Holger Böckel: Inszenierung als Leitmotiv in Praktischer Theologie und Religionspädagogik

Holger Böckel: Inszenierung als Leitmotiv in Praktischer Theologie und Religionspädagogik. Theatrale Aspekte in Kultur, Kirche und Bildung, Berlin: EBV, 2017, kt., 335 S., € 24,80, ISBN 978-3-86893-237-9

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Die „Performative Wende“ ist in der Praktischen Theologie angekommen. Das zeigt Pfr. Dr. theol. habil. Holger Böckel, Privatdozent für Praktische Theologie an der Universität Heidelberg, anhand des Inszenierungsbegriffs. Das Buch widerspiegelt einige Aspekte der vielfältigen Interessen und Tätigkeiten des Autors, der sich mit seinen Leitungsaufgaben am Institut für Theologie, Diakonie und Ethik der AGAPLESION gAG und am Institut für Wirtschafts- und Sozialethik der Universität Marburg sowie in Gemeindeberatung und theologischer Lehrtätigkeit in einem breiten Praxis- und Reflexionsfeld bewegt.

Anhand von fünf Diskursen zu den Themenbereichen Gottesdienst (I, 15–124), Glaubensentwicklung (II, 125–166), Popmusik (III, 167–238), Führung (IV, 239–282) und allgemein zur Disziplin der Praktischen Theologie (V, 283–315) wird die Leistungsfähigkeit des Inszenierungsbegriffs aufgezeigt.

Besonders ertragreich ist das erste und mit Abstand umfangreichste Kapitel zum Gottesdienst. Die Konturen von Inszenierung werden hier im Gespräch mit Kultur- und Theaterwissenschaften (u. a. mit Erika Fischer-Lichte und Victor Turner) akzentuiert. Böckel arbeitet heraus, dass mit dem Inszenierungsbegriff die Dimensionen von Körper und Raum eine starke Beachtung finden (33) – Aspekte, die im Handlungsbegriff eigentlich implizit enthalten wären, aber in der Praktischen Theologie oft nicht gebührend reflektiert werden. Anhand der Diskussionen zu dramaturgischer Homiletik und Liturgik (Martin Nicol, Alexander Deeg, David Plüss) werden sowohl das konstruktive Potential des Inszenierungsbegriffs als auch dessen Grenzen deutlich. Das bedeutet etwa – um ein aus Sicht des Rezensenten besonders relevantes Ergebnis zu benennen – dass die Gottesdienstteilnehmenden eine Ensemblerolle wahrnehmen und der gesamte Gottesdienstraum als „Bühne“ betrachtet werden muss – ohne aber Aspekte der Publikumsrolle ganz auszuschließen, ohne die ein Gottesdienst in der Gegenwart seinen Öffentlichkeitscharakter riskieren würde (53–58, 122–123).

Im zweiten Teil zur Glaubensentwicklung reflektiert Böckel aus der Perspektive der Inszenierung James Fowlers Modell der Glaubensentwicklung. Besonders interessant ist seine Feststellung, dass für den Übergang von der dritten Stufe (synthetisch-konventioneller Glaube) zur vierten Stufe (individuierend-reflektierender Glaube) und zur fünften Stufe (verbindender Glaube) ein Mangel an kirchlichen Inszenierungsangeboten besteht (149, 161–162). Gerade solche wären aber hilfreich, um Menschen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens Neu- und Wiederentdeckungen des Glaubens zu erleichtern. Positiv hervorzuheben ist, dass Böckel die synthetisch-konventionelle Stufe nicht als normativ minderwertige Vorstufe betrachtet, sondern deren Eigenständigkeit würdigt (160).

Am Beispiel der Popmusik werden im dritten Teil kulturhermeneutische Fragestellungen diskutiert, insbesondere der Religionsbegriff (181–192). Die Inszenierungsperspektive verdeutlicht hier, dass das Phänomen der Popmusik über eine Analyse von Liedtexten allein nicht erfasst werden kann, sondern performative Aspekte wie Körperlichkeit und Raumerfahrung integrieren muss (206–211). Das gilt in gleicher Weise für das Singen im Gottesdienst, was neue Sichtweisen auf die Integration popkultureller Elemente eröffnet (232–238).

Das vierte Kapitel über Führung enthält in komprimierter Form Erkenntnisse, welche Böckel in seiner Habilitationsschrift Führen und Leiten (2016) ausführlich erarbeitet hat, wobei vornehmlich Interventionen als Inszenierungen verstanden werden (277–280).

Im letzten Kapitel setzt sich Böckel kritisch mit Christian Grethleins Konzeption der Praktischen Theologie als Kommunikation des Evangeliums auseinander. Gewürdigt wird an dieser Konzeption, dass auch außerkirchliche Vollzüge in den Blick genommen werden können. Böckel weist zu Recht auf den Mangel an kirchentheoretischen Reflexionen und ekklesialen Bezügen hin (314). Wer an Inszenierung interessiert ist, braucht eine Szene, ein σκηνή, ein Zelt, eine Bühne, einen Raum. Inszenierung des Evangeliums ohne Raum der Kirche wird nicht gehen, selbst dann, wenn die Inszenierung nicht auf den Raum der Kirche begrenzt ist. Böckel kann daher den ekklesialen Mangel in Grethleins Konzeption leicht entlarven. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch der Inszenierungsbegriff auf eine Kirchentheorie zu beziehen ist, wenn er denn in den Dienst der Praktischen Theologie genommen werden will. Das wird auch bei Böckel nur ansatzweise eingelöst.

Wie steht es nun um Inszenierung als Leitmotiv der Praktischen Theologie? Aus Böckels Analysen lässt sich folgern, dass es zu einseitig wäre, Praktische Theologie nur unter dem Leitmotiv der Inszenierung zu betreiben. Wenn schon, ist Inszenierung ein, aber nicht das Leitmotiv der Praktischen Theologie. Andere Leitmotive wie beispielsweise Kirche, Gemeindeaufbau, Mission, Praxis, Kommunikation, Hermeneutik, Bildung, Religion oder auch Charisma (Dirk Kellner, Charisma als Grundbegriff der Praktischen Theologie, 2011) können dadurch nicht ersetzt, wohl aber ergänzt werden. Diese Ergänzung ist besonders deshalb wertvoll, weil damit einerseits der Handlungsbegriff im Blick auf dessen Ereignischarakter präzisiert wird und weil dadurch andererseits die interdisziplinären Gesprächsmöglichkeiten der Praktischen Theologie erweitert werden. Böckel leistet dazu durch seine disziplinübergreifenden Diskurse einen wertvollen Beitrag und spielt durchgehend systematisch-theologische Perspektiven gekonnt ein. Aus Sicht des Rezensenten wäre es wünschenswert gewesen, die Bibel als die der Kirche gegebene verbindliche Heilige Schrift stärker und direkter in diesen Diskurs einzubinden, um in den normativen Fragestellungen eine größere Klarheit zu gewinnen.

Die fünf großen Kapitel sind durch die Klammer des Inszenierungsbegriffs miteinander verbunden, weisen aber ein genügend hohes Maß an Eigenständigkeit auf, so dass auch eine selektive Lektüre möglich ist. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis erleichtert dem interessierten Leser die präzise Auswahl der für ihn relevanten Passagen. Jedes Kapitel schließt mit einem summarischen Fazit, was eine schnelle inhaltliche Orientierung ermöglicht. Das ausführliche Literaturverzeichnis (316–335) unterstreicht, dass die Diskussion unter breiter Wahrnehmung des aktuellen Forschungsstandes erfolgt. Leider erfolgte wohl das Korrektorat nicht sehr sorgfältig, was sich an den orthografischen Fehlern zeigt, die teilweise auch den Lesefluss behindern. Abgesehen davon erweist sich das Buch als geeigneten Ausgangspunkt für diejenigen, die sich in die Inszenierungsdebatte einklinken und sich – was zu wünschen ist – auch in Zukunft daran beteiligen wollen.

 

Prof. Dr. Stefan Schweyer, Assistenzprofessor für Praktische Theologie an der STH Basel