Sabrina Müller: Fresh Expressions of Church

Sabrina Müller: Fresh Expressions of Church. Ekklesiologische Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung, Zürich: TVZ, 2016, Pb., 340 S., € 58,–, ISBN 978-3-290-17854-3

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Sabrina Müller legt mit ihrer Dissertation eine der ersten und insofern eine besonders wichtige Dissertation zu „fresh expressions of Church“ (fxC) im deutschsprachigen Raum vor. Dabei konzentriert sie sich ganz auf die neue kirchliche (Gemeinde-) Bewegung in England, speziell innerhalb der anglikanischen Kirche. Diese Fokussierung scheint, wie der folgende Aufriss zeigt, sowohl terminologisch als auch begrifflich bzw. genealogisch gerechtfertigt. In dieser interpretativen Konzentration auf ein aus unserer praktisch-theologischen Perspektive kirchlich und gesellschaftlich zunächst einmal fremdes Handlungsfeld, liegt das Hauptgewicht und die analytische wie heuristische Stärke der Arbeit. Lediglich in einem abschließenden neunten Kapitel wird ein Fazit gezogen, bei dem es unter anderem auch um Fragen eines möglichen Transfers in den (Heimat-) Kontext der Autorin, den der Schweizer Reformierten Kirche geht.

Das methodologische Vorgehen der Studie, die sich als praktisch-theologische Arbeit versteht und dabei nach der Korrelation von Mission und Ekklesiologie fragt (15), basiert daher auch auf einer „ethnographischen Methodentriangulation“, genauer einer Kombination aus teilnehmender Beobachtung in einzelnen fxC, auf Konferenzen, der Analyse bewegungsinterner Literatur sowie aus Experteninterviews mit leitenden Persönlichkeiten der fxC-Bewegung (darunter einigen Bischöfen wie die früheren Leiter der fxC-Bewegung, Steven Croft und Graham Cray sowie den (früheren) Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams), welche in einer ganzen Reihe von – über dreieinhalb Jahre verteilten – Studienreisen seit 2011 durchgeführt wurden. Forschungsprinzipien und Datenerhebung folgen dabei dem interpretativen Paradigma qualitativer Sozialforschung, deren Grundentscheidungen (Auswahl und Selektion der 5 untersuchten fxC und der Experten, Gesprächsführungsprinzipien, Auswertungsverfahren „Grounded Theory“) die Autorin in einem einleitenden Methodenkapitel solide reflektiert. Dabei kommen auch mögliche Rollenkonflikte der Autorin zur Sprache (31), die sich explizit als Befürworterin von fxC, mithin als positionell, ausweist.

Für die hiesige Diskussion inhaltlich bereichernd sind bereits die in Kapitel 4 und 5 geschilderten grundlegenden Ausführungen zu den variierenden Definitionen des Gegenstandes „fxC“ im Entstehungskontext der anglikanischen Kirche (42, 45f u. ö.). Hier erhält der Leser eine fundierte und prägnante Einführung zu den Grundanliegen, der Verbreitung und der Entstehungsgeschichte der fxC-Bewegung, die übersichtlich gestaltet ist und eine gute Orientierung auch für jene bietet, für die die ganze fxC-Thematik „Neuland“ darstellt. Zentraler Dreh- und Angelpunkt dabei ist der Synodenbericht „Mission-Shaped Church“-Report von 2004. Der Weg dorthin (u. a. anhand des Vorläufers „Church Planting Movement“ um Pfr. Bob Hopkins) wird ebenso wie die daran anschließenden weiteren Bemühungen sowie (strukturrelevanten) Leitungsentscheidungen (z. B. „Bishops Mission Order“, das Prinzip der „Mixed economy“) geschildert. Dabei arbeitet die Autorin sehr schön heraus, dass die begriffliche Programmatik „fxC“ den Versuch darstellt, eine missionarisch-diakonische Bewegung von nichtparochialen, kontextbezogenen Gemeindeformen anhand von gemeinsamen Kriterien erfassend zu beschreiben und nicht zuletzt im Interesse einer sich dieser Bewegung wohlwollend öffnenden Anglikanischen Kirche und ihrer Leitung für diese Kirche fruchtbar zu machen. Dabei kann sie auf umfangreiche Datenerhebungen zu Typisierungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Größe und Verbreitung von fxC vor allem der „Church Army’s Research Unit“ um George Lings in England zurückgreifen. Neben der ersten skizzenhaften Darstellung dieser sehr stark von Laien geprägten Gemeindebewegung und ihrer Exponenten kommen auch einzelne kritische Stimmen innerhalb der Church of England zu Wort (99f), was m. E. allerdings durchaus etwas ausführlicher hätte ausfallen können.

Kapitel 6 schließlich bereitet die Darstellung von fünf expemplarischen fxC auf. Dabei werden sowohl urbane als auch ländliche, aber auch theologisch, frömmigkeitstypisch und zielgruppenbezogen unterschiedliche Ansätze geschildert (Übersicht S. 106). Dies geschieht jeweils anhand einer Kurzcharakterisierung, Angaben zur Entstehung und Entwicklung, zum Leitbild, zu Zielgruppe und Fokus, Leitung und Aktivitäten, zur finanziellen Situation sowie zu „theologischen, ekklesiologischen und missionalen“ Aspekten. Auch hierbei wird, wie im vorangegangenen Kapitel, eine solide und orientierende Einführung in die Bewegung, diesmal anhand von konkreten Praxisbeispielen, geboten.

Kapitel 7 widmet sich sodann der Analyse der Experteninterviews. Dabei geht es vor allem um deren eigene praktisch-theologische Reflexion, die interessante Einblicke in im besten Sinne geistliches und kirchenleitendes Handeln gewährt. Methodisch versucht die Autorin die Aussagen zu bestimmten „Codes“ zu Clustern zusammenzufügen – entweder indem sie wesentliche Stichworte aufgreift oder indem sie eigene „Überschriften“ bildet und so zu einer eigenständigen Strukturierung beiträgt. Dadurch wird das ekklesiologische Selbstverständnis der fxC-Bewegung, ihr Missionsverständnis, aber auch deren Standortbestimmung der Kirche in der Postmoderne, die summarisch erhebbare Praxis sowie ihre programmatischen Begriffe eingehend erörtert. Diese überwiegend deskriptive und strukturierende Darstellung lässt das zuvor anhand der Praxisbeispiele Geschilderte nochmals vertiefend verstehen. So wird insgesamt das Bild einer am „missionalen“, d. h. am missio-Dei-Ansatz orientierten Bewegung skizziert, deren Prinzip der Inkarnation nicht nur christologisch, sondern auch ekklesiologisch bzw. auf den Einzelnen und sein Umfeld bezogen gedeutet wird. Demzufolge spielen Umkehr und Lebenserneuerung („Discipleship“) eine ebenso große Rolle wie die im besten Sinne Gemeinwesen-diakonische Hilfe in der Nachbarschaft. Es wird verstanden, einen innovativen, gemeinschaftszentrierten Ansatz nicht gegen Tradition und parochiale Strukturen auszuspielen, sondern als Ergänzung zu verstehen und ekklesiologisch zu integrieren („mixed economy“) – so jedenfalls die Darstellung der (immerhin namhaften) Experten. Aber auch empirisch kann man aufzeigen, dass das Verhältnis zu Parochien offenbar gut ist, zumal die überwiegende Zahl von fxC gezielte „Ausgründungen“ von parochialen Gemeinden darstellen (159ff). Kirche und Gemeinde werden hier offenbar auch ganz praktisch im Sinne eines prozessualen Geschehens gesehen, wobei das Grundprinzip „Einheit in Vielfalt“ („unity in diversity“) leitend ist (171f). Weitere wesentliche und für die hiesige Diskussion weiterführende Aspekte können anhand der hohen Bedeutung der Gemeinschaft („community“) sowie des Prinzips „Discipleship“ aufgezeigt werden, mithin der lebenserneuernden Bildung im Lichte des Evangeliums bzw. infolge der Begegnung mit dem Auferstandenen (173f). Der dafür grundlegende Prozess der Transformation bleibt jedoch nicht bei dem Einzelnen und seiner Berufung stehen, sondern bezieht sich ebenso auf die Gemeinde, die Gemeinschaft und davon ausgehend schließlich auch auf deren Kontext bzw. die Gesellschaft (180f u. ö.). Als theologische Gewährsleute für den so hervortretenden, missionarisch akzentuierten missio-Dei-Ansatz werden neben den Interviewten (darunter der Theologe Michael Moynagh) von der Autorin auch immer wieder Lesslie Newbigin und David Bosch genannt. Der missio-Dei-Ansatz wird dort, so lernt man, nicht nur pointiert zum Ausdruck gebracht, wie etwa vom damaligen Erzbischof R. Williams, sondern auch das Ziel von Mission benannt (discipleship, „enabling people to go into ever deeper relationship with God“, 223f). Das „Hören“ auf den Kontext (Listening) wird durch das „Hören auf Gott“ ergänzt und erst komplett. Gott begegnet dem Christen im auferstandenen Christus, aber auch im gesellschaftlichen „Kontext“.

