Steven C. van den Heuvel / Patrick Nullens / Angela Roothaan (Hg.): Theological Ethics and Moral Value Phenomena

Steven C. van den Heuvel / Patrick Nullens / Angela Roothaan (Hg.): Theological Ethics and Moral Value Phenomena. The Experience of Values, Abingdon: Routledge, 2018, geb., 210 S., € 114,–, ISBN 978-1-138-08777-4

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Das vorliegende Werk, bestehend aus zehn selbständigen Beiträgen, befasst sich damit, wie wir Werte erfahren, was uns dazu bringt, uns für diese Werte einzusetzen, und wie wir sie in ein Wertesystem einfügen. Es sollen Grundlagen für eine Werte-Ethik gelegt werden. Das vorliegende Werk wird von den Herausgebern als Resultat eines längeren Prozesses des Schreibens und Diskutierens im Umfeld der in den Niederlanden beheimateten Forschungsgruppe „Theological Ethics“ gesehen. Diese ist Teil der Dutch Research School of Philosophy. Das Buch fordert ein stärkeres Engagement mit einer Werte-Ethik, dem Personalismus und der phänomenologischen Methode. Wie die durch Edmund Husserl geprägte philosophische Strömung finden Herausgeber und Autoren einen wesentlichen Ursprung der Erkenntnisgewinnung in den gegebenen Erscheinungen, also in den Phänomenen.

Im 1. Teil („Return to the classics“) stellen sich die Autoren der Frage, wie sich moralische Werte gewinnen lassen. Hier werden klassische, phänomenologische Denker diskutiert. Ich möchte auf zwei der vier Beiträge eingehen:

Patrick Nullens („The sentiment of the heart and Protestant ethics. A constructive dialogue between Paul Ramsey and Max Scheler“, 31–47) beginnt mit William Wilberorce. Dieser sei zuerst ein Mann des Gefühls und der moralischen Intuition und erst dann ein Mann des Denkens und der Tat gewesen (32). Nullens bringt Max Scheler und Paul Ramsey ins Gespräch. Nach Scheler hängen die Wahrnehmung von Werten, Religion (inklusive Götzendienst) und das, was wir lieben, miteinander zusammen (41). Ramsey ist offen für einen Dialog mit diesem mehr vom Menschen ausgehenden Ansatz, will aber Werte weniger ontologisch als relational verstanden haben. Ramsey wehrt sich gegen eine christianisierte Form erotischer Selbstverwirklichung hin zu einer unio mystica (42). Schelers Sicht der Liebe interpretiert Nullens als „sophisticated form of self-realization“ (37). Dagegen verstehe Ramsey Liebe streng als „covenental love“ (36ff).

Guus Timmerman („Empirically grounded ethics and John Taylor’s relational ontology of goods“, 49–64) beabsichtigt, zu der Konzeption einer empirisch begründeten Moraltheologie beizutragen. Es sei anzuerkennen, dass im Tun moralische Erkenntnis gewonnen werden könne. Das Tun versteht Timmerman nicht nur als Akt des Tuns oder Lassens, sondern auch als einen Prozess, dem Menschen unterworfen sind. Timmermann bleibt seiner Tradition verbunden und kann gleichzeitig postmodern denken (49).

Der 2. Teil („The validating person“) untersucht mit der Person einen zentralen Aspekt phänomenologischer Ethik. Die Person ist hier der Ort der Werteerfahrung (10). Ich werde mich hier auf einen Beitrag beschränken.

Frits de Lange („The self in exile. Emmanuel Housset’s concept of personhood“, 95–111) beginnt mit Houssets Personenverständnis. Dieser sieht im Menschen mehr als einen objektiven Beobachter, in der Natur mehr als ein Objekt und in der Erfahrung mehr als eine überprüfte Erkenntnis. Eine Person zu sein, bedeute, ein Event zu sein, eine Unternehmung, ein Exodus, ein Exil, ständig in Bewegung. De Lange spricht im Anschluss an Housset von „Liminalität“ (von lat. limen „Schwelle“; gemeint ist ein Dazwischen-Sein, 96), was man am besten als Pilgerschaft versteht. Der Pilger verlässt seine Heimat, geht auf Pilgerschaft (zu verstehen als Übergangsphase, in welcher der Pilger dem heiligen Ziel entgegen reist), um wieder in sein ursprüngliches Umfeld zurückzukehren. Das Selbst bleibe ruhelos, fortwährend auf der Abreise. De Lange verweist auf 1Joh 3,2: „es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.“ Damit würde ein eschatologisches Verständnis des Selbst impliziert. Das Selbst sei als Flugbahn mir offenem Horizont zu verstehen (109).

