νόμος) in den Psalmen bedeutet (109–126). Unabhängig davon, wann man den Pentateuch datiert, ist diese Frage legitim. Es gibt Reflexe der mosaischen Gesetze in den Psalmen (115–117), aber Begriffe wie רשׁע und צדיק deuten auf konventionelle Vorstellungen der Moral (Barton).
Bruce Wells untersucht, welche Art von „Sklave“ (עבד) in Ex 21,20f. (Bundesbuch) gemeint ist (127–140). Er kommt zum Schluss, dass der Text insgesamt einen Kompromiss (137) aus älteren Quellen bilde (u. a. Kodex Hammurapi) und dass das biblische Gebot gegenüber anderen altorientalischen Normen einen Fortschritt beinhalte (142).
Der Aufsatz von Madadh Rickey zu „Elisa und die Bären“ (2Kön 2,23–25) ist erhellend. Er schlägt vor, das Auftreten der Bären als „creative narratization“ eines Bundesfluchs (149) aus Lev 26,22 zu betrachten: חיות־השׂדה, die „Tiere des Feldes“, die „der Nachkommen berauben“ (√שׁכל).
Mit „Typicality and Verisimilitude“ greift Jeffrey Stackert zwei mögliche Deutungen von צלם „Abbild“ (Gen 1; 5) auf. Neuassyrische Königsstatuen mögen „typisch“ (konventionell) sein. Aber aufgrund dynastischer Verwandtschaft können sich die Könige durchaus auch geglichen haben (163). Eine exakte Abbildung der Physiognomie war im Alten Orient v. a. bei magischen Handlungen erforderlich (164). Er kommt zum Schluss, dass in Gen 1,26f. die typische Abbildung (Herrscherinsignien des Menschen, als Mann und Frau!), in Gen 5,3 jedoch „family resemblance“ im Vordergrund steht.
Ada Taggar Cohen referiert auf hethitische Texte (und Abbildungen), wenn sie über den „Status von Frauen im hethitischen Kult“ nachdenkt (175–195). Priesterinnen und Priester haben im Blick auf ihre Zahl und Sichtbarkeit (182) – anders als in Israel – im Kult einen ebenbürtigen Status. Frauen werden zwar zumeist an zweiter Stelle genannt, was ihre Position gegenüber Männern nicht schmälert (185). Ihre Geschlechtlichkeit als Frau wird aber essentiell wahrgenommen (192).
Alan Lenzi analysiert ein akkadisches Šuila-Gebet auf seine „Etikette“ (197–215). Dabei nimmt er die zehn Schritte einer „Audienz“ nach A. Zgoll als heuristisches Modell zu Hilfe (202f.). Wie lässt sich Nähe (im Sinne der „Proxemik“, Ed. Hall) erzeugen, auch wenn der Respekt vor der Gottheit das Einhalten von Distanz erfordert (205)? Die Analyse ließe sich ohne weiteres – und mit Gewinn – auch auf biblische Gebete anwenden.
Zum Schluss ziehen Tzvi Abusch und Emily Blanchard West Parallelen zwischen mythischen Situationen von „Furcht und Ängsten der Götter in mesopotamischer und indischer Literatur“ (217–231); das Phänomen zeigt sich interessanterweise, und bei allen Parallelen zu Mesopotamien, in der griechischen Literatur nicht (229)!
Die Aufsätze widmen sich jeweils klar und eng eingegrenzten Themen, wenden aber vielfach anregende Methoden an. Leonards Erwägungen zur Datierung des Deuteronomiums sind für Ausleger der exilischen Propheten spannend. Tamar Kamionkowski greift mit √חלל „entweihen“ eine Kategorie auf, die – neben ihrem Komplement „Heiligkeit“ – durchaus mehr Beachtung verdient, wie auch Stackerts Gedanken zu צלם in Gen 1; 5. Die von Lenzi angewandten Methoden bei der Analyse eines Šuila-Gebets bieten sich für biblische Gebetstexte genauso an.
Die Einführung von Alan Lenzi gibt einen detaillierten Überblick über die einzelnen Artikel (1–12). Jedem Beitrag ist eine vollständige Bibliographie beigefügt. Dazu kommen ausführliche Register für biblische und außerbiblische Quellen, Autoren und Schlagworte am Buchende (235–265).
Dr. Giancarlo Voellmy, Pfarrer in CH-Linden und Dozent am sbt-Bern