Zwei einzelne, aufschlussreiche Aspekte dieser ausführlich darstellenden Praxisreflexion seien gerade aus der hiesigen Perspektive hervorgehoben: Zum einen wird das für die Einzelnen motivierende Selbstverständnis herausgearbeitet, Berufene Gottes zu sein und daher auch an der Mission Gottes teilzuhaben (148f, 218f). Hierin liegt sicherlich eine bisher kaum beachtete praktisch-theologische und kybernetische Stärke des missionalen Ansatzes. Ein anderer Aspekt betrifft den für das Pfarrerbild in England (und erst recht bei uns) herausfordernden Typus des „Pioniers“ und seinem „entrepreneurial spirit“ (237ff, 243), welcher für den Start von fxC maßgeblich ist und auch auf Laien bezogen wird. Die große Diversität von Menschen, die Pionierarbeit leisten, führte schließlich zu intensiven Ausbildungsbemühungen in diesem Bereich, weshalb auch einer der interviewten Experten der Leiter der ordanied-pioneer-Ausbildung Dave Male war.

Kapitel 8 beinhaltet schließlich eine theologische Deutung der Ergebnisse. Hierbei wird deutlich, dass die Autorin vor allem ekklesiologische Fragestellungen aufgreift. Kirche erscheint so – in Folge der missio-Dei-Theologie – als „kommunikative dialogische Erfahrung im Deutungshorizont der Trinität“, deren Dynamik vor Ort vor allem durch die auch aus anderen Zusammenhängen bekannte Trias Berufung (calling), Sammlung (gathering) und Sendung (sending) gekennzeichnet ist. Dabei wird das „missionale“ Missionsverständnis für die Ekklesiologie als theologisch zentral herausgearbeitet und mit dem des Dialogs und der Gemeinschaft kombiniert. Neben interessanten kybernetischen Einzelparadigmen wie z. B. „Tradition + Kontext = Innovation“ (286) werden andere, im engeren Sinne praktisch-theologische Fragestellungen, kaum erörtert. So hat der Leser den Eindruck, dass die Arbeit in diesen Passagen bisweilen sehr stark im Grenzbereich zur systematischen Theologie verortet ist. Auch wird nicht genug deutlich, worin der Unterschied der theologischen Deutung der Ergebnisse in Kapitel 8 zur theologischen Inhaltsanalyse in Kapitel 7 besteht. Die interpretativen Ausführungen hätten daher auch im Blick auf die kybernetischen Fragestellungen durchaus noch umfangreicher sein können. Einen Schwerpunkt bildet für die Autorin der dialogische Ansatz, welcher – ausgehend von Martin Buber – mit einem an F. D. E. Schleiermacher angelehnten Erfahrungsbegriff akzentuiert wird und die Gemeinschaft prägt. Durch fxC wird dem postmodernen, „relational verarmten“ Individuum ein neuer Gemeinschaftsraum angeboten, der „nicht nur gemeinsame Erfahrungen ermöglicht, sondern auch eine sinnstiftende, transzendente und dialogische Deutung in der Trinität anbietet… Glaube ist gelebter und geteilter Glaube“ (269ff, 274).

Praktisch-theologisch interessant erscheint auch das recht kurze, neunte Auswertungskapitel. Dabei werden Besonderheiten herausgearbeitet und als Anfragen an unseren Kontext erörtert. Hierzu gehören die erwähnte „dialogisch-missionale Ekklesiologie“ mit ihrem Erfahrungsbezug sowie ihrem auf Engagement und Gemeinschaft ausgerichteten Fokus. Ebenfalls thematisiert wird der Milieubezug, etwa im Blick auf den Gottesdienst, was jedoch auch schon andernorts geschehen ist. Im Blick auf einen „Transfer“ wird zuletzt ein Gedanke hervorgehoben, der indirekt eine vielerorts bereits bestehende Vernetzung von Ortsgemeinde, Freikirchen, kath. Kirchen, fxC und Evangelisch-reformierten Landeskirchen intendiert (78f, 318f). Auch hierfür dürfte das gemeinsame missionale Anliegen maßgeblich sein.

Insgesamt gelingt es der Autorin in dieser pilothaften Studie, die wesentlichen Kennzeichen und Prinzipien von fxC so herauszuarbeiten, dass sie die Diskussion im deutschsprachigen Raum sehr bereichern kann. Dabei bleibt der Blick überwiegend auf der Entwicklung in England ruhen – was kein Nachteil sein muss und auch ohne Fragen nach dem Transfer sinnvoll bleibt (dies zu erörtern bleibt ohnehin folgenden Arbeiten vorbehalten). So werden dem aufmerksamen Leser eher indirekt wesentliche Herausforderungen für unseren Kontext deutlich. Diese bestehen vielleicht weniger in der (theoretischen) Einsicht, dass Kirche kontextuell und veränderungsbereit sein sollte, sondern vielmehr in der grundlegenden Bedeutung von Mission für das Wesen von Kirche – und den Konsequenzen, die sich daraus für das kirchenleitende Handeln auch auf höchster Ebene ergeben können. Ebenfalls bereichernd kann es sein, erfahrbare Gemeinschaft infolge des missionalen Ansatzes neu in den Horizont von Mission zu stellen, was unter anderem zur Folge hat, dass auch der Kontextbezug von kirchlichem Handeln nicht (wie bei unseren „funktionalen Diensten“) an theologische Profis delegiert zu werden braucht, um dieses wirksam werden zu lassen. – Eine kritische Reflexion des ekklesiologisch akzentuierten missio-Dei-Ansatzes („missionales“ Prinzip) wird indes kaum geleistet, was sicherlich für einige Leser ein Manko sein wird. Hier hätte z. B. die missionstheologische Diskussion herangezogen werden können, man hätte aber auch in kybernetischer Perspektive andere missionarische Gemeindemodelle (z. B. das im Buch erwähnte „attraktionale“, am Gottesdienst orientierte) vergleichend analysieren können. Aus der Perspektive unserer (volks-)kirchlichen Landschaft hätte man überdies kritisch zurückfragen können, ob der konsequente Kontextbezug auch eine Problematik beinhaltet. Dies berührt indes einen ganz wesentlichen biblisch-theologischen Punkt. Systematisch gesprochen: Wenn Gott auch (und vor allem?) im Kontext redet, kann die Christologie auf Kosten der Pneumatologie abgewertet und schließlich entbehrt, zumindest moralisierend „verdünnt“ und um ihr zentrales Eigenrecht gebracht werden. Transformation würde dann nicht mehr auf Umkehr und Lebenserneuerung (Discipleship) bezogen, sondern durch die Transformation der Gesellschaft tendenziell ersetzt werden (Christus als „Chiffre“ für Mitmenschlichkeit). Die Exponenten und Akteure in der anglikanischen Kirche und fxC-Bewegung verstehen es, dieser Gefahr durch ihre christologische Zentrierung zu entgehen, sodass es hier zu einer Befruchtung beider Pole kommt – der Umkehr als Begegnung mit dem Auferstandenen und der Hinkehr zur Welt – und dies ekklesiologisch gedeutet sowie gemeinschaftsstiftend umgesetzt wird. Dies ist wohl nicht zuletzt deshalb der Fall, weil dort die im weiteren Sinne evangelikale Bewegung eine wesentlich größere Rolle spielt und sich dies auch in den relevanten Leitungspersonen widerspiegelt. Auch diese weiterführenden Gedanken sprechen indes für die offensichtlich anregende Wirkung des Buches und der Auseinandersetzung mit der englischen fxC-Bewegung.

 

PD Pfr. Dr. Holger Böckel, Leiter AGAPLESION Institut Frankfurt,
Direktor am Institut für Wirtschafts- und Sozialethik Marburg,
Privatdozent KiHo Wuppertal, Institut für Diakoniewissenschaft

 

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