Im 3. Teil des Buches („Value ethics in practice“, 145–203) nähern sich die Autoren ethischen Feldern an, wobei ich mich auch hier ein weiteres Mal begrenzen muss und als Beispiel die Umweltethik wähle. Die Frage ist, wie theoretische Zugangswege den Umständen angepasst werden müssen.

Ronald T. Michener („A ,value‘ prolegomenon for creation care. Theological appropriations from Marion and Levinas“, 147–163) stellt sich die Frage, welche Erfahrungen uns zur Bewahrung der Schöpfung motivieren (147). Dieser Artikel verdient es m. E., genauer betrachtet zu werden. Im Anschluss an Jean-Luc Marion versteht Michener die Schöpfung als „icon of god“ (148). Die Schöpfung zeige Gott ikonographisch, ohne die ganze Fülle Gottes in sich zu tragen oder einzufangen (ebd.). Marions Unterscheidung zwischen „idol“ und „icon“ sei wesentlich (149f). Das Idol steht für das, was wir beim Anblick ergreifen können, während die Ikone uns immer zur Transzendenz leitet, ohne diese selbst zu enthalten. Die Ikone offenbare dem Menschen etwas von Gott, ohne Gott in seiner Fülle jemals zu fassen. Diese erneuerte Vision einer Ikone wendet Michener nun auf die Schöpfung an (151ff). Die Schöpfung selbst wird zu einem ikonischen Zeichen, das auf den Schöpfer selbst hinweist und Spuren des Göttlichen selbst in sich trägt. So wird die Schöpfung dafür wertgeschätzt, eine Widerspiegelung der Schönheit Gottes zu sein (155). Darüber hinaus sieht Michener in der Schöpfung das „transzendente Andere“ (156). Die Ikone versteht er als einen konkreten Zugangsort. Wie Gott Fleisch geworden sei, die Schöpfung durchdrungen habe und in sie eingedrungen sei, so erlaube uns die Ikone einen Zugang, um Gott im Materiellen und Konkreten der physikalischen Sphäre zu begegnen.

Das Buch enthält zehn meist sehr interessante Beiträge. Die in diesem Werk vertretenen Ansätze sind bei aller Vielseitigkeit mehr oder weniger stark von der phänomenologischen Denkschule beeinflusst. Die ersten beiden Teile des Buches sind aus grundlagenethischer Sicht interessant. Die theologische Ethik aus diesem Blickwinkel zu betrachten, empfand ich als erfrischend. Im dritten Teil setzt sich ein von der Phänomenologie geschultes theologisches Denken mit konkreten ethischen Fragen wie der Bewahrung der Schöpfung oder dem Nationalismus auseinandersetzt. Es wird deutlich, was der Ansatz zu leisten vermag. Das macht für mich die Auseinandersetzung mit diesem Werk so wertvoll. Auch wenn ich diesen Ansatz selber für meine Studien als zu einseitig betrachte, eröffnet er mir doch Aspekte, die ich anderswo so nicht gefunden habe. Ob man beispielsweise das Selbst in der Weise deuten soll, wie es Frits de Lange vorschlägt, bedarf weiterer Diskussion, ebenso die Frage, wie stark das ethische Urteil von einem solchen Selbstverständnis abhängig sein darf oder nicht. Man muss ihm aber dankbar sein, dass er die Frage aufwirft. Wer sich für den von Jacques Derrida eingeschlagenen Weg der Dekonstruktion als Analyseverfahren nicht begeistern lässt, wird im vorliegenden Buch, besonders aber im Beitrag Angela Roothaans („Hospitality versus personalism? Weil, Levinas and Derrida on the encounter of the other“, 113–127) genügend Anlass zur Kritik finden. Dass es auch anders geht, zeigt Axel Liégeois („Value-besed ethics in care“, 129–144). Kurz: Das in England bei Routledge gedruckte Buch bietet anregende Lektüre mit einem Wermutstropfen. Für deutsche Verhältnisse ist es mit US $ 149,95 sehr teuer. Ich persönlich wünsche diesem Buch eine deutsche Übersetzung zu einem vernünftigen Preis.

Dr. Christian Reto Frei, Missionar und Gemeindegründer in München/Bayern, Gastdozent für Ethik an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel